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Schwedens Corona-Weg - noch immer umstritten

dw.com-Logo dw.com 22.04.2021 Teri Schultz

Seit rund einem Jahr schauen viele auf Schwedens Sonderweg in der Corona-Krise. Geprägt wurde die Strategie vom Staats-Epidemologen Anders Tegnell, der gegenüber der DW nun seine Sicht der Dinge erläutert.

Volle Terrassen trotz Corona - auch im März 2021 konnte dieses Stockholmer Café ohne Maske besucht werden © TT News Agency/REUTERS Volle Terrassen trotz Corona - auch im März 2021 konnte dieses Stockholmer Café ohne Maske besucht werden

Am schwedischen Chef-Epidemiologen Anders Tegnell scheiden sich die Geister: Für die einen steht Tegnell für Vernunft und Freiheit. Seine Abneigung gegen Corona-Lockdowns hat es den Schweden ermöglicht, weiterhin maskenfrei Ski zu fahren, einzukaufen und auswärts essen zu gehen, während zur gleichen Zeit in vielen anderen europäischen Ländern die Corona-Maßnahmen sogar polizeilich überwacht wurden.

Für andere ist der staatliche Epidemiologe ein risikofreudiger Spieler, der Schweden mit seinem Kurs an die Spitze der COVID-19-Infektionsraten in Europa geführt hat. Seit Beginn der Pandemie sind in dem skandinavischen Land laut der Datenplattform "Corona in Zahlen" mehr als 13.000 Menschen an dem Virus gestorben. Vor allem in der ersten Corona-Welle gab es viele Opfer. Der Sonderweg geriet in Verruf - selbst beim eigenen König.

In Deutschland waren es zwar bislang mehr als 72.000 Corona-Tote, doch dafür leben in der Bundesrepublik auch achtmal so viele Menschen. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt in Schweden zur Zeit bei rund 400 auf 100.000 Einwohner (Stand 21. April) und damit mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland.

Tegnell: Schweden ist nur "anders"

Tegnell scheint von der Darstellung Schwedens und der Diskussion über den sogenannten Sonderweg des Landes befremdet. "Zu sagen, dass Schweden ganz anders gehandelt hat als andere Länder, ist nicht wahr", sagte Tegnell der DW in Stockholm. "Wir haben im Grunde das Gleiche getan wie viele andere Länder. Wir haben es nur auf eine etwas andere Art und Weise getan."

Setzt bei Schwedens Umgang mit der Corona-Pandemie eher auf Freiwilligkeit: Anders Tegnell, Staatesepidemiologe © Adriaan De Loore/DW Setzt bei Schwedens Umgang mit der Corona-Pandemie eher auf Freiwilligkeit: Anders Tegnell, Staatesepidemiologe

"Etwas anders" scheint untertrieben, wenn man Schwedens Reaktion auf die Pandemie mit den strengen Restriktionen anderer EU-Ländern vergleicht. Denn in Schweden sind die meisten Maßnahmen "Empfehlungen" und keine Vorschriften.

Ausnahmen sind die Höchstgrenze für Treffen, acht Menschen dürfen dies - Stand Ende März - maximal sein. Außerdem müssen Restaurants und Kneipen um 20 Uhr schließen. Universitäten und Schulen setzen ab der neunten Klasse zudem auf Distanz- und Onlineunterricht, Kitas und Grundschulen bleiben - anders als zum Beispiel in Deutschland - geöffnet.

Maskentragen erwünscht, aber keine Pflicht

Auch beim Thema Maske unterscheidet sich Schweden von anderen Ländern. Tegnell hält sie für wenig wirkungsvoll, das Tragen wurde deshalb nie vorgeschrieben. "Sie können an Ländern wie Frankreich, Italien und sogar Deutschland sehen, dass sie trotz strenger Regeln für das Tragen von Masken eine große Zunahme an Corona-Infektionen haben", so der Epidemiologe. Erst seit diesem Januar werden Fahrgäste in öffentlichen Verkehrsmitteln dazu angehalten, sich zu maskieren, besonders während der Hauptverkehrszeit. Bußgelder für Verstöße gibt es jedoch nicht.

Maskentragen ist in der Stockholmer Metro eine Bitte, aber keine Pflicht © Jonas Gratzer/Getty Images Maskentragen ist in der Stockholmer Metro eine Bitte, aber keine Pflicht

"Die Menschen haben ihr Verhalten enorm verändert, und sie haben das freiwillig getan, weil sie wissen, dass es das Richtige ist", sagt Tegnell und verweist auch auf die hohe Anzahl der Schweden, die von zu Hause aus arbeiten. Die Home-Office-Quote liegt bei rund 40 Prozent, viele Schweden vermeiden zudem öffentliche Verkehrsmittel, wenn möglich.

Welches Land ist Schweden ähnlich?

Immer wieder muss sich Schweden mit anderen Ländern vergleichen lassen, besonders mit seinen nordischen Nachbarn Finnland und Norwegen, die europaweit die niedrigsten Corona-Todeszahlen aufweisen. Dabei gebe es große Unterschiede, so Tegnell. Schweden sei in den Ballungsräumen dichter besiedelt, zudem gebe es einen höheren Anteil einkommensschwacher Menschen.

Das Corona-Risiko gilt für Menschen mit geringem Einkommen als allgemein höher, auch in Deutschland. Durch beengtes Wohnen und Jobs mit viel Kontakt zu anderen Menschen, wächst die Gefahr einer Infektion. "Schweden ist in vielerlei Hinsicht eher mit Belgien, Österreich und sogar Deutschland vergleichbar", sagt Tegnell.

Wie gut kann Schwedens Regierung kommunizieren?

Unabhängig davon, ob Schweden als Vorbild taugt oder nicht, glaubt Christian Christensen, Journalismus-Professor an der Universität Stockholm, die schwedische Regierung habe vor allem ein Kommunikaionsproblem. Ein Beispiel: Erst vor rund drei Monaten wurde die Empfehlung ausgesprochen, während der Hauptverkehrszeit in Bussen und Bahnen Maske zu tragen. Doch nur wenige Menschen halten sich daran. Christensen glaubt, dies liege auch daran, dass zu wenig erklärt wurde. Dadurch sei das Misstrauen in die Politik gewachsen. Viele hätten sich gefragt, ob sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Maskentragen geändert hätten - oder lediglich die Politik.

Tegnell steht für Freheit, findet Verkäufer Gustav Agerblad - und ließ sich den Wissenschaftler auf den Oberarm tätowieren © Teri Schultz/DW Tegnell steht für Freheit, findet Verkäufer Gustav Agerblad - und ließ sich den Wissenschaftler auf den Oberarm tätowieren

Epidemiologe Tegnell findet, seine Behörde habe viel Öffentlichkeitsarbeit betrieben - und er räumt dennoch ein: "Ich bin mir sicher, dass wir immer noch mehr tun können." Die meisten Schweden seien jedoch mit den öffentlichen Maßnahmen zufrieden.

Tegnell wird zum Popstar

Einer von ihnen ist Gustav Lloyd Agerblad, ein in Stockholm ansässiger Verkäufer, der vor einem Jahr für Schlagzeilen sorgte, als er sich ein Bildnis von Tegnell auf den Arm tätowieren ließ. "Er wurde aus dem Nichts zum Rockstar", sagt Agerblad lachend und merkt an, dass Tegnells Popularität mit dem Anstieg der Infektionen ein wenig nachgelassen hat. Agerblad sagt, er bereue den Schritt dennoch nicht. "[Tegnell] repräsentiert diese andere Art des Umgangs mit Krisen in der Welt", erklärt er, "wo die Menschen noch viel Freiheit haben können."

Auf diese Form der Ehrung angesprochen, sagt Tegnell, als Spezialist für Infektionskrankheiten könne er keine Tätowierungen befürworten.

Aus dem Englischen adaptiert von Stephanie Höppner.

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Autor: Teri Schultz

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