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Ratlos in Wilmersdorf

WELT-Logo WELT 11.08.2019 Henryk M. Broder

Außenminister Heiko Maas kam mit seiner Partnerin, der Schauspielerin Natalia Wörner, neben ihm sitzt außerdem Rabbi Yehuda Teichtal © AP/Markus Schreiber Außenminister Heiko Maas kam mit seiner Partnerin, der Schauspielerin Natalia Wörner, neben ihm sitzt außerdem Rabbi Yehuda Teichtal

So voll wie an diesem Freitagabend war die Synagoge in der Münsterschen Straße in Berlin-Wilmersdorf lange nicht mehr. Alle Plätze sind besetzt, im Eingang zum Betsaal stehen die Besucher dicht an dicht, wie in einer U-Bahn zur Rushhour. Dabei sind die Juden eindeutig in der Unterzahl. Die Nichtjuden erkennt man daran, dass sie weiße Kippot tragen, die am Eingang verteilt werden. Ungewöhnlich ist auch, dass Frauen und Männer zusammensitzen, die in den meisten Synagogen übliche Geschlechtertrennung wurde anlasshalber aufgehoben.

Die Lubawitscher Gemeinde hat zu einem „Solidaritätsgebet“ eingeladen. Vor genau zwei Wochen wurde Rabbiner Yehuda Teichtal auf dem Weg von der Synagoge in sein Haus „antisemitisch beschimpft“ und bespuckt. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen. Nun will man „mit Licht auf die Dunkelheit antworten“, so steht es auf der Einladung zu dem „Solidaritätsgebet“.

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Maas: „Die Hemmschwellen sinken“

„Ein geduldiger Mensch ist einer, der viel erträgt, der mutig ist.“ Und es sei kein Zufall, dass das hebräische Wort für Toleranz „Sovlanut“ dem Wort für Geduld „Savlanut“ so ähnlich ist. Es scheint, als habe Heiko Maas einen Hebräisch-Kurs belegt, was durchaus einer alten Tradition im Auswärtigen Amt entspräche. Ansonsten sagt er das, was er immer sagt, ohne sich ins allzu Konkrete zu verlaufen.

„Wir stehen heute an Ihrer Seite und nicht nur heute, daran wird sich auch in der Zukunft nichts ändern (...) Antisemitismus hat in unserer Gesellschaft keinen Platz. Es macht viele Menschen in dieser Stadt und diesem Land wütend, dass Jüdinnen und Juden beschimpft und bespuckt werden (...) Das Klima hat sich in unserem Land verändert, die Hemmschwellen sinken immer weiter und den Worten folgen Taten (...) Antisemitismus ist nicht über Nacht entstanden. Wir müssen beherzt dagegen halten (...)Antisemitismus bleibt Antisemitismus (...) Wir dürfen nicht sprachlos bleiben (...) Der Holocaust hatte Täter und viele Gleichgültige. Das sollten wir aus unserer Geschichte gelernt haben, dass wir nie wieder gleichgültig sein dürfen. Wir müssen alle in den Dialog treten, weil wir eine Gesellschaft sind. Schalom.“

Nach dem Außenminister spricht Gideon Joffe, der langjährige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Er habe Heiko Maas „immer aus der Ferne geschätzt“, seitdem er aber erlebt habe, wie Heiko Maas in Tel Aviv „bei über 30 Grad morgens ein Triathlon-Training am Strand“ absolviert habe, bewundere er ihn. Das sei eine „unglaubliche Leistung“ gewesen, „Triathleten brauchen eine sehr gute Kondition, und beim Kampf gegen Antisemitismus brauchen wir Menschen mit einer sehr guten Kondition.“ Deswegen sei man „glücklich, einen Partner wie den Bundesaußenminister an unserer Seite zu haben“.

Nach diesem Intro findet Joffe doch noch ein paar „deutliche Worte“ für die aktuelle Situation.

„Wir haben ein jüdisches Gymnasium in Berlin mit 400 Schülern. 240 von ihnen sind jüdisch, von diesen ist jeder dritte von einer öffentlichen Schule weggemobbt worden, aus einem einzigen Grund… Ein wenig überspitzt könnte man sagen, unser Gymnasium ist voller jüdischer Flüchtlinge, im Jahre 2019 hier in Berlin.“

Der Rabbiner Yehuda Teichtal begrüßt Heiko Maas und dessen Lebensgefährtin Natalia Wörner vor Beginn eines Solidaritätsgebets Quelle: dpa/Jörg Carstensen © dpa/Jörg Carstensen Der Rabbiner Yehuda Teichtal begrüßt Heiko Maas und dessen Lebensgefährtin Natalia Wörner vor Beginn eines Solidaritätsgebets Quelle: dpa/Jörg Carstensen

Er, Gideon Joffe, lebe „seit 50 Jahren in diesem wunderbaren Land“. Und „glücklicherweise“ habe er „noch kein einziges Mal gehört, dass ein muslimischer Schüler eine öffentliche Schule verlassen musste, weil er ein Moslem ist“.

Wie man die Situation wieder in den Griff bekommen könnte, weiß auch der Praktiker Joffe nicht. „Unsere Gesellschaft“, sagt er, bewege sich „in eine seltsame Richtung“. Sogar Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste würden attackiert. Man müsse „alle Menschen daran erinnern“, was im Zusammenleben „das Wichtigste“ sei, nämlich „das Prinzip der Gewaltlosigkeit“. Die Frage: „Wie bringen wir die Gewaltlosigkeit zurück in die Gesellschaft?“, sei „eine Mammutaufgabe, die Jahrzehnte dauern wird“.

Das „Solidaritätsgebet“ dauert nur eine Dreiviertelstunde. Länger darf es nicht sein, denn etwa um 20 Uhr fängt der Sabbat an und dann findet der richtige Gottesdienst statt. Ganz zum Schluss weist Rabbi Teichtal auf ein „Versprechen zur Erfüllung guter Taten“ hin, das gedruckt auf jedem Sitz und im Foyer ausliegt. „Um auf die Dunkelheit mit Licht zu antworten und meine Umgebung zu einem positiveren Ort zu machen, verpflichte ich mich, eine oder mehrere der folgenden guten Taten zu erfüllen“, steht darauf. Dreizehn Optionen werden angeboten, darunter „gegen Intoleranz angehen“, „Winterkleidung spenden“, „einem Fremden die Tür aufhalten“, „Papier, Flaschen oder Plastik recyceln“, „Blut spenden“, „mit einer freundlichen Stimme Telefonanrufe entgegennehmen“.

Ob diese Maßnahmen dazu taugen, den Antisemitismus einzudämmen, kann natürlich nicht vorhergesagt werden. Eine andere Frage wäre: Warum hat keine muslimische Gemeinde zu so einer Kundgebung aufgerufen?

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