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Wolfgang Schäuble im Interview: „Ich bin ja schon ein Unikat im Bundestag“

Frankfurter Allgemeine Zeitung-Logo Frankfurter Allgemeine Zeitung 19.11.2022 Friederike Haupt
Wolfgang Schäuble im November 2022 im Gespräch mit der F.A.S. © Hannes Jung Wolfgang Schäuble im November 2022 im Gespräch mit der F.A.S.

Herr Schäuble, welche Eigenschaften muss ein guter Bundestagsabgeordneter haben?

Er muss Leidenschaft haben. Ich sage jungen Leuten, wenn sie mich gelegentlich fragen: Wer möglichst viel Geld verdienen will, sollte nicht Abgeordneter werden. Aber wenn man Freude an der politischen Gestaltung hat, ist es ein wunderschöner Beruf oder sogar eine zeitweilige Berufung. Man muss es ja nicht fünfzig Jahre lang machen.

So wie Sie. An diesem Samstag ist es genau fünfzig Jahre her, dass Sie zum ersten Mal ins Parlament gewählt wurden. Wie waren Ihre ersten Wochen als Abgeordneter?

Gut. Wenn wir nicht in den Sitzungen oder in unseren Büros waren, haben wir die Zeit im Wesentlichen in der Parlamentarischen Gesellschaft verbracht. Gelegentlich haben wir dort fernge­sehen, insbesondere Fußballspiele. An­sonsten haben wir Skat gespielt oder gequatscht.

Aus heutiger Sicht kaum mehr vorstellbar: junge Abgeordnete, die keinen Instagramkanal bespielen müssen, keinen Twitteraccount, kein Tiktok.

Bundeskanzler Helmut Kohl und Unionsfraktionschef Schäuble 1998 im Bonner Bundestag. © Picture Alliance Bundeskanzler Helmut Kohl und Unionsfraktionschef Schäuble 1998 im Bonner Bundestag.

Inzwischen sagen ja viele, dass das heu­tige Übermaß an Kommunikation nicht nur Positives bringt, sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft und ihr politisches System. Manche Wissenschaftler glauben, dass das eine der Ursachen der Krise der Demokratie ist. Diese Krise ist, glaube ich, die größte Krise unserer Zeit.

Hatten Sie als junger Abgeordneter das Gefühl, einer Übermacht von Alten gegenüberzustehen?

Ich war ja schon dreißig, also nicht der jüngste Abgeordnete. So aufregend war das nicht. Vor den Älteren hatten wir einen gewissen Respekt, da konnte ich ja auch was lernen.

Die heute Jungen klingen forscher.

Wir waren keine Duckmäuser. Wir haben mehr Druck gemacht, als es die Jungen heute tun, jedenfalls bei uns in der Union. Wir waren rebellischer. Üb­rigens haben wir, zum Beispiel in der Landesgruppe, auch länger getagt als heute.

Unionsfraktionschef Schäuble signiert 1998 auf dem CDU-Parteitag in Bremen einen Fußball für den dreijährigen Martin. © Picture Alliance Unionsfraktionschef Schäuble signiert 1998 auf dem CDU-Parteitag in Bremen einen Fußball für den dreijährigen Martin.

Ich habe mal nachgelesen, wovon der erste F.A.Z.-Artikel handelte, in dem Sie vorkamen. Wissen Sie es?

Bundesfinanzminister Schäuble 2010 im Bundestag. © AP Bundesfinanzminister Schäuble 2010 im Bundestag.

Ging es um den Steiner-Wienand-Untersuchungsausschuss?

Nein.

Um den Bildungsgesamtplan?

Auch nicht.

Um den Sportausschuss?

März 2018: Bundeskanzlerin Merkel legt ihren Amtseid vor Bundestagspräsident Schäuble ab. © dpa März 2018: Bundeskanzlerin Merkel legt ihren Amtseid vor Bundestagspräsident Schäuble ab.

Wieder falsch. Aber ich glaube, Sie können auch kaum drauf kommen. Denn es ging gar nicht um Ihre Arbeit im Bundestag. Der Artikel stand im Regionalteil der F.A.Z., ein halbes Jahr nach Ihrem Einzug ins Parlament. Sie waren Gast bei der CDU Hanau. Die hatte mehrere junge Unionspolitiker eingeladen. Thema war „Reform der CDU – aber wie?“ Also eigentlich alles wie heute: Die Jungen wollen, dass die Alten sich ändern. Die F.A.Z. schrieb da­mals, Sie hätten mehr Solidarität in­nerhalb der Parteiführung verlangt, weil personelle Ambitionen schädlich für die Partei seien.

Nicht besonders originell.

Dafür aber universell.

Das ist der Lauf der Welt. Werden und vergehen.

Was wollten Sie damals werden?

Erstmal ging es darum, die krachende Wahlniederlage von 1972 aufzuarbeiten. Wir hatten ja geglaubt, wir könnten die Wahl gewinnen. Und haben überhaupt nicht gemerkt, dass die Stimmung eine völlig andere war. Wir haben im Wahlkampf viel über Inflation und die Wirtschaftslage geredet. Aber die Bevölkerung hat sich stärker für die deutsche Ostpolitik interessiert, für Willy Brandts Wandel durch An­näherung. Und so haben wir die Wahl verloren, deutlich verloren. Also ging es um die Reform der Partei. Wie kann die Union wieder zukunftsfähig werden? Und wir Jüngeren haben uns an der Debatte beteiligt, mit mehr oder weniger klugen Vorschlägen, was man da machen muss.

In der F.A.Z erschienen dann zwischen 1972 und 1981, dem Jahr, in dem Sie parlamentarischer Ge­schäfts­führer der Unionsfraktion wurden, nur 17 Artikel, in denen Ihr Name vorkam, darunter auch ein Leserbrief aus Ihrer Feder. Aus heutiger Sicht könnte man denken, Sie seien unsichtbar gewesen. Aber in Ihrer Partei wurden Sie sehr wohl gesehen.

Man hatte als junger Abgeordneter halt nicht so viele Auftritte. Man hat auch nicht so oft geredet im Bundestag. Aber ich war an Stellen im Einsatz, die ich eben schon genannt habe: Ich saß im Untersuchungsausschuss, der die Be­stechung beim Misstrauensvotum ge­gen Brandt untersuchte, ich saß im Bildungsausschuss, obwohl das nicht meine erste Wahl gewesen war, aber im Finanzausschuss bekam ich keinen Platz. Und ich saß im Sportausschuss. Der Untersuchungsausschuss war mein Sprungbrett in der Fraktion, da habe ich unheimlich gearbeitet. Am Schluss haben wir einen Bericht geschrieben. Der hat mich ähnlich viel Arbeit ge­kostet wie meine Dissertation. Es war irre, ich habe Akten studiert wie ein Wahnsinniger. Aber dann habe ich am Schluss bei der Debatte über den Bericht die große Rede halten dürfen. Ich glaube, ich hatte eine Redezeit von 45 Minuten. Unser Fraktionsvorsitzender Carstens sagte hinterher, die Rede könne man auf Schallplatte pressen für den Wahlkampf, so gut fand er sie. Das war gewissermaßen mein Durchbruch.

Schäuble bei seiner Ministervereidigung im Bundestag © picture-alliance Schäuble bei seiner Ministervereidigung im Bundestag

Wäre das auch ein Rat an junge Abgeordnete: Sucht euch ein Feld, auf dem ihr euch beweisen könnt, auch wenn es erst mal nicht besonders glamourös erscheint?

Ja, sicher. Und man sollte auch danach gehen, was einen wirklich interessiert. Als ich gefragt wurde, ob ich in den Sportausschuss kommen will, habe ich blitzschnell Ja gesagt. Denn ich hatte gedacht: Super, da bekommst du Karten für die Fußballweltmeisterschaft 1974. Und überhaupt, Sport interessierte mich. Ich wurde dann auch sportpolitischer Sprecher der Fraktion. Die Funktionäre haben mich geschätzt, weil ich viel gemacht habe. Manches war auch relativ simpel, aber du musst es halt machen. Ich habe zum Beispiel bedeutende Sportler zu Empfängen der Fraktion eingeladen, Rosi Mittermaier etwa. Da sind die Abgeordneten natürlich gern gekommen, weil sie sich mit ihr fotografieren lassen konnten. Ich bin dann auch Vorsitzender vom Bundesfachausschuss Sport der CDU ge­worden. Also ich hab schon ein bisschen gewirbelt.

Und Sie waren Spieler des FC Bundestag.

Da habe ich ebenfalls gewirbelt. Ge­kickt haben wir donnerstags in der Mittagspause.

Hat Ihnen das politisch genützt, ab­gesehen davon, dass es bestimmt auch Freude gemacht hat?

Es hat vor allen Dingen Freude ge­macht. Aber man hat einander auch besser kennengelernt. Wir Fußballspieler haben uns alle geduzt. Deswegen duze ich mich mit Franz Müntefering und anderen, die da regelmäßig dabei waren. Einmal sind wir ja auch zu einem Auswärtsspiel nach Togo gefahren.

Wolfgang Schäuble in seinem Abgeordnetenbüro. Am 19. November 1972 wurde er zum ersten Mal ins Parlament gewählt. © Hannes Jung Wolfgang Schäuble in seinem Abgeordnetenbüro. Am 19. November 1972 wurde er zum ersten Mal ins Parlament gewählt.

Wie kam denn das?

Die haben uns eingeladen zum Nationalfeiertag. Wir sollten gegen deren Regierungsmannschaft spielen. Das waren aber keine Abgeordneten, sondern Militärs, Togo war ja damals eine Militärdiktatur. Das Spiel war ein Riesenereignis. Tagelang gab es Sonder­seiten in den Zeitungen, und wir spielten dann vor 40 000 Leuten, live im Rundfunk übertragen. In unserer Mannschaft spielte auch der Abgeordnete Günther Müller aus München. Da haben die in Togo gedacht, wegen Müller und München, das sei der Bomber der Nation, Gerd Müller. Das Spiel wurde dann hart.

Warum?

Das Spiel wurde auf 15 Uhr vorverlegt, damit wir in der Nachmittagshitze richtig ins Schwitzen kommen. Nor­malerweise spielten die da um 17 Uhr. Aber das half ihnen nicht, wir waren besser trainiert und konnten besser Fußball spielen. Zur Pause haben wir 3:0 geführt. Dann haben wir gesagt, das ist ja nicht gut für die Freundschaft zwischen unseren Ländern, wenn wir hier haushoch gewinnen. Lassen wir sie also auch ein Tor schießen. Das hatten wir nur dummerweise unserem Torwart nicht gesagt, und der hat sich dann todesmutig in jeden Angriff geworfen. Der war hinterher stinksauer.

Wie ging das Spiel aus?

Ein Tor hat er reingelassen. Also 3:1.

Das klingt nach einem großen Spaß. Trotzdem haben Sie auf die Frage, welches Ihre liebste Aufgabe war, nicht die des Mittelfeldspielers beim FC Bundestag genannt, auch nicht Innen- oder Finanzminister, sondern Vorsitzender der Unionsfraktion im Bundestag. Was hat Sie an dieser Aufgabe so gereizt?

Ich war immer leidenschaftlich gern Abgeordneter. Das war für mich das Wichtigste. Und als Fraktionsvorsitzender führte ich unsere Abgeordneten an. Entscheidend war dabei reden, und das konnte ich. Ich war ein gefürchteter Debattenredner. Eigentlich war ja vorgesehen, dass ich nach der Wahl 1990 Fraktionsvorsitzender werde. Doch dann war ich ja im Rollstuhl und konnte das erst mal nicht. Aber die Fraktion hat mit Dregger geredet, der bis dahin Fraktionsvorsitzender war, dass er das noch ein Jahr weitermachen solle, dann sehe man weiter. Und nach diesem Jahr bin ich es dann doch geworden. Das war 1991.

1991 war ja auch deshalb ein besonderes Jahr für sie, weil Sie jene Rede gehalten haben, in der Sie für Berlin als Regierungssitz plädierten. Sie gilt als Wendepunkt der Debatte. In der anschließenden Abstimmung unter­lagen die Befürworter von Bonn, die zuvor noch in der Mehrheit schienen. Wie haben Sie diese Rede vorbe­reitet?

Ich muss vorausschicken: Im Rückblick sehe ich jene Jahre als meine größte Zeit. Denn ich hatte die Idee, einen Einigungsvertrag zu machen. Die Wiedervereinigung zu regeln war ja nicht ganz trivial. Und schon bei den Verhandlungen zum Einigungsvertrag hatten sie mir in der Fraktion gesagt: Komm bloß nicht mit der Regelung, dass Berlin Regierungssitz wird. Und dann habe ich in mühsamen Verhandlungen erreicht, dass man in den Vertrag geschrieben hat: Berlin ist Hauptstadt, aber über den Sitz von Parlament und Regierung entscheidet binnen eines Jahres der Bundestag. Den Bonn-Befürwortern habe ich dann gesagt: Wenn ihr so sicher seid, wo ist euer Problem? Und den Pro-Berlinern sagte ich: Mehr kann ich nicht rausholen. Das ist das Äußerste.

Für Sie war schon klar, dass es Berlin sein müsse?

Ja. Aber erst am Morgen der Debatte stand fest, dass ich für unsere Fraktion rede. Das war kurz nach neun Uhr. Die Debatte begann um elf. Und dann habe ich mir einen Kaffee bestellt und eine Pfeife angezündet und ein bisschen überlegt. Klar, der letzte Satz musste sein: Stimmen Sie für Berlin! Aber wie anfangen? Und dann fiel mir ein: mit einer captatio benevolentiae. Also habe ich gesagt, ich hätte am Anfang überhaupt nicht verstanden, wie man nicht für Berlin sein konnte. Aber inzwischen würde ich es besser verstehen und hätte auch Respekt vor dieser Position. Als ich dann im Plenum sprach, merkte ich an dieser Stelle, dass ich jetzt den Saal ge­wonnen habe. Ich habe ja lange ge­glaubt, die Wirkung der Rede hätte vor allem damit zu tun gehabt, dass ich frisch verletzt war. Das Attentat war noch nicht einmal ein Jahr her, ich sah nicht so richtig dolle aus. Meine Frau hat das immer bestritten. Sie hat ja ge­sagt, die Rede selbst sei es gewesen. Ich habe sie mir später einmal angeschaut und gesagt: Du hattest recht.

Können Bundestagsreden noch eine solche Wirkung entfalten wie damals?

Nehmen Sie die Regierungserklärung von Olaf Scholz am 27. Februar. Die hatte auch eine gewisse Wirkung. Aber solche Reden waren und sind die Ausnahme.

Der Bundestag hat sich in den vergangenen fünfzig Jahren stark verändert: Es sitzen viel mehr Abgeordnete da als früher, und unter ihnen mehr Frauen, mehr Migranten, mehr Jüngere. Hat das die Arbeit verändert?

Na ja, alles verändert sich. Junge Menschen, die in die Politik wollen, studieren heute oft Kommunikation oder po­litische Beratung. Dann machen sie endlos viele Praktika. Zu meiner Zeit war das anders. Ich war, als ich in den Bundestag einzog, Regierungsrat in der Steuerverwaltung, Lebenszeitbeamter, ich war promovierter Jurist mit guten Examina. Sonst hätte die Partei mich überhaupt nicht aufgestellt in meinem Wahlkreis. Aber trotzdem würde ich nicht sagen, dass die Abgeordneten früher besser waren als heute. Überhaupt halte ich den Satz, dass früher alles besser gewesen sei, für Quatsch.

Nicht mal über die ewigen Smartphones wollen Sie klagen?

Ich finde es gut, dass Frau Bas gerade an die Abgeordneten appelliert hat, das Handy im Plenarsaal öfter in der Tasche zu lassen. Auch ich bin manchmal in der Versuchung, anderen zu sagen: Legt doch mal das Ding weg. Aber auch ich bin ja schon mal beim Sudokuspielen erwischt worden. (Schäuble lacht)

Viele empfinden die Zeit gerade mit ihren vielen Veränderungen und Krisen als besonders fordernd. Wie ge­hen Sie mit dieser Herausforderung um?

Ich stelle mich ihr. Sonst wird es ja langweilig, mit Ausnahme des Krieges in der Ukraine: den würde ich am liebsten so­fort beenden!

Man könnte auch sagen, es würde mal wieder gemütlicher.

Ja, dann schlafen wir ein. Das ist eine große Gefahr. Wenn ich nicht mehr neugierig bin, sollte ich auch nicht mehr politisch tätig sein.

Worauf sind Sie noch neugierig?

Es ist interessant zu beobachten, wie die Kreise kleiner werden.

Wie meinen Sie das?

Die Kräfte schwinden. Es wird einfach weniger. Ich bin ja schon ein Unikat im Bundestag. Und das heißt, dass ich versuche, keine oder möglichst wenig un­gebetene Ratschläge zu geben. Wer meinen Rat will, kann mich fragen. Und wer nicht will, muss es nicht.

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