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Was hinter der Abrechnung von Ex-Papst Benedikt steckt

WELT-Logo WELT 29.07.2021 Matthias Kamann

Benedikt XVI. behauptet, viele in der kirchlichen Sozialarbeit „verdunkeln“ den katholischen Glauben. Das befeuert die auch von Anderen gehegten Zweifel, ob Caritas und Diakonie Kirche sind. Zugleich belebt der Ex-Papst damit aber auch einen persönlichen Konflikt wieder.

Papst Benedikt XVI. hält es für richtig, „Gläubige und Ungläubige voneinander zu scheiden“ Quelle: picture alliance/dpa © picture alliance/dpa Papst Benedikt XVI. hält es für richtig, „Gläubige und Ungläubige voneinander zu scheiden“ Quelle: picture alliance/dpa

Es beginnt mit gemütvoller Plauderei. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. erzählt aus seiner Zeit als junger Kaplan im München der frühen 50er-Jahre. Da habe es einen Jesuiten gegeben, dem bei der Predigtvorbereitung nicht viel einfiel. Sobald sich der aber den Hut eines anderen Paters aufgesetzt habe, sei die Inspiration gekommen. „Lustig“ sei auch gewesen, dass sich die katholische Jugend im alten Leichenhaus einquartiert hatte. Joseph Ratzinger blickt zurück.

Aber gegen Ende wird der 94-Jährige in dem schriftlich geführten Interview mit der „Herder Korrespondenz“ scharf. „In den kirchlichen Einrichtungen – Krankenhäusern, Schulen, Caritas – wirken viele Personen an entscheidenden Stellen mit, die den inneren Auftrag der Kirche nicht mittragen und damit das Zeugnis dieser Einrichtung vielfach verdunkeln“, meint Benedikt.

Wenige Zeilen später kritisiert er, „dass die amtlichen Texte der Kirche in Deutschland weitgehend von Leuten geformt werden, für die der Glaube nur amtlich ist“. Solange bei solchen Texten „nur das Amt, aber nicht das Herz und der Geist“ sprächen, werde „der Auszug aus der Welt des Glaubens anhalten“.

Hierbei gibt es eine persönliche und eine grundsätzliche Seite. Letztere ist für das Selbstverständnis der katholischen Kirche in Deutschland mit der Caritas von erheblicher verfassungs- und arbeitsrechtlicher Bedeutung.

Betrachtet man zuvor die persönliche Seite, so lässt sich sagen, dass der kirchlich faktisch funktionslose Benedikt, der nach seinem Rücktritt 2013 eigentlich geistlich privatisieren wollte, seine Kabalen mit der Mehrheit der heutigen deutschen Bischöfe fortsetzt und ihnen abermals vorwirft, seinen Vorstellungen von Glaube und Kirche nicht gerecht zu werden.

Sind diese Institutionen überhaupt Kirche?

Interesse an einer Reaktion darauf haben die deutschen Amtsträger offenbar nicht: Die Deutsche Bischofskonferenz unter ihrem Vorsitzenden Georg Bätzing wollte auf WELT-Anfrage nicht Stellung nehmen.

Ebenfalls nicht äußern wollte sich Peter Neher, der Präsident des Deutschen Caritasverbandes. Dabei sind Benedikts Angriffe auf die Caritas noch viel heftiger als seine Einwände gegen kirchenamtliche Texte: Der Ex-Papst berührt einen wunden Punkt kirchlicher Sozialarbeit.

Denn wenn er über kirchliche Krankenhäuser, Schulen und die Caritas sagt, dass dort „viele Personen an entscheidenden Stellen den inneren Auftrag der Kirche nicht mittragen und damit das Zeugnis dieser Einrichtung vielfach verdunkeln“, dann stellt er infrage, dass diese Institutionen überhaupt Kirche sind.

Das aber sollen sie sein. Sowohl die Caritas bei den Katholiken als auch die Diakonie bei den Evangelischen werden mit ihren insgesamt rund einer Million Beschäftigten von beiden Kirchen als integrale Bestandteile ihres religiösen Handelns aufgefasst, als genauso wichtig wie die Gottesdienste.

„Verkündigung, Liturgie und Caritas haben prinzipiell denselben Stellenwert und stehen gleichberechtigt nebeneinander. Sie bedingen sich gegenseitig und dürfen nicht voneinander getrennt werden“, heißt es auf der Website der Deutschen Bischofskonferenz.

Man kann sogar sagen, dass in den Kirchen der Stellenwert von Caritas und Diakonie immer größer wird, weil mit deren Tätigkeit viele Menschen erreicht werden und in der Gesellschaft die Wertschätzung praktischer Fürsorge den Respekt vor Gott und Geistlichen weit hinter sich lässt.

Caritas und Diakonie sollen aber auch deshalb als Kirche gelten, weil sie nur dann unter den verfassungsrechtlichen Schutz der religiösen Selbstbestimmung fallen. Nur wenn sie Kirche sind, können sie als „Dienstgemeinschaften“ – so der offizielle Begriff – verstanden und wegen des kirchlichen Rechts auf Regelung der inneren Angelegenheiten mit einem gesonderten Arbeitsrecht versehen werden.

Dieses kennt im Grundsatz keine Streiks, sieht eine zum Teil geringere Beteiligung der Gewerkschaften vor und bietet Arbeitgebern die Möglichkeit, die individuelle „Lebensführung“ zu sanktionieren, was in einigen katholischen Einrichtungen etwa bei wiederverheirateten Geschiedenen und offen homosexuellen Menschen auch schon zulasten von Beschäftigten praktiziert wurde. Zwar haben Diakonie, Caritas und nicht zuletzt Gerichte in jüngerer Zeit für einige Änderungen gesorgt, aber im Grundsatz gilt der „Dritte Weg“ weiterhin.

Und das, obwohl sich die allermeisten Tätigkeiten nicht von denen in städtischen oder privaten Krankenhäusern und Pflegeheimen unterscheiden. Auch beim Geld ist fast nichts kirchlich: Weitgehend aus staatlichen Haushalten werden katholische und evangelische Kitas finanziert; kirchliche Kliniken und Heime lassen sich ihre Leistungen von den Sozialkassen erstatten.

Benedikts Haltung dürfte viele Bischöfe abschrecken

Was das bedeutet, analysierte mit Blick auf die Diakonie vor einem Jahr der Theologe Ulrich Körtner. „Die Kirche ist noch bestenfalls die Hintergrundorganisation der Diakonie“, schrieb Körtner in der „Zeit“. Zwar sei die Diakonie ein „Aushängeschild“. Aber das werde „im Wesentlichen durch die öffentliche Hand finanziert“, und „das christliche Profil unternehmerischer Diakonie und gar ihre Kirchlichkeit“ seien inzwischen „bis in das Arbeitsrecht hinein umstritten“.

Was die religiösen Überzeugungen der Beschäftigten betrifft, so müssen Diakonie wie Caritas wegen des Arbeitskräftemangels immer mehr Konfessionslose einstellen. Und bei denen, die kirchlich gebunden sind, förderte schon 2016 eine Befragung von 2000 Angestellten der Caritas im Bistum Würzburg zutage: Die Mehrheit der religiös und spirituell hochgradig pluralisierten Mitarbeiterschaft wisse „im Blick auf die Arbeitsorganisationen der Caritas mit der Leitidee der Caritas als Glaubensgemeinschaft nicht viel anzufangen“.

So heißt es in einer Zusammenfassung der Ergebnisse. „Die Studie zeigt, dass die Verknüpfung von Kirche als verbandlicher Caritas und Kirche als sakramentaler Eucharistiegemeinschaft für viele nicht mehr selbstverständlich ist.“

Angesichts dessen lässt sich nicht behaupten, dass Benedikts Thesen aus der Luft gegriffen wären. Dass sie aber etwas auslösen, ist unwahrscheinlich. Schon, weil der emeritierte Papst keine kirchliche Instanz ist und sein Verhältnis zu den meisten führenden Katholiken in Deutschland von zu viel Verbitterung erfüllt ist.

Zudem lässt sich hinter seinen Thesen eine Haltung erkennen, die den von allgemeinem Schwund betroffenen Bischöfen in Deutschland wie ein Schreckbild erscheinen muss. Nämlich die Haltung, dass sich Kirche viel stärker abgrenzen müsse.

Früher nannte Benedikt das „Entweltlichung“, distanziert sich aber im aktuellen Interview von diesem Begriff. Jetzt sagt er, unmittelbar vor seiner Caritas-Kritik, es müsse „darum gehen, Gläubige und Ungläubige voneinander zu scheiden“.

Für eine Kirche der Gläubigen würden dann wohl, jedenfalls nach Benedikts Kategorien, in Deutschland nicht mehr viele übrig bleiben.

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