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Sie erbeuteten sagenhafte Schätze – und 4000 Prostituierte

WELT-Logo WELT 25.03.2020 Berthold Seewald
Der Raum, der von der Forschung als „deutsches Mitteleuropa“ bezeichnet wird, wurde im Mittelalter von fast 50 Kaisern und Königen regiert. Wir stellen die wichtigsten Herrscherfamilien und ihre Fürsten vor. Quelle: WELT © WELT Der Raum, der von der Forschung als „deutsches Mitteleuropa“ bezeichnet wird, wurde im Mittelalter von fast 50 Kaisern und Königen regiert. Wir stellen die wichtigsten Herrscherfamilien und ihre Fürsten vor. Quelle: WELT

Was ist Burgund? Die Region im Osten Frankreichs, die heute für lukullische Luxusgüter wie Wein, Hühner oder Rinder bekannt ist, war durch die Zeiten Heimat eines eingewanderten Germanenstammes, Königreich, Teil des Heiligen Römischen Reiches, selbstständiges Herzogtum und schließlich zwischen Frankreich und Deutschland geteilt. Im 14. und 15. Jahrhundert waren seine Herzöge reicher und mächtiger als ihre Vettern, die Könige von Frankreich, und unterhielten einen Hof, der als Inbegriff der abendländischen Kultur galt.

Bei Grandson am Neuenburgersee trafen im März 1476 Burgunder und Schweizer aufeinander © picture-alliance / Leemage Bei Grandson am Neuenburgersee trafen im März 1476 Burgunder und Schweizer aufeinander

Dieser schillernden Geschichte hat der belgische Historiker und Schriftsteller Bart Van Loo jetzt sein kongeniales Buch „Burgund. Das verschwundene Reich“ gewidmet. Auf mehr als 600 Seiten breitet er eine wunderbar illustrierte Geschichte aus, die in den Wirren der Völkerwanderung beginnt und im Spanischen Imperium der Frühen Neuzeit endet. Im Mittelpunkt stehen die vier Herzöge aus einer Nebenlinie des französischen Königshauses Valois, die von 1363 bis 1477 aus Burgund eine Ansammlung von Ländern machten, die von der Rhone bis an die Nordseeküste reichte.

Maßstäbe höfischer Prachtentfaltung: das Schloss der Burgunder-Herzöge in Dijon Quelle: picture-alliance / Herve Champol © picture-alliance / Herve Champol Maßstäbe höfischer Prachtentfaltung: das Schloss der Burgunder-Herzöge in Dijon Quelle: picture-alliance / Herve Champol

Philipp der Kühne, Johann Ohnefurcht, Philipp der Gute und Karl der Kühne schufen eine leistungsfähige Verwaltung, die modernste Armee ihrer Zeit und setzten Maßstäbe höfischer Prachtentfaltung. Aber das Motto des letzten von ihnen, „Je lay emprins“ (Ich hab’s unternommen) führte schließlich in den Untergang. Er griff nach der Königskrone – und wurde im Schneegestöber vor Nancy mit einer Streitaxt zerhackt.

Denn trotz aller Modernität blieben die Burgunder-Herzöge den Wertvorstellungen ihrer Zeit verpflichtet. Und darin ging es vor allem um Macht, Ruhm und Eroberungen. So kam es, dass Karl der Kühne 1476 in einen Konflikt mit einem Gemeinwesen geriet, das auf andere Weise höchst modern war: der Schweizer Eidgenossenschaft.

Dabei handelte es sich um ein Bündnis von Städten und Bauerngemeinden, dessen oberstes Organ eine „Tagsatzung“ genannte Versammlung war und die im Kampf gegen die Habsburger bewiesen hatte, dass Massen leichter Infanterie den mittelalterlichen Ritterheeren den Garaus machen konnten. Während die Eidgenossen ihren Einfluss nach Westen ausdehnen wollten, sah Karl seine Verbindung nach Italien bedroht, die für Handel und Söldnerrekrutierung wichtig waren.

Am Ende des Winters 1475/76 erschien er mit seinem Heer im Waadtland, in das zuvor Truppen aus Bern vorgestoßen war. Karls Verbände bestanden aus 18.000 Mann, gegliedert in „Ordonanzkompanien“, in denen einer starken Kavallerie die dreifache Zahl an Fußsoldaten zugeordnet war. Hinzu kamen 400 hochmoderne Feldgeschütze sowie englische und italienische Söldner.

Bei Grandson am Neuenburgersee trafen im März 1476 Burgunder und Schweizer aufeinander Quelle: picture-alliance / Leemage © picture-alliance / Leemage Bei Grandson am Neuenburgersee trafen im März 1476 Burgunder und Schweizer aufeinander Quelle: picture-alliance / Leemage

Ende Februar wurde Grandson im nördlichen Jura genommen; die Besatzung hatte sich ergeben, doch Karl befahl „drei Henkern, vierhundert Mann an den Bäumen in der Nähe aufzuhängen, die übrigen wurden im (Neuenburger) See ertränkt“, zitiert Van Loo aus einer Chronik. Als die Burgunder am 2. März am See weiterzogen, stießen sie auf die Kontingente der Berner und weiterer Eidgenossen, vielleicht 20.000 Kämpfer.

Als wettergegerbte Bergbauern hatten sich die Schweizer als Söldner auf einen lukrativen Zusatzverdienst spezialisiert. Doch sie setzten ihre Kampfkraft auch zunehmend für die Eidgenossenschaft selbst ein. Ihre massierten „Gewalthaufen“ waren in der Lage, mit Piken und Hellebarden – einer Mischung aus Axt und Spieß – gepanzerte Reiter zu Boden zu reißen und feindliche Schlachtreihen in dichter Formation zu durchbrechen.

Obwohl noch nicht alle Kontingente eingetroffen waren, eröffneten die Eidgenossen sofort von erhöhtem Gelände aus den Kampf. Um sie vor seine Geschütze zu locken, befahl Karl seinen Leuten, sich in der Ebene zurückzuziehen. Einige seiner Einheiten deuteten dies jedoch als Beginn einer Flucht. Als dann auch noch weitere Schweizer auf dem Schlachtfeld erschienen, löste sich das Burgunderheer buchstäblich auf.

Mangels Kavallerie verzichteten die Schweizer auf die Verfolgung, was Karl womöglich das Leben rettete. Andererseits wurden seine Schätze damit zur Beute der Sieger. Warum er diese auf seinen Feldzug mitgenommen hatte, muss Spekulation bleiben. „Anscheinend wollte er in Sachen Hofhaltung auch im Krieg keinerlei Einschränkungen hinnehmen“, versucht Van Loo eine Deutung.

So fielen den Eidgenossen kostbare Reliquien, silberne und goldene Monstranzen und Geschirr, Messgewänder aus Brokat, Kleider aus Samt, prachtvolle Wandteppiche, Goldstücke und Edelsteine in die Hände. Allein Karls berühmter, mit Diamanten und Perlen besetzter Herzogshut hatte den fantastischen Wert von 47.000 Gulden. „Er landete auf dem Kopf eines Schweizer Viehhirten“, schreibt Van Loo, und reichte später aus, um die Schulden der Stadt Basel zu begleichen.

Hinzu kamen Dutzende von luxuriösen Zelten, Hunderte von Pferden und zahllose Waffen und Vorräte sowie 4000 Prostituierte. Das waren deutlich mehr als die 30 Damen pro Compagnie (900 Mann), die der Herzog in seinem Reglement seinen Leuten zugebilligt hatte. Vielleicht hatte deren Disziplin inzwischen gelitten, vielleicht aber verzählten sich die von Pracht und Wein benebelten Schweizer auch nur.

Auf der Flucht wurde Karl 1477 bei Nancy erschlagen Quelle: picture-alliance / akg-images © picture-alliance / akg-images Auf der Flucht wurde Karl 1477 bei Nancy erschlagen Quelle: picture-alliance / akg-images

Im Juni versuchte es Karl mit einem reorganisierten Heer erneut. Diesmal kam er bis Murten, etwa 30 Kilometer vor Bern, und wurde erneut geschlagen. 10.000 Burgunder sollen den Tod gefunden haben. Die Entscheidung fiel am 5. Januar 1477 vor Nancy. Diesmal hieß der Gegner zwar René von Lothringen, doch er konnte er sich die Unterstützung der Eidgenossen sichern. Während seine Männer bei dichtem Schneefall aufgerieben wurden, strauchelte Karls Pferd. Er fiel zu Boden und wurde erschlagen. Erst zwei Tage später wurde sein geschundener Leichnam gefunden.

Doch der Traum von einer burgundischen Großmacht sollte auf verschlungene Weise doch noch Wirklichkeit werden. Karls Erbin wurde seine einzige Tochter Maria. Sie heiratete Maximilian von Habsburg. Damit wurden die Niederlande Teil des Reiches, das erst die spanischen und später die österreichischen Habsburger beherrschten, während das eigentliche Burgund an Frankreich fiel.

Bart Van Loo: „Burgund. Das verschwundene Reich. Eine Geschichte von 1111 Jahren und einem Tag“. (A. d. Niederländischen v. Andreas Ecke. C. H. Beck, München. 656 S., 32 Euro)

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