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Kathrin Henneberger: "Als Abgeordnete werde ich keine gute Mitbewohnerin sein"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 14.10.2021 Katharina Schuler

Kathrin Henneberger ist Anti-Kohle-Aktivistin und neu im Bundestag. Was denkt die Grüne über Fraktionsdisziplin, das plötzliche Gehaltsplus und Kritik an ihrer Kleidung?

Die Neuen – Kathrin Henneberger, Grüne, ist eine von 282 Bundestagsabgeordneten, die erstmals im Parlament sitzen. © Michael Pfister für ZEIT ONLINE Die Neuen – Kathrin Henneberger, Grüne, ist eine von 282 Bundestagsabgeordneten, die erstmals im Parlament sitzen.

735 Abgeordnete sitzen jetzt im Bundestag, 282 sind neu dabei. Was wollen die Neuen im Parlament bewirken, welche Prägung und Lebenserfahrung bringen sie mit und was hat sie in ihren ersten Tagen überrascht? ZEIT ONLINE stellt ausgewählte Abgeordnete vor. Heute: Kathrin Henneberger, 34 Jahre, aus Mönchengladbach, die für die Grünen dabei ist. Henneberger kämpft seit Jahren gegen den Braunkohletagebau Garzweiler und war Sprecherin des Klimaschutzbündnisses Ende Gelände.

ZEIT ONLINE: Frau Henneberger, der Bundestag hat nun 735 Abgeordnete. Warum braucht es dort unbedingt Sie?

Kathrin Henneberger: Weil der Kohlebagger 200 Meter vor Lützerath steht.

ZEIT ONLINE: Lützerath ist ein kleiner Ort in Nordrhein-Westfalen, der dem Braunkohleabbau weichen soll. Wie kann man das vom Bundestag aus so schnell verhindern?

Henneberger: Wir müssen den Kohleausstieg vorziehen und die erneuerbaren Energien ausbauen. Wir müssen das Bergrecht reformieren, damit zukünftig keine Menschen mehr für den Abbau von Fossilen enteignet werden. Wir müssen Paragraf 48 aus dem Kohleausstiegsgesetz streichen, der die Grundlage dafür ist, dass weitere Dörfer zerstört werden sollen. Es gibt unglaublich viel, was wir auf Bundesebene tun müssen, um für unsere Region Planungssicherheit herzustellen und eine Politik zu etablieren, die sich an dem Wohlergehen der Menschen ausrichtet und nicht an den Profitinteressen großer Konzerne.

ZEIT ONLINE: Lützerath hatte nie mehr als rund 100 Einwohner. Heute gibt es dort nur noch einen einzigen Bauern, alle anderen sind schon weggezogen. Warum ist es so wichtig, diesen Ort zu erhalten?

Henneberger: Bauer Eckardt Heukamp hat ein Recht, seinen wunderschönen alten Hof zu behalten. Außerdem sind schon wieder Menschen dahingezogen. Auch Menschen aus den anderen Dörfern sagen, es gab hier noch nie so viel Leben – so viele kulturelle Angebote, so viel Gemeinschaft – wie gerade jetzt. Entscheidend ist aber: Wenn wir die Pariser Klimaziele akzeptieren, dürfte diese Kohle nicht mehr abgebaggert und verfeuert werden. Vor Lützerath verläuft die 1,5-Grad-Grenze.

ZEIT ONLINE: Sie haben schon als Jugendliche angefangen, Politik zu machen. Wie kam es dazu?

Henneberger: Ich habe mit 13 Jahren von der Klimakrise erfahren. In der Schule wurde das nicht thematisiert, ich habe mich da selber weitergebildet, indem ich wissenschaftliche Bücher gelesen habe. Es hat mich erschreckt, dass niemand von den Erwachsenen diese riesige Katastrophe, die auf uns zu donnert, wahrnahm. Das war 15 Jahre vor Fridays for Future. 2003 bin ich zur Grünen Jugend gekommen.

ZEIT ONLINE: War es immer klar, dass Sie zu den Grünen zu gehen oder gab es Alternativen?

Henneberger: Da wo ich aufgewachsen bin, war die Grüne Jugend eine sehr, sehr coole Gruppe. Ich bin auch queer und bisexuell, das gerät jetzt in den Hintergrund, weil ich nur über die Klimakrise spreche. Bei der Grünen Jugend konnte ich sein, wie ich bin, ohne mich rechtfertigen zu müssen.

ZEIT ONLINE: Sie werden immer als Klimaaktivistin bezeichnet, aber ein Beruf ist das eigentlich nicht oder?

Henneberger: Ich habe immer Öffentlichkeitsarbeit für den Klimaschutz gemacht, ich war ja zum Beispiel Pressesprecherin von Ende Gelände, der Bewegung die gegen den Braunkohleabbau kämpft. Das war aber ehrenamtlich. 2017 haben wir einen Verein gegründet, der unter anderem Bildungsarbeit für internationale Klimagerechtigkeit macht. Dort war ich als Projektkoordinatorin angestellt.


Video: Kathrin Henneberger - vom Tagebau in den Bundestag (AFP)

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ZEIT ONLINE: Was würden Sie tun, wenn im Koalitionsvertrag einer Ampel-Regierung die Forderung nach einem früheren Kohleausstieg nicht enthalten sein sollte?

Henneberger: Ich bin da etwas optimistischer. Die Verhandlungen laufen ja noch. Dieses "hätte, wäre, wenn" – darüber will ich jetzt nicht sprechen. Ich bin eine sehr praktische Frau. Was ich in den zwei Wochen in Berlin gelernt habe, ist, dass bisher viele Menschen noch gar nichts von den Problemen in meiner Region, speziell in Lützerath, wissen. Ich versuche, in vielen Gesprächen eine Awareness dafür zu schaffen, und merke, dass es eine liebevolle Solidarität gibt, die sich gerade bildet.

ZEIT ONLINE: Klimaaktivisten haben ja schon vor der Wahl kritisiert, dass das grüne Wahlprogramm nicht ausreiche, um den notwendigen deutschen Beitrag zu einer Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad zu leisten. Sehen Sie das auch so?

Henneberger: Nichts, was gerade getan wird, reicht aus. Wir müssen alle viel mehr machen. Alle Parteien sehe ich in der klaren Verantwortung, nicht nur schöne Worte für die Übereinkunft von Paris zu finden, sondern konkrete Maßnahmen vorzulegen, mit denen wir die 1,5 Grad Grenze nicht überschreiten.

ZEIT ONLINE: Fürchten Sie nicht, dass Sie sich als einfache Abgeordnete am Ende der Fraktions- und Regierungsdisziplin unterwerfen müssen, auch wenn Ihnen die Beschlüsse nicht weit genug gehen?

Henneberger: Mit Druck bin ich vertraut. Wenn man hier immer gegen RWE kämpft, dann weiß man was Druck ist. Das ist auch in der Fraktion bekannt, weshalb ich mich sehr frei bewegen kann. Bisher will mich niemand unter Druck setzen, ich werde eher bestärkt darin, ja nicht aufzuhören, mehr Klimagerechtigkeit einzufordern.

ZEIT ONLINE: Sollten die Ampel-Gespräche scheitern, wäre Jamaika für sie überhaupt eine Option?

Henneberger: Mit mir wird kein Jamaika kommen.

ZEIT ONLINE: Wie liefen ihre ersten Tage als Abgeordnete?

Henneberger: Verwirrend. Mit einem alten Weggefährten, der jetzt auch im Bundestag ist, bin ich gerade auf Wohnungssuche. Ich werde in einem Monat künftig so viel verdienen wie ich sonst in einem Jahr zur Verfügung hatte. Aber wir wollen nicht prassen. Jeden Euro, den wir nicht verprassen, können wir in Projekte geben. Trotzdem merke ich, dass es sehr viel angenehmer ist, eine Bahncard 100 zu haben, als immer überlegen zu müssen, wie ich jetzt das Geld für das nächste Ticket herbekomme. Einen Raum zu haben im Bundestag, wo man arbeiten kann, für alle Mitarbeiter ein Laptop zu bekommen, das ist schon ein krasses Privileg, ein krasser Luxus.

ZEIT ONLINE: Sie wollen eine Abgeordneten-WG gründen?

Henneberger: Als Abgeordnete werde ich definitiv keine gute Mitbewohnerin sein: Ich tauche immer nur zu den Sitzungswochen auf, bin von frühmorgens bis nachts im Bundestag, verballere es bestimmt, mich um Putzpläne zu kümmern oder einzukaufen. Deswegen ist es, glaube ich, ganz gut, wenn sich Abgeordnete zusammentun und WGs gründen, dann nerven wir nicht andere Menschen mit unserem absurden Leben.

Kathrin Henneberger kämpft seit Jahren gegen den Braunkohletagebau. Hier zeigt sie Greta Thunberg den Tagebau Hambach in ihrer Heimat Nordrhein-Westfalen. © AP/​dpa Kathrin Henneberger kämpft seit Jahren gegen den Braunkohletagebau. Hier zeigt sie Greta Thunberg den Tagebau Hambach in ihrer Heimat Nordrhein-Westfalen.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie in Ihren ersten Tagen im Bundestag am meisten überrascht?

Henneberger: Ich wurde ein paar Mal von Journalisten auf meine Kleidung angesprochen. Das war irritierend. Ich trage halt weiter Jeans, Turnschuhe oder meinen olivgrünen Baumwollparka. Ich habe gemerkt, dass man jetzt mit anderen Augen betrachtet wird und plötzlich andere Dinge für wichtig erachtet werden. Meine Jacke wurde bisher noch nie kommentiert.

ZEIT ONLINE: Haben Sie vor, sich anzupassen?

Henneberger: Bei solchen Dingen bin ich definitiv überfordert und mein Kopf ist ganz woanders. Ich bleibe einfach mal bei dem, was ich zum Anziehen habe, bis das abgewetzt ist, und dann kommt was Neues.

ZEIT ONLINE: Gibt es etwas, was Sie besonders erschreckt oder geärgert hat?

Henneberger: Es ärgert mich unglaublich, dass die Angestellten des Fahrdiensts des Deutschen Bundestages so richtig mies bezahlt werden. Ich selbst habe den Fahrdienst zwar noch nie benutzt. In Berlin kann man auch mit U-Bahn und Fahrrad von A nach B kommen. Aber natürlich gibt es Politikerinnen, die so bekannt sind und so viele Drohungen erhalten, dass es für sie wichtig ist, geschützt zu fahren. Deswegen muss sich auch die Bezahlung ändern.

ZEIT ONLINE: Woran sollen wir Sie in vier Jahren messen?

Henneberger: Dass wir einen Kohleausstiegspfad haben, der 1,5 Grad-kompatibel ist.

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