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Öko-Suchmaschine Ecosia: Surfen gegen den Klimawandel

SZ.de-Logo SZ.de 09.02.2020 Von Mirjam Hauck
Recht einsam steht dieser Baum an der Autobahn BR163 nahe der Stadt Santarem in Pará, einem Bundesstaat im Norden Brasiliens. © Nelson Almeida/AFP Recht einsam steht dieser Baum an der Autobahn BR163 nahe der Stadt Santarem in Pará, einem Bundesstaat im Norden Brasiliens.

Die kleine Suchmaschine Ecosia will das bessere Google sein. Ein Großteil des Gewinns fließt in Baumpflanzprojekte.

Surfen gegen den Klimawandel

Die Suchmaschine Ecosia hat einen Mitarbeiter, den es so in keinem anderen Unternehmen gibt: den "Chief Tree Planting Officer". Und der wird auch dringend gebraucht: Wer Ecosia nutzt, sucht nicht einfach nur im Netz nach dem neuesten Promi-Klatsch oder den aktuellen Fußballergebnissen. Der Nutzer tut auch noch was Gutes: Er pflanzt Bäume. Unter dem klassisch in weiß-grau gehaltenen Suchfeld mit einer Lupe zeigt ein Zähler auf der Website an, wie viele schon zusammengekommen sind: Mittlerweile mehr als 83 Millionen Bäume.

"Wir können den Klimawandel nicht alleine lösen", sagt Christian Kroll. Der 36-Jährige hat Ecosia 2009 gegründet. "Wir rechnen damit, dass ein Kilogramm CO₂ pro Suche absorbiert wird." Da jeder bestimmt Dutzende Suchen pro Tag mache, komme dabei relativ schnell, relativ viel zusammen. Das seien sicher mehrere Tonnen pro Jahr. Bäume pflanzen sei eine der einfachsten, aber auch eine der effektivsten Sachen, die man machen kann. Sein Ziel ist es, in den nächsten 20 Jahren eine Billion Bäume zu pflanzen. Eine nicht ganz unumstrittene Studie der ETH Zürich empfiehlt das als eine Lösung gegen den Klimawandel. "Wären wir so groß wie Google, könnten wir in 20 Jahren diese Bäume pflanzen".

"Bakterie gegen Goliath"

Christian Kroll und seinen rund 50 Mitarbeiter in ihrem Büro in Berlin-Neukölln tun, was sie können. "Wir sind Europas größte Suchmaschine. Das klingt jetzt sehr toll", sagt er im Gespräch auf der Digitalkonferenz DLD. Man habe ungefähr ein Prozent Marktanteil in Deutschland. "Wir sind nicht David gegen Goliath, wir sind eher Bakterie gegen Goliath".

Die grüne Suchmaschine funktioniert ähnlich wie der Tech-Riese aus den USA. Den Nutzern wird neben den Suchergebnissen Werbung angezeigt. Allerdings entwickelt Ecosia die Suchalgorithmen nicht selbst. Das Berliner Unternehmen arbeitet dafür mit einem anderen US-Tech-Riesen zusammen. Hinter Ecosia steht die Technologie von Microsofts Suchmaschine Bing. "Wir schicken die Suchanfragen an Microsoft", sagt Kroll. "Für jede Suche, die bei uns gemacht wird, zahlen wir Geld. Aber vom Werbeumsatz kriegen wir dann die große Mehrheit". Allerdings dürfe er nicht sagen, wie viel das sei. "Es ist aber das größte Stück vom Kuchen."

Wie viel das Unternehmen insgesamt verdient, veröffentlicht Ecosia auf seiner Website. So weist der Monatsbericht für November Gesamteinnahmen von rund zwei Millionen Euro aus. Davon floss nach eigenen Angaben fast die Hälfte in Baumpflanzprojekte in Burkina Faso, Äthiopien, Brasilien oder auch Spanien. Diese überwacht der "Chief Tree Planting Officer". Er besucht die Projekte und berichtet im Blog auf der Website über die "Baum-Updates". Wir pflanzen nie selber Bäume", sagt Kroll. Das Unternehmen arbeite dafür mit regionalen Organisationen vor Ort zusammen. Diese wähle man nach verschiedenen Kriterien aus: Es dürfen keine Monokulturen sein, was schon 90 Prozent der Anbieter aussortiere. Zudem müssten soziale Standards wie keine Kinderarbeit und faire Löhne garantiert werden.

"In zehn Jahren hat Ecosia mehr als 80 Millionen gepflanzt", sagt Kroll. Das heiße nicht, dass man einfach irgendwo nur 80 Millionen Setzlinge in den Boden gesetzt habe: "Wir garantieren, dass sie mindestens drei Jahre überleben.". Es würden auch manche Projekte scheitern, dann nehme Ecosia die Bäume auch wieder aus dem Zähler, das heißt der Counter zählt dann eine gewisse Zeit langsamer. Aber dadurch, dass das Unternehmen nicht auf öffentliches Geld oder Spendengeld angewiesen sei, komme man schneller voran, als die Projekte, die so finanziert seien.

Dass Ecosia einen großen Teil der Einnahmen fürs Bäume pflanzen verwenden kann, liegt auch daran, dass das Unternehmen 99 Prozent seiner Anteile an die Purpose-Stiftung verkauft hat. Das soll sicherstellen, dass Ecosia nie verkauft oder gekauft werden kann und niemand einen Gewinn aus dem Unternehmen rausziehen kann. "Wir sind ein normales Unternehmen, aber wir sind nicht dazu da, um Shareholder reich zu machen", sagt Christian Kroll. Kroll sagt auch, dass er nicht das höchste Gehalt in der Firma bekomme: "Ich bin nicht mal im oberen Drittel". Aber man versuche marktübliche Gehälter zu zahlen, auch wenn Google-Mitarbeiter in Berlin sicher das Dreifache bekommen. "Wir wolle gute Leute haben, die für das brennen, was Ecosia macht".

"Ich besitze eine Jeans"

Bei Gesprächen mit künftigen Mitarbeitern fragt Kroll diese auch, was sie in ihrem Leben machen, um den Klimawandel zu lösen. Kroll selbst versucht so gut wie nicht mehr zu fliegen, er ist Vegetarier, auch seinen persönlichen Konsum hat er reduziert: "Ich besitze eine Jeans und mein Handy ist ein iPhone 5". Er wisse, dass das extrem sei, aber über einen Ökostromvertrag oder ein Konto bei einer ethischen Bank sollten sich Bewerber dennoch zumindest Gedanken gemacht haben.

Nach dem Abitur in Wittenberg hat Kroll in Nürnberg BWL studiert, vor allem am Lehrstuhl für Bank- und Börsenwesen. Schon als Gymnasiast auf dem Schulhof, es war die Hochzeit der New Economy, hat er begonnen mit Aktien zu handeln. "Während des Studiums habe ich weiter investiert, zum Beispiel in ukrainische Ölaktien. Wegen der Rendite", sagt Kroll. Etwas Geld hat er zeitgleich auch mit einer Bankenvergleichswebsite verdient. Dass er schließlich doch kein Unternehmensberater wurde, habe an einer Reise nach Nepal gelegen. "Da habe ich mich gefragt, wo denn nun die unsichtbare Hand sei, die im Hintergrund alles regelt und die Probleme löst." Alle Menschen sollten ein Recht auf eine gesicherte Versorgung und auf eine gesunde Umwelt haben. Das sollte wichtiger sein als Profitmaximierung, findet Kroll.

Trotz postkapitalistischer Struktur bei Ecosia funktioniere die Zusammenarbeit mit Microsoft sehr gut. Mit Satya Nadella an der Spitze habe sich in der Unternehmenskultur viel getan. Und der Softwarekonzern will klimaneutral werden. So soll nach eigenen Angaben bis 2050 der Kohlenstoff aus der Umwelt entfernt werden, den Microsoft seit seiner Gründung im Jahr 1975 direkt oder durch den Stromverbrauch verursacht hat. Diesen Kulturwandel schreibt sich Ecosia auch auf seine eigenen Fahnen. "Im Quartalsmeeting schreiben wir immer, dass wir sehr zufrieden sind mit unserer Partnerschaft und dann schreiben wir, was verbessert werden könnte. Und oft übernehmen sie das."

Auf den großen Konkurrenten Google ist Kroll nicht gut zu sprechen: "Google teilt immer wieder gegen uns aus, obwohl wir so klein sind". So sei es schwierig, Ecosia in Android und im Chrome als Suchmaschine einzustellen. Der Nutzer werde ständig gefragt, ob er das wirklich wolle. Das könnte zu mehr Datenverbrauch führen und Privatsphäre verletzen. "Dabei ist es in Wirklichkeit genau andersherum".

Das sei wettbewerbswidrig. Genauso wie Apple jedes Jahr Milliarden Dollar von Google bekomme, damit Google die Standard-Suchmaschine in Safari ist. Zwar habe man sich bei der EU-Kommission und bei deutschen Politikern beschwert. Gebracht habe das aber bislang nichts.

Trotz der Schwierigkeiten will Kroll mit Ecosia weiter wachsen. Und die Suchmaschine hin zu einem persönlichen Assistenten entwickeln: "Wir wollen den Leuten helfen, grünere Entscheidungen zu treffen. "Wenn ich von Berlin nach München fliegen will, dann soll Ecosia neben dem Preis auch anzeigen, wie hoch der CO₂-Ausstoß ist und wie das bei einer Bahnfahrt auf der Strecke aussieht. Man wolle den Leuten nichts vorschreiben, aber man wolle transparent machen, welche Folgen solche Konsumentscheidungen haben.

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