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Sachsen gibt schwere Polizeipanne zu

WELT-Logo WELT 01.09.2018

Entgegen der bisherigen Darstellung hat das Dresdner Innenministerium die Bundespolizei am Montag wegen der Chemnitzer Demonstrationen um Hilfe gebeten. Doch die Unterstützung blieb aus, weil der vorgeschriebene Verfahrensweg nicht eingehalten wurde.

Bei den Demonstrationen in Chemnitz vernetzten sich Hooligans deutschlandweit innerhalb von wenigen Stunden – und sorgten für Krawall © AFP/ODD ANDERSEN Bei den Demonstrationen in Chemnitz vernetzten sich Hooligans deutschlandweit innerhalb von wenigen Stunden – und sorgten für Krawall

Während der Ausschreitungen am vergangenen Montag in Chemnitz hat es eine schwere Panne bei der Polizei gegeben. Entgegen der bisherigen Darstellung sind von Sachsen nach Informationen von WELT AM SONNTAG damals sehr wohl zusätzliche Kräfte der Bundespolizei als Verstärkung angefordert worden. Ein fehlerhaftes Vorgehen führte jedoch dazu, dass dies im Sande verlief.

Auslöser war ein Hilferuf der Polizeidirektion Chemnitz an das Lagezentrum des sächsischen Innenministeriums in Dresden. "Während des Einsatzes gegen 20.15 Uhr wurde durch die Polizeidirektion Chemnitz fernmündlich eine Kräfteanfrage an das Lagezentrum des Staatsministeriums des Innern gestellt", musste nun das Haus von Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) auf Anfrage von WELT AM SONNTAG bestätigen.

Danach habe man "unmittelbar" bei der Lage- und Einsatzzentrale der Bundespolizeidirektion Pirna telefonisch angefragt, ob diese Beamte schicken könne. Das Hilfeersuchen ist bei der Bundespolizei dokumentiert, es ging dort um 20.23 Uhr ein.

Laut sächsischem Innenministerium, soll die Bundespolizeidirektion Pirna jedoch an dem Abend nicht in der Lage gewesen sein, diesem Ersuchen nachzukommen. Die Polizei Chemnitz erhielt daher keine Hilfe. "Die Kräfteanfrage des Staatsministeriums des Innern bei der Bundespolizei verlief negativ. Das heißt, dass kurzfristig keine Einsatzkräfte zur Verfügung standen", teilte Wöllers Ministerium mit.

Bundespolizei hätte helfen können – Hilferuf ging fehl

Doch an dem Abend lief noch mehr schief: Für die Bewilligung, Einsatzkräfte zur Verfügung zu stellen, ist das Bundespolizeipräsidium in Potsdam zuständig. Dies wäre der übliche Meldeweg gewesen, der von den Sachsen jedoch unverständlicherweise nicht beschritten wurde.

Nach Informationen von WELT AM SONNTAG wäre die Bundespolizei durchaus in der Lage gewesen, mehrere Hundertschaften nach Chemnitz zu beordern, bei Bedarf auch mit Hubschraubern. Dazu hätte das Innenministerium in Dresden seine Anfrage aber an die Zentrale der Bundespolizei und nicht an die untergeordnete Dienststelle in Pirna richten müssen.

Die Bundespolizeidirektion Pirna bestätigte das Versäumnis auf sächsischer Seite: "Eine Anfrage Sachsens beim Bundespolizeipräsidium erfolgte am Montag, den 27. August nicht."

Eine zuverlässige Quelle berichtete WELT AM SONNTAG, die Bundespolizeidirektion in Pirna habe dem Lagezentrum des Landesinnenministeriums sogar empfohlen, sich an das Bundespolizeipräsidium in Potsdam zu wenden. Doch das sei "schlicht nicht beachtet" worden.

Deshalb waren am Tag der Demonstration lediglich 58 Bundespolizisten in Chemnitz vor Ort. Sie sorgten für den Schutz des Hauptbahnhofs, überwachten den Vorplatz und begleiteten Demonstrationsteilnehmer. Dazu kamen 591 Polizisten aus Sachsen, viel zu wenige, angesichts von rund 7500 Demonstranten.

Seehofer reagierte auf die Sachsen-Panne

Jetzt soll die gemeinsame Ermittlungsgruppe "C-entrum", die das sächsische Landeskriminalamt (LKA) und die Polizei Chemnitz gebildet haben, die Vorfälle in der Innenstadt von Chemnitz aufklären. Nach Auskunft des LKA sind in der Gruppe acht Beamte tätig.

Wegen der Panne in Sachsen hat Bundesinnenminister Horst Seehofer nach Informationen von WELT AM SONNTAG ein Gespräch mit Bundespolizeipräsident Dieter Romann geführt. Daraufhin hatte Seehofer mit Blick auf den Freistaat öffentlich erklärt: "Sofern von dort angefordert, steht der Bund mit polizeilichen Unterstützungsmaßnahmen zur Verfügung." Sein Landeskollege Wöller nahm diese Offerte kurz darauf für künftige Demonstrationen an.

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