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Als Joseph Conrad den Kongo zu hassen lernte

WELT-Logo WELT 29.02.2020 Holger Kreitling
Joseph Conrad (1857 bis 1924) Quelle: picture alliance / Mary Evans Pi © picture alliance / Mary Evans Pi Joseph Conrad (1857 bis 1924) Quelle: picture alliance / Mary Evans Pi

Am 28. Juni 1890 bricht der polnische Kapitän Józef Teodor Nałęcz Konrad Korzeniowski von Matadi mit 31 Trägern und Helfern auf. Sie wollen nach Leopoldville (Kinshasa) am Kongo oberhalb der Wasserfälle liegt. Ab dort ist der Fluss schiffbar, und auf den Kapitän, 33 Jahre alt, wartet ein Kommando. Seit zwei Wochen ist Korzeniowski vor Ort, er hat einen Vertrag über drei Jahre, seine Stimmung ist nicht gut, er hat Elfenbein in Fässer gepackt. „Idiotische Beschäftigung“, schreibt er in seinem erstmals auf Englisch geführten Tagebuch.

Der Marsch zum Fluss ist beschwerlich, es geht 350 Kilometer bergauf und bergab. Die Tagesstrecken sind mal 20, mal 25 Kilometer lang. Am 3. Juli liegt die Leiche eines toten Schwarzen an der Straße, „grässlicher Geruch“. Am Tag darauf sieht er weitere Tote. Moskitos quälen ihn, die Nächte sind kalt, er schläft meist schlecht. Nach einer Woche ist er krank und muss pausieren.

Am 25. Juli gehen sie weiter, sein französischer Begleiter ist schwach, Gallenkolik und Fieber, er wird in der Hängematte getragen. Auf der Straße sehen sie ein Skelett, das an einem Pfosten hängt. Ein Staatsangesteller streitet sich mit den Trägern. „Stockschläge, die nur so niederprasselten.“ Die Einträge im Tagebuch sind knapp und düster.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Der Kongo ist erst vor einem Dutzend Jahren von Weißen erforscht worden. Das riesige Gebiet gehört seit 1885 privat dem belgischen König Leopold II., der es brutal und ohne jede Menschlichkeit ausbeuten lässt. Sklavenhandel und Grausamkeiten sind üblich. Inmitten der Hasardeure und von Gier getriebenen weißen Ausbeutern fühlt der Pole sich von Beginn an unwohl, er sehnt sich nach der See.

Am 1. August erreichen sie ihr vorläufiges Ziel, Leopoldville. Berüchtigt ist dort der Garten des Kapitäns der Sicherheitsabteilung der königlichen Unternehmen, er schmückt die Blumenrabatte mit 21 Köpfen von Eingeborenen. Er hat sie von einer Metzelei mitbringen lassen.

Doch das Schiff ist kaputt. Stattdessen soll er auf dem Flussdampfer „Roi des Belges“ unter dem Kommando eines jungen Dänen mitfahren. Vier Wochen schippern sie auf der „leeren Keksdose“, wie er später schreibt, den Fluss hinauf, 1500 Kilometer. Großenteils sind sie allein, nur umgeben von dichtem Urwald. Auch über das Unbehagen inmitten der fremden Ungewissheit wird er als Autor später berichten.

Der außerplanmäßige Offizier führt ein Logbuch, das „Up-river Book“, penibel beschreibt er die Navigation und vermerkt Wassertiefe, Sandbänke, Baumstämme. An Bord ist der Geschäftsführer, ein „Elfenbeinhändler mit niederem Instinkt“, der Engländer verabscheut. Korzeniowski will seinen Namen ändern und als Engländer auftreten, die Abneigung ist sofort gegenseitig.

Elfenbeinhandel in Leopoldville, 1920 Quelle: picture alliance / Mary Evans Pi © picture alliance / Mary Evans Pi Elfenbeinhandel in Leopoldville, 1920 Quelle: picture alliance / Mary Evans Pi

Am 1. September erreichen sie Stanley Falls (Kisangani). Der Kapitän und Korzeniowski haben beide die Ruhr, dazu Fieber. Am 6. September schreibt ihm der verhasste Vorgesetzte, dass er auf der Roi des Belges das Kommando hat, bis es dem Dänen besser geht. Sie nehmen einen kranken französischen Passagier auf, Monsieur Klein, und fahren los. Die Rückreise stromabwärts dauert nur zwei Wochen. Nach einigen Tagen an Bord stirbt Klein und wird in einem Dorf begraben, seine letzten Worte sind nicht überliefert.

Kaum zurück, schickt die Firma ihn mit einem Kanu los, um Baumfällarbeiten zu überwachen. Korzeniowski bereut es bitter, in den Kongo gegangen zu sein, bezeichnet sich selbst als „weißen Sklaven“. Er erkrankt erneut schwer an Ruhr, fürchtet um sein Leben. Träger bringen ihn in der Hängematte den ganzen Weg zurück nach Matadi, Ende Januar 1891 ist er in London.

Seine Kapitänszeit endet 1893, er wird als „J. Conrad Korzemowin“ aus dem Dienst entlassen. Das Kongo-Erlebnis hinterlässt tiefe psychologische Spuren – und beeinträchtigt seine Gesundheit bis zu seinem Tode.

1899 erscheint eine Novelle, die von der katastrophalen Flussfahrt berichtet, der Erzähler sucht und findet am Kongo einen legendenumwobenen Sklavenhändler namens Kurtz. Er nimmt ihn krank an Bord, wo er stirbt, die letzten Worte sind „Das Grauen! Das Grauen!“ Joseph Conrad nennt die alptraumhafte Geschichte, bis heute seine berühmteste, „Herz der Finsternis“.

Alles Schriftstellerleben sei Papier, heißt es. In dieser Reihe treten wir den Gegenbeweis an.

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