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Psychiatrie : "Immer häufiger gibt es Verletzte"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 11.09.2019 Nike Heinen

Blaue Flecke, Schnittwunden, Zwangsfixierungen: In der Psychiatrie nimmt die Gewalt zu, Mitarbeiter und Patienten sind am Limit – eine Therapeutin aus Hamburg berichtet.

Eine mit einem Textilband festgebundene Hand eines Patienten © Hans-Jürgen Wiedl/​dpa Eine mit einem Textilband festgebundene Hand eines Patienten

In den Psychiatrien kommt es offenbar immer häufiger zu Gewalt – Übergriffe auf die Beschäftigten, Zwangsfixierungen von Patientinnen und Patienten gehören laut einer Onlineumfrage der Gewerkschaft ver.di zum Klinikalltag. Immer häufiger trügen Therapeuten und Pfleger blaue Flecken und Schnittwunden davon, immer wieder würden Menschen auf den überfüllten Stationen von Mitpatienten angegriffen. "Unsere Arbeit wird immer gefährlicher", sagt auch die Hamburger Ergotherapeutin Maja Schauberick. Seit 32 Jahren arbeitet sie in der Psychiatrie im Universitätsklinikum Eppendorf, nun protestiert sie, so wie Beschäftigte im ganzen Land, gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen für bessere Arbeitsbedingungen. Denn ein Grund für die zunehmende Gewalt sei der Personalmangel auf den Stationen. ZEIT ONLINE hat Schauberick erzählt, wie dramatisch die Lage auf ihrer Station ist.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich heute mit Ihren Kollegen vor der Klinik für Psychiatrie am Hamburger Universitätsklinikum versammelt. Normalerweise arbeiten Sie hinter diesen Türen – unsichtbar sozusagen. Warum nun dieser Schritt nach draußen?

Maja Schauberick: Es geht so einfach nicht mehr weiter, wir müssen etwas unternehmen. Viele Kollegen sind am Ende ihrer Kräfte. Sie gehen jeden Tag mit einem unguten Gefühl zur Arbeit. Manche haben regelrecht Angst – um sich und ihre Patienten. Nicht nur am UKE, in allen psychiatrischen Kliniken ist es dieselbe Geschichte: Immer mehr Patienten, immer mehr Gewalt, immer weniger Zeit, die Arbeit so zu machen, wie wir das eigentlich sollten.

ZEIT ONLINE:  Woher wissen Sie, dass dies ein bundesweites Problem ist?

Schauberick: Das die Onlinebefragung von ver.di ergeben, das sogenannte Versorgungsbarometer. Die Ergebnisse sind dramatisch, aber sie klingen für uns auch bekannt. Jeder zweite der Befragten berichtet, dass er persönlich in den letzten vier Wochen vor der Befragung auf der Station eine gefährliche Situation erlebt hat. Und was mich wirklich deprimiert: 80 Prozent können sich nicht vorstellen, so bis zur Rente weiterzumachen. Aber wer soll diese Arbeit dann machen? 

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ZEIT ONLINE: Wie sieht diese Arbeit konkret aus?

Schauberick: Wir kümmern uns um Menschen, die in psychischen Notsituationen stecken. Mit allen möglichen Maßnahmen, von Medikamenten bis hin zu therapeutischen Gesprächen und Physiotherapie. Das ist mühsam. Auf einer Akutstation zum Beispiel haben viele den Kontakt zur Realität verloren. Vielleicht hat sich eine tiefe Verzweiflung ihrer bemächtigt, sodass der einzige Weg, den sie noch sehen, der Suizid ist. Oder es sind Menschen, die in dem Gefühl feststecken, dass sich die ganze Welt gegen sie wendet, dass sie verfolgt werden. Es braucht viel Geduld, um zu ihnen durchzudringen. Aber genau für solche Gespräche fehlt inzwischen das Personal.

ZEIT ONLINE: Und das heißt?

Schauberick: Wenn auf der Station jemand sichtlich unruhig wird, zum Beispiel herumschimpft, dann müsste man ihn eigentlich ansprechen und wieder herunterholen, bevor es zu einem Ausbruch kommt. Dafür ist die Personaldecke aber oft schon zu dünn. Das ist auch ein Ergebnis der Studie, das wir aus unserem Hamburger Alltag gut kennen: Für die rechtzeitige Deeskalation fehlt die Zeit. Immer häufiger gibt es verletzte Mitarbeiter – und verletzte Mitpatienten. 

ZEIT ONLINE: Eigentlich sind Psychiatrien doch auf Gewaltausbrüche eingerichtet. Im UKE gibt es die Möglichkeit, Patienten in ein Isolierzimmer einzuschließen, oder sie mit Gurten an spezielle Betten zu fixieren, bis sie sich beruhigt haben. 

Schauberick: Diese Zwangsmaßnahmen sind ein allerletztes Mittel, eine Ausnahme. Die Patienten verstehen nicht, was da passiert, es traumatisiert sie. Und es ist belastend für die Mitarbeiter. Im Moment sind Zwangsmaßnahmen bei uns und offenbar überall in Deutschland aber eher die Regel. Wer wie wir an einem Haus arbeitet, das für städtische Brennpunkte zuständig ist, der kann sie regelmäßig erleben. Die Öffentlichkeit muss erfahren, dass viele dieser Zwangsmaßnahmen vermutlich vermeidbar wären, wenn die Kliniken genug Personal hätten.

ZEIT ONLINE: Wie das?

Schauberick: Persönliche Beziehungen sind der Schlüssel. Wenn Sie jemanden in einem längeren Gespräch kennenlernen, dann bekommen Sie auch eine Idee, wie Sie ihn wieder herunterholen können. Da gibt es zum Beispiel das bewährte Konzept der Bezugspflege: Jeder im Team ist für bestimmte Patienten zuständig, damit die ihn und er sie besser kennenlernen kann. Eigentlich ist das auch bei uns Standard. Aber in der Praxis ist es schon lange kaum möglich. Durch die hohe tägliche Belastung sind auch die Krankenstände inzwischen hoch. Die Teams werden dauernd zerrissen, weil sie als Feuerwehr auf anderen Stationen einspringen müssen.

ZEIT ONLINE: Bis vor einem Jahr haben Sie die Abteilung für Ergotherapie geleitet – dort stehen Gespräche und Aktivitäten im Fokus, die ein bisschen Licht in den Stationsalltag bringen sollen. Viele Patienten genießen diese Zeit, weil es sie ablenkt. Wie hat sich die Arbeit dort verändert?

Schauberick: Bei manchen Patienten hilft schon ein bisschen frische Luft. Aber auch für begleitete Spaziergänge, wie sie auch Ergotherapeuten machen, fehlt inzwischen das Personal. Immer mehr Patienten kommen mit dem Zuführungsdienst direkt von der Straße. Von denen gibt es immer mehr, die wir gar nicht behandeln können. Für ergotherapeutische Interventionen muss sich jemand in eine Gruppe einfügen können, oder der Therapeut muss ihn risikofrei alleine besuchen können. Tatsächlich gibt es bei dieser Patientengruppe aber immer mehr Unruhe und Aggressionen, es wäre zum Beispiel zu riskant, mit ihnen alleine zu bleiben.

ZEIT ONLINE: Warum geht es den Patienten, die direkt von der Straße zu Ihnen gebracht werden, so schlecht?

Schauberick: Aus meiner Sicht ist die Situation bereits seit vier oder fünf Jahren so schwierig. Ich glaube: In dieser Zeit hat die Verelendung in manchen Bereichen Hamburgs, etwa um das Bahnhofsviertel St. Georg herum, stark zugenommen. Soziale Schwierigkeiten verschlechtern psychische Krankheiten. Wer auf der Straße lebt und hungert, friert, der hat den Veränderungen seiner Wahrnehmung einfach nichts mehr entgegenzusetzen. Diese Patienten bräuchten viel Zeit, die wir alle nicht mehr haben, eben weil es immer mehr dieser Patienten gibt. Und wenn erst einmal die Zeit fehlt, diese aggressiven Patienten rechtzeitig zu beruhigen, dann entsteht ein Teufelskreis. Denn Zwangsmaßnahmen binden Personal. Erst das Festhalten selbst, dann die Überwachung in der Fixierung, schließlich die Dokumentation und die heute vorgeschriebene Kontaktaufnahme zu den Gerichten: All das kostet Zeit, die auf der Station wieder fehlt – einer Station mit lauter Patienten, die von dem, was sie gerade gesehen haben, geschockt sind und besondere Zuwendung bräuchten.

ZEIT ONLINE: Wie geht es den Mitarbeitern damit? Sie müssten doch wissen, worauf sie sich einlassen, wenn sie in der Psychiatrie arbeiten.

Schauberick: Na ja, so hieß das immer. Früher gab es diese Erwartung: Wer in der Psychiatrie arbeitet, der muss das Geschrei, die Ausbrüche, all die Gewalt eben abkönnen. Das ist heute zum Glück anders. Alle wissen: Solche Szenen nehmen auch wir mit nach Hause. Genau deswegen werden ja viele Kollegen mit der Zeit selbst psychisch krank, sie sind erschöpft, haben Depressionen, Ängste. Dass wir mehr Personal fordern, das ist auch ein Selbstschutz.

ZEIT ONLINE: Der Gemeinsame Bundesausschuss – das für Finanzierungsfragen im Gesundheitssystem zuständige Gremium aus Krankenhäusern, Krankenkassen, Ärzte- und Patientenvertretern – hat lange über neue Personalschlüssel in der Psychiatrie verhandelt. Am 19. September soll das Ergebnis veröffentlicht werden. Was denken Sie, wird es bald mehr Personal geben?

Schauberick: Ich habe tatsächlich schon etwas gehört. Aber diese Verhandlungen waren nicht öffentlich, ich werde vorab keine Zahlen nennen. Aber wir gehen ja heute auf die Straße. Und das hat schon einen Grund. 

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