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Zweiter Weltkrieg: Die Horten Ho 229 war das geheimnisvollste Flugzeug der Nazis

stern-Logo stern 24.03.2020 Gernot Krampe0
Die Ho 229 im Flug über Göttingen. Beim Absturz des Prototypen starb der Testpilot. © Commons Die Ho 229 im Flug über Göttingen. Beim Absturz des Prototypen starb der Testpilot.

Die Ho 229 gehört zu den spektakulären Entwicklungen der Nazi-Luftwaffe. Im Krieg kam sie nie zum Einsatz, aber die modernsten Stealth-Bomber folgen heute ihrem Design.

Die Horten Ho 229 V3 ist eines der spektakulärsten Flugzeuge des Zweiten Weltkriegs, dabei kam sie nie zu einem echten Einsatz. Die Horten vereinte zwei für die damalige Zeit revolutionäre Neuerungen: Sie wurde nicht mehr von einem Propeller angetrieben, sondern von zwei Düsentriebwerken. So wie auch schon der erste Düsenjäger der Welt, die deutsche Messerschmitt Me 262. Aber die Horten fügte dem überlegenen Antrieb noch eine besondere Form hinzu: Das Flugzeug war ein sogenannter Nurflügler. Sie hatte keinen separierten Rumpf.

Die Idee, auf den Rumpf zu verzichten, war fast so alt wie die Luftfahrt selbst. Sie hatte der deutsche Luft- und Raumfahrt-Ingenieur Hugo Junkers bereits 1910 patentiert. Seine Überlegung war ganz einfach: Nur die Flügel sorgten für den notwendigen Auftrieb in der Luft, der Rumpf und das Seitenruder waren gewissermaßen "Ballast". Gelingt es, diese Teile zu reduzieren und ein Flugzeug zu bauen, das nur aus den Flügeln bestand, musste es überlegende Flugeigenschaften besitzen. In der Praxis konnten Junkers Überlegungen nicht umgesetzt werden. Ohne Leitwerk und Rumpf war ein Flugzeug kaum zu kontrollieren. Wenn es zu einem Strömungsabriss unter den Flügeln kam, würde das Flugzeug abstürzen.

Die Hortenbrüder ließen sich nicht entmutigen

Erst die Brüder Walter und Reimar Horten knüpften in den 1920er Jahren an diese Pläne an. Der Friedensvertrag nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg verbot Deutschland eine eigene Luftwaffe, aber Segelflugvereine blühten auf. Dort begannen die Brüder ihren ersten Nurflügler zu entwickeln. Von den Schwierigkeiten des Projekts ließen sie Enthusiasten nicht abschrecken, als sie begannen, waren sie noch Kinder. 1932 hob ihr zusammengebasteltes Flugzeug erstmals vom Boden ab.

Der Durchbruch kam erst 1943. Zwei Jahr zuvor hatte die Messerschmitt Me 262 mit ihren Düsentriebwerken den ersten Flug absolviert. Sie wurde als Jagdflugzeug entwickelt, doch Adolf Hitler verlangte nach einem Jagdbomber, der so schnell war, dass ihn die feindlichen Maschinen nicht einholen konnte. Aus diesem Grund wurde die Me 262 zu einem improvisierten Bombenflugzeug umgebaut. Gleichzeitig verlangte der Chef der Nazi-Luftwaffe Hermann Göring nach einem reinrassigen Kampfbomber. Er sollte eine Bombenlast von einer Tonne 1000 Kilometer weit transportieren können und eine Geschwindigkeit von 1000 km/h erreichen. Die Höchstgeschwindigkeit der Me 262 betrug 870 km/h.

Prototypen hoben ab

Mit einem konventionellen Design waren diese Anforderungen nicht zu erfüllen. So kamen die Horten-Brüder ins Spiel. Sie sollten den Langstreckenbomber Ho 229 entwickeln und nahmen dabei Ideen des unkonventionellen Flugzeugkonstrukteurs Alexander Lippisch auf. Der hatte das Raketenflugzeug Me 163 entwickelt und konzipierte später in den 1960er Jahren Ekranoplane - also Bodenflugzeuge.

Die Horten Brüder verwendeten lang gestreckte Flügel und sie verabschiedeten sich vom konventionellen elliptischen Querschnitt und verwandten einen "glockenförmigen" Flügel, der die Stabilitätsprobleme des Nurflüglers deutlich verringerte. Der erste Prototyp war ein Segelflugzeug ohne Maschinen und absolvierte am 1. März 1944 einen Testflug. Der zwei Prototyp mit einem Triebwerk startete am 18. Dezember 1944. Am 2. Februar 1945 stürzte diese Maschine jedoch nach einem Triebwerksschaden ab. Der dritte Prototyp, die Ho 229 V3, wäre jedem anderen Flugzeug seiner Zeit theoretisch überlegen gewesen – aber er erhob sich nicht in die Luft.

Dass eine nie stattgefundene Serienproduktion die Vorzüge des Konzepts in der Praxis eingelöst hätte, ist eher unwahrscheinlich. Es fehlten zum Beispiel geeignete Triebwerke. Die eigentliche Leistung der Hortens sind nicht die Superlative, mit denen ihr Flugzeug vielleicht hätte glänzen können, sondern ihre Fähigkeit, mit den damaligen Mitteln die aerodynamischen Probleme des Nurflüglers in den Griff zu bekommen. Russ Lee, von Smithsonian Air and Space, sagte in einer BBC-Dokumentation: "Um eines dieser Dinger zum Fliegen zu bringen, musste man den Flügel die ganze Arbeit machen lassen, und am Ende hatte man ein Flugzeug, das sich genauso gut verhielt wie ein konventionelles Flugzeug mit einem Leitwerk."

Weiterleben im Reich der Fantasy

Das Ende des Dritten Reiches beendete die Entwicklung. Den US-Amerikanern fielen die Prototypen in Thüringen in die Hände. Die Hortens wurden zum Verhör nach London gebracht. Der V3-Prototyp gelangte nach Amerika. Dort fand man Rußspuren, die darauf hindeuten, dass die Triebwerke gestartet wurden, aber es gibt keinen Beweis, dass die Maschine jemals abgehoben hat.

In den letzten Jahrzehnten wurde das Konzept des Nurflüglers wieder topaktuell. Der Verzicht auf Rumpf und Seitenruder erhöht nämlich nicht nur den Auftrieb des Jets, er verringert auch den Radarschatten. Heute folgen die Langstreckenbomber der USA dem Konzept des Nurflüglers und auch die russische Entwicklung eines eigenen, schweren Bombers soll ein Nurflügler sein. Seit langem führt die Horten als vermeintliche Superwaffe des Dritten Reiches ein Nachleben in Computer-Spielen und Hollywood-Produktionen. Immerhin war sie wirklich geflogen und ist kein reines Fantasiegebilde wie die sagenhaften Reichsflugschreiben.

Für die Horten Ho 229 sind auch die Bezeichnungen Horten H IX und Gotha Go 229 gebräuchlich.

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