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Fast wären sowjetische Atomwaffen bei Berlin explodiert

WELT-Logo WELT 14.08.2018

1419001 Russia. 03/20/2013 A multiple rocket launcher Grad during field firing exercises of artillery units of the all-arms army of the Eastern Military District at the Sergeyevsky shooting range in Primorye Territory. Ildus Gilyazutdinov/RIA Novosti | © picture alliance / dpa 1419001 Russia. 03/20/2013 A multiple rocket launcher Grad during field firing exercises of artillery units of the all-arms army of the Eastern Military District at the Sergeyevsky shooting range in Primorye Territory. Ildus Gilyazutdinov/RIA Novosti |

Während eines Gewitters entzündeten sich im August 1977 Tausende Raketen der Roten Armee in Dannenwalde in Brandenburg. In dem Munitionsdepot lagerten offenbar noch weitaus gefährlichere Waffen.

Kurz vor 14 Uhr kam der große Knall über Dannenwalde. Zunächst zeugten nur ein paar Donnerschläge von den Entladungen eines Gewitters. Doch dann veränderten die Schläge ihren Ton und begannen zu zischen. Die Älteren erinnerten sich sogleich an die Stalinorgeln, die 1945 das Nahen der Roten Armee angekündigt hatten. Es war nicht das Einzige, was wie das "Kommen der Front" schien. "Denn das Donnern hörte überhaupt nicht mehr auf", erinnerten sich Zeugen. Bis tief in die Nacht zuckten "leuchtende Feuerschwänze" durch die Nacht und trafen Häuser, Ställe und sogar die Kirche. Dunkle Rauchsäulen zeigten, dass gut 50 Kilometer nördlich von Berlin etwas Unerhörtes geschah.

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Dennoch hatte Dannenwalde in Brandenburg an diesem 14. August 1977, einem Sonntag, Glück im Unglück. Denn nur wenige Hundert Meter vom Epizentrum der Katastrophe entfernt lauerte wohl noch eine weitaus gefährlichere Gefahr: In einem ehemaligen Bunker der Wehrmacht hatte die Rote Armee "Spezialladungen" gelagert, wie der damalige Feuerwehrchef der sowjetischen Streitkräfte in der DDR, Wladimir Gawrilowitsch Wlasenko, Jahrzehnte später in einem Interview offenbarte. "Spezialladungen" für die 2. Garde-Panzerarmee der Roten Armee mit Sitz in Fürstenberg an der Havel.

Recherchen ergaben, dass es sich bei den "Spezialladungen" um einen Euphemismus für Waffen handelt, die in anderen Armeen "Sondermunition" oder "Special Ammunition" genannt werden: Atomwaffen, wahrscheinlich der 3397. Beweglichen Raketentechnischen Basis, die zur 2. Garde-Panzerarmee gehörte. Sie war mit Boden-Boden-Raketen vom Typ SS-21 Scarab ausgerüstet, taktischen Kurzstreckenprojektilen, von denen die Sowjetunion mehr als 1000 Exemplare im Bestand hatte.

Im Verantwortungsbereich der 2. Garde-Panzerarmee lagen auch das Munitionslager sowie eine Instandsetzungswerkstatt der Artillerie, das nach 1945 auf dem Gelände der ehemaligen Lufthauptmunitionsanstalt Dannenwalde der Wehrmacht eingerichtet worden war. Zu den umfangreichen Beständen, die dort in alten Bunkern und neueren Hallen untergebracht waren, gehörten auch Tausende Katjuscha-Raketen vom Kaliber 12,2 Zentimeter, Munition für Mehrfachraketenwerfer, modernen Nachfolgern der Stalin-Orgeln des Zweiten Weltkriegs.

Was genau am frühen Nachmittag des 14. August 1977 passierte, kam erst nach dem Abzug der sowjetischen Truppen 1994 häppchenweise heraus. Entsprechend dürftig sind die Ergebnisse, zumal die russischen Akten weiterhin gesperrt sind. Offiziell war nur von einem Brand die Rede, "der nach kurzer Zeit gelöscht wurde".

Offenbar schlug gegen 14 Uhr ein Blitz in ein offenes Lager mit Katjuscha-Raketen ein, das nicht mit einem Blitzableiter gesichert war. Dadurch wurden die Feststoffantriebe der Raketen gezündet, die unkontrolliert in alle Richtungen starteten. Nicht nur in Dannenwalde, sondern in 22 weiteren Gemeinde schlugen die Geschosse, die zum Glück nicht mit einem Sprengkopf versehen waren, ein, vor allem auf Wiesen, Feldern, Wäldern. Ein Zug mit Munition, der vor dem Lager abgestellt war, wurde von der Besatzung geistesgegenwärtig aus der Gefahrenzone geschafft.

So viel Umsicht war den Mannschaften im Lager offenbar nicht gegeben. Frauen der russischen Offiziere und ihre Kinder kamen aus dem Lager gerannt und suchten Deckung in den Häusern, die die Dannenwalder zuvor in Panik verlassen hatten. "Schwefelgeruch lag in der Luft, man konnte kaum atmen", zitierte der MDR einen Zeitzeugen. "Leute kamen mit Kinderwagen aus den Häusern und haben Autos auf der Straße angehalten und ihre Kinder zu wildfremden Leuten hineingesetzt, nur damit sie wegkommen", sagte ein Bewohner der "Märkischen Allgemeinen Zeitung".

Nur 200 Meter vom brennenden Raketenlager lag der Wehrmachtsbunker mit den "Spezialladungen". Dessen Wände aus Stahlbeton seien bis zu einem Meter dick gewesen, wiegelte Feuerwehrchef Wlasenko ab. Aber die Eingänge waren nur mit schlichten Blechtüren gesichert. Es war ein Wunder, dass die herumfliegenden Katjuschas den Bunker und seinen hochgefährlichen Inhalt verfehlten.

Zahlreiche Soldaten kamen ums Leben

Auch dass die Katastrophe keine zivilen Opfer forderte, darf als glücklicher Zufall gelten, zumindest kamen wohl keine DDR-Bürger zu Schaden. Die Zahl der getöteten Rotarmisten, die mit einfachsten Mitteln versuchten, den Explosionsherd einzudämmen, wird auf 50 bis 300 geschätzt. Die 70 Zinksärge, die seinerzeit bei einer DDR-Firma bestellt wurden, dürften die Realität einigermaßen spiegeln.

Noch Wochen nach der Katastrophe wurden die Bewohner von Dannenwalde von Explosionen erschreckt. Offenbar sprengten die sowjetischen Truppen die "angeschlagenen" Raketen. Kolonnen schwerer Lkw, die in den Tagen nach dem Unglück vor dem Lager gesehen wurden, könnten durchaus für den Abtransport der nuklearen Sprengkörper bestimmt gewesen sein.

Русский: Боевые стрельбы артиллеристов российской 7-й военной базы в Абхазии в финале конкурса по полевой выучке им. маршала артиллерии Владимира Михалкина. English: The combat firing of the Russian 7th military base. Date 13 February 2018 Source http://мультимедиа.минобороны.рф/multimedia/photo/gallery.htm?id=51910@cmsPhotoGallery Author Ministry of Defence of the Russian Federation Licensing Medium emblem of the Ministry of Defence of the Russian Federation (21.07.2003-present).svg This file comes from the websites (mil.ru, минобороны.рф) of the Ministry of Defence of the Russian Federation and is copyrighted. This file is licenced under the Creative Commons Attribution 4.0 Licence. © Wikipedia/Ministry of Defence of the Russian Federation/CC-BY 4.0 Русский: Боевые стрельбы артиллеристов российской 7-й военной базы в Абхазии в финале конкурса по полевой выучке им. маршала артиллерии Владимира Михалкина. English: The combat firing of the Russian 7th military base. Date 13 February 2018 Source http://мультимедиа.минобороны.рф/multimedia/photo/gallery.htm?id=51910@cmsPhotoGallery Author Ministry of Defence of the Russian Federation Licensing Medium emblem of the Ministry of Defence of the Russian Federation (21.07.2003-present).svg This file comes from the websites (mil.ru, минобороны.рф) of the Ministry of Defence of the Russian Federation and is copyrighted. This file is licenced under the Creative Commons Attribution 4.0 Licence.

Wie aus Unterlagen der DDR-Staatssicherheit hervorgeht, die nach der Wende gesichert werden konnten, wurden 1977 allein 778 Katjuscha-Raketen außerhalb des Munitionslagers gesichert (MDR). Nachdem die sowjetischen Truppen Anfang der 90er-Jahre ihre Standorte geräumt hatten, wurden auf dem Gelände zahlreiche Gruben mit Munition entdeckt. Erst 2002 wurde ein Versteck entdeckt, in dem rund 200 funktionsfähige Katjuscha-Projektile ans Licht kamen. Sie waren wahrscheinlich 1977 einfach vergraben worden. Die Spezialisten des Munitionsbergungsdienstes brauchten mehrere Wochen, um sie zu sprengen.

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(190413) -- COLOMBO, April 13, 2019 () -- Aerial photo taken on April 3, 2019 shows the skyline of the city Colombo, capital of Sri Lanka, and its landmark Lotus Tower. Under the Belt and Road Initiative, Sri Lanka and China signed the Lotus Tower agreement in 2012 to build the highest TV tower in South Asia, with China National Electronics Import and Export Corporation (CEIEC) being the general contractor. To make the tower a success, both Chinese and Sri Lankan workers have put in years of hard work and dedication. The project will be completed later this year. By then, the Lotus Tower will not only function as a TV tower, but also a hotel, a shopping mall and a conference center. (/Guo Lei) | Nächste Geschichte

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