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Motiv des Täters weiter ungeklärt: Was wir über den Messerangriff in Würzburg wissen

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 26.06.2021 Frank Jansen

Ein 24-Jähriger sticht in Würzburg wahllos auf Menschen ein. Offenbar verbindet sich beim Täter eine psychische Störung mit fanatischem Islamismus.

Ein Polizist steht in Würzburg neben Kerzen und Blumen. © Foto: Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa Ein Polizist steht in Würzburg neben Kerzen und Blumen.

Der Somalier Jibril A. soll am Freitagnachmittag in der Würzburger Innenstadt grundlos auf ihm unbekannte Menschen eingestochen haben. Drei starben, mehrere wurden verletzt. Bislang ist unklar, ob der zuvor psychisch auffällige Mann aus islamistischen Motiven handelte und/oder während der Bluttat verwirrt war.

Was ist über die Tat bekannt?

Bei der Messerattacke von Würzburg sind drei Frauen in einem Kaufhaus getötet worden. Das sagte Unterfrankens Polizeipräsident Gerhard Kallert am Samstag in Würzburg.

Der Verdächtige habe sich unmittelbar vor der Attacke in dem Geschäft nach Messern erkundigt, sich eines aus einer Auslage geschnappt, sofort auf eine Verkäuferin eingestochen und sie tödlich verletzt. Anschließend tötete der Mann nach bisherigen Erkenntnissen dort zwei weitere Frauen. Danach griff er weitere Menschen in einer Bank und auf der Straße an.

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„Ich habe Verletzte gesehen, ich habe Tote gesehen“, sagte Kallert. Er bedankte sich unter anderem bei Bürgern, die durch das Verbrechen in eine Extremsituation geraten seien und mitgeholfen hätten, den Täter in eine Gasse zu treiben. Die Polizei stoppte dann Jibril A. mit einem Schuss in ein Bein und nahm ihn fest.

Bei der Attacke starben insgesamt drei Frauen, fünf weitere Personen wurden schwer verletzt. Zudem gab es mindestens zwei Leichtverletzte.

Was wissen wir über den Täter?

Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich um einen Einzeltäter handelt und dass Jibril A. psychisch gestört ist. Der Somalier war erst kürzlich wegen einer Gewalttat in die Psychiatrie eingewiesen worden, kam aber schnell wieder frei. Für Jibril A. sei die islamistische Gesinnung vermutlich eine religiöse Begründung für ihn selbst, um so gewalttätig zu agieren, wie er es sowieso machen wollte, sagte ein Sicherheitsexperte.

Er verglich den Fall Würzburg mit dem Attentat eines psychisch auffälligen, Drogen konsumierenden Palästinensers in Hamburg. Der Mann hatte im Juli 2017 mit einem Messer in einem Supermarkt einen Kunden getötet und fünf weitere Menschen verletzt. Nach seiner Festnahme sagte der Täter, er habe so viele Deutsche christlichen Glaubens töten wollen wie möglich. Das Oberlandesgericht Hamburg verurteilte den Täter zu lebenslanger Haft und bescheinigte ihm eine besondere Schwere der Schuld.

Der Somalier Jibril A. habe bei der Vernehmung durch die Polizei gesagt, er habe seinen „Dschihad“ verwirklicht, sagten Sicherheitskreise am Samstag dem Tagesspiegel. Mit Dschihad ist der heilige Krieg gegen Ungläubige gemeint.

Der mutmaßliche Angreifer hat zudem im Januar bei einem Streit in einer Obdachlosenunterkunft zu einem Messer gegriffen und es bedrohlich in der Hand gehalten. Das sagte Wolfgang Gründler von der Generalstaatsanwalt Bamberg am Samstag in Würzburg.


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Worum es bei der Auseinandersetzung im Januar mit Mitbewohnern und Verwaltern ging, sagte Gründler nicht. Verletzt worden sei niemand. Die Polizei leitete aber ein Ermittlungsverfahren wegen Bedrohung und Beleidigung ein, woraufhin der Somalier vorübergehend in die Psychiatrie kam.

Im Juni soll der 24-Jährige zudem einen Verkehrsteilnehmer in der Würzburger Innenstadt belästigt haben. „Da hat der Beschuldigte ein verstörtes Verhalten mit psychischen Auffälligkeiten gezeigt.“ Der Mann sei erneut in eine Psychiatrie gekommen, aber nach einem Tag wegen fehlenden Behandlungsbedarfes entlassen worden.

Sicherheitskreise verweisen im Fall Würzburg auch auf die Biografie des Somaliers, in der es mögliche Berührungspunkte zum islamistischen Terror gibt. Nach seiner Einreise 2015 in Deutschland gab es einen Hinweis, Jibril A. könnte bei der somalischen Terrormiliz Al Shabaab mitgemacht haben. Die Generalstaatsanwaltschaft München legte den Fall der Bundesanwaltschaft vor, die sah allerdings keine belastbaren Anhaltspunkte für einen Anfangsverdacht.

Jibril A., der am 6. Mai 2015 nach Deutschland kam, hat als Geflüchteter vorläufigen subsidiären Schutz. Er kann somit nicht nach Somalia abgeschoben werden. Das ostafrikanische Land wird seit rund 30 Jahren vom Bürgerkrieg zerrissen. Die Terrormiliz Al Shabaab beherrscht Teile Somalias und ist mit Al Qaida verbündet. Laut Unterfrankens Polizeipräsident Gerhard Kallert war er seit dem 4. September 2019 in Würzburg erfasst, sein Asylverfahren laufe.

Was war sein Motiv?

Das Motiv für die tödliche Messerattacke von Würzburg am Freitag ist noch immer nicht vollends geklärt. Es müsse jetzt ermittelt werden, inwiefern die Psyche des 24 Jahre alten Somaliers eine Rolle gespielt habe und inwiefern islamistische Einstellungen zur Tat beigetragen hätten, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

Ermittler haben jedoch auch im Obdachlosenheim, in dem der mutmaßliche Messerangreifer von Würzburg zuletzt lebte, Hassbotschaften gefunden. Das sagte der Leitende Kriminaldirektor Armin Kühnert am Samstag in Würzburg. Das Material sei sichergestellt, aber noch nicht ausgewertet worden. Auch Nachrichten auf einem entdeckten Handy müssten noch untersucht werden, was wegen der dabei genutzten Fremdsprache etwas dauere.

Wie geht es jetzt weiter?

Nach der Messerattacke ist Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Täter erlassen worden. Dieser laute auf dreifachen Mord und sechsfachen versuchten Mord, sagte der Pflichtverteidiger des verdächtigen Somaliers, Hanjo Schrepfer, am Samstag in Würzburg. Sein Mandant solle noch am Samstag in ein Gefängnis in Untersuchungshaft überstellt werden. Er sei haftfähig trotz einer Beinschussverletzung.

Nach Gesprächen mit dem 24-Jährigen könne er bisher kein islamistisches Motiv erkennen. „Offiziell hat er sich noch nicht zur Sache eingelassen“, sagte Schrepfer.

Das bayerische Landeskriminalamt übernimmt in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft die Ermittlungen zu den Hintergründen der Messerattacke von Würzburg. Das kündigte der Leiter der Kriminalpolizeiinspektion Würzburg, Armin Kühnert, am Samstag bei einer Pressekonferenz in Würzburg an.

Sollte sich der Verdacht auf einen Anschlag weiter erhärten, wäre es der schlimmste islamistische Angriff nach der Attacke von Anis Amri im Dezember 2016 in Berlin. Der Tunesier hatte einen Lkw gekapert und war in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gerast. Zwölf Menschen starben, mehr als 60 wurden verletzt. Bei den weiteren islamistischen Attentaten in der Bundesrepublik wurden höchstens zwei Menschen getötet.

Wie fallen die Reaktionen aus?

Die Bundesregierung hat erschüttert auf die Messerattacke von Würzburg reagiert. „Die Ermittlungen werden ergeben, was den Amokläufer von Würzburg antrieb. Sicher ist: Seine entsetzliche Tat richtet sich gegen jede Menschlichkeit und jede Religion“, schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert am Samstag auf Twitter. „Alle Gedanken und Gebete sind heute bei den Schwerverletzten und den Familien der Opfer in ihrem Schmerz.“

„Ich bin von dieser unfassbar brutalen Tat tief erschüttert“, sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Seine Gedanken seien bei den Opfern und ihren Angehörigen. Eine abschließende Bewertung des Tatmotivs sei noch nicht möglich.

„Nach allem, was wir wissen, ist es dem couragierten Eingreifen mutiger Männer und Frauen in Würzburg und dem entschlossenen Handeln der Polizei zu verdanken, dass noch Schlimmeres verhindert wurde“, sagte Seehofer. Dieses selbstlose und mutige Handeln „unter Einsatz ihres eigenen Lebens verdient höchste Anerkennung“.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nannte die Messerattacke einen Amoklauf. Ganz Bayern sei entsetzt über das, was in Würzburg geschehen sei, sagte Söder zu Beginn einer Landesdelegiertenversammlung der CSU am Samstag nach Nürnberg. Söder hatte bereits zuvor Trauerbeflaggung für den Freistaat angeordnet. Es sei ein „schwerer Tag für Bayern“, sagte er.

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