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Kondensstreifen sind klimaschädlicher als CO2

WELT-Logo WELT 08.09.2020 Norbert Lossau
Unter bestimmten Bedingungen verursachen Flugzeuge weithin sichtbare Kondensstreifen Quelle: picture alliance © picture alliance Unter bestimmten Bedingungen verursachen Flugzeuge weithin sichtbare Kondensstreifen Quelle: picture alliance

Dass der weltweite Flugverkehr einen Beitrag zum Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre leistet, ist eine Binsenweisheit. Doch Kohlendioxid ist nur ein Faktor von vielen, wenn es um die Auswirkungen der Luftfahrt auf die anthropogene Klimaerwärmung geht.

In einer umfangreichen internationalen Studie unter Leitung der Manchester Metropolitan University haben Forscher mit bislang unerreichter Präzision berechnet, welche Effekte der globale Flugverkehr im Detail hat.

Im „Journal Atmospheric Environment“ berichten sie, dass nur ein Drittel der Klimawirkung des Luftverkehrs auf die Emission von Kohlendioxid zurückzuführen ist. Die anderen zwei Drittel entfallen auf Kondensstreifen sowie die Emission von Ruß, Wasserdampf, Stickoxiden und diversen Aerosolen.

„Unter Verwendung der neuen Methodik fanden wir heraus, dass der Einfluss der Kondensstreifen-Zirren, also Wolken aus kleinen Eiskristallen, weniger als die Hälfte der zuvor geschätzten Klimawirkung entfaltet, aber immer noch den größten Beitrag des Luftverkehrs zur globalen Erwärmung beisteuert“, erklärt Professor Robert Sausen vom DLR-Institut für Physik der Atmosphäre in Oberpfaffenhofen, das an der Studie beteiligt war. „Kondensstreifen-Zirren reflektieren zum einen Strahlung der Sonne in den Weltraum; das wirkt kühlend. Zum anderen verringern sie die Wärmeabstrahlung der Erde; das erwärmt das Klima. Im globalen Mittel dominiert der erwärmende Effekt.“

Kondensstreifen werden ohnehin von einigen Verschwörungstheoretikern für viel Schlimmes verantwortlich gemacht. Böse Mächte würden sogenannte Chemtrails an den Himmel sprühen, in denen sich gefährliche Chemikalien befänden. Mit diesem Unsinn haben die Erkenntnisse der Atmosphärenforscher natürlich nichts zu tun, wenngleich man gleichwohl feststellen kann, dass Kondensstreifen tatsächlich negative Konsequenzen für das Klima haben.

Bei den Berechnungen mit der neuen sogenannten ERF-Metrik („effective radiative forcing“) wurde erstmals berücksichtigt, dass Kondensstreifen-Zirren nicht gleichmäßig über dem Globus verteilt auftreten, sondern natürlich gehäuft entlang der stark frequentierten Flugrouten. Einbezogen wurden auch die konkreten Wetterbedingungen, von denen es ganz wesentlich abhängt, ob ein Flugzeug Kondensstreifen verursacht oder nicht.

Insgesamt kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass die Luftfahrt für 3,5 Prozent der anthropogenen Klimaerwärmung verantwortlich ist. Es liegt in den Augen des Betrachters, ob man diesen Wert als groß oder klein ansehen mag. Die gute Nachricht der neuen Studie ist jedenfalls, dass zwei Drittel dieser 3,5 Prozent auf kurzfristigen Effekten basiert. Die Wirkung der kurzlebigen Kondensstreifen-Zirren hält ja nicht länger an.

Das in die Atmosphäre eingebrachte Kohlendioxid verteilt sich dort gleichmäßig und bleibt über viele Jahrhunderte wirksam – wenn man es von dort nicht wieder mithilfe fortschrittlicher Technologien eliminiert. CO2-Emissionen liefern nach den Berechnungen der Forscher den zweitgrößten Beitrag zur Klimawirkung des Luftverkehrs.

Die Forscher haben den Zeitraum von 1940 bis 2018 analysiert. Das bedeutet, dass der Corona-bedingte Rückgang im weltweiten Luftverkehr in dieser Studie nicht berücksichtigt ist. In dem betrachteten Zeitraum wurden von der Luftfahrt, so bilanzieren die Forscher, insgesamt 32,6 Milliarden Tonnen Kohlendioxid emittiert. Rund die Hälfe davon wurden allein in den vergangenen 20 Jahren freigesetzt. Die Forscher schätzen, dass zwischen 1940 und 2018 ungefähr 1,5 Prozent der gesamten von Menschen verursachten CO2-Emissionen auf die Luftfahrt entfallen.

Künftig könnte durch neue Technologien, zum Beispiel aus grünem Wasserstoff hergestellte, CO2-neutrale Treibstoffe, sowohl die Emission von Kohlendioxid als auch der Ausstoß anderer Schadstoffe vermieden werden, insbesondere Ruß. Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt suchen überdies nach Methoden, mit denen sich wetterabhängig Flugrouten und -höhen so optimieren lassen, dass sich möglichst wenig oder idealerweise überhaupt keine Kondensstreifen mehr bilden.

An der groß angelegten Studie waren neben der federführenden Manchester Metropolitan University und dem DLR auch die National Oceanic and Atmospheric Administration der USA (NOAA), die Universitäten Oxford, Peking, Colorado, Leeds, Michigan, L’Aquilla, Reading sowie die University of California in Irvine, das Center for International Climate Research (Cicero) in Norwegen und das National Center for Atmospheric Research der USA (NCAR) beteiligt.

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