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Wir waren ein stolzes Volk

SZ.de-Logo SZ.de vor 6 Tagen Von Cathrin Kahlweit
Das Empire ist Geschichte. Aber muss die Queen, eigentlich undenkbar, womöglich bald in die Politik eingreifen? © REUTERS Das Empire ist Geschichte. Aber muss die Queen, eigentlich undenkbar, womöglich bald in die Politik eingreifen?

Der innere Zerfall des Vereinigten Königreichs schreitet voran und die Menschen dort fragen sich: War Britishness nur ein historisches Missverständnis?

Wenn in wenigen Wochen, nach zwei Monaten und mehr als 70 Konzerten, die beliebte letzte Nacht der sommerlichen Promenadenkonzerte in der Royal Albert Hall, die "Last Night of the Proms", anbricht, wird vieles sein wie immer. Ausgelassene Stimmung, seltsam gekleidete Menschen mit lustigen Hüten, Schunkelklassik. Und wenn es am schönsten ist, werden alle gemeinsam "Rule, Britannia!" singen und sich in den Armen liegen. Oder doch nicht?

Die Ausweitung der Kampfzone, in welcher der Brexit ausgefochten wird, hat längst die populärsten Kulturgüter und die größten Selbstverständlichkeiten im Königreich erfasst. Die Proms, die seit Ende des 19. Jahrhunderts Menschen aller Schichten, Bildungsgrade und Überzeugungen begeistern, sind ein großer Spaß. Sie sind mittlerweile aber auch ein Indikator dafür, wie es um die Einigkeit des Königreichs und die britische Identität steht - oder um das, was davon noch übrig ist.

Was vor 20 Jahren noch als Gag galt - ein walisischer Tenor sang eine Strophe der heimlichen Nationalhymne, Rule Britannia, überraschend auf Walisisch -, wurde spätestens zehn Jahre später zum Streitpunkt. Damals entschied der musikalische Direktor des BBC Symphony Orchestra, ein Amerikaner, den Schluss abzukürzen. Ihm war der patriotische Teil des Abends, samt Parrys "Jerusalem" und Elgars "Pomp and Circumstance", zu lang und selbstverliebt. Aber das hielt nicht lang: 2008 war alles beim Alten. Bis auf den Bassbariton, den Waliser Bryn Terfel. Der sang wieder in seiner Landessprache.

Dann verstärkte sich die Anti-EU-Stimmung; der schwelende Unmut über die "Sklaventreiber in Brüssel" brach sich mit einer lange geplanten, über soziale Medien verstärkten und teils verdeckt finanzierten Kampagne Bahn. Wie heißt es doch in "Rule, Britannia"? "Briten werden niemals Sklaven sein."

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Bei der Night of the Proms werden Fähnchen gezählt: Blau mit Sternchen für Europa, Kreuze in rot, weiß, blau für Großbritannien.

Nach dem Referendum von 2016 wurden daher auch die Proms zum Lackmustest: EU-Fans hatten Geld für EU-Flaggen aufgetrieben, die der europhile Teil des Publikums schwenkte, umgehend sammelten Euroskeptiker Geld für Union Jacks ein. Seither wird anhand der Zahl der Fähnchenschwinger - hier Blau mit Sternchen, dort die Kreuze in Rot, Weiß und Blau - der Puls der Nation gemessen. 2017 war ihre Zahl gefühlt gleich hoch. 2018 überwogen die Unions Jacks.

Gleichzeitig feiern Wales, Nordirland und Schottland mit eigenen "Proms in the Park" und regionalen Programmen die Last Night; London überträgt und schaltet sich zu. 2017 stieg die BBC allerdings in Swansea, Belfast und Glasgow schon vor der Rule-Britannia-Sause aus der Übertragung aus und schaltete wieder zurück in die Regionen. Wäre da sonst, so die Sorge, zu viel englischer Nationalismus in die Wohnzimmer der zunehmend selbstsicheren und Brexit-feindlichen "devolved nations" getragen worden? Und wird der Evergreen, der die Abwehr von Tyrannen und die "Herrschaft über das Land" feiert, nicht mittlerweile zu sehr als Machtdemonstration vor allem englischer Brexiteers wahrgenommen?

In diesem Jahr fällt die Last Night of the Proms mitten in den September und damit in eine dramatisch aufgeheizte Zeit. Der neue Premier steuert das Land auf einen vertraglosen Austritt aus der EU zu. "Leben oder Tod", "unter allen Umständen" - die Rhetorik klingt unversöhnlich. Boris Johnson hat bis heute in Brüssel kein Angebot vorgelegt, Brüssel signalisiert, man warte, bis die Briten kommen.

Das britische Parlament hat sich mehrheitlich gegen einen Crashkurs ausgesprochen; es wird nicht zuschauen, wie Johnson No Deal erzwingt. Gut möglich also, dass in vier Wochen bereits der erst kürzlich bestallte Premierminister vom Parlament durch ein Misstrauensvotum gestürzt worden ist. Denkbar, dass sich die Oppositionsparteien dann zusammenschließen und einen Hinterbänkler zum Chef einer Regierung der nationalen Einheit machen, wie es sie zuletzt im Zweiten Weltkrieg gab.

Möglich, dass eine Krise losbrechen wird, wie sie das Land noch nie gesehen hat.

Sehr gut möglich aber auch, dass sich das Land dann bereits im Wahlkampf befindet, weil Johnson es darauf ankommen lässt und nach einem Misstrauensvotum vorgezogene Neuwahlen ansetzt, die - so sickert es aus der Downing Street heraus - im Idealfall erst nach dem Crash, also nach dem No Deal, stattfinden würden.

Möglich sogar, dass eine verfassungsrechtliche Krise losbrechen wird, wie sie das Land so noch nie gesehen hat - wenn nämlich Johnson de facto vom Parlament gestürzt worden ist, aber nicht zurücktreten will. Dann könnte, wie derzeit mit wachsender Verzweiflung unter den Remainern diskutiert wird, die Queen ins Boot geholt werden; sie müsste, nie dagewesen und eigentlich undenkbar, in die aktuelle Politik eingreifen und Johnson feuern. Das Königreich - im Ausnahmezustand.

Verfassungsexperten, Minister und Abgeordnete rechnen vor, warum die jeweils andere Seite auf eine Niederlage zusteuert. Der Kopf der No-Deal-Strategie in Downing Street, der ehemalige Vote-Leave-Vordenker Dominic Cummings, hat das Land wissen lassen: No Deal sei nicht zu stoppen. Wer es versuche, sei schlicht zu spät dran. Sorry, boys. Der ehemalige juristische Chefberater der Regierung und Tory-Abgeordnete Dominic Grieve wiederum, einer der bekanntesten Rebellen gegen den Kurs der eigenen Regierung, kontert: Im Zweifel müsse die Queen ran. Denn Johnsons anarchistische Vorgehensweise wäre ein Angriff auf die Demokratie und die Verfassung. Die Weigerung Johnsons, nach einem erfolglosen Misstrauensvotum zu weichen, käme einem Putsch gleich.

Johnson will Großbritannien zum "großartigsten Land der Erde" machen

Nur: Was, wenn es genau darum geht?

Der irische Literaturkritiker und Publizist Fintan O'Toole, Autor des Brexit-Buches "Heroic Failure" und eindringliche Stimme in der Debatte auf der Nachbarinsel, ist überzeugt, dass es dem Team um Johnson genau darauf ankommt. Johnson sei ein Showman mit einer Vorliebe für extreme Ideen, aber ohne genauen Plan, sagt O'Toole. Mastermind Cummings hingegen wolle das Land mit No Deal gegen die Wand fahren. Zerstören und dann nach eigenen Vorstellungen wieder aufbauen - das sei die Ideologie dahinter, weshalb die Regierung in Wahrheit gar keine Verhandlungen mit Brüssel wolle.

Ein Vorschlag: Die Iren sollen die Katastrophe verhindern. Nur: Die Iren denken nicht dran.

Der Ire hat daher unlängst in die Debatte mit einer originellen Idee eingegriffen: Er hat vorgeschlagen, die Iren sollten die Tory-Truppe in London stoppen. Gerade die Iren, wie das und warum? Der Partei Sinn Féin, republikanisch-katholisch und gesamtirisch organisiert, stehen in Westminster sieben Sitze zu, die Sinn Féin aber nicht besetzt - aus Prinzip: keine Mitarbeit im Parlament der Besatzer. O'Toole schlug nun vor, die gewählten Abgeordneten der Sinn Féin, die nie in Westminster waren, könnten gleichwohl zurücktreten; dann müssten die Sitze in Nachwahlen neu besetzt werden. Kandidaten könnten irische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sein, politisch unabhängig, aber gegen den Brexit.

Sinn Féin wies die Idee empört zurück. Warum bitte sollten ausgerechnet die Iren die Briten vor ihrem Unglück schützen?

Eine der Persönlichkeiten, die O'Toole auf seiner Wunschliste hatte, ist die Sozialwissenschaftlerin Deirdre Heenan, die an der Ulster University im nordirischen Derry lehrt. Sie hätte bei der ungewöhnlichen Rettungsaktion durchaus mitgemacht. "Wir leben in außergewöhnlichen Zeiten", sagt sie, "und Sinn Féin hätte es in der Hand gehabt, die Machtbalance im Sinne der Brexitgegner zu kippen. Das wäre richtig gewesen, denn Nordirland würde von einem No Deal am meisten beschädigt. Es wäre eine Katastrophe für uns."

Aber auch Heenan weiß: Hinter dem schnellen und kategorischen Nein der irischen Republikaner steht nicht nur die Weigerung, sich in einer Krise wie dieser auf die Gedankenspiele eines Intellektuellen aus Dublin einzulassen. Die irische Unabhängigkeitsbewegung profitiert schließlich auch vom inneren Zerfall des Vereinigten Königreichs und einer Verfassungskrise in London. Profiteure, wenn man so will, eines No Deal und der darauf folgenden ökonomischen Wirren, die in einer Rezessionen münden dürften, könnten zudem nicht nur die republikanische Bewegung in Irland, sondern auch die Unabhängigkeitsbewegung in Schottland sein. In Umfragen ist die Zustimmung für eine neue Volksabstimmung zur Abspaltung Schottlands vom Königreich seit dem drohenden No Deal in die Höhe geschnellt.

Was, wenn am Schluss, geplant oder ungeplant, ein Kleinbritannien übrig bleibt?

Und so ist es, nach drei Jahren Brexit-Wahnsinn, vor allem die neu entflammte Identitätsfrage, welche die Debatte und die Entscheidungen im Königreich prägt und verschärft. Was ist Britishness: die Gesamtheit seiner befreundeten Teile oder ein großes, historisches Missverständnis? Eine Mehrheit der Tory-Mitglieder, die Johnson gewählt haben, hat in Umfragen zu erkennen gegeben, dass der Zerfall der Union ein erträglicher Preis wäre für die Wiedererringung der Kontrolle über das eigene Land. Tory-Politiker haben angedeutet, dass eine harte Grenze in Nordirland als Hinderungsgrund für einen harten Brexit überbewertet werde. Johnson will Großbritannien "zum großartigsten Land der Erde" machen, hat er in seiner Antrittsrede gemeint. Was, wenn ihm dabei zum Schluss, geplant oder ungeplant, ein Kleinbritannien übrig bleibt?

England sei längst ein Nationalstaat mit eigenem Territorium, eigener Sprache, eigenen Gesetzen und einer funktionierenden Regierung gewesen, bevor die Nachbarn unterworfen, verschluckt, integriert, und teils erst nach Jahrhunderten, wieder in eine Teilfreiheit entlassen wurden, rechnet Fintan O'Toole vor. Erst mit dem Empire sei ein neues Identitätskonstrukt erwachsen: Britishness als einigendes, überwölbendes Herrschaftsinstrument. "Man kann kein Imperium dominieren", so der Publizist, "wenn man nicht die gemeinsame Identität der Herrschenden zur Basis der Herrschaft macht."

Nur: Das britische Empire ist Geschichte. Und was übrig bleibt, ist das drohende Ende der Union. Und: die Rückkehr der Englishness, des englischen Nationalismus - getarnt als Freiheitskampf Albions gegen die tyrannische EU.

Der Brexit, da stimmt auch Deirdre Heenan zu, sei in letzter Konsequenz ein Ergebnis des lange verdrängten englischen Nationalstolzes, der nach Jahrhunderten wieder sein Haupt erhebe. "Ist es nicht Ironie des Schicksals", fragt sie, dass eben dieser englische Nationalismus, der sich in der Sehnsucht nach alter Größe und wiederkehrender imperialer Macht suhle - und nicht etwa die IRA oder die schottische Nationalpartei -, nun dabei sei, die politische Union im Vereinigten Königreich zu sprengen?

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