Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Putins Abrechnung mit dem Westen

WELT-Logo WELT 21.06.2020 Pavel Lokshin
Russlands Präsident hat einen Geschichtsaufsatz verfasst. Nie wurde sein Weltbild klarer: Er will zurück in die Zeit vor dem Kalten Krieg, als die großen Mächte vereint gegen Hitler-Deutschland kämpften. Aber heute gibt es einen neuen Feind. Quelle: WELT © WELT Russlands Präsident hat einen Geschichtsaufsatz verfasst. Nie wurde sein Weltbild klarer: Er will zurück in die Zeit vor dem Kalten Krieg, als die großen Mächte vereint gegen Hitler-Deutschland kämpften. Aber heute gibt es einen neuen Feind. Quelle: WELT

Um diesen Text hat der Kreml einen Hype entfacht wie um keine andere programmatische Äußerung des russischen Präsidenten. Im Dezember vergangenen Jahres, bei seiner traditionellen Pressekonferenz, kündigte Wladimir Putin einen bahnbrechenden Beitrag zum 75. Jahrestag des sowjetischen Sieges gegen Nazi-Deutschland an. Sechs Monate später, Anfang dieser Woche, wurde Text vom Kreml erneut angekündigt. Noch am Donnerstagnachmittag hieß es, Putin werde selbst den Zeitpunkt und das Medium der Veröffentlichung wählen. Am Donnerstagabend erschien der 50.000 Zeichen lange Aufsatz schließlich auf Englisch im „National Interest“, einer kremlnahen, konservativen US-Zeitschrift, und am Freitag auf Russisch in der regierungseigenen „Rossijskaja Gaseta“.

Verengter Blick: Wladimir Putin, hier beim Inspizieren einer Ehrengarde, lässt in seinem Aufsatz unliebsame Episoden der russischen Kriegsgeschichte aus © AFP via Getty Images Verengter Blick: Wladimir Putin, hier beim Inspizieren einer Ehrengarde, lässt in seinem Aufsatz unliebsame Episoden der russischen Kriegsgeschichte aus

Putins Artikel ist weit mehr als Propaganda. Im Text artikuliert er mit seltener Klarheit sein Weltbild. Seitenlang referiert er über echte und vermeintliche Verfehlungen der westlichen Mächte vor dem Zweiten Weltkrieg, verteidigt den Molotow-Ribbentrop-Pakt und plädiert für Versöhnung der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges untereinander. Aus Putins Opus wird deutlich: Am liebsten würde der Kremlchef in die Zeit vor dem Kalten Krieg zurückkehren, als die Westmächte der Anti-Hitler-Koalition mit Sowjetrussland Seite an Seite kämpften und anschließend in Europa und der Welt gewähren ließen.

Mit den atomaren UN-Vetomächten USA, Frankreich, Großbritannien und China gilt es laut Putin einen neuen weltpolitischen Konsens herzustellen – gegen die lästigen Osteuropäer und die liberale Ordnung. Nach dem Streit mit Polen über die Verantwortung um den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und Putins Äußerungen bei der Holocaust-Konferenz in Jerusalem spekulierten russische Historiker, es werde sich bei dem Text um eine Abrechnung mit dem Westen handeln, um einen Eintritt in jenen Erinnerungskrieg, der aus Putins Sicht gegen Russland geführt wird. Das hat sich bewahrheitet.

Putins Argumentation funktioniert so: Er versucht, den Molotow-Ribbentrop-Pakt inklusive des deutsch-sowjetischen Geheimprotokolls, der zur Aufteilung Osteuropas zwischen der Sowjetunion und Nazi-Deutschland geführt hat, zu normalisieren und so zu verharmlosen. Putin setzt ihn faktisch mit dem Münchener Abkommen gleich, das Hitler die Aufteilung der Tschechoslowakei ermöglichte.

Die Kritik an der Appeasement-Politik der westlichen Mächte mündet allerdings nicht in Selbstkritik. Während Frankreich und Großbritannien laut Putin vor dem Kriegsausbruch unverantwortlich handeln, befindet sich die Sowjetunion in der Opferrolle.

Im Umgang mit Nazi-Deutschland wird Sowjetrussland immer zum Handeln genötigt, wartet stets bis zum letzten Moment, und agiert ansonsten „im Einklang mit dem internationalen Recht der Zeit“. So sei Moskau etwa bei der Besatzung des Baltikums verfahren. Putin spricht von der „Aufnahme“ der Länder in die UdSSR, auf „Vertragsbasis“ und mit „Einverständnis der gewählten Regierung“. Dass Russland dabei eine Reihe bilateraler Verträge mit Lettland, Litauen und Estland verletzte, unterschlägt der Laienhistoriker aus dem Kreml.

Forscher zerpflücken in diesen Tagen den Putin-Artikel. Für Sergey Radchenko, Historiker des Kalten Krieges und Professor für Internationale Beziehungen an der britischen Universität Cardiff, steht fest: Putins Text hätte nie in einer Fachzeitschrift erscheinen können, weil er Fakten verdrehe und auslasse. Putin schweige zu den Opfern der Sowjetpolitik, zu den Deportationen aus dem Baltikum und zum Massenmord an 25.000 polnischen Offizieren in Katyn. Auch der sowjetische Überfall auf Finnland bleibt unerwähnt, weil er nicht zu Putins Linie passt. Putin beteuert, es geht es ihm um „Wahrheit und Objektivität“. Und kommt zu dem Schluss: Alle haben Fehler gemacht – also hört auf, Russland zu kritisieren.

Doch geteilte Verantwortung für den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bedeute auch, dass einige Länder mehr Verantwortung zu tragen hätten als andere, schreibt der Historiker Radchenko. Das ignoriert Putin, und bringt die Idee einer Neuauflage des Jalta-Systems ins Spiel, wo die Siegermächte das Sagen haben – und der Rest der Welt sich anpassen muss.

Kleinere Nationen wie Polen, Ukraine oder Estland sind dabei keine Subjekte der Geschichte, nur Objekte, über die verfügt wird. Die Europäische Union kommt bei Putin nur als Störfaktor vor, wenn das Europäische Parlament zu seiner Enttäuschung in einer Resolution die Verantwortung Nazi-Deutschlands und der Sowjetunion für den Zweiten Weltkrieg gleichsetzt.

„Heute wie 1945 ist es wichtig, den politischen Willen zu demonstrieren und die Zukunft zusammen zu diskutieren“, schreibt Putin. Mit den Staatschefs, die sich schon bald im Fünfer-Format treffen wollen, plant Putin über „kollektive Prinzipien der internationalen Politik“ zu reden, über strategische Rüstungskontrolle, über die Weltwirtschaft und die Folgen der Pandemie.

Putin scheint überzeugt, dass sein historischer Einwurf, der zwischen polemischen Vorwürfen und Selbststilisierung als Opfer feindseliger Erinnerungspolitik changiert, dafür Werbung machen kann. Ausgehend von „geteilter historischer Erinnerung“ könne und müsse man einander vertrauen. In Russland, wo man von der eigenen historischen Größe noch mehr überzeugt zu sein scheint als zu Sowjetzeiten, zieht diese Logik. Doch in anderen Ländern, die den Zweiten Weltkrieg nicht zum Anker der nationalen Identität machen, dürfe es nicht funktionieren.

In seiner Hoffnung auf den großen Deal mit den Weltmächten scheint Putin auch zu vergessen, was zwischen 1945 und 2020 passiert ist. China ist eine Weltmacht, deren Beziehungen mit den USA auf dem Nullpunkt sind – und die Russland zunehmend als einen Juniorpartner betrachtet. Großbritannien und Frankreich haben ihre Weltreiche verloren, nur Russland steckt nach dem Verlust seines Imperiums in einer Identitätskrise, die es auf Kosten seiner Nachbarn wie Georgien und Ukraine lösen will.

In Wirklichkeit ist das Land weltpolitisch, wirtschaftlich und in seiner ideologischen Strahlkraft nur noch ein schwacher Abglanz der Sowjetunion. Putin hat recht, wenn er sagt, dass die Welt „turbulente Zeiten“ durchlebt. Doch deswegen muss das Alte noch lange nicht zurückkehren.

Mehr auf MSN

Video

Video wiedergeben

| Anzeige
| Anzeige

Die Welt

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon