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„Vergleiche mit dem dunkelsten Kapitel Deutschlands enttäuschen uns“

WELT-Logo WELT 14.10.2021

Bilder vom Großen Zapfenstreich für die Afghanistan-Veteranen sorgten für eine Debatte. TV-Moderator Böhmermann fand die Würdigung „richtig scheiße“. Das Verteidigungsministerium wehrt sich nun gegen die Vorwürfe.

20 Jahre dauerte der Einsatz in Afghanistan für die Bundeswehr, bei dem 59 Deutsche ums Leben gekommen sind. Mit einem großen Zapfenstreich wurde den Soldatinnen und Soldaten nun für ihren Einsatz gedankt. Quelle: WELT/ Sebastian Plantholt © WELT/ Sebastian Plantholt 20 Jahre dauerte der Einsatz in Afghanistan für die Bundeswehr, bei dem 59 Deutsche ums Leben gekommen sind. Mit einem großen Zapfenstreich wurde den Soldatinnen und Soldaten nun für ihren Einsatz gedankt. Quelle: WELT/ Sebastian Plantholt

Das Bundesverteidigungsministerium hat mit Ernüchterung auf Kritik am Großen Zapfenstreich mit Fackeln vor dem Reichstagsgebäude reagiert. „Debatte ist notwendig und wichtig. Vergleiche mit dem dunkelsten Kapitel Deutschlands enttäuschen uns“, schrieb das Ministerium am Donnerstag auf Twitter.

Die Bundeswehr sei eine Parlamentsarmee. „Als diese hat sie ihren Platz inmitten der Gesellschaft – bei besonderen Anlässen auch vor dem Reichstagsgebäude.“ Zu dem Kommentar postete das Ministerium ein Erklärvideo zum Zapfenstreich.

Die Debatte war am Mittwochabend aufgekommen. Auf dem Platz der Republik waren die Leistungen der in Afghanistan eingesetzten Soldatinnen und Soldaten mit einem Großen Zapfenstreich gewürdigt worden – das höchste militärische Zeremoniell wurde dabei unter anderem mit Fackelträgern abgehalten. Das sorgte bei Twitter für deutliche Kritik – die Ästhetik erinnere zu sehr an die Zeit des Nationalsozialismus.

Grünen-Urgestein fühlt sich an NS-Zeit erinnert

„Fackelmärsche vorm Reichstag – let‘s agree to disagree“, schrieb etwa Satiriker Jan Böhmermann. Und: „Ich finde Fackelmärsche von Uniformierten vorm Reichstag richtig, richtig scheiße.“ In einem weiteren Tweet führte er aus, wenn allen unwohl bei Fackelmärschen sei, aber alle dennoch ein respektvolles Ritual für die Bundeswehr forderten, dann könne sich das „Land der Tüftler“ doch eine „Zapfenstreich-Innovation“ ausdenken.

Auch Hans-Christian Ströbele, Rechtsanwalt und Grünen-Politiker, kritisierte die Zeremonie: „Großer Zapfenstreich mit Fackelzug heute vor Reichstag. Buwe feiert Ende ihres Einsatzes in Afghanistan. Was soll das militaristische Ritual aus Preußen und NS-Zeit. In dem Krieg starben über 175.000 Mensch – meist Zivilisten. Nichts ist gut in Afghanistan. Was gibts da zu feiern.“

Die ehemalige Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth schrieb auf Twitter: „Wenn Deutsche Fackeln in die Hand nehmen“ sage sie mit Max Liebermann „ick kann janich so viel fressen, wie ich kotzen möchte“. Sie kritisierte, der Zapfenstreich diene einer „Militarisierung der Gesellschaft“. Die Linke-Außenpolitikerin Sevim Dagdelen verwies unter anderem auf die zivilen Opfer des Afghanistan-Krieges und die 59 Bundeswehr-Soldaten, die in Afghanistan ihr Leben ließen. „Was gibt es da zu feiern mit diesem militaristischen Mummenschanz?“, fragte sie ebenfalls auf Twitter.

Soldaten nehmen vor dem Reichstagsgebäude an dem Großen Zapfenstreich in Berlin teil, um den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu würdigen © dpa/Christophe Gateau Soldaten nehmen vor dem Reichstagsgebäude an dem Großen Zapfenstreich in Berlin teil, um den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu würdigen

Bundestagsabgeordnete verteidigen den Bundeswehr-Zapfenstreich

Die Kritik stieß wiederum bei vielen Twitter-Usern und Politikern auf Unverständnis. „Als Bundestag stehen wir in einer bleibenden Verantwortung, für das was die letzten 20 Jahre war und für das, was daraus an Lehren für die Zukunft wird. Dafür gibt es keinen passenderen Ort als dieses Parlament. Und wer Aufklärung über das Zeremoniell an sich braucht, kann sich gerne melden. Genervte Grüße“, schrieb etwa der Grünen-Verteidigungspolitiker Tobias Lindner. Der Grünen-Außenexperte Omid Nouripour bezeichnete den Zapfenstreich als „richtig, würdevoll und bewegend“.

Die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann kommentierte: „Zeremoniell war in Form, Würde & am einzig richtigen Ort (Parlamentsarmee vor Parlament) absolut angemessen.“ Das Schlagwort #Zapfenstreich lag zeitweise am Donnerstagmorgen auf Platz zwei der Twitter-Trends für Deutschland.

Auch Carlo Masala, Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr München, zeigte kein Verständnis für die Kritik: „Wie falsch muss man in der Birne verlötet sein, wenn Bilder vom Parlament einer stabilen Demokratie und davor Fackeln einer demokratischen Armee, die eine Armee ebendieses demokratischen Parlaments ist, NS Assoziationen erzeugen.“

Auch das Verteidigungsministerium hatte direkt am Mittwoch auf die Kritik geantwortet und getwittert: „Der Große Zapfenstreich gilt unseren Soldatinnen & Soldaten. Er ist Ehre für die Truppe. Hier werden Menschen gewürdigt, die ihr Leben für die Demokratie eingesetzt haben. Das politisch zu missbrauchen, ist unwürdig.“

Die Reaktionen darauf fielen unterschiedlich aus. Manche User unterstützten die Erklärung des Ministeriums. So heißt es etwa in einem Kommentar: „Dass ein großer Zapfenstreich nun mal ein gewisses Protokoll hat, ist aber bekannt, oder? Einen großen Zapfenstreich mit NS-Fackelmärschen gleichzusetzen, ist widerlich und geschichtsvergessen!“

Andere forderten eine grundlegende Änderung der Zeremonie: „Nichts gegen Gedenken und Würdigung, jedoch erzeugen Bilder von Fackeln und Stahlhelm in Reih und Glied vor dem Reichstag falsche Assoziationen im In- und Ausland, die dem Gedenken unwürdig sind. Die Zeremonie sollte dringend reformiert werden.“

Tatsächlich sorgten die Bilder auch international für negative Reaktionen. „Können wir das bitte nicht machen?“, twitterte etwa BBC-Journalist Anthony Zurcher.

Die Ursprünge des Zapfenstreichs gehen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Mit dem Brauch werden heute etwa Bundespräsidenten und Bundeskanzler sowie Verteidigungsminister bei ihrer Verabschiedung geehrt. Das Zeremoniell findet immer abends statt, besteht aus einem Aufmarsch, mehreren Musikstücken – darunter die Nationalhymne – und dem Ausmarsch. Zum Großen Zapfenstreich gehören immer auch Fackelträger. Vor dem Reichstagsgebäude gab es einen Großen Zapfenstreich etwa 2015 zum 60-jährigen Bestehen der Bundeswehr.

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