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Opposition muss auffallen. Braun fällt aber nicht auf

WELT-Logo WELT 25.11.2021 Thomas Vitzthum
Stets leicht lächelnd: Kanzleramtsminister Helge Braun vor dem virtuellen Townhall-Meeting der CDU Quelle: dpa/Michael Kappeler © dpa/Michael Kappeler Stets leicht lächelnd: Kanzleramtsminister Helge Braun vor dem virtuellen Townhall-Meeting der CDU Quelle: dpa/Michael Kappeler

Helge Braun hat einen riesigen Vorteil. Eigentlich. Inzwischen ist ein Tag seit der Vorstellung des Ampel-Koalitionsvertrags vergangen. Als Brauns Mitbewerber um den CDU-Vorsitz, Friedrich Merz, am Montag im ersten Townhall-Meeting virtuell Fragen von Parteimitgliedern beantwortete, gab es noch kein entsprechendes Papier. Am Mittwochabend, als der zweite Kandidat, Norbert Röttgen, auftrat, war der Vertrag erst wenige Stunden alt. Unmöglich, die mehr als 170 Seiten schon ganz gelesen und durchdrungen zu haben.

Braun hatte da am Donnerstagabend andere Voraussetzungen. Er konnte sich bei seinem Townhall-Meeting de facto als künftiger Gegenpart der Regierung präsentieren. In Kenntnis dessen, was da nun in Berlin kommt. Er hatte zufällig den perfekten Moment erwischt. Aber er nutzte ihn nicht.

Natürlich spielte die Ampelkoalition in der Runde eine zentrale Rolle. Gut ein Drittel der Fragesteller formulierte seine Fragen mit Blick auf die Pläne der Ampelparteien. Doch richtige Attacken traute sich Braun nicht. Eine Attacke hört sich in Brauns Diktion an, als wollte er niemandem weh tun. Gefragt etwa, wie er das christliche Menschenbild in der konkreten Politik verankern wollte, kam Braun von sich aus auf die von der Ampel geplante Abschaffung des Werbeverbots für Abtreibung in Paragraf 219a zu sprechen. Dann sei „Werbung für Abtreibungen möglich wie für eine Schönheitsklinik. Unsere Werte sind gefragt, weil gesellschaftspolitische Veränderungen anstehen, die uns nicht recht sein können.“ Mehr geht nicht bei Braun.

Opposition muss auffallen – Braun fällt aber nicht auf

Braun hört sich die Fragen stets leicht lächelnd an, fasst sich dabei mit der linken Hand an die rechte und ergreift verlegen wie ein Schulbub, wenn er ausgefragt wird, die Spitze des Zeigefingers. Dagegen wirkt die Merkel-Raute geradezu martialisch. Sein Tonfall bleibt 70 Minuten lang gleichförmig und eintönig. „Wir müssen aufpassen, dass die Ampel es nicht falsch macht“, sagt Braun, als es um die Fachkräftezuwanderung geht. Kein eingängiger Satz wie: Die Ampel will massenhafte Zuwanderung in unsere Sozialsysteme. So etwas wäre doch nun da die CDU, wie Braun sagt, „auf niemand mehr Rücksicht nehmen muss“, doch drin. Oder? Egal, ob nun gerechtfertigt oder nicht. Opposition muss auffallen. Braun fällt aber nicht auf. Trotz seiner Statur.

Helge Braun ist einfach zu nett. Das wurde schon bei der Vorstellung in der Bundespressekonferenz am Montag deutlich. Ihm fehlt das Charisma, um richtig für sich einzunehmen, egal, was er sagt. Merz hat hier einen gewaltigen Vorteil, auch Röttgen, der oft zu geschliffen redet, ist da weit besser. Während die beiden Konkurrenten vielleicht zu egozentrisch sind, ist es Braun viel zu wenig. Das zeigt sich auch in der Reaktion der CDU-Mitglieder.

Viele Antworten fallen merkwürdig kurz aus, oft fragen die Mitglieder nach, präzisieren dabei selbst, was sie glauben, eben verstanden zu haben. So beklagt ein Mitglied, dass es mit dem schnellen Internet und der Digitalisierung so schleppend vorangeht. Er verschweigt höflich, dass Braun für diese Bereiche im Kanzleramt zuvorderst zuständig war. Der blickt in der Antwort auf Italien und erklärt, dort werde Glasfaser auch mal oberirdisch verlegt: „Erster Schritt: Versorgen mit Glasfaser. Im zweiten Schritt: es mal ordentlich machen.“ Und beschuldigt dann die SPD, dass es an der gelegen habe: „Wenn wir könnten, wie wir wollen, wären wir ziemlich gut drin.“ Der Fragesteller stutzt und erklärt: „Es muss jetzt einfach mal gemacht werden, wir haben ganz lange darüber gesprochen und haben es nicht gemacht.“

Der Kanzleramtsminister wirbt mit Erfahrung als Kreis- und Bezirksvorsitzender

Brauns Hypothek ist es, dass er nun mehrere Jahre Kanzleramtsminister unter Angela Merkel war. Er steht damit klar in ihrer langjährigen Kontinuität. Eine Kontinuität, die viele Mitglieder verantwortlich dafür machen, dass die Partei heute da steht, wo sie steht: am Abgrund und in der Opposition. Der berechtigten Frage, warum er Chef werden wolle, greift Braun selbst vor. Und drückt sich um sein aktuelles Amt herum. Er verweist dagegen auf seine fast zwanzigjährige Erfahrung als Kreisvorsitzender und Bezirksvorsitzender. Ginge es allein darum, könnten sich gewiss Dutzende weithin unbekannte CDU-Mitglieder um den Chefposten bewerben. Mit „dem Führungsstil, den ich habe“, seien seine hessischen CDU-Untergliederungen jedenfalls immer vollkommen geschlossen gewesen, argumentiert Braun. Ob das die CDU-Mitglieder überzeugt, sich mehrheitlich für ihn zu entscheiden? Zumal ohnehin das Gerücht in der Partei kursiert, dass es Braun eigentlich längst um ein anderes Amt gehe, das des hessischen Ministerpräsidenten in der Nachfolge von Volker Bouffier.

Auf die Abschlussfrage, für welche Themen Braun „brenne“, sagt er: „Ich möchte eine andere Führungskultur entwickeln. Ich möchte nicht Fraktionschef werden, ich halte es für Quatsch, über den Kanzlerkandidaten zu reden. Ich möchte, dass die CDU als fröhliche, zukunftszugewandte Partei wahrgenommen wird, die sich um die Anliegen der ganz normalen Menschen kümmert.“ Womöglich sind das zu geringe Ansprüche, weil er damit eine Eigenschaft gerade nicht unterstreicht, die zu Beginn als wichtigste in einer Online-Befragung der teilnehmenden Mitglieder herauskam: Führungsstärke.

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