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Als Mark Twain die Quarantäne austrickste

WELT-Logo WELT 01.04.2020 Marc Reichwein
Die "Quaker City" war Teil der Union Navy im Amerikanischen Bürgerkrieg, ab 1867 im zivilen Einsatz Quelle: Getty Images © Getty Images Die "Quaker City" war Teil der Union Navy im Amerikanischen Bürgerkrieg, ab 1867 im zivilen Einsatz Quelle: Getty Images

Der Erfinder der weltberühmten Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn reiste gern und viel, er hatte selbst ein ziemlich abenteuerliches Leben. Noch bevor er heiratet und seine großen Werke schreibt, unternimmt Mark Twain, der mit bürgerlichem Namen Samuel Langhorne Clemens hieß, eine mehr als fünfmonatige Schiffsreise nach Europa. Am 8. Juni 1867 geht er an Bord der „Quaker City“. Der Raddampfer ist ein ausrangiertes Kriegsschiff und begibt sich auf eine Pilgerfahrt von New York City ins Heilige Land, als Beifang unterwegs gibt’s die Azoren, Gibraltar, Marseille, Rom, Neapel, Istanbul, Odessa und das Schwarze Meer.

Lässig an der Reeling: Mark Twain auf See Quelle: Bettmann Archive © Bettmann Archive Lässig an der Reeling: Mark Twain auf See Quelle: Bettmann Archive

Spanien und Malta darf die Quaker City nicht anlaufen, denn die Schiffsreise fällt in eine Zeit, in der Europa – und insbesondere der Mittelmeerraum – gerade von der vierten großen Cholera-Pandemie heimgesucht wird. Cholera, traditionell akut bei mangelnder Abwasserhygiene, ist neben Typhus und Tuberkulose die schlimmste Krankheit des 19. Jahrhunderts. Wer sie hat, kann bis zu 20 Liter Flüssigkeit am Tag verlieren und in seinen eigenen Exkrementen sterben. Erst Anfang der 1880er-Jahre wird das stäbchenförmige, Gift absondernde Darmbakterium, das die Krankheit auslöst, vom deutschen Mediziner Robert Koch nachgewiesen.

Seuchenschutz ist schon damals ein Thema. Bei einem Landausflug in Norditalien erlebt der Tourist Twain eine präventive „Ausräucherung“. Und Neapel, wo die Quaker City auch anlegt, ist für seine Seuchensterblichkeit damals dermaßen berüchtigt, dass Twain notiert: Neapel sehen und sterben? Dort wohnen und nicht sterben sei ja wohl die Frage.

Social Distancing im 19. Jahrhundert: Die "Ausräucherung" war eine gängige Methode gegen Cholera Quelle: picture-alliance / (c) Illustrat © picture-alliance / (c) Illustrat Social Distancing im 19. Jahrhundert: Die "Ausräucherung" war eine gängige Methode gegen Cholera Quelle: picture-alliance / (c) Illustrat

Und dann Griechenland: Weil die rigiden Behörden in Piräus Landgänge erst nach elftägiger Quarantäne gestatten, will der Kapitän gleich am nächsten Morgen Richtung Goldenes Horn weiterfahren. Twain ist enttäuscht. Einmal der Akropolis so nahe? Und dann soll man sie nicht besuchen dürfen? Als es eindunkelt, fasst er einen Plan. Mit drei weiteren Passagieren klettert er um halb elf heimlich vom Schiff (Quarantänebrechern drohen damals sechs Monate Haft), sie schleichen sich an Land und wandern los nach Athen, 15 Kilometer durch die damals noch unbebauten attischen Felder. Unterwegs naschen sie Trauben – Mundraub ist kein Diebstahl. In Athen wecken sie schlafende Hunde. Am Fuß der Akropolis bestechen sie eine Wache, um hinaufzugelangen. Und dann sind sie oben, genießen das Plateau bei Vollmond:

Mark Twain (1835 bis 1910) © Getty Images Mark Twain (1835 bis 1910)

„Athen im Mondlicht! Der Prophet, der dachte, es werde ihm die Herrlichkeit des Neuen Jerusalems enthüllt, hat sicherlich stattdessen dies gesehen! Es lag in der flachen Ebene gerade zu unseren Füßen – ausgebreitet wie auf einem Gemälde –, und wir blickten darauf wie von einem Ballon aus hinab. … Zu Häupten die erhabenen Säulen, majestätisch noch im Verfall, zu Füßen die träumende Stadt, in der Ferne das silberne Meer – nirgends auf der weiten Erde gibt es ein Bild, das nur halb so schön wäre!“

Mark Twain schlich sich nachts heimlich hoch: Akropolis mit Athen, um 1860 Quelle: De Agostini via Getty Images © De Agostini via Getty Images Mark Twain schlich sich nachts heimlich hoch: Akropolis mit Athen, um 1860 Quelle: De Agostini via Getty Images

Um vier Uhr früh ist es Zeit für den Rückmarsch. Unterwegs wird wieder Proviant aus den Weingärten stibitzt. Vor Sonnenaufgang und mit Hundegebell im Nacken erreichen sie die Küste. Zurück an Bord erfahren sie: Sie waren nicht die Einzigen, die heimlich an Land gegangen sind. Zwei Mitpassagiere waren auch in Athen. Sie prahlen, ab Piräus eine Droschke genommen zu haben. „The Innocents Abroad“ (dt. „Die Arglosen im Ausland“) von 1869 gehört zu den best gelaunten Werken der Weltliteratur. Jeder, der in seinem Leben schon mal Tourist war, sollte Twains Reisetagebuch lesen. Leider nur antiquarisch lieferbar.

Alles Schriftstellerleben sei Papier, heißt es. In dieser Reihe treten wir den Gegenbeweis an.

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