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Sigmar Gabriel: Er hat sich verloren

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 09.03.2018 Bernd Ulrich

Sigmar Gabriel © Sven Hoppe Sigmar Gabriel

Sigmar Gabriel hat viele niedergewalzt, jetzt wurde er selbst entmachtet. Vielleicht muss er auch gehen, weil er den ganz großen Schritt nie gewagt hat.

Ja, dieser Mann ist die Pest. Ja, er walzt Leute nieder. Ja, er ist wechselhaft. Aber das alles macht ihn nicht aus. Sigmar Gabriel ist auf der anderen Seite eben ein begnadeter Politiker. Er kann Menschen im Einzelgespräch überzeugen, bezwingen und bezaubern. Oftmals funktioniert das mit ganzen Sälen. Er überzeugt Demokraten und Autokraten, kleine Leute und zuweilen große Verbrecher. 

Er verfügt über einen zwar nicht untrüglichen, aber doch animalischen politischen Instinkt, wie es ihn nur selten gibt. Sieht Gabriel irgendwo in der politischen Landschaft eine Lücke, so drängt er mit Macht hinein, genauer: Es drängt ihn hinein. Glaubt er, Fehler bei einem anderen sozialdemokratischen Politiker zu sehen oder eine ausgelassene Chance, so tritt er höchstselbst den Ball ins Tor, manchmal inklusive der Gegenspieler. Und Mitspieler.

Macht ist für ihn eine plastische Masse, er knetet sie, er formt sie, es hat entschieden etwas Sinnliches. Doch nun wurde er entmachtet, vermutlich für immer. Wahrscheinlich hat er wirklich nicht mehr hineingepasst in diese neue SPD, die Andrea Nahles und Olaf Scholz da aufstellen, und doch wird er fehlen, denn es gibt nicht viele, die auch nur annähernd so enorme politische Energien haben wir er.

Und so hat sein Abgang etwas Tragisches und man fragt sich: Musste das wirklich sein? Hätte er sich nicht anders verhalten können, mindestens die Sache mit Marie und dem Mann mit Haaren im Gesicht sein lassen? Diese Frage greift zu kurz. Das Rätsel seines Machtverlusts erklärt sich nur aus seinem zweimaligen Machtverzicht. Warum hat er einmal Peer Steinbrück und einmal Martin Schulz den Vortritt bei der Kanzlerkandidatur überlassen und damit faktisch sein eigenes politisches Ende herbeigeführt?

Richtige Politik bedeutet, einfach mal loszuspringen

In all den Jahren, die ich Sigmar Gabriel begleitet und beobachtet habe, konnte ich einen Widerspruch intellektuell nie wirklich auflösen: Der Mann, der andere so gut überzeugen kann, manchmal dieselben Menschen binnen weniger Tage von komplett gegensätzlichen Standpunkten – dieser Mann war von sich selbst nie ganz überzeugt. Stunden und Aberstunden hat Gabriel mir erklärt, warum er 2014 nicht Kandidat werden konnte und 2017 auch nicht. Doch je mehr überplausible Begründungen er fand, desto weniger hat es mich überzeugt. Politik, niemand weiß das besser als er, besteht ja nicht allein darin, stundenlang Wassertiefe und Wassertemperatur zu prüfen, bevor man vom Zehnmeterbrett springt. Richtige Politik bedeutet, auch mal einfach loszuspringen – darauf setzend, dass Wasser im Becken sein wird, eben weil man springt.

Gabriel ließ den anderen nicht etwa deshalb den Vortritt, weil er sie für besser hielt – das gewiss nicht. Sondern weil er zu wenig an sich selbst glaubte. Es gab immer einen letzten Rest Selbstmisstrauen, der ihn von dem Schritt ganz nach vorn abhielt.

Ob er mit diesem Selbstmisstrauen recht hatte, lässt sich nun nicht mehr herausfinden, so etwas kommt halt nur ans Licht, wenn man den letzten Schritt geht und sich tatsächlich ins hellste Licht der Republik stellt. Sicher ist, dass Gabriel seine ungewöhnlichen politischen Kräfte zuweilen nicht ganz unter Kontrolle hatte – anders als etwa Angela Merkel. Doch wer hat das schon?

Vielleicht liegt es an seiner Ambivalenz als Mann. Gabriel ist viel sensibler als etwa ein Gerhard Schröder, der seinen Machismo mit Lautstärke und Schenkelklatschen lebte, mit Sentimentalität statt Sensibilität, er war der Typus, der die Fehler kaum je eingesteht, sie überspielt, überschreit und überpöbelt. Sigmar Gabriel hat etwas von alledem, aber er ist es nicht wirklich, zum richtigen Macho hat es (glücklicherweise) kaum je gereicht.

Zum Gegenteil aber auch nicht. Man kann mit Gabriel unter vier Augen sehr gut über seine Schwächen reden, seine Ängste, seine Kindheit, er schaut sehr klug und analytisch auf sich selbst. So war es auch bei dem Buchprojekt, das wir uns nach der Bundestagswahl 2013 vorgenommen haben. Lange Interviews waren das, zur SPD vor allem, ehrlich leidenschaftlich, frech und liebevoll. Und zu seinen Schwächen, in dieser Hinsicht bot das Buch gewissermaßen eine Erklärung für all das Irritierende, was eben auch von ihm ausgeht.

Die Öffentlichkeit und die Genossen konnten darin einen Mann kennenlernen, der um seine Fehler weiß, auch um ihr Herkommen, der reflektiert ist wie nur wenige Politiker. Genauer gesagt: Sie hätten ihn kennenlernen können. Denn das Buch, das einen Gabriel präsentierte, der Schwäche zu zeigen als Stärke versteht, ist nie erschienen. Er hat es gestoppt. Zu riskant war es ihm und seinen Beratern erschienen, sie setzten dann doch lieber auf die klassische Stärkeprojektion von Politikern: wenige Schwächen offenbaren. Und wenn sich doch mal eine zeigt, zügig drüber hinweggehen, Vorneverteidigung.

Irgendwo zwischen altem Macho und neuem Mann hat sich Sigmar Gabriel als Politiker verloren.

Ob ein vollständigeres Bild von Gabriel seine Schwierigkeiten mit der Öffentlichkeit und der eigenen Partei hätte überwinden können – wer weiß das schon. Vielleicht hatte er Recht mit seinem Rückzieher, vielleicht auch nicht. Gewiss hat es nicht den Ausschlag gegeben.

Denn das eigentlich Tragische an seiner Karriere liegt sowieso außerhalb seiner Person, nämlich in seiner Partei. Die befindet sich auf einem Kurs, der die jeweils schlechteren Eigenschaften ihrer Anführer (und Anführerinnen?) früher oder später hervortreibt und den Ausschlag geben lässt. Auch wenn Gabriel geht, so bleibt doch das Drama. In den Hauptrollen jetzt: Andrea Nahles und Olaf Scholz.

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