Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Unerwünschter Körperschmuck: Das sind die Risiken und Kosten einer Tattoo-Entfernung

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 09.06.2019 Michael Brendler
Ein Mann lässt sich seine Tätowierung mit Hilfe eines starken Lasers entfernen. © dpa/Fredrik von Erichsen Ein Mann lässt sich seine Tätowierung mit Hilfe eines starken Lasers entfernen.

Auch früher – bevor Tattoos eine Massenerscheinung wurden – gab es schon Probleme. Wenn sich etwa ein Matrose den Namen seiner Herzensdame auf den Oberarm tätowieren ließ, sich aber dann in eine andere verliebte. Die Entfernung eines Tattoos war mit großen Unannehmlichkeiten verbunden. Zu den Methoden gehörten: kräftiges Scheuern mit groben Salzkörnern, Wegätzen mit Salpetersäure und Terpentin, eine höllisch brennende Spritze Tanninsäure unter die Haut, gefolgt von Silbernitrat zum Einrubbeln. Hatte man Glück, war das Tattoo großenteils verschwunden. Aber eine Narbe blieb.

Tattoos werden nicht komplett beseitigt

All das ist dunkle Vergangenheit, verkünden die Hautärzte von heute. Ganz schmerzfrei arbeiten zwar ihre Laser auch nicht. Aber sie sollen zumindest garantieren, dass das Tattoo einen nicht mehr auf dem ganzen Lebensweg begleitet. Auch schwierig zu entfernende Farben seien damit endgültig Tinte von gestern, um einen der Werbesprüche zu nennen.

Das interessiert andere MSN-Leser:

Edinburgh: Eine unterirdische Stadt voller Mythen

Vor 2.000 Jahren: Der wahre Grund für den Niedergang Ägyptens

Misserfolge: Die schlimmsten Erfindungen aller Zeiten

Was ist dran an diesen Versprechen? Ist ein Tattoo heute wirklich nur noch ein Körperschmuck auf Zeit? Wolfgang Bäumler, Dermatologe an der Universitätsklinik Regensburg, würde das bestreiten. „Ich kenne kein Tattoo, das komplett beseitigt wurde“, sagt der Leiter der Forschungsgruppe Laser und Photobiologie. Womöglich bemerke es nicht jeder Außenstehende auf den ersten Blick. „Aber man selbst wird immer sehen, dass da mal etwas gewesen ist.“ Im vergangenen Jahr wurde das Thema in Dresden von der Deutschen Gesellschaft für Dermatochirurgie diskutiert. Das Fazit: Mit den Farben Gelb, Ocker, Türkis und Weiß hat selbst der Laser regelmäßig seine Schwierigkeiten. Aber auch bei Blau, Grün und Rot in der Haut kann es sein, dass noch Schlieren oder Schatten übrigbleiben.

Vor einiger Zeit machte Wolfgang Bäumler mit Kollegen eine Online-Umfrage dazu, wie Kunden die Ergebnisse beurteilen: Jeder dritte von 157 Probanden gab in einer Fachzeitschrift an, unglücklich mit dem Resultat zu sein. Nur 38 Prozent berichteten, dass von der Hautzeichnung nichts mehr zu sehen sei.

Auch modernste Pikosekundenlaser können oft nicht alles entfernen. Nach Aussagen ihrer Hersteller haben diese Laser den Vorteil, dass sie gründlicher und mit weniger Schaden für die Umgebung arbeiten als ihre Vorgänger aus dem Nanosekunden-Bereich. Um das zu verstehen, muss man etwas tiefer in die Materie einsteigen. Für die Hautgravur werden mit den Tätowiernadeln Farbteilchen in etwa ein bis zwei Millimetern Tiefe verteilt. Als Fremdkörper alarmieren sie dort die Fresszellen des Immunsystems, die mit ihren Beseitigungsversuchen zunächst scheitern, weil sie die Pigmente nicht zerstören können. Ein Teil der Makrophagen schleppt sich mit der Last zu den Lymphknoten weiter, andere bleiben in der Haut und sorgen so dafür, dass auch die Farbe vor Ort bleibt.

Helle Schatten durch Tattoo-Entfernung

Schon in den 1970er-Jahren kam die Idee auf, dass man Tattoos mit dem Laser beseitigen könnte, indem man die Farben in den Zellen so stark aufheizt, dass sie zerplatzen. Das große Problem dabei: Man muss sehr genau auf die Pigmente zielen, um nicht auch andere Gewebe in Mitleidenschaft zu ziehen. Bei dunkelhäutigen Menschen und Solariumanhängern ist zum Beispiel manchmal zu beobachten, dass der Laser ihnen auch die normalen Hautpigmente zerschießt. An das frühere Kunstwerk erinnert dann noch lange Zeit ein heller Schatten.

Aber man wusste sich zu helfen: Bestrahlt man die Tattoos nur mit bestimmten Wellenlängen, saugen vor allem die Farbpigmente die Photonen-Energie auf. Jede Farbe muss dazu mit einer speziellen Wellenlänge erwischt werden. Zudem haben die verschiedenen Farbteilchen unterschiedlich lange thermale Relaxationszeiten. Damit wird die Spanne bezeichnet, die sie brauchen, um wieder abzukühlen. Der Laserimpuls sollte möglichst kurz sein. Je länger es braucht, um Energie in die Pigmente zu pumpen, desto größer die Gefahr, dass auch die Umgebung verglüht wird. Hier liegt die Stärke des Pikosekundenlasers. Dank seiner hohen Geschwindigkeit mit ultrakurzen Lichtimpulsen kann er auch kleinere Teilchen ins Visier nehmen. Mit den schnelleren Geräten könne man deshalb noch weiterarbeiten, wenn die alten Laser an den Resttrümmern scheitern, erklärt Laurence Imhof, Leiterin für Physikalische Therapie und Ästhetische Dermatologie des Universitätsspitals Zürich.

Letztlich haben aber auch diese Geräte ihre Grenzen: Das liegt zum einen daran, dass manche Bruchstücke in tiefere Schichten wandern, wo sie die Laser kaum noch erreichen. Zum anderen geht der Plan der Ärzte oft nicht auf: Eigentlich sollen frische Fresszellen die Trümmer abräumen. Manchmal ziehen diese aber nicht wie geplant Richtung Lymphknoten weiter, sondern rühren sich nicht von der Stelle. Dann können sich die unsichtbaren kleinen Fragmente in ihrem Inneren wieder zu sichtbaren großen zusammenballen.

Zudem steht nicht für jede Farbe immer die passende Wellenlänge zur Verfügung. Bei Blau und Schwarz kann der Laser seine Stärken zeigen, auf sie lässt sich gleich mit mehreren Wellenlängen zielen. Für Gelb, Grün und Rot gibt es dagegen praktisch nur eine einzige. Für Türkis gar keine. In diesem Fall müsse man, sagt Laurence Imhof, schon ein bisschen mit den Einstellungsparametern des Gerätes spielen. Und je weniger Spielraum man hat, desto schwieriger wird es auch, tiefer sitzende Pigmente zu erwischen. Wellenlänge und Strahldurchmesser bestimmen auch über die Eindringtiefe.

Das kostet eine Tattoo-Entfernung

Die meisten Tattoo-Entfernungen scheitern aber, sagt die Dermatologin, weil den Trägern entweder Geld oder Geduld ausgehen. Was nicht erstaunt: Zur Entfernung eines bunten Hautgemäldes muss man durchschnittlich zehn- bis zwanzigmal wiederkommen. Weil man dem Immunsystem zwischen den Sitzungen mindestens sechs Wochen Zeit geben muss, kann sich die Kur über Monate bis Jahre ziehen. Und jede Sitzung kostet je nach Größe des Tattoos zwischen 100 und 600 Euro.

Jörg Laske, Dermatologe am Universitätsklinikum Dresden, ist zu dem Thema gekommen, weil ihn immer wieder Menschen mit einer der schwersten Tattoo-Komplikation aufsuchen: juckende und brennende Allergien, vor allem auf die rote Farbe. Mit dem Laser ist hier nicht mehr viel auszurichten. Der Experte kann die Farbteilchen samt der umgebenden Haut nur mit einem Dermatom abhobeln. In der Regel unter Inkaufnahme einer Narbenbildung. Auch das Zerstören von Farbpigmenten, sagt er, kann solche Abstoßungsreaktionen auslösen. Und das ist womöglich nicht die einzige Nebenwirkung.

Tattoo-Entfernung: Krebserregende Stoffe werden frei

Schon 2015 stellte das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung fest, dass unter Laser-Beschuss aus den Pigmenten krebserregendes Benzol und Blausäure entweichen – „in Konzentrationen, die hoch genug wären, Zellschäden zu verursachen“. Das galt für die Farbe Blau, andere Pigmente wiederum setzen potenziell kanzerogene Amine frei. Auch sie könnten einem ein Leben lang erhalten bleiben. Wie sich die Gifte im Körper verteilen und welche Langzeitfolgen sie haben, gelte als ungeklärt, so das Institut.

Mehr auf MSN

Video wiedergeben
| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Berliner Zeitung

Berliner Zeitung
Berliner Zeitung
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon