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Warum Forscher vor dem Einsatz eines Impfstoffs warnen

WELT-Logo WELT 08.02.2020 Roland Knauer
Die für Menschen ungefährliche Afrikanische Schweinepest, tötet jedes Jahr Millionen von Schweinen auf der ganzen Welt. Mit Hochdruck wird an einem Impfstoff gearbeitet. Doch dessen Einsatz muss gut überlegt sein. Quelle: WELT/Christoph Hipp © WELT/Christoph Hipp Die für Menschen ungefährliche Afrikanische Schweinepest, tötet jedes Jahr Millionen von Schweinen auf der ganzen Welt. Mit Hochdruck wird an einem Impfstoff gearbeitet. Doch dessen Einsatz muss gut überlegt sein. Quelle: WELT/Christoph Hipp

Millionen Schweine sind der Afrikanischen Schweinepest bereits zum Opfer gefallen. Länder wie Deutschland haben sich mit Quarantäneplänen vorbereitet. Besser wäre ein Impfung – doch Forscher warnen vor ihrem Einsatz.

Es ist eine Warnung, und sie klingt erst einmal sperrig: „Der Wettlauf bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen die Afrikanische Schweinepest könnte umfassende Tests zu seiner Wirksamkeit und Sicherheit überschatten“, schreiben Dolores Gavier-Widén und Karl Ståhl vom schwedischen Nationalinstitut für Tiermedizin in Uppsala sowie Linda Dixon vom Pirbright-Institut im englischen Woking im Fachjournal „Science“. Hinter diesem Satz steckt der sehr eindeutige Hinweis: Lasst die Finger von einem Impfstoff, solange dieser nicht ausreichend untersucht wurde. Er könnte die Gefahr der Seuche sonst erhöhen.

Es geht um den Impfstoff gegen die Afrikanische Schweinepest, die seit Jahren Schweinebauern auf der ganzen Welt in Unruhe versetzt. Der Erreger ist zwar für Menschen völlig ungefährlich, tötet aber in wenigen Tagen die meisten Haus- und Wildschweine, die sich angesteckt haben.

„Ein Impfstoff wird weltweit aus naheliegenden Gründen mit Hochdruck entwickelt“, sagt Martin Beer, der am Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit auf der Insel Riems bei Greifswald, das Institut für Virusdiagnostik leitet: Im Jahr 2007 erreichte das Afrikanische Schweinepest-Virus (ASPV) Georgien – vermutlich mit Schlachtabfällen aus dem Südosten Afrikas.

Virus tauchte Ende 2019 im Westen Polens auf

Von Georgien aus verbreitete der Erreger sich weiter, erreichte 2014 über Russland, die Ukraine und Weißrussland die baltischen Republiken und Polen. Später tauchte der Erreger in weiteren Staaten der Europäischen Union (EU) in Wildschweinen auf. Ende 2019 schließlich wurde er auch nahe der deutschen Grenze weit im Westen Polens nachgewiesen.

Auch weit weg davon, in China und in etlichen weiteren Ländern im Südosten Asiens, breitet sich ASPV seit 2018 rasch aus. Dort entwickelte sich die Seuche inzwischen zu einer Katastrophe. In China zum Beispiel halten 26 Millionen Bauern fast die Hälfte der Hausschweine, die auf dem Globus grunzen. Inzwischen sind 40 Prozent dieser Tiere tot, sehr viele der oft sehr kleinen Schweinebetriebe sind ruiniert oder stehen unmittelbar vor dem Ruin, und China muss teures Schweinefleisch aus Ländern wie Deutschland importieren.

Der Druck, einen neuen Impfstoff einzusetzen, bevor er ausreichend getestet wurde, ist hoch.

Seitdem die Afrikanische Schweinepest 1921 zum ersten Mal in Kenia beschrieben wurde, hat die Forschung nicht geruht. Es existieren Impfstoffe, sogenannte Totvakzine. Sie bestehen aus einem abgetöteten Virus oder auch Bruchstücken des Erregers. Werden diese einem Tier verabreicht, erkennt das Immunsystem diese Totvakzine als Gefahr, reagiert darauf und bereitet sich gleichzeitig mit sogenannten Gedächtniszellen auf eine mögliche weitere Attacke des Erregers vor. Beim Kontakt mit dem echten Erreger ist das Immunsystem dann gewappnet.

„Allerdings funktionieren solche Totvakzine gegen die Afrikanische Schweinepest leider bis heute überhaupt nicht“, erklärt FLI-Forscher Martin Beer. Deshalb konzentriert sich die Forschung mittlerweile auf Lebend-Impfstoffe. Das sind Erreger, die sich zwar im Körper eines Tieres oder Menschen noch vermehren, die aber allenfalls sehr leichte Symptome und keine echte Krankheit mehr auslösen können. Das Training des Immunsystems aber findet trotzdem statt.

Zäune wie dieser sollen verhindern, dass infizierte Tiere in andere Gebiete auswandern © dpa Zäune wie dieser sollen verhindern, dass infizierte Tiere in andere Gebiete auswandern

Solche Lebend-Impfstoffe entstehen zum Beispiel in der Natur, wenn gefährliche Viren bei einer Infektion eher zufällig eine ihrer krankmachenden Eigenschaften verlieren. Wissenschaftler können sie auch gezielt im Labor herstellen, indem sie Hühnereier oder Zell-Linien immer wieder mit Viren infizieren. Im günstigsten Fall wird der Erreger bei jeder dieser Passagen ein wenig schwächer, bis er ein lebendes Tier kaum noch oder vielleicht gar nicht mehr krankmacht, das Immunsystem aber trotzdem reagiert und sich so auf das gefährliche Virus vorbereitet.

„Diese Abschwächung ist aber immer ein Spagat“, erklärt Martin Beer. Schwächt man Viren zu stark, aktivieren sie oft auch keinen Schutz vor dem eigentlichen Erreger. Andererseits schützt ein zu wenig abgeschwächtes Virus vielleicht gut vor dem gefährlichen Feind, macht aber auch das geimpfte Tier sehr krank. Besonders fatal ist es, wenn die abgeschwächten Viren das Tier zwar vor Krankheitssymptomen weitgehend schützen, der gefährliche Erreger sich aber trotzdem im Körper vermehrt und dann auch andere Tiere infizieren und so die Epidemie weitertragen kann.

Impfstoff-Entwickler müssen daher auch vielversprechende Impfstoffe in langen Versuchsreihen testen, um solche Risiken verschwindend gering zu halten. Als in den 1960er-Jahren ein solcher Lebend-Impfstoff gegen ASPV zu früh und ohne ausreichende Tests angewendet wurde, erkrankten viele geimpfte Schweine trotzdem und hatten völlig untypische Symptome wie schwere Gelenkschäden. Der Impfstoff wurde vom Markt genommen.

Die derzeit aktuellen Lebend-Impfstoffe gegen die Afrikanische Schweinepest sind noch nicht optimal: Sie lassen die Gelenke der Schweine anschwellen – was nicht sein sollte. Deshalb warnt das schwedisch-englische Forscherteam nun im Fachjournal „Science“ davor, die Impfstoffe aufgrund der Dringlichkeit zu früh zuzulassen.

Auch Versuche, die krankmachenden Eigenschaften mit den Mitteln der Gentechnologie aus dem Erbgut der Viren herauszuschneiden, führten bisher nicht zu einem durchschlagenden Erfolg.

Ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu einem Lebend-Impfstoff ist die Herstellung: Bislang ist es nur möglich, kleine Mengen für die Erforschung im Labor zu erzeugen – aber von einer Massenproduktion sind die Forscher weit entfernt.

Ohne einen solchen Impfstoff muss man also möglichst gut verhindern, dass ASPV von Wildschweinen auf Hausschweine überspringt. Länder wie Deutschland haben sich daher längst mit Quarantäneplänen vorbereitet. Wird ein infiziertes Schwein auf einem Hof entdeckt, so wird der Betrieb sofort abgeriegelt. Alle Schweine werden getötet. Außerdem wird der Transport von Tieren im Umkreis von einigen Kilometern verboten. So soll eine Epidemie verhindert werden.

Deutschland ist für den Fall der Fälle gewappnet – auch mit Schildern Quelle: dpa © dpa Deutschland ist für den Fall der Fälle gewappnet – auch mit Schildern Quelle: dpa

Ein glücklicher Umstand hilft zudem, dass sich der Erreger hierzulande nicht so rasant vermehrt: „Ursprünglich infizierte ASPV in Afrika Warzenschweine“, erklärt Martin Beer. Während die betroffenen Tiere kaum krank werden, sammelt sich das Virus in ihrem Blut. Saugen Lederzecken an diesen Tieren, nehmen sie den Erreger mit ihrer Blutmahlzeit auf und können ihn beim nächsten Biss auf ein anderes Schwein übertragen. In Mitteleuropa gibt es Lederzecken nicht, der normale Übertragungsweg ist somit blockiert.

Zwar können sich Wildschweine direkt untereinander anstecken, aber nur bei engem Körperkontakt über längere Zeit, wie er zum Beispiel bei einer Muttersau und ihren Ferkeln vorkommt. Verendet ein Schwein, können die Viren im Kadaver lange überleben. Frisst dann ein anderes Schwein an seinen toten Artgenossen, kann es sich ebenfalls infizieren. „Allerdings scheint der Hang zu einem solchen Kannibalismus bei Wildschweinen sehr gering zu sein“, sagt Martin Beer.

Aus diesem Grund breitet sich ASPV in Mitteleuropa nur langsam unter Wildschweinen aus. Damit liegen aber auch Gegenmaßnahmen auf der Hand: „Verdächtige Kadaver sollten sofort getestet und bei positivem Virusbefund sachgerecht vernichtet werden“, erklärt Beer.

Zäune wie dieser sollen verhindern, dass infizierte Tiere in andere Gebiete auswandern Quelle: dpa © dpa Zäune wie dieser sollen verhindern, dass infizierte Tiere in andere Gebiete auswandern Quelle: dpa

Mit Zäunen können infizierte Tiere daran gehindert werden, das betroffene Gebiet zu verlassen. An dessen Rändern wiederum müssen Wildschweine rigoros gejagt werden, um ein Ausbreiten zu verhindern. „Mit solchen Maßnahmen konnte ASPV in der Tschechischen Republik wieder ausgerottet werden.“ Die Methode scheint auch in Belgien erfolgreich zu sein.

Mit strengen Hygienevorschriften und Sicherheitsmaßnahmen bis hin zum Betretungsverbot für Jäger, die den Erreger eventuell einschleppen könnten, lassen sich auch die Schweine in den Ställen gut schützen, in denen ohnehin solide Wände Besuche der Wildschweinverwandtschaft aus der Natur verhindern.

Vielleicht bleibt so ja auch mehr Zeit für die Tests eines Impfstoffs, der dann die Seuche wirksam bekämpft.

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