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Weniger Meuthen wäre schön gewesen

SZ.de-Logo SZ.de 20.05.2019 TV-Kritik von Thomas Kirchner
Bei © NDR/Wolfgang Borrs Bei

Die Talksendung "Anne Will" versucht, die Auswirkungen des Strache-Videos auf die Europawahl zu ergründen. Und scheitert.

War die Zeit zu knapp, um nachzudenken? Am Tag zwei nach dem Strache-Video versucht eine Runde bei "Anne Will" zu ergründen, was dieses Ereignis für die europäische Politik und für den Ausgang der Europawahlen kommende Woche bedeuten könnte. Und scheitert, mit Ausnahme der einzigen klaren Erkenntnis des Abends: dass nämlich absäuft, wer sich mit Rechtsextremen ins Boot setzt. Aber die hatten einige Zuschauer mutmaßlich schon vor der Sendung.

Kurzweilig ist es trotzdem. Man kommt nicht aus dem Staunen heraus über die Chuzpe des AfD-Vorsitzenden Jörg Meuthen, der sich, immerhin, ins Studio traut. Hat sich nicht gerade einer seiner wichtigsten politischen Kumpel in Europa im Koks- und Wodkawahn aus dem politischen Betrieb geschossen und dabei abgründige Denk-, Verhaltens- und Charaktermuster offenbart, zu denen sich Parallelen bei "Schwesterparteien" in mehreren Ländern finden lassen, auch und gerade in Deutschland, wo es eine Partei gibt, deren Höckes und Gedeons aus ähnlichem Holz geschnitzt sind? Für den grinsenden Meuthen ein "singulärer" Vorgang, rein "innerösterreichisch", ohne Außenwirkung. "Das schadet uns überhaupt nicht, Sie sehen mich bester und entspannter Laune."

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Genauer besehen, hat die Sache mit diesen "beiden Männern" noch nicht einmal etwas mit der FPÖ zu tun, die man keinesfalls "in Mithaftung" nehmen dürfe, schließlich kennt Meuthen ganz hervorragende Akteure in der Partei, die so tolle Arbeit geleistet habe. "An der Ausrichtung der FPÖ ändert das gar nichts", sie bleibe der Partner der AfD in Österreich, "wie die Lega in Italien und so weiter".

Aber einer wie Meuthen hält sich gar nicht mit Verteidigung auf, er greift lieber an. Wirft beiläufig den Namen von Sebastian Edathy in die Diskussion, des SPD-Politikers, der sich an Bildern nackter Kinder ergötzt hat. Attackiert die öffentlich-rechtlichen Medien ("faul bis ins Mark"), einschließlich dem immer gleichen Gejammer über unfaire Behandlung. Vergleicht den Versuch der medienpolitischen Machtergreifung in Ungarn, Gipfel des Absurden, mit den Beteiligungen der SPD an mehreren Medien in Deutschland. Bezeichnet Menschen, die eine CO2-Bepreisung oder eine Finanztransaktionssteuer fordern, als "verstrahlt". Und vergisst natürlich keinesfalls, Claas Relotius zu erwähnen, den Spiegel-Mann, der seine Reportagen fälschte.

Zum Glück ist in Martin Knobbe ein redlicher Spiegel-Kollege anwesend, der ruhig und sachlich das Vorgehen der beteiligten Medien in der Strache-Affäre erklärt. Zum Glück weiß auch Anne Will dazwischenzufahren, sie geißelt, wo nötig, Meuthens Respektlosigkeiten mit scharfen Worten und bringt dankbarerweise auf den Punkt, was der "versammelten europäischen Rechten" gemein ist: eine Verachtung für Institutionen, für den Staat, für die Medien, und eine übergroße Nähe zu Russland.

Weniger glücklich äußern sich die übrigen Anwesenden. Katarina Barley (SPD) hat offene Flanken. Etwa in Rumänien, wo die sozialdemokratische Schwesterpartei sich gerade anschickt, die Korruptionsbekämpfung und die Unabhängigkeit der Justiz nach ungarischem Vorbild zu unterminieren. Oder im österreichischen Burgenland, dessen SPÖ-Landeshauptmann die unselige Zusammenarbeit mit der FPÖ erst an diesem Wochenende aufgekündigt hat.

Dem CSU-Mann Manfred Weber wiederum fällt es schwer, die jahrelange intensive Kungelei seiner Partei mit dem Autokraten Viktor Orbán zu rechtfertigen. "Wir haben da keinen Nachholbedarf", sagt er und hat offensichtlich vergessen, dass seine CSU-Abgeordneten im Europäischen Parlament ganz überwiegend gegen die Aufnahme eines Rechtsstaatsverfahrens nach Art. 7 gegen Ungarn votierten. Weber schafft es immerhin, eine Lanze für die Pressefreiheit zu brechen, bleibt ansonsten wie Barley durchweg im Wahlkampfmodus. An die "Mitte" appelliert er, "aufzustehen und das Parlament in die Hand zu nehmen".

Besonders dünn spricht Ska Keller, die grüne Spitzenkandidatin, die nach eigenen Worten "jetzt nicht krass schockiert" war von der Sache mit Strache. Über die erwähnte Aussage, dass man mit den Rechten besser nichts zu tun haben sollte, hinaus ist bei Keller inhaltlich wenig zu holen. Dass sie trotzdem weiterredet und in ihrer brandenburgischen Kumpeligkeit noch manche Sätze ohne jegliche Bedeutung aneinanderreiht, bringt ihr ein erfreutes Grunzen von Meuthen und einen bösen, aber angebrachten Satz der Moderatorin ein: "Wenn ich das zusammenfasse, was Sie sagen, hab ich das Gefühl, Sie wissen nicht, was Sie tun wollen."

So hat Meuthen freie Bahn, das zu tun, was Populisten seines Schlags am besten können: Angst zu schüren, vor der "Maßregelung, die permanent von Brüssel ausgeht", vor "Gender budgeting" und neuen Steuern, vor einem "unerfreulichen Abend" für die Mitte-Parteien bei der Europawahl. Man hätte sich den Mann sehr viel kleiner gewünscht an diesem Abend.

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