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Vom Buhmann der Türken zu Erdogans wichtigster Werbefigur

WELT-Logo WELT 11.06.2019 Oskar Beck
In traumhafter Kulisse haben Mesut Özil und Amine Gülse geheiratet. Auch der türkische Präsident Erdogan folgte der Einladung und übernahm in der Zeremonie eine besondere Rolle. Quelle: WELT/ Sabrina Behrens © Omnisport In traumhafter Kulisse haben Mesut Özil und Amine Gülse geheiratet. Auch der türkische Präsident Erdogan folgte der Einladung und übernahm in der Zeremonie eine besondere Rolle. Quelle: WELT/ Sabrina Behrens

Cem Özdemir hat sich über Pfingsten im Deutschlandfunk gemeldet und die Hochzeit von Mesut Özil und Amine Gülse mit dem finalen Satz abgerundet: „Da scheinen sich zwei gesucht und gefunden zu haben.“ Aber Vorsicht: Özdemir meint nicht das Brautpaar. Er meint Özil und Recep Tayyip Erdogan.

Graue Haare wachsen dem Grünen angesichts der gefühlsstarken Fotos, die da aus dem „Four Seasons Hotel“ in Istanbul ans Licht der Öffentlichkeit drangen. Dabei war seit Langem abzusehen, dass der deutsche Ex-Weltmeister und der türkische Staatspräsident prächtig harmonieren.

Die Einladung: Mesut Özil und seine Verlobte Amine Gülşe überreichen sie Recep Tayyip Erdogan im März dieses Jahres Quelle: PA/dpa © PA/dpa Die Einladung: Mesut Özil und seine Verlobte Amine Gülşe überreichen sie Recep Tayyip Erdogan im März dieses Jahres Quelle: PA/dpa

Nur ungern hat sich der eine noch ohne den anderen sehen lassen, mal schenkte Özil dem Präsidenten sein Trikot, mal saß und aß man appetitlich zusammen. Kurz: Ohne Erdogan wäre die Hochzeit womöglich gar nicht angepfiffen worden. Durfte sich Özil, fragt Özdemir aber nun trotzdem, hergeben als „Werbeplattform für einen Diktator“?

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Hat Erdogan Özil ausgebuht?

Die einen sagen so, die anderen so, und der Rest ist geteilt durch einen tiefen Riss. Als Özil, der gebürtige Ruhrpottler, sich einst für den DFB entschied, pfiffen ihn bei einem Länderspiel in Berlin 40.000 Deutschtürken bei jeder Ballberührung gnadenlos aus. „Das war nicht gut“, mahnte damals der türkische Staatspräsident Abdullah Gül und nannte Özil „ein sehr gelungenes Beispiel für Integration“ und einen „Beitrag zur deutsch-türkischen Freundschaft“. Erdogan, als Regierungschef, saß übrigens auf der Tribüne neben Angela Merkel.

Prominenter Trauzeuge: Recep Tayyip Erdogan (2.v.r.) bei der Hochzeit von Mesut Özil und Amine Gülse © dpa Prominenter Trauzeuge: Recep Tayyip Erdogan (2.v.r.) bei der Hochzeit von Mesut Özil und Amine Gülse

Hat er mitgebuht? Heute ist jedenfalls vieles anders. So manche Meinung von damals steht kopf, Özil ist unter den Deutschtürken inzwischen Erdogans wichtigste Stimme, und die Pfiffe der 40.000 sind verstummt. Umso fassungsloser ist Özdemir. Aber vor dem Hintergrund von Özils Doppelpässen mit Erdogan gibt es neuerdings noch so etwas wie eine dritte Meinung: Muss der Fußball nicht froh sein, überhaupt noch einen zu haben, der politisch Farbe bekennt?

Der Letzte war Toni Kroos. „Es lebe Angie!!!“, jubelte dieser andere deutsche Weltmeister vor der letzten Bundestagswahl und lobte die Kanzlerin, worauf im Netz sogleich ein Shitstorm losbrach und ein besonders Angewiderter schäumte: „Könnte ich kotzen, wenn Sportler so ein Bekenntnis twittern.“ Kroos entgegnete: „Mach doch.“

Erdogans zweite entscheidende Promi-Hochzeit

Das würde sich Kroos heute eher nicht mehr trauen. Kaum einer wagt sich noch mit offenem Visier aufs politische Parkett, böse Zungen sprechen sogar schon von einem Rückfall in die 70er-Jahre. Damals wurden Sportstars noch als politische Blindgänger belächelt, niederträchtig ließen die Kabarettisten der Münchner Lach- und Schießgesellschaft einen Fußballhelden einmal sagen: „Ich wähle die CDU, weil sie mit Willy Brandt den besseren Kanzlerkandidaten hat.“ Das war zwar grober Unfug, aber immer noch mutiger als alles, was Sportler heute sagen.

Die Sportler wollen keine gerade Rechte aufs Maul, also halten sie es. Oder laden Staatspräsidenten zur Hochzeit ein. Wobei Erdogan nun schon die zweite Promi-Hochzeit entscheidend geprägt hat. Die erste war die von Hakan Sükür, der einmal als der „Bulle vom Bosporus“ der größte türkische Torjäger aller Zeiten war. Für die Regierungspartei AKP saß er 2011 im Parlament, und Erdogan persönlich war der Standesbeamte bei Sükürs Hochzeit.

Mit am Tisch saß als Trauzeuge Fethullah Gülen, und alles verlief harmonisch – bis Erdogan dann Gülen als Kopf hinter dem späteren Putsch verdächtigte. Heute lebt Sükür (wie Gülen) in den USA und erzählt dort in Interviews: „Ich wäre Minister geworden, wenn ich das Spiel mitgespielt hätte.“ Stattdessen lebt er jetzt ein unbequemes Leben im Exil, wie der in der NBA spielende Basketballer Enes Kanter, der sich bedroht fühlt. Wenn man die Mächtigen gegen sich hat, tut es weh.

Als die US-Fußballerin niederkniete

Manche wagen es trotzdem. Megan Rapinoe beispielsweise. 2015 wurde sie Fußball-Weltmeisterin, und Montag spielt sie bei der WM für die USA gegen Thailand. Aber ihren Sturmdrang hat sie schon vorab bewiesen, sie macht offen mobil gegen Donald Trump. Nie würde sie mit dem US-Präsidenten Hochzeit feiern, er ist für sie ein „Sexist“, „Rassist“, „Kleingeist“ und „kein guter Mensch“. Und seit die Frau mit den buntesten Frisuren des Fußballs auch noch bekannte, lesbisch zu sein, werden ihre Feinde nicht weniger.

Aus Protest ist Rapinoe vor einem Länderspiel bei der Hymne niedergekniet wie der Footballstar Colin Kaepernick, und sie wurde ins US-Team dann länger nicht mehr berufen, offiziell wegen einer Knieverletzung. Mit vier Mitspielerinnen hat sie den US-Verband wegen Diskriminierung verklagt, und wenn sie jetzt Weltmeister werden und womöglich eine trumpsche Einladung ins Weiße Haus kommt, wird sie harsch abwinken: No. „Ich stehe zu meinen Werten“, sagt Rapinoe, „auch wenn es sein kann, dass ich einen hohen Preis dafür zahlen muss.“

Gerade Trump ist nicht zimperlich, fragen Sie LeBron James. Als sich der US-Basketballkönig als Kritiker des Präsidenten outete, nutzte Trump das nächstbeste Gespräch des Stars mit dem CNN-Moderator Don Lemon zu dem Tweet: „LeBron James wurde gerade vom dümmsten Mann im Fernsehen interviewt. Er hat LeBron klug aussehen lassen, was nicht gerade einfach ist.“ Tiger Woods hat derartige Probleme nicht: Er spielt mit Trump gerne Golf, und im Rosengarten des Weißen Hauses hat ihm der Präsident unlängst begeistert die US-Freiheitsmedaille überreicht.

„Ich darf, ich will, aber ich sollte nicht sprechen“

Das ist inzwischen der Trend. Wenn Sportstars sich politisch noch äußern, dann am liebsten so, dass die Mächtigen glücklich sind. Im brasilianischen Präsidentschaftswahlkampf wurde Jair Bolsonaro vom einstigen Formel-1-Weltmeister Emerson Fittipaldi und mehreren ehemaligen Weltfußballern (Ronaldinho, Rivaldo, Kaká) unterstützt, und der große Neymar schickte sein „Like“ auch noch schnell ab.

Den leisen Verdacht, dass der Rechtsaußen Bolsonaro gewisse Tücken mit sich bringen könnte, räumte Rivaldo vollends mit dem Satz aus: „Wir brauchen ihn, um die Probleme unseres Landes zu lösen, und nicht, um uns Werte beizubringen.“ Der Nationaltrainer Tite, der als nachdenklich gilt, hat danach vor sich hingestammelt: „Ich darf, ich will, aber ich sollte nicht sprechen. Meine Position erlaubt das nicht.“

So machen Sportstars zusehends von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Sie tätowieren sich lieber chinesische Lebensweisheiten in die Haut als eine politische Botschaft – oder gehen den Weg von Ronaldinho, Rivaldo, Kaká und Özil. Cem Özdemir schüttelt, wie so viele, den Kopf über Özil.

Aber wenigstens wissen jetzt alle: Sie müssen nicht länger darauf warten, dass er sein Schweigen bricht und endlich damit herausrückt, warum er Erdogan vor der WM auf offener Bühne dieses Trikot schenkte. Diese Hochzeit war die Antwort. Er findet ihn klasse.

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