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"Du musst arbeiten wie ein Eichhörnchen auf Speed": Fünf junge Abgeordnete verraten, worauf es ankommt, um in der Politik Karriere zu machen

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 10.08.2020 Joana Lehner
Menschen laufen durch den Verbindungsflur zwischen Reichstag und Paul-Löbe-Haus. © Bereitgestellt von Business Insider Deutschland Menschen laufen durch den Verbindungsflur zwischen Reichstag und Paul-Löbe-Haus. Christoph Soeder/picture alliance via Getty Images

Mit 18 Jahren wird Sepp Müller (CDU) Mitglied im Kreistag Wittenberg. Zehn Jahre später landet er im Bundestag. Da ist er gerade mal 28 Jahre alt.

Als er dann am Dienstag nach der Wahl 2017 am Reichstagsbau vorbeiläuft, will er den "besonderen Moment" nicht vergessen. "Damals habe ich mir in einer Sprachnachricht selbst festgehalten, dass es ein Privileg ist ab jetzt politisch mitentscheiden zu dürfen", erzählt Müller.

Müller ist mittlerweile 31, er bezeichnet sich gerne als "Politikjunkie". Seine Karriere war Zufall, sagt er. Und harte Arbeit. "Meine Kumpels sind früher in die Disko, ich habe 1000 Seiten Haushaltsunterlagen gelesen", erzählt er. Für Müller hat sich das gelohnt: Er ist eines der jüngsten Mitglieder im wichtigen Finanzausschuss des Bundestags.

Doch nicht immer kommt es für junge Politiker nur auf harte Arbeit oder den Zufall an. Das erlebt gerade der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert. Als er unter der Woche bekannt gab, dass er für den Bundestag kandidieren will, kritisierten CDU und AfD, dass er kein abgeschlossenes Studium habe. So wie übrigens 20 Prozent der Bundestagsabgeordneten. Kühnert wehrte sich gegen die Kritik, wie schon vor zwei Jahren, als er den Hashtag #diesejungenleute prägte. Unter diesem twitterten junge Menschen, auch viele junge Politiker, darüber, wie ermüdend es sei, wegen ihres jungen Alters und angeblich mangelnder Erfahrung nicht ernst genommen zu werden.

Business Insider hat mit fünf Politikern und Politikerinnen darüber gesprochen, inwieweit diese Vorurteile über "diese jungen Leute" in der Politik weiterhin bestehen — und darüber, wie man als junger Mensch Karriere im politischen Betrieb macht.

Agnieszka Brugger: "Es gibt kein Ticket für junge Leute in den Bundestag"

Agnieszka Brugger im Bundestag. © Bereitgestellt von Business Insider Deutschland Agnieszka Brugger im Bundestag. Bernd von Jutrczenka/picture alliance via Getty Images

Die Grünen-Abgeordnete Agnieszka Brugger ist im Jahr 2009 mit 24 Jahren in den Bundestag eingezogen. Damals war sie die jüngste Abgeordnete der Grünen im Bundestag, heute ist sie es immer noch. "Es gibt kein Ticket für junge Leute in den Bundestag", sagt Brugger. Trotzdem habe sie ihre politische Karriere nicht geplant.

Bekannt wird Brugger als Sprecherin der grünen Jugend: "In Diskussionen mit Ministerpräsidenten und Parteivorsitzenden habe ich gelernt, wie man ernst genommen wird", erzählt sie. Aber auch wie man sich einen Namen mache.

Im Wahlkampf 2009 ist ihr Piercing ein großes Thema. "Ich habe mich nicht vor dem Thema weggeduckt", erzählt Brugger. Auch wenn sie generell fände, dass gerade bei jungen Frauen besonders häufig über ihr Aussehen gesprochen werde und nicht so sehr über die Inhalte. Einer älteren, schwäbischen Dame am Infostand habe sie damals gesagt: "Es ist wichtiger, was aus dem Mund herauskommt, als was am Mund dran ist". Wenig später landet sie über den elften Listenplatz im Bundestag. Das Piercing trägt sie bis heute.

Und noch heute seien abfällige Äußerungen über das Aussehen junger Politikerinnen ein Problem. "'Sie soll erstmal was Ordentliches in ihrem Leben machen" oder "Sie soll erstmal älter werden" seien Sprüche, die sie über weibliche Abgeordnete im Bundestag höre, sagt Brugger. Aber auch "Sie macht es nur wegen der Karriere". "Das finde ich unfair", sagt die Grüne. Denn sie glaubt, diejenigen, die ihre Wahl langfristig planen würden und persönliche Karriere-Ambitionen hätten, würden es selten nach oben schaffen. "Oft schaffen es genau die Menschen jung in Verantwortung, die sich mit den Älteren in der Partei anlegen und etwas verändern wollen", sagt sie.

Mahmut Özdemir: "Ich arbeite wie ein Eichhörnchen auf Speed"

Mahmut Özdemir im Wahlkampf 2017. © Bereitgestellt von Business Insider Deutschland Mahmut Özdemir im Wahlkampf 2017.

Mahmut Özdemir (SPD) wollte mit 13 Jahren eine Skaterbahn, die Politiker damals nicht. Also trat er im Alter von 14 in die SPD ein. "Ich wollte Gestaltungsmacht haben", sagt er. Seit 2013 sitzt Özdemir für den Bezirk Duisburg im Bundestag. Er hat schon viele Ämter durch. Seine Karriere sei kein Zufall, sondern das Ergebnis harter Arbeit, sagt er.

Inzwischen hat sich Özdemir schon öfter gefragt, ob sich der Kampf nach oben lohnt. Mit 33 Jahren gehört er immer noch zu den Jüngeren. Aber es brauche einen langen Atem und eine hohe Frustrationstoleranz, sagt Özdemir. „Ich arbeite wie ein Eichhörnchen auf Speed". Doch ältere Politiker hätten einen Vertrauensvorschuss. Menschen seien viel eher gewillt ihnen Fehler nachzusehen als politischen Neulingen. "Ich bin ständig der Gefahr ausgesetzt, etwas falsch zu machen." Das versuche er mit viel Arbeit auszugleichen.

Özdemir kritisiert auch das Ochsentour-Prinzip in seiner Partei, den Weg vom Eintritt über Hilfsjobs, die Teilnahme an Gremiensitzungen und Parteitagen bis in die Spitze. Zwar helfe dies dabei, das Wohl der Partei und nicht nur den eigenen Vorteil im Blick zu halten. "Aber wir Jungen müssen immer warten bis die aktuelle Generation im Amt versorgt ist mit politischen Positionen", sagt Özdemir. Die Jüngeren könnten dann nur die Ämter haben, die übrig blieben. Es bleibe kaum Platz zum Mitgestalten. "Das ärgert mich", sagt er.

Katharina Willkomm: "Manchmal ist es auch Glückssache"

Katharina Willkomm im Bundestag. © Bereitgestellt von Business Insider Deutschland Katharina Willkomm im Bundestag.

Ursprünglich hatte Katharina Willkomm (FDP) nicht geplant, Politik auf Bundesebene zu machen. Sie wurde angesprochen, weil es in ihrer Partei im ländlichen Raum keine Kandidaten mehr gab. "Als Frau bin ich drei Listenplätze nach oben gerutscht und im Bundestag gelandet", erzählt sie. "Manchmal ist es auch Glückssache". Es sei falsch, zu verbissen am eigenen Erfolg zu arbeiten.

Vor dem Bundestag war Willkomm Mitglied des Kreisvorstandes der FDP in Düren, einer Stadt in Nordrhein-Westfalen mit nicht mal 100.000 Einwohnern. "Ich bin nicht in die Politik gegangen, um an irgendwelchen Strippen zu ziehen", sagt die 33-Jährige. Sie mache ihre fachliche Arbeit und wisse, dass "das von den Vorsitzenden gesehen" und "hoffentlich auch honoriert" werde.

Nur alteingesessene Parteikollegen machten jungen Politikerinnen wie ihr dabei das Leben schwer. Sie wollten oft nicht von ihrem Thron runter und säßen seit mehr drei Wahlperioden im Bundestag, sagt Willkomm. "Sie sollten sich fragen, ob sie aus Eigennutz an ihrem Platz festhalten oder wirklich noch so engagiert für ihre Inhalte eintreten".

Gökay Akbulut: "Ich stand als einzige Politikerin auf der Bühne vor 5000 Menschen"

Gökay Akbulut im Bundestag. © Bereitgestellt von Business Insider Deutschland Gökay Akbulut im Bundestag.

Gökay Akbulut (Die Linke) ist 2017 mit 33 Jahren in den Bundestag eingezogen. Sie gehört nicht nur zu den zwölf Prozent der Abgeordneten unter 40, sondern auch noch zu den acht Prozent der Abgeordneten mit Migrationshintergrund. Akbulut sagt, ihr Kampfgeist habe ihr geholfen politisch erfolgreich zu sein. Aber ständig für etwas zu kämpfen wäre anstrengend.

Bei den Linken ist Akbulut seit 2006 dabei. Ihre Karriere hat sie in Mannheim begonnen, erst im Kreisverband, später im Gemeinderat. Mittlerweile sitzt sie im Rechtsausschuss. Akbulut hat kein Jura studiert, hatte Öffentliches Recht nur im Beifach. "Es ist schwierig sich dort als junge Politikerin gegen Kollegen durchzusetzen, die den Job schon 20 oder 30 Jahre machen", sagt sie. Aber sie habe gelernt souverän zu wirken.

Fragt man sie nach ihrem persönlichen Erfolgserlebnis, nennt sie nicht den Einzug in den Bundestag, sondern die Black-Lives-Matter-Demo in Mannheim: "Ich stand als einzige Politikerin oben auf der Bühne vor 5000 oder 6000 Menschen", sagt sie. "Es war ein sehr bewegender Moment für mich". Plötzlich sei sie nicht mehr alleine die "Andere" gewesen, sondern alle um sie herum seien auch "anders" gewesen.

German Bundestag © Christoph Soeder/picture alliance via Getty Images German Bundestag
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