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Studie: Ostdeutschland verliert Anschluss

dw.com-Logo dw.com 02.10.2018 dw.com

Eine Studie wagt den Ausblick ins Deutschland des Jahres 2045. Beim Wohlstandsgefälle und bei den Renten sehen die Forscher große Herausforderungen.

Provided by Deutsche Welle © picture-alliance/dpa/P. Gercke Provided by Deutsche Welle

Seit der Wiedervereinigung ist die wirtschaftliche Kluft zwischen alten und neuen Bundesländern kleiner geworden. Einer neuen Studie zufolge droht der Osten aber bald wieder zurückfallen. "Bis 2045 nimmt das Gefälle nach unseren Prognosen wieder zu", heißt es einer Studie der Prognos AG. Grund sind Abwanderung und geringe Geburtenzahlen.

Dabei werde es nicht nur ein West-Ost-Gefälle geben, sondern auch ein Süd-Nord-Gefälle. Liege die Wirtschaftsleistung pro Kopf im Osten einschließlich Berlins heute bei drei Vierteln des Westniveaus, sinke sie bis 2045 auf weniger als zwei Drittel und damit sogar unter den Wert aus dem Jahr 2000.

Was die Forscher noch erwarten:

Bevölkerung schrumpft nur langsam

Deutschland insgesamt wächst - zumindest noch die nächsten Jahre. Danach sinkt die Einwohnerzahl, wie die Forscher schreiben. Bis 2045 allerdings weniger als lange angenommen. "Die Migrationsbewegungen der letzten Jahre tragen dazu bei, dass lediglich mit einem Rückgang um 2,5 Prozent zu rechnen ist." Das bedeutet: Auch in 27 Jahren werden noch gut 80 Millionen Menschen in Deutschland leben. Heute sind es knapp 83 Millionen.

Wohlstand in Städten und im Süden

Länder wie Hamburg, Bayern, Hessen, Baden-Württemberg und Berlin könnten ihre Wirtschaftsleistung bis 2045 um mehr als die Hälfte steigern, dagegen dürfte das Bruttoinlandsprodukt in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern kaum zulegen, wie Prognos erwartet.

Das liegt vor allem an der Bevölkerungsentwicklung, bei der sich die Forscher auf Daten des Statistischen Bundesamts stützen. "Mehr Köpfe bedeuten in der Regel auch mehr Arbeitskräfte und Wirtschaftsleistung", schreiben sie.

Sachsen-Anhalt jedoch verliert demnach gut jeden fünften Einwohner, Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland jeden siebten. Berlin dagegen erreicht vier Millionen Einwohner. Immer mehr Menschen zieht es auch in den Großraum München. Deutschland insgesamt kann nach der Studie mit einem Wirtschaftswachstum von jährlich 1,3 Prozent rechnen.

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Deutschland wird alt

Dieser Trend ist bekannt: Die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre gehen in Rente, die Lebenserwartung steigt. Das mittlere Alter (Median) der Deutschen liegt heute bei 45,8 Jahren, 2045 werden es 49,5 Jahre sein, glauben die Wissenschaftler. Die Folge: Außer in den Stadtstaaten Hamburg und Berlin sinkt bundesweit die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter.

Die Zahl der Alten steigt, die Zahl der Erwerbstätigen sinkt © Imago/blickwinkel Die Zahl der Alten steigt, die Zahl der Erwerbstätigen sinkt

Weniger Erwerbstätige, weniger Arbeitslose

Wegen des demografischen Wandels wird die Gesamtzahl der Beschäftigten allerdings sinken. Im Jahr 2045 werde es rund acht Millionen Menschen weniger geben, die im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren sind, heißt es in der Studie.

Die Forscher erwarten, dass wegen der steigenden Lebenserwartung in Zukunft mehr ältere Personen arbeiten werden. Auch rechnen sie mit längeren Arbeitszeiten bei geringfügig und in Teilzeit beschäftigten Personen.

Bei der Arbeitslosigkeit sind die jüngsten Tiefstände von rund fünf Prozent noch nicht das Ende, so die Studie. In zwölf Jahren werde die Arbeitslosenquote bundesweit bei 4,6 Prozent liegen.

"Update" für die Rente

Wenn immer weniger Leute in einen Topf einzahlen, aber immer mehr Leute etwas daraus bekommen wollen, gibt es eines Tages ein Problem - zumal wenn die Digitalisierung die Arbeitswelt wandelt, das klassische Angestelltenverhältnis seltener wird und mehr Leute selbstständig und auf Abruf einzelne Aufträge abarbeiten.

Derzeit sind es noch immer die Abzüge von Lohn und Gehalt der Arbeiter und Angestellten, die die Sozialkassen füllen. "Der Sozialstaat braucht ein Update", stellt Prognos fest.

Denkbar sind aus Sicht des Instituts andere Finanzierungen wie etwa eine Erwerbstätigenversicherung, in die auch Minijobber, Selbstständige und Beamte einzahlen, oder eine Wertschöpfungsabgabe, um Kapitaleinkommen stärker heranzuziehen.

Stimmt die Prognose?

Die Zukunft lässt sich schwer vorhersagen, das gilt auch beim Deutschland-Report von Prognos. Viele Trends erwarten jedoch auch andere Institute so. Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) etwa kommt zu ganz ähnlichen Bevölkerungs- und Abwanderungsprognosen.

Prognos erstellt den Report alle vier Jahre. Weitgehend bewahrheitet haben sich unter anderem Vorhersagen zum Wirtschaftswachstum und zur Abwanderung im Osten.

Frühere Bevölkerungsprognosen dagegen wurden Makulatur, als vor wenigen Jahren Hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Auch dass die Arbeitslosigkeit derart schnell sinken würde wie zurzeit, hatten die Forscher so nicht erwartet.

Das Forschungsunternehmen Prognos gehört mehrheitlich der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und verdient sein Geld unter anderem mit Beratung für Unternehmen und politische Institutionen. Die gesamte Studie wird zum Jahreswechsel 2018/2019 als Buch veröffentlicht.

bea/hb (dpa, prognos-deutschlandreport.de)

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