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Schöne Eindringlinge sind beliebter: Der Waschbär ist sogar für Forscher zu niedlich

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 10.04.2020 Ralf Nestler

Viele Arten dringen in hiesige Ökosysteme ein. Über die mit „Charisma“ wird besonders geforscht: Sie sind schwerer zu bekämpfen, weil Forscher sie unterschätzen.

Süüüß! Ein Waschbär im Landkreis Oder-Spree in Brandenburg. © Foto: Patrick Pleul/dpa Süüüß! Ein Waschbär im Landkreis Oder-Spree in Brandenburg.

Waschbär, Marmorkrebs, Götterbaum – die Liste der ortsfremden, invasiven Arten wird länger. Die eingeschleppten Tier- und Pflanzenarten verdrängen heimische Spezies und verändern damit die Ökosysteme beträchtlich.

Wissenschaftler und Naturschützer suchen daher nach Lösungen, um die Ausbreitung der invasiven Spezies zu verhindern. Doch das ist gar nicht so einfach, insbesondere wenn die Arten besonders hübsch anzusehen oder anderweitig faszinierend sind.

Dann fällt es Fachleuten wie Laien schwer, objektiv zu sein. Maßnahmen gegen invasive Grauhörnchen in Italien beispielsweise wurden durch diesen Effekt sogar vereitelt. Das berichtet ein Forscherteam vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und der tschechischen Akademie der Wissenschaften.

Werden in der Forschung bestimmte Arten bevorzugt?

Sie sind einer Frage nachgegangen, die in der Biologie immer wieder gestellt wird: Werden in der Forschung bestimmte Arten bevorzugt? Was viele vermuten, wurde mehrfach bestätigt.

Bezogen auf den Naturschutz etwa hat Laura Tensen von der Universität Johannesburg 2018 in einer Metastudie für katzen- und hundeartige Spezies gezeigt: Große Tiere werden gründlicher erforscht als kleine. Das mag nicht allein den Vorlieben der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler geschuldet sein mag, sondern auch denen der Geldgeber.

"Charismatische" Arten im Fokus

Wenn es um invasive Spezies geht, gibt es ebenfalls ein Ungleichgewicht, haben die Autoren der aktuellen Studie herausgefunden. Demnach werden die Forschungsschwerpunkte weitgehend durch die ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Arten bestimmt.

Und doch gibt es einen stärkeren Fokus auf invasive Wirbeltiere als auf Wirbellose sowie auf große und „charismatische“ Arten, schreiben sie in den „Frontiers in Ecology and the Environment“. Das gelte nicht allein für die Wissenschaft, sondern auch das öffentliche Interesse. Dadurch werden die Ausbreitung ortsfremder Arten begünstigt und Gegenmaßnahmen erschwert.

Stark vermehrt: Marmorkrebse

Doch was heißt „charismatisch“ genau? Für Jonathan Jeschke, Forscher am IGB sowie der FU Berlin und an der Studie beteiligt, ist es eine Mischung aus attraktiv, schön, niedlich, faszinierend und anderen Eigenschaften, durchaus auch das Verhalten betreffend.

„Charisma von Tieren und Pflanzen ist ein Empfinden von uns Menschen, das noch nicht eindeutig gemessen werden kann. Unsere Untersuchung kann den Effekt daher nicht streng naturwissenschaftlich quantifizieren“, sagt er. „Aber mit Fallbeispielen wollen wir auf das Problem aufmerksam machen.“

Ein Beispiel sei der Marmorkrebs, eine Zucht mit markanter Musterung aus den neunziger Jahren, die bei Aquarianern schnell beliebt war und in Deutschland und anderen Ländern gehandelt wurde. Doch die Tiere vermehren sich stark – es sind ausschließlich Weibchen bekannt, die sich durch Jungfernzeugung fortpflanzen.

Mancher Aquarianer entließ überzählige Tiere in die Natur, wo sie neue Populationen bilden, unter anderem in der Krummen Lanke. „Das besondere Aussehen hat dazu beigetragen, dass die Marmorkrebse als Aquarienbewohner beliebt wurden, und nun erobern sie die heimischen Gewässer“, sagt Jeschke. Inzwischen ist der Handel in der EU übrigens verboten.

Ein Klassiker invavsiver Arten: Der Waschbär

Ein Klassiker, wenn es um invasive Arten geht, ist der Waschbär. Mitte des 20. Jahrhunderts gelangten etliche Tiere aus deutschen Pelztierfarmen in Freiheit oder wurden bewusst ausgesetzt und vermehrten sich rapide.

„Mit seiner schwarzen Gesichtsmaske und seinem possierlichen Verhalten erscheint er vielen als niedlich – die Tiere zu schießen gilt vielen als grausam“, sagt Jeschke. In Deutschland ist der Waschbär derart verbreitet, dass effektive Maßnahmen gegen ihn zudem sehr schwierig sind.

„In EU-Ländern mit noch weitaus weniger Waschbären wird man andererseits dankbar sein, die Tiere hier zu kontrollieren, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern“, beschreibt der Forscher den typischen Konflikt beim Umgang mit eingeschleppten Arten.

Wie sehr das Charisma einer invasiven Art nützt, haben Grauhörnchen gezeigt, die sich unter anderem auch in Italien ausbreiteten. Um die heimischen Eichhörnchen zu schützen, sollten die Grauhörnchen dort bekämpft werden. Doch dieses Programm wurde von Interessengruppen mithilfe niedlicher Comicfiguren verhindert, berichten Jeschke und sein Team.

Besser früh etwas gegen die Ausbreitung tun

Wer also für Umwelt und Naturschutz verantwortlich ist, sollte solche Charisma-Effekte frühzeitig bedenken, lautet das Fazit der Autoren. „Dann ist es günstiger, so früh wie möglich etwas gegen die Ausbreitung zu unternehmen und etwa den Handel einzuschränken“, sagt der Forscher. Als Argument ließen sich dokumentierte Schäden in anderen Regionen anführen.

Dies soll künftig erleichtert werden mit einer Datenbank der Internationalen Naturschutzunion IUCN. In „EICAT“ (Environmental Impact Classification for Alien Taxa) sollen Wirkungen gebietsfremder Arten erfasst und nach internationalen Standards klassifiziert werden von „minimal“ bis „massiv“, erläutert der Wissenschaftler, der am Aufbau von EICAT beteiligt ist. „Ende des Jahres werden wir hoffentlich online gehen.“

Manchmal sind invasive Arten auch ein Gewinn

Möglicherweise sind invasive Arten aber auch ein Gewinn. Diesen Gedanken haben kürzlich Erick Lundgren von der University of Technology in Sydney und Team belebt. Eingeschleppte große Pflanzenfresser würden heute die Lücken in den Ökosystemen schließen, die unsere Vorfahren durch die Jagd einst schufen, schreiben die Forscher im Fachmagazin „PNAS“.

Als Beispiele führen sie Dromedare in Australien an, die ausgestorbene Großbeuteltiere der Gattung Palorchestes ersetzen. Oder Dutzende Flusspferde in Kolumbien, die aus dem Privatzoo des Drogenbosses Pablo Escobar abstammen. Nach Ansicht von Lundgren ersetzen sie die Riesenlamas der Gattung Hemiauchenia sowie die ausgestorbenen großen südamerikanischen Huftiere namens Notoungulata.

Dass es im vorherigen Absatz nicht um eingeschleppte Würmer oder Insekten ging, sondern um Dromedare und Hippos eines Kartellchefs, hat wohl ebenfalls mit ihrem Charisma zu tun. Auch Journalisten sind dafür anfällig.

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