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Die Furcht vor der südafrikanischen Variante

WELT-Logo WELT 23.01.2021 Christian Putsch
© Bereitgestellt von WELT

Die Bezeichnung der Coronavirus-Mutation in Südafrika klingt sperrig: E484K – wegen einer Veränderung von Gluatamat (E) und Lysin (K) an Stachelprotein-Stelle 484. Aber der Name taucht immer häufiger auf und gewinnt zunehmend an Bedeutung. Denn Wissenschaftler befürchten, dass Impfstoffe bei Virusformen mit dieser Mutation weniger wirksam sein könnten. Sie findet sich in den hochansteckenden Varianten, die in Südafrika und Brasilien grassieren – ein wichtiger Unterschied zur Variante in England, gegen die eine weitgehende Wirksamkeit des Pfizer/Biontech-Impfstoffs vermeldet wurde.

E484K macht die Angelegenheit allerdings komplizierter. Sie ist offenbar in der Lage, dem Immunschutz gegen den Eintritt des Virus in die Zelle zumindest teilweise zu entkommen. Zu diesem Ergebnis kam jedenfalls eine Forschungsgruppe unter Koordinierung der Rockefeller Universität in New York.

„Definitiv ein Unterschied“

Untersucht wurde die Reaktion von Antikörpern in Blutproben von 20 Menschen, die entweder den Impfstoff von Moderna oder von Pfizer/Biontech bekommen hatten, auf die südafrikanische Variante, in Fachkreisen auch B.1.351 genannt. In einigen dieser Proben hätten die Antikörper in gewissen Aspekten nur ein Drittel der Wirkung gegen das Virus gehabt. „Es ist ein kleiner Unterschied, aber definitiv ein Unterschied“, sagte der bei der Studie federführende Wissenschaftler, Michel Nussenzweig, gegenüber der Nachrichtenagentur AP. Die Reaktion der Antikörper sei „nicht gleich gut“ bei der Abwehr des Virus.

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Die Studie wurde erst am Dienstag veröffentlicht, noch läuft die Peer-Review. Doch zu den Ergebnissen passen die zuletzt exponentiell steigenden Infektionszahlen in Brasilien und Südafrika. In der Amazonas-Metropole Manaus waren während der ersten Welle bereits drei Viertel der Menschen infiziert worden. Trotz der anzunehmenden Herdenimmunität ist dort nun wegen zahlreicher neuer Erkrankungen das Gesundheitssystem zusammengebrochen.

Auch in Südafrika waren die Zahlen seit Oktober sprunghaft gestiegen, obwohl bei 40 Prozent der Schwangeren und HIV-Patienten nach dem Höhepunkt der ersten Infektionswelle im Juli Antikörper gegen das Coronavirus festgestellt worden waren. Das hatte ebenfalls für eine gewisse Durchseuchung und damit Herdenimmunität gesprochen. Anfang Januar wurden dennoch mehr als 20.000 Infektionen täglich registriert. Eine wahrscheinliche Erklärung: die E484K-Mutation. Erst seitdem sind die Zahlen wieder rückläufig.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Laut AP wiesen Wissenschaftler darauf hin, dass die Studie keinesfalls auf eine komplette Wirkungslosigkeit der Impfstoffe hindeute. „Wir wollen nicht, dass die Leute denken, dass der aktuelle Impfstoff bereits veraltet ist. Das ist absolut nicht wahr“, sagte der Immunologe Edward John Wherry von der Universität Pennsylvania.

Er verweist auf die zahlreichen Mechanismen, mit denen der Impfstoff eine Abwehrreaktion auslöse. Es gebe „trotzdem Immunität“ und ein „gutes Schutzniveau“. Aber die Mutation reduziere tatsächlich die Fähigkeit des Immunsystems, das Virus zu erkennen.

Wolfgang Preiser war als Leiter der Abteilung für Medizinische Virologie an der Universität Stellenbosch bei Kapstadt an der Entdeckung der neuen Variante beteiligt. „Nicht alles ist repräsentativ für das, was im Patienten passiert“, sagt der deutsche Wissenschaftler. „Es gibt einige beunruhigende Veränderungen in dieser neuen Variante, aber ich gehe davon aus, dass es allenfalls eine verminderte Wirksamkeit gibt.“

Selbst das sei in vielerlei Szenarien „zu verschmerzen“. In Südafrika werde man nun prüfen, wie Teilnehmer der laufenden Impfstoffstudien im Land gegen die Mutante geschützt seien. „Ich bin allerdings nicht besonders beunruhigt, das ist kein Effekt im Sinne von ‚alles oder nichts‘.“

Insgesamt sei zu loben, wie systematisch Südafrika nach neuen Varianten forsche, so der Wissenschaftler. „Jetzt entdecken mehr und mehr Länder ihre eigenen Varianten“, sagt Preiser. „Die haben ja vorher nicht gesucht, zumindest nicht so systematisch und landesweit wie in Südafrika.“ Die Entwicklung zeige aber auch, dass es weltweit auf eine rasche Impfung ankomme. Je länger das Virus zirkuliere, umso mehr werde es sich verändern: „Das ist nun einmal, was Viren tun.“

In Deutschland wurde die südafrikanische Variante bislang vereinzelt nachgewiesen. Weltweit ist das in 23 Nationen der Fall. Zu den betroffenen Ländern im südlichen Afrika zählen auch Sambia und Botsuana, wo die meisten der betroffenen Patienten länger nicht gereist war – was dafür spricht, dass die Mutation auch dort in der lokalen Bevölkerung bereits einen gewissen Verbreitungsgrad hat.

Afrika hat mit 3,3 Millionen Fällen und 82.000 Toten weiterhin deutlich niedrigere Zahlen als andere Regionen. Doch über ein Drittel der Fälle und knapp die Hälfte der Toten gab es in Südafrika. Mit einer Sterberate von inzwischen 2,5 Prozent liegt der Kontinent anders als noch während der ersten Infektionswelle inzwischen über dem weltweiten Durchschnitt von 2,2 Prozent.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Es liegen bislang keine Hinweise darauf vor, dass die Südafrika-Variante tödlicher ist, ihre erhöhte Infektiosität aber gilt als gesichert. Die Todeszahlen gelten besonders in Afrika, wo es vergleichsweise wenige Patienten im Risikoalter gibt, als die verlässlichere Größe als die der Neuinfektionen.

Schließlich testen mit wenigen Ausnahmen wie Südafrika und Ruanda die meisten Nationen nicht genug, um ein realistisches Bild der Infektionslage zu bekommen. Eine erhöhte Todesrate könnte also auf eine hohe Dunkelziffer hindeuten.

In den vergangenen Tagen starb der Außenminister Simbabwes, Sibusiso Moyo (60), sowie Jackson Mthembu (62), eine der prägenden Figuren der südafrikanischen Regierungspartei African National Congress (ANC).

England hat sogar ein Einreiseverbot für 13 afrikanische Länder ausgesprochen, auch wenn in nicht allen die neue Variante nachgewiesen wurde. Dafür fehlen vielerorts die technischen Möglichkeiten der Genomanalyse, teilweise – in Tansania – aber auch der politische Wille.

In Deutschland galt ab dem 21. Dezember ein Beförderungsverbot für Reisende aus dem als „Virusvarianten-Gebiet“ eingestuften Südafrika. Am 13. Januar wurde dieses Verbot aufgehoben. Einreisende müssen neben der Quarantänepflicht auch einen negativen Coronatest vorweisen.

Im April hatte Südafrika noch mit einem der schärfsten Lockdowns der Welt auf die Bedrohung durch das Coronavirus reagiert. Die daraus resultierenden wirtschaftlichen Schäden lassen die klamme Regierung aber nun jede Maßnahme sehr genau abwägen – obwohl die neue Variante mindestens 50 Prozent ansteckender ist und bei einer großen Mehrheit der analysierten Proben festgestellt wurde.

Die Landesgrenzen zu den Nachbarländern wurden für den Personenverkehr geschlossen, wie auch Strände und viele Parks. Einreisen per Flugzeug aber bleiben möglich. Und auch die Restaurants sind offen.

Gleichzeitig gab Südafrikas Regierung zuletzt ein schwaches Bild bei seiner Impfstrategie ab. Das Land will bis zum Jahresende 40 Millionen Menschen impfen, das sind Zweidrittel der Bevölkerung. Doch Fristen für die Anzahlung an die Impfstoffplattform Covax wurden verpasst, nennenswerte bilaterale Verhandlungen mit Herstellern laufen erst seit Ende vergangenen Jahres. Auch über die Finanzierung der Kosten von umgerechnet mindestens einer Milliarde Euro besteht weiter Unklarheit.

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