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London hat kaum Optionen im Konflikt mit dem Iran

WELT-Logo WELT 23.07.2019 Gil Yaron
Seit mehreren Tagen wird der britische Öl-Tanker „Stena Impero" festgehalten. Die Iraner behaupten, dass Schiff sei in einen Unfall verwickelt gewesen. Dazu eine Einschätzung der Lage von dem Nahost-Experten Daniel Gerlach.  © WELT Seit mehreren Tagen wird der britische Öl-Tanker „Stena Impero" festgehalten. Die Iraner behaupten, dass Schiff sei in einen Unfall verwickelt gewesen. Dazu eine Einschätzung der Lage von dem Nahost-Experten Daniel Gerlach. 

Für eine Nation, die einst alle Weltmeere beherrschte, brachte der Montag eine ernüchternde Erkenntnis. Nämlich die, dass das Vereinigte Königreich im Streit mit dem Iran nach der Entführung eines britischen Öltankers durch iranische Revolutionsgarden nicht auf die USA setzen kann.

Die Pflicht, britische Schiffe zu schützen, falle in allererster Linie auf Großbritannien zurück, sagte US-Außenminister Mike Pompeo. Die US-Marine kümmere sich um ihre eigenen Aufgaben. So viel zum „besonderen Verhältnis“ mit dem wichtigsten militärischen Partner Londons.

Am Abend dann kündigte Außenminister Jeremy Hunt an, Großbritannien wolle Schiffe in der Straße von Hormus zusammen mit europäischen Verbündeten schützen. Dazu werde ein „maritimer Schutzeinsatz unter europäischer Führung“ zusammengestellt.

Einzelheiten blieb der britische Außenminister schuldig. Unklar blieb auch, welche europäischen Nationen sich an der Mission beteiligen wollen. Hunt sagte lediglich, London werde „angemessene Schritte unternehmen, um die sichere Passage von Schiffen durch die Straße von Hormus unterstützen“.

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Londons Problem: Zum Schutz aller britischen Schiffe in der Straße von Hormus scheint die Royal Navy allein nicht imstande zu sein. Es sei schlicht „unmöglich“, jedes britische Schiff zu schützen, das die Straße durchquere, sagte Großbritanniens stellvertretender Verteidigungsminister Tobias Ellwood in einem Interview.

Luftaufnahmen von iranischen Schiffen, die den unter britischer Flagge fahrenden Öltanker „Stena Impero“ umkreisen © AP Luftaufnahmen von iranischen Schiffen, die den unter britischer Flagge fahrenden Öltanker „Stena Impero“ umkreisen

Er machte dafür auch die karge finanzielle Ausstattung der Marine verantwortlich. Wenn „wir weiterhin eine Rolle auf der internationalen Bühne spielen wollen, dann müssen wir mehr in unsere Verteidigung investieren, einschließlich unserer Royal Navy“, so Ellwood.

Mit anderen Worten: Nachdem der Iran einen britischen Öltanker im Persischen Golf nur wenige Seemeilen von einem britischen Kriegsschiff entfernt kaperte und in den Hafen von Bandar Abbas brachte, wird London klar, dass es fast keine Optionen hat, Vergeltung zu üben. Weil Britannien es nicht kann, und weil es das auch nicht wirklich will.

So ging es vor allem darum, eine Lösung zu finden, die Londons Gesicht wahrt, die aber zugleich die ohnehin schwere internationale Krise an einer der wichtigsten Meeresengen der Welt nicht weiter eskalieren lässt.

Das Krisenkabinett Cobra konferierte am Montag stundenlang in London, erstmals im Beisein von Premierministerin Theresa May, die noch diese Woche ihr Amt niederlegen wird. Das Verteidigungsministerium werde „verschiedene Optionen“ vorlegen, so Ellwood.

Am Sonntag bestätigte er noch einmal, dass Großbritannien weitere Schiffe in die Region entsenden und eine militärische Präsenz im Nahen Osten aufbauen will, um die Straße von Hormus offen zu halten.

Außenminister Hunt drohte Teheran vergangene Woche noch „schwere Konsequenzen“ für sein Verhalten an. Doch er erklärte schnell, dass sein Land keine militärische, sondern eine diplomatische Lösung suche. Großbritannien unterhält uneingeschränkte diplomatische Beziehungen zum Iran und hält derzeit noch stets am Atomabkommen mit dem Iran fest.

Ein Angriff auf Iran wäre letztlich schwer kalkulierbarer Alleingang. Denn nicht nur Pompeos Aussagen machen klar, dass die USA im Augenblick ihrerseits keinen militärischen Schlagabtausch mit dem Iran anstreben.

US-General warnt vor „Überreaktion“

General Kenneth F. McKenzie Jr., Befehlshaber der US-Truppen im Nahen Osten, gab in einem Interview mit der „Washington Post“ eine klare Marschrichtung vor: „Wir müssen den ruhigen und festen Teil der Gleichung bilden.“ Die USA dürften angesichts iranischer Provokationen „nicht überreagieren“.

Irans Vorgehensweise sei zwar „eindeutig unverantwortlich“, fuhr McKenzie fort. „Aber nur weil sie unverantwortlich sind, sollten wir nicht in die Falle tappen und überreagieren. Unsere Antwort wird daher sehr ruhig sein und in Abstimmung mit der internationalen Gemeinschaft erfolgen.“

Ein Schnellboot der iranischen Revolutionsgarden vor der "Stena Impero" © AP Ein Schnellboot der iranischen Revolutionsgarden vor der "Stena Impero"

US-Präsident Donald Trump signalisiert ebenfalls Verhandlungsbereitschaft und gestattete dem Senator Rand Paul, Gesprächsmöglichkeiten mit Teheran auszuloten. In der Auseinandersetzung um Irans Atomprogramm setzt Washington seit einem Jahr auf wirtschaftliche Druckmittel. Damals kündigte Trump das Atomabkommen mit dem Iran einseitig auf und verhängte Sanktionen.

So soll Teheran dazu gezwungen werden, den Deal neu auszuhandeln und in diesem Rahmen auch sein Raketenprogramm und seine Einmischung in andere Konflikte in der Region einzuschränken. Bislang weigerte Teheran sich, diese Themen auch nur zu besprechen, und fordert von den USA, zum Atomvertrag zurückzukehren und die Sanktionen aufzuheben.

Trump will keine militärische Konfrontation mit Teheran

Irans Wirtschaft wird angesichts harter US-Sanktionen aber Monat für Monat schwächer. Trump ist überzeugt, dass es deshalb derzeit keinen Sinn ergibt, eine militärische Konfrontation mit dem Iran zu riskieren.

Vielmehr wünschen die USA sich, dass die Welt den Sanktionen gegen den Iran beitritt. Genau das wollte London aber bislang nicht. Was nun zu einem Problem wird. Denn wenn London nicht militärisch reagieren kann, dann muss es das wenigstens wirtschaftlich tun, nachdem der Iran laut britischen Angaben in internationalen Gewässern einen kriegerischen Akt beging und ein Schiff unter britischer Flagge kaperte.

Britische Medien berichteten am Montag von möglichen Sanktionen oder dem Einfrieren iranischer Vermögenswerte. Doch laut Ali Naghi Seyyed-Khamoushi, dem Leiter der iranisch-britischen Handelskammer in Teheran, hat der Iran in Großbritannien gar kein Vermögen, das die britische Regierung beschlagnahmen könnte. Nach Angaben der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim würden britische Sanktionen die Exporte und Importe des Iran nicht in großem Maße beeinträchtigen.

Das lässt London theoretisch nur eine Option offen: seinen schwindenden Einfluss in den UN und der EU zu nutzen, um diese zum Verhängen von Sanktionen zu bewegen. Es ist aber nicht nur fraglich, ob Brüssel einer solchen Bitte Folge leisten würde. In London selbst scheint man diesen Weg nicht beschreiten zu wollen.

Hier fürchtet man nämlich, dann genau das zu tun, was Trump von Anfang an wollte – den Iran so sehr in die Ecke zu drängen, dass dieser den Atomvertrag ganz aufkündigt und sein Atomprogramm in vollem Umfang wieder aufnimmt.

Ein Krieg würde dann noch wahrscheinlicher. Falls es nun tatsächlich zu einer EU-Mission am Golf kommen sollte, wäre das aber zumindest ein Weg für die Briten, ihr Gesicht nicht gänzlich zu verlieren im Konflikt mit den riskobereiten Iranern.

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