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Ein Psychologe erklärt, warum wir uns bei Video-Konferenzen immer selbst anstarren müssen

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 06.05.2020 Shira Feder
Aufgrund der Coronavirus-Pandemie verzeichnen Unternehmen wie Zoom und Google Hangouts einen starken Anstieg an neuen Mitgliedern. © Bereitgestellt von Business Insider Deutschland Aufgrund der Coronavirus-Pandemie verzeichnen Unternehmen wie Zoom und Google Hangouts einen starken Anstieg an neuen Mitgliedern. FilippoBacci / Getty Images

Lehrvorträge, gemeinsame Abendessen, Begräbnisse, Hochzeiten und viele weitere Veranstaltungen finden derzeit über Zoom oder andere Konferenz-Portale statt. Da wir andere Menschen während der Corona-bedingten Ausgangssperre momentan nicht sehen können, verbringen wir viel Zeit mit Video-Chats.

Die Zahl der Zoom-Anwender stieg aufgrund der Covid-19-Pandemie innerhalb von drei Monaten von zehn Millionen auf etwas mehr als 300 Millionen tägliche Nutzer an. Microsoft Teams kommt immerhin auf 75 Millionen und Google Meet auf 100 Millionen Besprechungsteilnehmer pro Tag.

Doch einen Haken hat das Ganze. Wer schon einmal an einer Video-Konferenz teilgenommen hat, der weiß, dass das Format einen herausfordern kann.

„Viele Jugendliche beschäftigen sich mit etwas, das als imaginäres Publikum bezeichnet wird. Sie glauben, dass die Menschen um sie herum wirklich auf jede ihrer Bewegungen achten“, sagt der Cyberpsychologe Andrew Franklin.

„Dieses imaginäre Publikumsphänomen verschwindet [im Erwachsenenalter] nicht unbedingt. Die Menschen werden sich extrem ihrer selbst bewusst und denken, dass alle Augen auf sie gerichtet sind. In Wirklichkeit werden sie aber nicht in dem Maße hinterfragt oder kritisiert, wie sie glauben.“

Video-Chats sind anstrengender als reale Interaktionen

Im wirklichen Leben geht es bei einem Gespräch um viel mehr als nur um das Gesagte. Zusätzlich zu den gesprochenen Worten achten Menschen auf Gesten, Tonfall, Mimik und Körpersprache, um zu interpretieren, was geschieht.

Viele dieser nonverbalen Äußerungen sind auf Videos nicht gut sichtbar. Eine im Jahr 2013 durchgeführte Studie zeigte, dass sich befreundete Teilnehmer bei Video-Chats weniger verbunden fühlten als bei persönlichen Interaktionen — weil sie sich nicht vollständig sehen konnten.

„Online wirst du auf einen Bildschirm verwiesen, der vielleicht die Größe einer Seite hat“, sagt Franklin. „Du vermisst eine Menge Informationen, die du in einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht möglicherweise erhalten würdest. Deshalb kann es sein, dass sich Leute in einem Zoom-Meeting sehr anstrengen müssen.“

Durch persönliche Interaktionen können mehrere Leute ein perfekt verständliches Gespräch führen, auch, wenn sich dabei mehrere Personen gegenseitig unterbrechen. Dank der Körpersprache und anderer sozialer Hinweise können Menschen verarbeiten, was andere sagen, selbst, wenn sie durcheinander sprechen.

© Bereitgestellt von Business Insider Deutschland

Bei einem Video-Chat ist es anders. Dort bedeutet eine Unterbrechung meist eine unangenehme Pause, während alle schnell überprüfen, ob ihr Mikrofon stummgeschaltet ist. Konversationsverzögerungen, die bei einem persönlichen Treffen normal wären, sind im Video-Chat unerträglich. Eine minimale Verzögerung von nur wenigen Sekunden kann dazu führen, dass die Leute einen Menschen als weniger freundlich wahrnehmen, so eine Studie aus dem Jahr 2014.

Wenn jemand eine Konferenz nicht unterbrechen möchte, werden die Gedanken häufig in den Text-Chat eingetippt, wodurch die Aufmerksamkeit der Chat-Teilnehmer weiter fragmentiert wird.

Video-Konferenzen sind anstrengend, weil die Nutzer in winzigen Kästchen auf dem Bildschirm auf die Gesichter mehrerer Personen starren müssen. Darüber hinaus werden sie leicht durch die Tatsache abgelenkt, dass sie in die Häuser aller Teilnehmer sehen können. Vielen bleibt deswegen nur die Alternative sich selbst anzustarren.

Den meisten Menschen fällt es bei Videoanrufen schwer, sich nicht die ganze Zeit nur auf sich selbst zu fixieren. Das kommt sogar so häufig vor, dass es schon Anleitungen gibt, die zeigen, wie der Augenkontakt zum Gesprächspartner während Videoanrufen gefälscht werden kann. Außerdem beschäftigen sich mehrere Aufsätze mit der Frage, was emotional passiert, wenn ein Mensch den ganzen Tag mit Video-Chats verbringt und sich dabei selbst beobachtet.

Wenn ihr während eines Video-Chats nicht damit aufhören könnt euch selbst anzustarren, liegt dies wahrscheinlich daran, dass ihr überfordert seid

Wenn ihr im wirklichen Leben mit jemandem sprecht, seht ihr euch normalerweise nicht selbst. Während einer Video-Konferenz könnt ihr aber beobachten, wie ihr die Wörter aussprecht und wie ihr auf das reagiert, was andere Leute sagen.

Wer sich selbst sieht, fragt sich in der Regel auch, wie andere einen sehen. In Verbindung mit längerem Augenkontakt kann das anstrengend und unangenehm sein. In manchen Fällen haben Leute sogar das Gefühl, übertriebene Reaktionen ausführen zu müssen, um zu beweisen, dass sie präsent sind und zuhören.

Franklin sagt, dass die Fokussierung auf die eigene Person eine Möglichkeit ist, um mit der Reizüberflutung des Video-Chats umzugehen. Mehrere Untersuchungen zeigen, dass viele Menschen in Bezug auf ihre Multitasking-Fähigkeiten und Informationsverarbeitung zu selbstsicher sind.

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„Weil wir nur diesen endlichen Bildschirm vor uns haben, sind wir zuversichtlich, alles verarbeiten zu können, was vor uns liegt“, erklärt Franklin. Da alles, was in einem Video-Chat geschieht, sich auf einem relativ kleinen Bildschirm abspielt, wird davon ausgegangen, dass es einfach sein sollte, alles zu verarbeiten. Das ist aber meist nicht der Fall.

Viele Menschen erleben ein Phänomen der visuellen Wahrnehmung, das sich Veränderungsblindheit nennt. Dabei bemerkt der Betroffene Veränderungen nicht, die direkt vor ihm geschehen, weil seine Aufmerksamkeit an anderer Stelle liegt. So ist es auch manchmal bei einem Video-Anruf, weil einfach zu viele Dinge gleichzeitig auftreten.

Für introvertierte Menschen kann die eingeschränkte Interaktion eines Video-Chats aber auch eine Erleichterung sein. Franklin rät, sich auf einen bestimmten Punkt zu konzentrieren, das zu Sagende vorzubereiten und vorzutragen und das Mikrofon anschließend wieder stumm zu stellen.

Die Leute sehen dich nicht, wie du denkst

Die Menschen sollten wissen, dass die intensive Prüfung, die sie glauben während der Zoom-Chats zu spüren, nicht wirklich stattfindet. Jeder setzt seinen Fokus anders und schenkt dem Anruf seine kontinuierliche, aber partielle Aufmerksamkeit.

Denkt beim Video-Chatten außerdem daran, dass ihr wahrscheinlich nicht alles verarbeiten könnt, was gesagt wird, und dass es in Ordnung ist, sich danach müde zu fühlen.

Wenn ihr euch ausgebrannt fühlt, solltet ihr stattdessen einen Anruf vorschlagen, so Franklin. Und scheut euch nicht davor, das, was ihr sagen wollt, im Voraus aufzuschreiben. Wer sich während eines Anrufs Notizen macht oder rumläuft, kann sich besser konzentrieren. Und wer sich trotzdem zu unsicher fühlt, der kann ein Post-It über das eigene Gesicht am Bildschirm kleben.

Und denkt daran: Auch, wenn ihr nur euch selbst anseht, braucht ihr euch keine Gedanken machen — denn alle anderen machen wahrscheinlich genau das Gleiche.

Dieser Artikel wurde von Lea Kreppmeier aus dem Englischen übersetzt und angepasst. Das Original findet ihr hier.

Videokonferenz © FilippoBacci / Getty Images Videokonferenz

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