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Und dann legt sich Jens Spahn mit dem TV-Arzt an

WELT-Logo WELT 31.01.2020
"Ich verstehe die ganze Hektik nicht": Jens Spahn bei Maybrit Illner Quelle: maybrit Illner © maybrit Illner "Ich verstehe die ganze Hektik nicht": Jens Spahn bei Maybrit Illner Quelle: maybrit Illner

Mehr als 50 Millionen Menschen in China stehen zurzeit unter Quarantäne wegen des Coronavirus. Die Weltgesundheitsorganisation hat den globalen Gesundheitsnotstand ausgerufen. In Deutschland stehen 90 Menschen unter Beobachtung, fünf sind erkrankt, in deutschen Apotheken sind Atemschutzmasken ausverkauft. Maybrit Illner diskutierte über die globale Ausbreitung der Erkrankung unter dem Titel: „Wettlauf gegen die Krankheit – wie gefährlich ist das Coronavirus?“

Der wichtigste Rat des Abends

Zunächst wollte die ZDF-Moderatorin wissen, wie ansteckend das Virus ist. „Eine gute Frage“, antwortet daraufhin Virulogin Prof. Melanie Brinkmann ziemlich ehrlich. „Das wissen wir noch nicht.“ Das Problem sei momentan, dass man nicht genau wisse, wann eine Person ansteckend ist. Das sei offenbar auch auch Symptome der Fall. Dass es eine relative hohe Sterblichkeitsrate gebe, sei normal bei solchen Epidemien, denn sie erschienen am Anfang sehr hoch, würden dann später aber oft relativiert.

Die Grippe mache es allerdings in der Tat zurzeit nicht leichter, da sich die Symptome ähnelten. „Die Grippe ist wirklich ein Problem, denn wir haben Grippesaison.“ In der Tat seien deshalb die Intensivstationen ausgelastet. „Es ist von daher kein so gutes Timing. Es wäre etwas später besser gewesen.“ Bei der Frage, was jeder einzelne also tun könne, sagte Brinkmann: sich gegen Grippe impfen lassen.

Das größte Angstszenario

Vor allem Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wiederholt zurzeit fast schon fast gebetsmühlenartig: „Wir sind gut vorbereitet!“. Ein ganz anderes Bild zeichnete dagegen TV-Mediziner Johannes Wimmer, ein Humanmediziner mit eigenem YouTube-Kanal. Das Tückische am Coronavirus sei, dass eine virale und keine bakterielle Lungenentzündung ausgelöst werden kann. Dadurch entstehe die hohe Sterblichkeit.

Die Spannbreite der Symptome sei sei groß, im schlimmsten Falle sei der Körper durch die Erkrankung komplett auf Maschinen angewiesen: „Dass eine Dialyse stattfinden muss, dass der Körper komplett auf Maschine extern angewiesen ist. Das ist der krasseste Fall.“

Der beste Schlagabtausch

Wimmer erzählte aus seiner Zeit als Arzt in der Notaufnahme. Und das, was er da skizzierte, klang gar nicht so weit hergeholt: Wenn nachts nur zwei isolierpflichtige Patienten ins Krankenhaus kämen, würde das eine Notaufnahme in die Knie zwingen. „Denn die Zimmer sind ja alle belegt. Es ist ja alles voll.“ Auch die Isolierstationen, von denen immer die Rede sei, stünden nicht so zur Verfügung wie gedacht. „Hier in Berlin ist ja nicht der halbe Bettenturm der Charité leer und wartet, dass irgend so ein Fall eintritt.“

Spahn will Wimmer unterbrechen: „Entschuldigen Sie mal, das sind ja erst mal keine Patienten, die da kommen, sondern Bürgerinnen und Bürger! Nur dass wir vielleicht den Unterschied doch noch …“.

Doch der TV-Arzt lässt sich nicht abbringen. Er habe zudem noch einmal mit Kollegen aus China über die aktuelle Datenlage gesprochen. Von den 90, die zurzeit in Deutschland als infiziert gelten könnten, müsse statistisch gesehen einer sterben, sagt er weiter.

Spahn hält dagegen: 50 Menschen seien in diesem Jahr an Grippe bereits gestorben. „Es soll nicht darum gehen, die Dinge zu relativieren, weil ein neuer Virus, von dem wir noch nicht genau wissen, was es genau mit ihm auf sich hat, das muss man ernst nehmen.“

Doch der Medizin-Blogger hält dagegen: Die Grippe-Zahlen seien jedoch bloß Schätzungen. Seiner Meinung nach komme Deutschland noch einmal „mit dem blauen Auge davon“. Dass es nicht mehr Kranke in Deutschland gäbe, führt er auf „Dusel, so viel Glück“ zurück. „Den Menschen, die in Deutschland behandelt werden, und denen, die wahrscheinlich am Wochenende aus China nach Deutschland evakuiert werden, ginge es noch im Verhältnis sehr gut. Doch das könne sehr „schnell kippen.“

Kopfschütteln. Spahn will erneut kontern: „Ich verstehe die ganze Hektik und Herangehensweise nicht, die Herr Doktor Wimmer hier macht“ und tadelte weiter: „Ich wäre sehr dankbar, wenn Sie in der Frage, wie Sie in der Wortwahl rangehen, das vielleicht etwas anders machen würden. Dafür finde ich die Situation zu ernst!“

Doch Wimmer sagt nur: „Die WHO ruft ja nicht mal eben einen globalen Notstand aus“. Den habe sie bei Sars auch deshalb ausgerufen, weil sich das Krankenhauspersonal weltweit immer mehr infizierte. Und die Infektionszahlen von Sars seien mittlerweile durch das Coronavirus überschritten. „Das ist nichts, was man einfach so abtun kann.“

Spahn versucht es wieder: „Hier tut keiner irgendwas ab, sondern wir gehen sehr wachsam und gut vorbereitet mit der Situation um!“ Der Minister finde es nur wichtig, dass „wir die Dinge entsprechend einordnen und am Ende auch angemessen mit den Dingen umgehen!“

Der unerschütterlichste Optimismus

China verhalte sich bei dem neuen Coronavirus besser als bei Sars, sagte der Journalist und China-Experte Felix Lee („taz“). Die Führung habe ihre Lehren aus den vorherigen Epidemien gezogen und gelernt. „Es hat sich eine Menge getan seit Sars“, sagte Lee. Das Hygienebewusstsein in China sei heute ein ganz anderes, da habe sich durch den zunehmenden Wohlstand und die Bildung in sehr kurzer Zeit sehr viel getan. „Wenn man sich den Verlauf des letzten Monats anguckt, wie schnell einiges vonstatten ging.“

Die Globalisierung sei sicherlich schuld daran, dass sich das Virus so schnell ausbreitete. „Aber man muss der Globalisierung auch zugute halten, wie viel Wissensaustausch es seitdem gegeben hat.“

Die Identifizierung des Virus sei innerhalb weniger Tage möglich gewesen: Ein deutsches Team habe einen Test entwickelt, inzwischen werde weltweit an einem Impfstoff entwickelt. „China hat der Welt viel zu verdanken. Aber auch die Welt hat China zu verdanken, dass es nicht noch schlimmer verbreitet ist, als es momentan schon ist.“

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