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„Das amerikanische Staatswesen war eine Republik der Säufer“

WELT-Logo WELT vor 6 Tagen Florian Stark
In Pennsylvania führte 1794 die Einführung einer Steuer auf Whisky zum Aufstand Quelle: Getty Images © Getty Images In Pennsylvania führte 1794 die Einführung einer Steuer auf Whisky zum Aufstand Quelle: Getty Images

Zu den erstaunlichen Beobachtungen für Besucher der USA gehört der Umgang mit Alkohol. Er ist mitunter schwerer zu bekommen als Schusswaffen, darf erst ab 21 Jahren konsumiert werden und erscheint in der Öffentlichkeit meist von braunen Papiertüten umhüllt. Das wird gern mit dem Nachwirken des 18. Zusatzartikels zur US-Verfassung erklärt, der von 1920 bis 1933 „Erzeugung, Verkauf oder Transport berauschender alkoholischer Getränke“ verbot.

Die Ratifizierung des Artikels im Januar 1919 verdankte sich der nachhaltigen Agitation der Abstinenzbewegung, in der Gruppen wie die Prohibition Party, die Woman’s Christian Temperance Union oder die Anti-Saloon League den Ton angaben. Deren Argumentation, die sich auf die Bibel, Moral und medizinische Erkenntnisse stützte, wurde allerdings auch durch die Erinnerung an eine Zeit gestärkt, in der die Amerikaner zu den größten Trinkern des Planeten gehörten.

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Nach ihrem Sieg im Befreiungskrieg gegen die britische Herrschaft stand die junge Republik vor dem Kollaps. Denn die Revolution und der gemeinsame Kampf hatten die sozialen Verwerfungen in den 13 Kolonien nur für einige Zeit in den Hintergrund gedrängt. Nach dem Frieden von Paris 1783 drängten sie erneut mit Macht auf die Tagesordnung.

In der sklavenhaltenden Plantagenwirtschaft des Südens hatte die Pflanzeraristokratie die Macht. Im Norden bildeten reiche Bürger und Unternehmer die Oberschicht, die sich durch erfolgreiche Neureiche vergrößerte. Diesen Eliten stand die übergroße Mehrheit gegenüber, die mit einer kleinlandwirtschaftlichen Subsistenzökonomie ihren Traum vom Leben in der Neuen Welt mehr schlecht als recht zu realisieren suchte. Hinzu trat in der sich formierenden Industrie des Nordens eine Arbeiterschaft, die oft am Existenzminimum vegetierte.

Im Whisky-Rausch kam es schnell zu Schlägereien und schweren Krawallen © Getty Images Im Whisky-Rausch kam es schnell zu Schlägereien und schweren Krawallen

Die sozialen Ungleichheiten waren infolge des Unabhängigkeitskrieges noch größer geworden, schreibt der Münchner Historiker Michael Hochgeschwender in seinem Buch „Die Amerikanische Revolution“. Als einen Ausdruck der Krise macht er die weitverbreiteten Alkoholismus aus, der die junge Republik prägte.

Schon zum Frühstück standen Wein oder Bier auf dem Tisch. Das hatte nicht zuletzt hygienische Gründe, waren vergorene Getränke doch oft weniger gefährlich als das oft verseuchte Wasser. Da die Lebenserwartung deutlich kürzer war als in der Gegenwart, bekamen die meisten Konsumenten die negativen Folgen ihres Trinkens nicht mehr mit. Alkohol verschaffte zudem in den langen Abenden und Wintern ein Gefühl der Wärme und Entspannung, kaschierte die Langeweile und konnte ein klassenübergreifendes Gemeinschaftsgefühl stiften.

Brauerei in Guttenburg am Hudson Quelle: De Agostini via Getty Images © De Agostini via Getty Images Brauerei in Guttenburg am Hudson Quelle: De Agostini via Getty Images

Schon vor der Revolution hatten Whisky und Rum allerdings auch für Kleinkriege zwischen Familien und Dörfern gesorgt und manche Schlägerei angetrieben, die sich zur lokalen Revolte auswuchs. Hinzu kamen die kostenlosen Gelage, die von Kandidaten in Wahlkämpfen und an Wahltagen erwartet wurden und ein wichtiges Argument für Wähler war, wem sie ihre Stimme geben würden. Thomas Jefferson scheiterte bei seiner ersten Bewerbung für das House of Burgesses, weil er sich weigerte, diese Erwartungshaltung der Wähler zu befriedigen.

Aber nicht nur die Wahlen boten Anlass zu rauschhaftem Alkoholkonsum. Bei jedem Fest und selbst beim abendlichen Vergnügen im Wirtshaus sorgten Whisky und andere hochprozentige Getränke für Unruhen aller Art, schreibt Hochgeschwender. „Das war der Normalzustand. In der postrevolutionären USA nahm das Alkoholproblem aber inflationär überbordende Züge an.“

Historiker haben errechnet, dass Amerikaner um 1800 pro Kopf 26 Liter reinen Alkohols zu sich nahmen – und dabei waren Frauen und Kinder mitgerechnet. Zum Vergleich: nach denselben Kriterien liegt der Wert für Deutschland heute bei 9,6 Litern reinem Alkohol pro Kopf.

Eintreiber der Whisky-Tax wurden von aufgebrachten Siedlern geteert und gefedert Quelle: Getty Images © Getty Images Eintreiber der Whisky-Tax wurden von aufgebrachten Siedlern geteert und gefedert Quelle: Getty Images

Aber auch in ihrer Zeit waren die 26 Liter ein außergewöhnlicher Wert. „Die bereits in der Vormoderne wegen ihrer Trunksucht bekannten Russen und Schweden kamen mit rund zwölf Litern nicht einmal auf die Hälfte. Das amerikanische Staatswesen war eine Republik der Säufer“, resümiert Hochgeschwender. Betrunkene Pastoren lallten vor angeheiterten Gemeinden ihre Predigten. Örtliche Honoratioren hatten ebenso wie Kleinbauern oft genug ihre liebe Not, sich torkelnd auf den Beinen zu halten.

Als die Administration des ersten US-Präsidenten George Washington auf die Idee verfiel, die Schulden des Unabhängigkeitskrieges mit Hilfe einer Steuer auf die Whisky-Brennerei zu tilgen, kam es 1794 in Pennsylvania zu einem regelrechten Aufstand. Washington musste Milizen mobilisieren, um Tausende aufgebrachte Siedler zur Räson zu bringen, die das Brennen und den Konsum von Schnaps für ein Bürgerrecht hielten. Schließlich wurde die Steuer abgeschafft, weil sie nicht den erhofften Ertrag erbrachte.

1794 schlug Präsident George Washingten persönlich die Whisky-Rebellion in Pennsylvania nieder Quelle: Wikipedia/Public Domain © Wikipedia/Public Domain 1794 schlug Präsident George Washingten persönlich die Whisky-Rebellion in Pennsylvania nieder Quelle: Wikipedia/Public Domain

Es waren vor allem sittenstrenge Aufklärer und evangelikale Prediger, die dem Alkoholkonsum den Krieg erklärten. Trinker wurden zu unmoralischen Versagern erklärt, die ihre Familien und Arbeitsstätten ruinierten. Ihre berauschten Seelen seien leichte Opfer des Teufels. Diese Perspektive fand ihre Argumente auch in Erfahrungen mit (und Klischees von) Einwanderergruppen, die mit den Traditionen der Pilgerväter wenig gemein hatten. Deutschen etwa wurde der Hang zum Bier verübelt, Iren die Freude am Whisky. Gegen deren illegale Brennereien in Brooklyn wurden nach dem Bürgerkrieg regelrechte Kriege geführt.

Ins Fadenkreuz der Abstinenzler gerieten auch Katholiken, die dem Kreuzzug gegen die Trinkerei eher distanziert gegenüberstanden. Ein Bischof wurde mit der spöttischen Bemerkung zitiert, er verstehe die ganze Aufregung nicht; die beste Maßnahme gegen übermäßigen Alkoholgenuss sei der bewusste Genuss guten Weines.

Aus dem ernsten Ringen mit dem Dämon Rum, so das Fazit, wurde der unerbittliche Krieg gegen Rum und Rom. Das Ergebnis war die Prohibition, das letzte gemeinsame Projekt von progressiven Aufklärern und Evangelikalen. Der 18. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung brach allerdings einer anderen Seuche Bahn: dem organisierten Verbrechen.

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