Womöglich starten bald keine Evakuierungsflüge mehr aus Afghanistan. Doch viele im Land stehen noch immer auf keiner Liste. Hier erzählen sie, wie es ihnen geht.

Vor dem Flughafen in Kabul warten die Menschen und hoffen, ausgeflogen zu werden. © Marcus Yam/​Los Angeles Times/​Polaris/​ddp images Vor dem Flughafen in Kabul warten die Menschen und hoffen, ausgeflogen zu werden.

Sie haben als Ortskräfte für die Bundeswehr, Hilfsorganisationen oder die deutsche Botschaft gearbeitet, als Journalistinnen, Berater und Übersetzer. Für die Taliban gelten sie als Verräter, sie werden mit dem Tod bedroht. Die Bundesregierung kündigte zwar an, die Menschen außer Landes bringen zu wollen, doch noch immer sitzen viele Afghaninnen und Afghanen im Land fest, bekommen kaum oder gar keine Informationen darüber, ob und wann eine Evakuierung für sie infrage kommt. Sie verstecken sich zum Teil bei Freunden und Verwandten, sind von ihren Familien getrennt und haben ihre Häuser zurückgelassen. Neun Betroffene erzählen hier davon, wie sie sich im Stich gelassen fühlen und was sie jetzt tun.

Mit westlichen Medien zu sprechen ist für die Betroffenen ein großes Risiko. Die Identitäten der hier sprechenden Personen sind allesamt der Redaktion bekannt, ihre Geschichten dort, wo es möglich ist, mit Dokumenten belegt. Um die Personen nicht zu gefährden, sind ihre Namen geändert, die Chatverläufe und Anruflisten haben die Männer und Frauen im Anschluss an die Interviews gelöscht – für den Fall, dass die Taliban sie auf Hinweise durchsuchen.

"Meine Nachbarn wissen, dass ich viel mit deutschen Organisationen, der Bundeswehr, der Botschaft zusammengearbeitet habe, ich war Deutschlehrer. Es besteht die Gefahr, dass sie mich verraten. Deshalb bin ich mit meiner Familie nach Kabul geflüchtet, verstecke mich bei Verwandten. Aber die Taliban finden mich auf jeden Fall. Wenn ich nicht ausgeflogen werde, bleibt nur noch der Landweg. Derzeit sind aber alle Grenzübergänge gesperrt oder unerreichbar, zu Fuß kann ich mit einem kleinen Kind nicht durch die Hitze laufen. Ich bin in einer Sackgasse.

Ich habe vor einigen Jahren sogar mal in Deutschland gelebt und gearbeitet, hatte das Angebot zu bleiben. Aber ich wollte lieber zurück in meine Heimat, beim Wiederaufbau helfen. Dann, im April, wurde es zu gefährlich, ich habe einen Ausreiseantrag bei der Botschaft gestellt. Es hieß, das Risiko sei nicht hoch genug. Seitdem habe ich von der Botschaft und auch von keiner anderen Stelle mehr etwas gehört, meine Mails bleiben unbeantwortet. Ich fühle mich ausgenutzt und vergessen. Ich erwarte ja gar nicht, dass Deutschland mich sofort ausfliegt, aber eine Rückmeldung, das wäre doch das Mindeste."

Amir

"Am 24. Juli flog ich aus Deutschland allein nach Kabul, um meinen Vater ein womöglich letztes Mal zu besuchen. Er hat Long Covid. Weil Experten damals annahmen, die Taliban würden Kabul nicht so schnell einnehmen, dachte ich, dass die Lage sicher genug sei. Leider hatten die Experten Unrecht. Am 15. August machte ich mich auf den Weg zum Flughafen, obwohl mein Linienflug zurück nach Deutschland bereits gestrichen worden war. Das Gebiet um den Flughafen ist für Autos weitläufig abgesperrt, also musste ich die letzten vier Kilometer mit allem Gepäck in der Hitze zu Fuß gehen. Mit uns liefen viele Frauen, Kinder, Alte und Kranke.

Viele wurden wieder weggeschickt, es herrschte Chaos. Ich kehrte schließlich um, einen neuen Versuch habe ich seitdem nicht mehr gewagt. Nun warte ich in Kabul auf Rettung, aber persönlichen Kontakt zu deutschen Behörden habe ich nicht, obwohl ich mich mehrfach direkt auf den Seiten des Auswärtigen Amts registriert habe. Die Push-Nachrichten des Auswärtigen Amtes raten mir lediglich, an einem sicheren Ort zu bleiben.

Wir werden gewarnt, uns nicht zum Flughafen zu begeben, gleichzeitig wird uns per Mail mitgeteilt, dass eine individuelle Abholung ebenfalls nicht stattfinden kann. Wann ich mit Hilfe rechnen kann, weiß ich nicht. Ich kann nur hoffen, dass meine Diabetesmedikamente ausreichen, bis die deutsche Regierung eine Lösung gefunden hat."

Dilem

Die Taliban wollen nur noch bis Ende August Evakuierungsflüge zulassen, viele Menschen strömen deshalb in Panik zum Flughafen. © Jim Huylebroek/​The New York Times/​Redux/​laif Die Taliban wollen nur noch bis Ende August Evakuierungsflüge zulassen, viele Menschen strömen deshalb in Panik zum Flughafen.

"Dass die Taliban nun wiederkommen, ist das Schlimmste, was den Frauen in Afghanistan passieren konnte. Ich kann nicht mehr rückgängig machen, dass ich zur Schule gegangen bin, studiert habe und am Sozialleben teilnahm. Jetzt bringt mich das in große Gefahr. Was viele vielleicht nicht wissen: Die Islamisten waren auch nach dem Einmarsch ausländischer Truppen nie weg. Einmal griffen sie den Campus an, auf dem ich gelernt habe. Jetzt aber ist die Bedrohung ständig da. Seit dem Wochenende verlasse ich das Haus nur noch nachts und bis auf die Augen verschleiert. Die Nachbarn sollen mich nicht erkennen.

Ich habe bis 2017 für eine deutsche Organisation gearbeitet. Nach einem schweren Anschlag auf die deutsche Botschaft wurden die Büros allerdings verkleinert, also musste ich mir eine neue Arbeit suchen. Weil das schon länger als zwei Jahre zurückliegt, gelte ich für die deutschen Behörden aber nicht als Ortskraft und werde deshalb nicht ausgeflogen."

Soheila

"Ich habe jahrelang als Journalist in Masar-i-Scharif gearbeitet, gemeinsam und eng zusammen mit Einsatzkräften der Bundeswehr. Wir hatten Verträge mit einem afghanischen Subunternehmen. Die Bundeswehr hat uns im Kampf gegen die Taliban benutzt. Wir haben uns in extreme Gefahr gebracht und verdienen es, Afghanistan zu verlassen. Schon als sie abgezogen sind, haben wir gesagt, dass wir auch rausmüssen. Aber da ist lange gar nichts passiert. Erst seit ein paar Tagen stehen meine Frau, unsere Kinder und ich auf einer deutschen Evakuierungsliste, aber nun schaffen wir es nicht, in den Flughafen hineinzukommen. Jeder Schritt aus unserem Versteck in die Öffentlichkeit ist gefährlich. Ich habe Angst, von den Taliban hingerichtet zu werden, vor den Augen meiner Familie. Wir waren trotzdem schon mehrmals am Flughafen, stundenlang in den Menschenmassen. Unser Baby ist krank, hat Fieber und Husten.

Die Lage am Flughafen wird von Tag zu Tag chaotischer, um uns herum fallen ständig Schüsse. Wir haben jeden Tag auf ein Zeichen von der Bundeswehr gewartet, dass sie uns abholen. Dienstagnacht kam es endlich, eine Evakuierungsbestätigung per Mail. Wir konnten endlich in den Flughafen rein, waren schon auf dem Rollfeld, ganz nah an den Flugzeugen. Aber dann haben uns deutsche Soldaten zurückgewiesen und gesagt, dass wir nicht auf der Evakuierungsliste stehen. Und wir mussten wieder raus aus dem Flughafen. Ich verstehe nicht, was hier abläuft, und bin völlig verzweifelt."

Edris


Video: "Finden sie mich, schneiden sie mir den Kopf ab" – Bundeswehr-Helfer berichtet aus seinem Versteck in Kabul (stern)

NÄCHSTES
NÄCHSTES
Amerikanische Soldaten sichern den Airport, im Gedränge gab es schon Panik, Gefechte und auch Tote. © Jim Huylebroek/​The New York Times/​Redux/​laif Amerikanische Soldaten sichern den Airport, im Gedränge gab es schon Panik, Gefechte und auch Tote.

"Mir ging es immer darum, ein vollständiges Bild der Taliban zu zeigen. Deshalb habe ich deutschen Journalisten geholfen, von vor Ort zu berichten. Genau deshalb sind die Taliban nun hinter mir her. Ich war ehrlich – und das ist jetzt mein Problem. Ich habe auch westliche Organisationen in Sicherheitsfragen beraten. Aber keine von ihnen hat mich jetzt auf eine Liste gesetzt, die mich zur Ausreise berechtigt. Denn rein formal war ich dort nicht direkt angestellt. Aber um diese Formalität scheren sich die Taliban wenig.

Jetzt verstecke ich mich an wechselnden Orten in Kabul, meine Familie ist bei den Großeltern untergekommen. Ich kann sie nicht treffen, weil die Taliban jeden Tag in der Nachbarschaft auftauchen und nach mir fragen. Ich bekomme auch Drohanrufe von ihnen. Bei meinen Kollegen waren sie schon in den Büros, haben ihnen Handys und Computer abgenommen. Ich weiß nicht, was sie dort rausgefunden haben, aber ich weiß: Auch wenn sie mich heute nicht finden, sie werden mich finden."

Javid

"Als die Taliban Masar-i-Scharif eingenommen haben, bin ich mit meinen Schwestern nach Kabul geflohen. Jetzt bin ich hier nach einigen Zwischenstationen bei einem früheren Kollegen untergekommen und warte darauf, dass die deutsche Organisation, für die ich als Übersetzerin gearbeitet habe, mich hier rausholt. Sie sagten vor einer Woche, dass sie an einem Plan zur Evakuierung ihrer Mitarbeiterinnen arbeiten. Ich vertraue darauf, dass sie Wort halten. Aber ich habe große Angst.

Meine Schwestern habe ich zurück nach Masar-i-Scharif geschickt. Bei mir zu sein, wenn die Taliban uns finden, wäre zu gefährlich. Ein Foto von mir war plötzlich im Internet aufgetaucht, das mich mit einem bekannten Journalisten zeigt. Mein Bruder hat bereits all meine englischsprachigen Bücher und meine Gitarre verbrannt, er hat all meine persönlichen Dokumente verscharrt, in der Hoffnung, dass sie niemand findet und auch niemand eine Verbindung zwischen mir und meiner Familie herstellen kann. Ich konnte sie mit meinem Einkommen alle versorgen, jetzt haben sie nichts mehr. Zum Abschied sagte meine Mama: 'Komm lieber nie wieder nach Masar!'"

Zahra

Die Taliban haben die afghanische Hauptstadt Kabul sehr viel schneller eingenommen, als es Experten vorhergesehen hatten. © Jim Huylebroek/​The New York Times/​Redux/​laif Die Taliban haben die afghanische Hauptstadt Kabul sehr viel schneller eingenommen, als es Experten vorhergesehen hatten.

"Ich bin Aktivistin für Frauenrechte und habe einige Jahre in einem Frauenfußballteam mitgespielt. Schon damals wurden wir bedroht, auch meine Familie hat sich gegen mich gestellt. Ich habe trotzdem nie aufgehört zu kämpfen, für ein freies Land, für die Rechte von Frauen. Gerade denke ich, dass vieles vergeblich war. Als meine Heimatstadt an die Taliban gefallen ist, bin ich nach Kabul geflohen. Meine Familie hat viele meiner persönlichen Dokumente verbrannt, als ich fort war. Ich habe nur das Allernötigste bei mir.

Ich habe in den vergangenen Tagen viele Mails geschrieben, mich in verschiedenen Ländern für ein Visum beworben, aber ich bekomme nur Absagen. Am Flughafen in Kabul war ich auch, habe aber vergeblich auf einen Evakuierungsflug gehofft. Ich war ja keine direkte Angestellte oder Ortskraft, sondern Aktivistin. Aber bedroht bin ich deshalb nicht weniger.

Jetzt ist die Lage dort zu gefährlich. Wir werden hier im Stich gelassen. Ich bin enttäuscht, frustriert, verzweifelt. Ich bin allein, verstecke mich bei Freunden. Meine Familie unterstützt mich nicht und mein Geld ist fast alle, ich habe kaum noch etwas zu essen. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal in so eine Situation komme."

Dilara

"Als die Taliban nach Kabul kamen, habe ich mich sofort versteckt. Zurzeit lebe ich bei Verwandten. Auf die Straße traue ich mich nicht mehr – und lange kann ich auch hier nicht bleiben. Bevor ich untergetaucht bin, habe ich meiner Frau nur kurz eine SMS geschrieben: 'Ich bin in Sicherheit.' Danach habe ich mein Handy erst einmal ausgemacht. Ich habe keine Ahnung, wo sie und meine Töchter zurzeit sind.

Ich habe als freier Übersetzer an der deutschen Botschaft gearbeitet. Ich habe mit der Botschaft telefoniert und ihnen meinen Botschaftsausweis gezeigt, mit dem ich in das Gebäude reingekommen bin. Aber sie haben gesagt, das reiche nicht. Sie brauchen einen Vertrag. Den Taliban ist das egal. Ich habe gehört, dass sie angefangen haben, auf der Straße Kinder und Alte zu fragen, wo die Menschen wohnen, die mit den Ausländern zusammengearbeitet haben. Angehörige eines Journalisten, der für die Deutschen gearbeitet hat, haben sie schon erschossen. Wenn die Taliban mich finden, werden sie auch mich töten."

Diar

Die allermeisten internationalen Mitarbeiter haben das Land mittlerweile verlassen, doch Hunderte Afghaninnen und Afghanen warten noch auf einen Flug. © Staff Sgt. Brandon Cribelar/​U.S. Air Force/​UPI Photo/​imago images Die allermeisten internationalen Mitarbeiter haben das Land mittlerweile verlassen, doch Hunderte Afghaninnen und Afghanen warten noch auf einen Flug.

"Vor einigen Jahren wurde ich bei einem Angriff der Taliban verletzt und kam mit blutiger Kleidung nach Hause. Meine Familie war geschockt, und ich dachte: Wenn ich sterbe, wer kümmert sich dann um sie? Wer verhindert dann, dass die Taliban meinen Sohn entführen und zum Terroristen machen? Deshalb bin ich aus meiner Heimat geflohen, um dann so schnell wie möglich meine Familie nachzuholen.

Heute lebe und arbeite ich in Sachsen und habe subsidiären Schutz. Bereits 2018 habe ich Familiennachzug beantragt, doch die zuständige Botschaft hat immer noch nicht darüber entschieden. Deshalb ist meine Familie immer noch in Kabul. Sie dürfte noch nicht mal in eines der Flugzeuge der Deutschen, selbst wenn sie es bis dahin schaffen würde.

Meine beiden Kinder habe ich seit 2015 nicht mehr gesehen, und ich sage ihnen immer: 'Seid geduldig, eines Tages werden wir zusammen sein.' Aber nach all den Jahren fällt es ihnen nicht leicht, mir das noch zu glauben. Sie sind Kinder. Manchmal sagen sie: 'Papa, du willst uns doch gar nicht mehr bei dir haben!' Aber sie wissen nun mal nicht, wie kompliziert die deutschen Verfahren sind. Manchmal lüge ich meine Kinder an, um sie zu beruhigen. Ich erzähle ihnen dann, dass das Flugzeug, das sie zu mir bringen soll, leider gerade kaputt sei. Sie sagen dann: 'Warum reparierst du es nicht, Papa?' Aber ich kann doch von hier aus nichts reparieren."

Yussof

Protokolle: Lenz Jacobsen, Hannes Leitlein, Doreen Reinhard, Parvin Sadigh, Mansur Seddiqzai, Michael Stürzenhofecker, Linda Tutmann, Christian Vooren

Bildredaktion: Andreas Prost

Technische Umsetzung: Rose Tremlett

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