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„Der gefährlichste Mann in Großbritannien“

WELT-Logo WELT 06.03.2020 Antonia Kleikamp

Klaus Fuchs emigrierte 1933 nach Großbritannien und machte als Kernphysiker Karriere. Er arbeitete am alliierten Atomprogramm mit – und verriet zahlreiche Details an den sowjetischen Geheimdienst. Das Motiv war eindeutig.

Der Kalte Krieg tobte mehr als 40 Jahre zwischen den Supermächten. Zwar wurde der „Krieg“ nie erklärt, dennoch war diese Zeit mit spannungsreichen Konflikten übersäht, die beinah zum dritten Weltkrieg geführt hätten. Quelle: WELT/Stefan Wittmann © WELT/Stefan Wittmann Der Kalte Krieg tobte mehr als 40 Jahre zwischen den Supermächten. Zwar wurde der „Krieg“ nie erklärt, dennoch war diese Zeit mit spannungsreichen Konflikten übersäht, die beinah zum dritten Weltkrieg geführt hätten. Quelle: WELT/Stefan Wittmann

Totenblass stand der Angeklagte, mittelgroß und hager, den Kopf ein wenig zur Seite gelegt, im großen Saal des Londoner Justizpalastes Old Bailey. Vor ihm, am Richtertisch des zentralen Strafgerichtshofes des britischen Königreiches, saß in einer scharlachroten, mit Hermelin besetzen Robe der Lord-Oberrichter Rayner Goddard und neben ihm Gerichtsbeamte in schwarzen, seidenen Anzügen und mit schneeweißen Handschuhen.

Klaus Fuchs war ein brillanter Kernphysiker – und ein sowjetischer Spion Quelle: Getty Images © Getty Images Klaus Fuchs war ein brillanter Kernphysiker – und ein sowjetischer Spion Quelle: Getty Images

Eine fürwahr einschüchternde Kulisse. Klaus Fuchs, der schmächtige Angeklagte mit der runden Intellektuellenbrille, hörte die nach britischem Recht übliche Frage: Ob er sich hinsichtlich der vier Anklagepunkte schuldig oder nicht schuldig bekenne, nämlich in Birmingham 1943, in New York 1944, in Boston 1945 und in Berkshire 1947 Informationen weitergegeben zu haben, die einem Feind Großbritanniens von Nutzen sein könnten? Mit leiser Stimme antwortete Fuchs: „Schuldig“.

Danach dauerte es kaum 90 Minuten, bis Lord Goddard, wegen seiner schnellen Verfahren und der meist harten Urteile als „Justice-in-a-jiffy“ (etwa: „Richter kurzer Prozess“) bekannt, am 1. März 1950 das Strafmaß verkündete: 14 Jahre Haft wegen Spionage. Ohne eine Regung nahm Fuchs, damals 38 Jahre alt, die Entscheidung zur Kenntnis.

Wie war es dazu gekommen, dass ein gebürtiger Deutscher vor einem britischen Gericht angeklagt war, in den USA Geheimnisse verraten zu haben? Und war das Urteil gerecht?

Klaus Fuchs, geboren am 29. Dezember 1911 in Rüsselsheim, stammte aus einer bildungsbürgerlichen Familie; sein Vater Emil war evangelischer Theologe, Pfarrer und seit 1931 Professor in Kiel. Wegen seiner Haarfarbe nannte man Klaus schon als Kind den „roten Fuchs“. Der Vater, Pazifist, Glaubenssozialist und Quäker, war ein entschiedener Gegner der NSDAP und unterstützte den Sohn bei seinem politischen Engagement. Zumindest anfangs, als Klaus der Sozialistischen Arbeiterjugend in Kiel angehörte, zu der übrigens auch, allerdings in Lübeck, der fast gleichaltrige Herbert Frahm zählte, später bekannt als Willy Brandt.

Mit 20 Jahren trat Klaus Fuchs 1932 der KPD bei. Nach der Machtübernahme Hitlers leistete er in Berlin illegale Arbeit für die Kommunisten und konnte im Juli über Paris nach London emigrieren.

Im Prozess in London am 1. März 1950 fragte Lordrichter Goddard nach: „Verließ der Angeklagte Deutschland, weil er Angst hatte, verfolgt zu werden?“ Staatsanwalt Sir Hartley Shawcross antwortete: „Wir haben keinen Grund, daran zu zweifeln. Was er über die Untergrundbewegung gesagt hat, ist wahr, und ebenso, dass er von der Polizei gesucht wurde.“

Lord Rayner Goddard, 1950 der höchste Strafrichter Großbritanniens Quelle: Getty Images © Getty Images Lord Rayner Goddard, 1950 der höchste Strafrichter Großbritanniens Quelle: Getty Images

Im Oktober 1933 nahm der hochintelligente Fuchs sein zugunsten des politischen Engagements für die KPD unterbrochenes Studium der Mathematik und Physik wieder auf, in Bristol unter anderem bei dem theoretischen Physiker Nevill Francis Mott (er sollte 1977 den Physik-Nobelpreis bekommen). 1937 schloss Fuchs sein Studium erfolgreich mit einer Promotion in Mathematik ab und ging anschließend als Stipendiat zum Physiker Max Born (Nobelpreis 1954) nach Edinburgh. Hier verfasste er eine zweite Doktorarbeit in theoretischer Physik. Kein Zweifel: Klaus Fuchs war einer der klügsten Köpfe jüngeren Alters, die in Großbritannien lebten. 

Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde er dennoch zunächst als „feindlicher Ausländer“ interniert, doch ab Mai 1941 wirkte er am britischen Atomforschungsprogramm in Birmingham mit. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Sommer gewann Fuchs die Überzeugung, Großbritannien und die USA hätten „es zugelassen, dass Deutschland und Russland sich bis zur gegenseitigen Vernichtung bekämpften“, wie er vor Gericht sagte.

Deshalb nahm er im Herbst 1941 Kontakt zum sowjetischen Militärnachrichtendienst GRU auf und berichtete fortan über die britische Atomforschung. Den Kontakt hergestellt hatte der deutsch-jüdische Emigrant und Kommunist Jürgen Kuczynski, seine Schwester Ursula (besser bekannt unter ihrem Kampfnamen „Ruth Werner“) wurde zeitweise Fuchs’ Führungsoffizier. Kuczynski selbst stieg in der DDR zu einem der einflussreichsten Historiker auf.

Schon in Birmingham war der inzwischen eingebürgerte Fuchs ein wichtiger Informant des sowjetischen Geheimdienstes. Sein Wert stieg noch, als er im Dezember 1943 zusammen mit der Arbeitsgruppe um Hans Bethe (Nobelpreis 1967) zum streng geheimen US-Atombombenprogramm abgeordnet wurde, Deckname: Manhattan Project. Zunächst arbeitete er an der Herstellung waffenfähigen Urans in New York, dann am Implosionsdesign für eine Plutonium-Bombe in Los Alamos.

Fuchs verriet alles, was er in seiner Vertrauensstellung erfuhr, an den GRU. Damit half er der UdSSR wesentlich, den Vorsprung der USA in der Atomwaffenforschung aufzuholen. Ab Juli 1946 leitete er die Abteilung Theoretische Physik im britischen Atomforschungszentrum Harwell.

Sir Hartley Shawcross, 1950 der oberste Ankläger Großbritanniens Quelle: Getty Images © Getty Images Sir Hartley Shawcross, 1950 der oberste Ankläger Großbritanniens Quelle: Getty Images

In dem kurzen Verfahren im Old Bailey nannte Lord Goddard den Angeklagten „den gefährlichsten Mann“, den „das Land in seinen Grenzen“ habe. Eine klare Aussage. Ähnlich klar äußerte sich Ankläger Shawcross: „Ich brauche nicht weiter auf die Motive des Angeklagten einzugehen: Er ist ein Kommunist – das ist die Erklärung.“

Fuchs’ Verteidiger, Curtis Bennett, bat um Verständnis für den Angeklagten. Es sei tragisch, dass Fuchs ein Wissenschaftler in hoher Position gewesen sei. Weil er unter den schwelenden Feuern im unglücklichen Deutschland aufgewachsen war, habe er sich zum Kommunismus bekannt. „Jeder, der marxistische Theorien gelesen hat, sollte wissen, dass ein Kommunist, ob in Deutschland oder Timbuktu, genauso handeln würde.“

Im Herbst 1949 erfuhren britische Behörden, dass Atomgeheimnisse durchgesickert seien, und zwar während die englische Mission in den USA weilte. Fuchs geriet unter Verdacht. Erst Jahrzehnte später, 1995 bis 1997, gab die National Security Agency der USA bekannt, woher diese Informationen stammten: aus dem Entschlüsselungsprogramm „Venona“ für sowjetische chiffrierte Nachrichten, die während des Zweiten Weltkriegs aufgefangen worden waren, die aber erst nach 1945 entziffert werden konnten.

Klaus Fuchs nach der Entlassung aus der Haft 1959 Quelle: Getty Images © Getty Images Klaus Fuchs nach der Entlassung aus der Haft 1959 Quelle: Getty Images

Die Hinweise auf Klaus Fuchs waren deutlich, aber mussten geheim bleiben; deshalb brauchte man ein Geständnis. Fuchs rechnete damit, in jedem Fall verurteilt zu werden (was gar nicht stimmte); er gab sich deshalb reumütig: „Es wurde mir klar, dass es gewisse Begriffe des moralischen Betragens gibt, die man nicht missachten kann“, sagte er. Im Old Bailey dankte er leise seinem Verteidiger und dem Gericht für die faire Behandlung.

Die Strafe von 14 Jahren, die Höchststrafe für Spionage im Frieden (Fuchs hatte ja Geheimnisse an einen Verbündeten Großbritanniens verraten, nicht an einen Feind) wurde 1959 zur Bewährung ausgesetzt. Fuchs entschied sich für die Ausreise in die DDR, wo sein Vater lebte. Hier wurde er ein wichtiger Kernphysiker und Forschungsorganisator; er starb 1988.

Klaus Fuchs’ Grab befindet sich auf dem Friedhof der Sozialisten. Nichts spricht dafür, dass er innerlich dem Kommunismus jemals abgeschworen hätte.

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