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Frankfurt: Neue Dino-Ausstellung - Paläontologen graben in Gesteinsblöcken nach Knochen

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 02.06.2020 Christoph Seidler

Wenn Forscher nach Dinosauriern suchen, tun sie das meist in aller Abgeschiedenheit. In Frankfurt am Main werden nun aus tonnenschweren Gesteinsblöcken Knochen freigelegt - vor den Augen von Zuschauern.

© Janosch Boerckel/ National Geographic

Im Winter ist es unfassbar kalt, im Sommer unerträglich heiß. Dann noch die Moskitos. Und der Dreck. Die Weiten von Wyoming sind bei durchschnittlichen Amerika-Reisenden nicht besonders beliebt. Der Bundesstaat ist mit weniger als 600.000 Einwohnern so bevölkerungsarm wie kein anderer. Wer dennoch in die Einsamkeit kommt, tut das am ehesten wegen der unberührten Natur - oder weil er sich für Dinosaurier interessiert.

Für Fans der Urzeittiere ist Wyoming ein Paradies. Neben dem US-Bundesstaat Montana und der kanadischen Provinz Alberta bietet die Region einige der spektakulärsten Fundstätten der westlichen Welt: Riesige gehörnte Pflanzenfresser wie Triceratops oder Torosaurus blieben hier in großer Zahl im nur karg bewachsenen Boden erhalten, ebenfalls vegetarisch lebende Entenschnabelsaurier wie der Edmontosaurus, dazu auch fleischfressende Räuber wie der Tyrannosaurus und dessen kleinere Verwandte.

Jeder Sturm, jedes Gewitter legt wieder neue Knochen frei. Die Erosion ist der beste Freund der Dinojäger – solange die Wasserfluten vom Himmel die Wege nicht unpassierbar machen. "Wenn man da mit dem Geländewagen steckenbleibt, irgendwo in der Landschaft, hat man keine Chance", sagt Kurator Philipe Havlik vom Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main, der regelmäßig in Wyoming unterwegs ist.

Eine rund 70 Millionen Jahre alte Zeitkapsel

Seit rund 150 Jahren wird in den unendlichen Weiten des Staates nach Knochen gebuddelt. Die besten Fundstücke stehen in Privatsammlungen und Museen. Meist gehen die Paläontologen ihrer Arbeit auf abgelegenen Ländereien riesiger Ranches nach und bringen das, was sie gefunden haben, später zur Präparation in ihre Labors.

Am Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main können ab kommender Woche erstmals Zuschauer in Deutschland einer solchen Ausgrabung live beiwohnen. Ein Team um den Kurator Havlik hat per Schiffscontainer 30 Tonnen Sedimentgestein aus Wyoming an den Main geholt. Hier wird das Material nun vor den Augen der Öffentlichkeit untersucht. Als Highlight der am 4. Juni startenden Ausstellung "Edmonds Urzeitreich" sollen Knochen des bis zu 13 Meter langen und vier Tonnen schweren Edmontosaurus freigelegt werden. Auch Fragmente weiterer Saurier und anderer urzeitlicher Tiere dürften in den Gesteinsproben eingeschlossen sein. Es ist eine Art Zeitkapsel vom Ende der Kreidezeit vor etwa 70 Millionen Jahren.

Zum Edmontosaurus hat Senckenberg eine besondere Beziehung. Ein sehr gut erhaltenes Exemplar ist seit fast 100 Jahren im Keller des Museums ausgestellt. Das Besondere: Es sind auch Teile der Haut des Tieres erhalten. Die Frankfurter Dinomumie wurde nur ein paar Kilometer von der Stelle entfernt gefunden, an der nun die neuen Proben genommen wurden. "Die letzten Jahrzehnte wurde der Edmontosaurus hier im Haus weitgehend ignoriert, die Besucher sind vorbeigelaufen", sagt Havlik. Das ändert sich jetzt. Die Forscher legen mit den neuen Fundstücken nach und nach auch Informationen darüber frei, in welcher Welt der pflanzenfressende Dino sich einst bewegte.

Der Edmontosaurus teilte sich seinen Lebensraum im heutigen Wyoming mit anderen Tieren wie Schildkröten, Krokodilen und kleinen Säugetieren. Auch ihre Überreste dürften sich in den Sandsteinblöcken finden. Vor knapp 70 Millionen Jahren war die Gegend wohl ein von großen Flüssen durchzogenes Waldgebiet mit Laub- und Nadelbäumen. Östlich davon befand sich ein riesiger Meeresarm, den Forscher heute als Western Interior Seaway bezeichnen, westlich lag ein Gebirgszug mit zahlreichen erloschenen Vulkanen. Der CO2-Gehalt der Atmosphäre lag damals deutlich höher als heute, die globalen Temperaturen auch. Das Klima war den Forschern zufolge feucht-warm, wobei die Niederschläge monsunartig nur in einem Teil des Jahres fielen.

Das Material stammt aus der sogenannten Lance-Formation, die für ihre reichhaltigen Dino-Funde bekannt ist. Konkret handelt es sich um ein sogenanntes "Bonebed". Das bedeutet, dass hier zahllose Einzelknochen verschiedener Individuen liegen, die einst an einem anderen Ort starben. Das Wasser eines Flusses trug die Überreste dann zu einer Stelle, an der sie sich sammelten. Dass die Frankfurter Forscher einen kompletten Dino finden, ist daher eher unwahrscheinlich. Gleichsam ist ihre Fundstelle eine Art paläontologische Wundertüte, die interessante Überraschungen bergen kann.

Unwahrscheinlich, dass ein kompletter Dino gefunden wird

Für den Transport über den Atlantik musste das Material mit einer Diamant-Kettensäge in 16 Würfel geschnitten werden. Für die Paläontologen ist das nach eigenem Bekunden aber kein Problem. "Die zertrennten Knochen lassen sich am Schnitt später einfach wieder mit Kleber zusammenfügen", sagt Havlik.

Die aus Ungarn stammende Präparatorin Zsófia Hajdu und ihr deutscher Kollege Olaf Vogel werden die 20 Quadratmeter große Fläche bearbeiten. Schon vor der offiziellen Ausstellungseröffnung haben sie zahlreiche, teils auch große Knochen freigelegt, dazu Wirbelkörper und Dinozähne. "Es ist mein Traumjob", sagt Hajdu. Dass sie sich dabei bald auf die Finger schauen lässt, störe sie nicht: "Die Leute können zuschauen und so viele Fragen stellen wie sie wollen."

Allerdings dürfen wegen der aktuellen Corona-Auflagen jeweils nur 18 Gäste gleichzeitig den Präparatoren zusehen. Und sie werden auch nicht allzu lange bleiben können - weil dann schon die nächsten Menschen einen Blick auf die Ausgrabung werfen wollen.

Temporärer Ausstellungsbau neben dem Museum

Das Künstlerkollektiv YRD.Works hat für diese Form der Ausstellung eigens einen kleinen temporären Bau an der Seite des Frankfurter Museums errichtet. Im Inneren des Haupthauses hätten die Steinbrocken nicht gelagert werden können. "1,5 Tonnen pro Quadratmeter, das ist viel zu viel Last für ein Gebäude", sagt Havlik. Im Außenbereich sind die Steinwürfel nun über einem ehemaligen Tanklager der Universität platziert. Dessen Decke trägt die Last.

"Das ist Neuland, so etwas hat noch keiner gemacht"

Eine Dinosaurier-Grabung mitten in einer Großstadt - "das ist Neuland, so etwas hat noch keiner gemacht", sagt Havlilk. Entsprechend war das Projekt auch nur mit zahlungskräftigen Unterstützern zu realisieren. Das Geld stammt von der Stiftung des Unternehmerpaares Birgit und Herbert Rebmann, die mit ihrer Firma Zusatzstoffe für Arzneimittel und Kosmetikprodukte herstellen. Die Möglichkeit, überhaupt in Wyoming graben zu können, verdanken die Frankfurter wiederum dem Privatsammler Burkhard Pohl. Der Chef des Dinosaur Center im Örtchen Thermopolis verfügt über einen Claim vor Ort und saß, so beschreibt es Havlik, beim Freilegen des Materials für Senckenberg selbst im Bagger.

Das Team schätzt, dass sich in den Gesteinsblöcken im Zweifel mehr als 1000 Einzelobjekte befinden. "Eine Dinosauriergrabung ist nicht wie in 'Jurassic Park', wo man mit dem Pinsel ein vollständiges Skelett freilegt", sagt Präparator Vogel. "Das ist richtig harte Arbeit." Nicht alle Fundstücke werden in den kommenden Monaten auch vollständig präpariert werden können. Der Rest wird dann erst einmal eingelagert. "Die Generationen nach uns werden uns hassen", witzelt Kurator Havlik, "weil wir alle Lager des Museums mit den Dinoknochen vollgemacht haben".

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