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Idlib wird fallen – ist die humanitäre Katastrophe unvermeidbar?

WELT-Logo WELT 12.09.2018

This picture taken on September 11, 2018 shows Syrian children riding in the back of a truck loaded with furniture and a motorcycle, driving along the main Damascus-Aleppo highway near the town of Saraqib in Syria's mostly rebel-held northern Idlib province, as families flee north from the countrysides of of Hama and Idlib provinces from government forces bombardment. (Photo by Muhammad HAJ KADOUR / AFP) © AFP This picture taken on September 11, 2018 shows Syrian children riding in the back of a truck loaded with furniture and a motorcycle, driving along the main Damascus-Aleppo highway near the town of Saraqib in Syria's mostly rebel-held northern Idlib province, as families flee north from the countrysides of of Hama and Idlib provinces from government forces bombardment. (Photo by Muhammad HAJ KADOUR / AFP)

Assads Offensive auf Idlib, Syriens letzte Rebellenbastion, steht unmittelbar bevor. Drei Millionen Menschen sind dort eingeschlossen. Die UN warnen vor der größten humanitären Katastrophe des 21. Jahrhunderts. Kann sie noch verhindert werden? Vier Szenarien.

Dutzende Zivilisten wurden getötet, drei Krankenhäuser sowie ein Notarztwagen und zwei Basen des zivilen Rettungsdienstes sind völlig zerstört – so fasst die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte (SOHR), eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in London, die schwersten Luftschlägen auf Idlib zusammen. Russische Kampfflugzeuge und die syrische Armee hatten vor einer Woche begonnen, ihre Angriffe auf die letzte Rebellenbastion in Syrien zu intensivieren.

Am Dienstag ließ der Bombenhagel dann erstmals unerwartet nach. Die Bewohner, die geflohen waren, nutzten die Gelegenheit, um in ihre Häuser und Wohnungen zurückzukehren und sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Doch schon jetzt plant dass Assad-Regime eine weitere Großoffensive, die jeden Moment starten könnte.

Die Verhandlungen zwischen Russland, dem Iran und der Türkei über das Schicksal von Idlib waren am Wochenende in Teheran gescheitert. Die türkische Regierung, die die syrischen Rebellen seit vielen Jahren unterstützt, forderte einen Waffenstillstand.

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Ankara will die Rebellen zur Aufgabe bewegen und sie dann evakuieren. Ein Plan, den Russland kategorisch ablehnt. Man könne "Terroristen nicht einfach ziehen lassen und das unter dem Vorwand, die Zivilbevölkerung zu schützen", sagte Russlands Präsident Wladimir Putin unmissverständlich.

Sein Außenminister Sergej Lawrow hatte es noch drastischer formuliert. Er sprach von einem "Eitergeschwür" in Idlib, "das liquidiert werden muss". Die Rede ist von al-Qaida-nahen Organisationen, von denen es in der Rebellenenklave im Norden Syriens eine ganze Reihe gibt. Mindestens die Hälfte der auf rund 60.000 Mann geschätzten Rebellen gehören zu radikal-islamistischen Gruppen.

Die UN warnten am Dienstag vor der "schlimmsten humanitären Katastrophe und dem größten Verlust an menschlichen Leben des 21. Jahrhunderts". 30.000 der drei Millionen Zivilisten in der Region sind durch die Angriffe der letzten Tage bereits aufs Land vertrieben worden. 800.000 weitere Flüchtlinge könnten folgen, befürchten die UN.

Was aber wird nun in Idlib geschehen? Ist die humanitäre Katastrophe unvermeidbar oder gibt es doch noch eine Verhandlungslösung? Wird das Assad-Regime möglicherweise wieder Chemiewaffen einsetzen?

Vier Szenarien für die Lage in Idlib:

Szenario 1: Die Rebellen geben auf

Syrian Hadheefa al-Shahadh, 27, sits with his children in a cave that he dug inside his house to shelter him and his family as part of preparations for any upcoming raids in the rebel-held Idlib province's village of Maar Shurin, on September 11, 2018. - Fearing government forces and their allies military advance to retake Idlib province, the father of three learnt from YouTube videos how to make gas masks from charcoal, wood, paper cups, cotton, nylon plastic bags and tapes. According to him, he could manufacture more masks but the material he needs are not always available. (Photo by OMAR HAJ KADOUR / AFP) © AFP Syrian Hadheefa al-Shahadh, 27, sits with his children in a cave that he dug inside his house to shelter him and his family as part of preparations for any upcoming raids in the rebel-held Idlib province's village of Maar Shurin, on September 11, 2018. - Fearing government forces and their allies military advance to retake Idlib province, the father of three learnt from YouTube videos how to make gas masks from charcoal, wood, paper cups, cotton, nylon plastic bags and tapes. According to him, he could manufacture more masks but the material he needs are not always available. (Photo by OMAR HAJ KADOUR / AFP)

Die Bodenoffensive in Idlib hat noch nicht begonnen. Die Türkei kann das letzte Zeitfenster nutzen, um die Rebellen zur Aufgabe zu überreden. In Damaskus und zuletzt in Daraa, im Süden Syriens, ist das schon geschehen. Die Rebellen haben ihre schweren Waffen abgegeben und im Austausch bekamen sie freies Geleit. In Idlib könnte sich das Modell wiederholen.

Die Rebellen ziehen dann in das von der Türkei besetzte Gebiet im Norden Syriens und werden in die Syrische Nationale Armee integriert, ein Zusammenschluss syrischer Rebellen, von der Türkei 2017 gegründet.

Eigentlich sollte es nicht so schwer sein, die eingeschlossenen Milizen zu überzeugen. Viele von ihnen sind abhängig, kassieren schon seit Jahren Gehälter und bekommen Waffen aus Ankara. Die Krux ist jedoch Hayat Tahrir al-Sham (HTS), eine der größten al-Qaida nahen Gruppen in Idlib. Sie kontrolliert etwa 60 Prozent der Provinz und hält alle anderen Rebellenmilizen von Verhandlungen ab.

Die Türkei versucht HTS schon seit Monaten davon zu überzeugen, sich aufzulösen und mit den anderen Rebellengruppen zusammenzuschließen. Ankara hat sogar den Europäern, von denen einige Tausende in den Reihen von HTS kämpfen, freies Geleit und sichere Aufenthaltsorte zugesichert. Aber die Dschihadisten haben bisher alle Vorschläge abgelehnt. Als Resultat setzte die Türkei Ende August die HTS auf die Liste der Terrororganisationen.

Trotzdem wird die Türkei nichts unversucht lassen und weiter verhandeln. Schließlich droht ihre Außenpolitik in Syrien zu Bruch zu gehen. Mit einer Niederlage der Rebellen in Idlib würde Ankara seine Söldnerarmee in Nordsyrien verlieren.

Die Rebellen haben für die Türkei zwei Invasionen im kurdischen Nordsyrien angeführt und sind in den besetzten Gebieten nun die Ordnungsmacht Ankaras. Und wer weiß, wenn die Aussicht besteht, dass Idlib nahezu kampflos fällt, dann könnte Russland vielleicht doch noch einem Deal mit den "Eitergeschwüren" zustimmen. Dann könnten auch die Flüchtlinge wieder in ihre Wohnungen zurückkehren.

Szenario 2: Teilabzug und begrenzte Offensive

TOPSHOT - Syrian Hadheefa al-Shahadh, 27, sits with his children in a cave that he dug inside his house to shelter him and his family as part of preparations for any upcoming raids in the rebel-held Idlib province's village of Maar Shurin, on September 11, 2018. - Fearing government forces and their allies military advance to retake Idlib province, the father of three learnt from YouTube videos how to make gas masks from charcoal, wood, paper cups, cotton, nylon plastic bags and tapes. According to him, he could manufacture more masks but the material he needs are not always available. (Photo by OMAR HAJ KADOUR / AFP) © AFP TOPSHOT - Syrian Hadheefa al-Shahadh, 27, sits with his children in a cave that he dug inside his house to shelter him and his family as part of preparations for any upcoming raids in the rebel-held Idlib province's village of Maar Shurin, on September 11, 2018. - Fearing government forces and their allies military advance to retake Idlib province, the father of three learnt from YouTube videos how to make gas masks from charcoal, wood, paper cups, cotton, nylon plastic bags and tapes. According to him, he could manufacture more masks but the material he needs are not always available. (Photo by OMAR HAJ KADOUR / AFP)

Sollten die Gespräche zwischen der Türkei und den radikalen Islamisten der HTS erneut scheitern, könnte es zumindest zu einem Teilabzug der Rebellen aus Idlib kommen. Die Gruppen, die auf der Lohnliste Ankaras stehen, würden ihre muslimischen Brüder der HTS und der anderen Al-Qaida-Gruppen womöglich im Stich lassen. Die Türkei würde ihre verbündetenRebellen entweder nach Afrin oder in die Gebiete um die Grenzstadt Azaz oder Jarablus.

Eine solche Lösung dürfte Russland und dem Assad-Regime gefallen. Sie haben es hauptsächlich auf die Terroristen von HTS abgesehen. Ohne "moderate Rebellen" haben sie endlich freie Fahrt und müssen sich nicht ständig Klagen aus dem Ausland und im UN-Sicherheitsrat anhören. Denn, wer gegen al-Qaida kämpft, dem kann man nichts vorwerfen.

Die militärischen Operationen vereinfachen sich dadurch zudem ungemein. Die syrische Armee hat es dann nicht mehr mit etwa 60.000 Kämpfern zu tun, sondern vielleicht nur noch mit etwa mit der Hälfte. In Absprache mit der Türkei könnte Russland eine Teiloffensive durchführen. Am besten im Südwesten Idlibs bei Jish-al-Sugur, unter dem Vorwand dadurch seine Luftwaffenbasis bei Lattakia besser zu schützen.

Szenario 3: Großoffensive

Wahrscheinlich entspricht dieses Szenario am ehesten den Vorstellungen von Assad und auch dem von Putin. Nach Jahren des Bürgerkriegs, mit dem sicheren Wissen, der Sieger zu sein, möchte man mit allem Übel ein für alle Mal aufräumen. Warum noch verhandeln, warum Rücksicht nehmen? Einfach weg mit den Terroristen!

Das Leben Zivilbevölkerung spielte für die russische Luftwaffe und syrische Armee noch nie ein große Rolle. Sie haben Krankenhäuser und Wohngebiete stets rücksichtslos beschossen. In Idlib hätte das jedoch tatsächlich schreckliche Konsequenzen.

Es sind so viele Menschen eingeschlossen, wie sonst noch nie. Außerdem gibt es keine Fluchtmöglichkeiten. Oder zumindest nur eingeschränkte. Die Türkei hat ihre Grenzen geschlossen. Für die Bewohner Idlibs bleibt nur die Flucht in die Gebiete des Regimes.

Für die meisten dürfte das jedoch eine Flucht sein, die im Gefängnis endet. Denn sie stehen als Oppositionelle auf der schwarzen Liste. Und was das bedeutet, mussten schon Hunderttausende erfahren. Sie wurden in Haft geschlagen, gefoltert und ermordet.

Eine solche groß angelegte Offensive würde die Menschen aus ihren Dörfern und Städten aufs Land in die Nähe der türkischen Grenze drängen. Nur dort sind sie vor Bomben einigermaßen sicher. Aber sie müssten im Freien oder bestenfalls in Zelten schlafen, ohne sanitäre Einrichtungen, Wasser und Verpflegung. Wer in seinem Haus bleibt, läuft Gefahr zu sterben.

Durch ein Eingreifen der Türkei würde die Lage nur noch mehr eskalieren. Einige kleiner Störmanöver gegen die syrische Armee sind denkbar. Aber einen Militäreinsatz, der die gesamte Offensive gefährdet, kann und wird Russland nicht zulassen. Nicht umsonst hat Moskau zusätzliche Kampfflugzeuge in Syrien stationiert, Schiffe und U-Boote mit Langstreckenraketen ins Mittelmeer beordert.

US-Präsident Donald Trump sagte zwar, er werde genau hinsehen, was in Idlib passiert. Aber nur ein Massaker oder ein Chemiewaffenangriff wird einen Gegenschlag provozieren. Und ein solcher erfolgt limitiert und muss – via Pentagon –mit dem Kreml abgesprochen werden.

Szenario 4: Einsatz von Chemiewaffen

Erst in dieser Woche haben russische Medien erneut von einem geplanten Chemiewaffenangriff der Rebellen berichtet, den diese den Berichten zufolge dem syrischen Regime in die Schuhe schieben wollen.

In Idlib sollen Mitglieder der Oppositionsgruppen bereits Filmaufnahmen anfertigen. Angeblich kranke Patienten würden mit Wasser bespritzt und täuschten die typischen Symptome von Chemiewaffen vor. Die USA und Frankreich glauben, dass das Regime die Berichte über Fake-Attacken ausnützen könnte, um einen eigenen Anschlag zu durchzuführen und zu vertuschen.

Washington und Paris haben die Assad-Regierung gewarnt, jeder neue Einsatz von chemischen Waffen würde mit einem harten Gegenschlag bestraft. Selbst Deutschland denkt darüber nach sich an einer Vergeltung zu beteiligen. Die Warnungen sind begründet. Denn das syrische Regime hat in der Vergangenheit noch bei jeder Offensive Chemiewaffen benutzt.

Aber Strafaktionen werden eine Offensive auf Idlib höchsten verlangsamen. Denn sie müssen mit Russland abgesprochen werden, die die Lufthoheit über Idlib und dem Territorium des Regimes besitzt. Russland anzugreifen, das wird niemand wagen.

Um tatsächlich die syrische Armee und russische Flieger zu stoppen, müsste Amerika und die Nato schon ein Ultimatum stellen und auch bereit sein, einen gewaltigen Gegenschlag auszuführen. Aber das könnte eine Eskalation provozieren und die Welt an Rand eines dritten Weltkriegs bringen.

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