Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Chinesischer Künstler Ai Weiwei: "Ich mag meine Kunst nicht"

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 19.09.2018 Barbara Nolte
@heprod@images@fotos@8@6@1@20180919@WEIWEI2_479_1_20180918105515697.jpg © Foto: imago/gezett @heprod@images@fotos@8@6@1@20180919@WEIWEI2_479_1_20180918105515697.jpg

Ai Weiwei, Ihren Film „Human Flow“ über die globale Flüchtlingskrise, der auf dem neu gegründeten Human Rights Film Festival Berlin gezeigt wird, haben Sie bereits vor einem Jahr fertig gestellt. Ist das riesige Lego-Mosaik eines Tigerkopfes, das hinter Ihnen hängt, ein aktuelles Werk?

Nein, das hier ist mein Atelier. Es hängt einfach so da. Ich präsentiere meine Werke nicht selbst, nirgendwo, weil ich meine Kunst nicht mag.

Nein?

Ich habe sie noch nie gemocht. Meine Berufsauffassung ähnelt der eines Bauern. Der beurteilt auch nicht jede seiner Kartoffeln danach, wie er sie findet.

Aber Ihre Kunstwerke missfallen Ihnen auch nicht, oder?

Das sind nicht meine Kategorien. Ich gehe meinem Beruf nach. Persönlich habe ich kein Bedürfnis, meine Arbeiten anderen zu zeigen. Wenn irgendwann keine Galerie oder kein Museum mehr bei mir anfragt, höre ich sofort damit auf, sie auszustellen. Ich hatte ja die Kunst schon einmal jahrelang aufgegeben, bis mich ein Freund fragte, ob man meine Arbeiten aus New York mal zeigen könne.

Wann hatten Sie denn mit der Kunst aufgehört?

Gleich nach meinem Kunststudium in den USA. Anschließend hatte ich kein Visum mehr und bin trotzdem geblieben. Für einen illegalen Einwanderer ist es unmöglich, als Künstler Erfolg zu haben. Ich war voll damit beschäftigt, die Miete zusammenzubekommen.

Was war damals Ihr Plan?

Rumhängen, nicht nach China zurückmüssen. Ich mochte das Land zu dem Zeitpunkt wirklich nicht. Irgendwann kehrte ich doch heim, weil mein Vater krank wurde. In Peking fühlte ich mich als Außenseiter. Zunächst habe ich Underground-Zeitschriften herausgegeben. Sehr spät, erst 2004, hatte ich meine erste Ausstellung.

Sie haben mal Marcel Duchamp als Ihr Vorbild genannt, der Alltagsgegenstände ins Museum stellte. Duchamp hat ein winziges künstlerisches Lebenswerk …

… ja, nur zwanzig größere Arbeiten.

Sie sind dagegen extrem produktiv.

Ich bin vielleicht der produktivste Künstler der Welt. In den letzten zehn Jahren habe ich über 100 Einzel- und über 300 Gruppenausstellungen gemacht.

Warum arbeiten Sie so viel, wenn Sie Ihre Werke gar nicht mögen?

Der Grund ist: Ich suche den Zustand extremer Erschöpfung. Es muss nicht Kunstproduktion sein, wodurch ich ihn erreiche. Ich hatte mal einen Blog, mit dem ich rund um die Uhr beschäftigt war.

Sie wollen das Leben vermeiden durch Arbeiten.

Ich möchte an einen Punkt kommen, an dem ich mich selbst vergesse. Nur wenn ich total überanstrengt bin, schaffe ich das manchmal. Wahrscheinlich ein mentaler Defekt.

Dann haben Sie nicht viel vom Berliner Leben.

Mein Berliner Leben ist unterirdisch: zehn Meter unter dem Leben der anderen, hier in meinem Atelier in den Katakomben des Pfefferbergs.

Haben Sie wenigstens ein chinesisches Lieblingsrestaurant?

Da gibt es einige ganz ordentliche. Häufig gehe ich zu „Jolly“ an der Museumsinsel. Dort habe ich schon ein paar Mal zufällig die Kanzlerin getroffen, bei der ich mich bedankte. Das Engagement der deutschen Regierung war entscheidend dafür, dass ich China verlassen durfte. Aber exzellentes chinesisches Essen habe ich noch nirgends in Berlin bekommen. Dafür müsste es einen anderen Umgang mit Migration geben. Es fehlt die Konkurrenz.

Als Plädoyer gegen die abschottende Flüchtlingspolitik ließen Sie hunderte Rettungswesten an die Säulen des Konzerthauses am Gendarmenmarkt hängen: der Duchamp-Ansatz.

Meine ganze Arbeit ist der Duchamp-Ansatz: Kunst als intellektuelles und nicht als optisches Phänomen zu begreifen. Sie haben mich nach meinem jüngsten Werk gefragt. Das sitzt vor ihnen. Zurzeit recherchiere ich beispielsweise, was mit den 43 mexikanischen Studenten geschah, die vermutlich von einem Drogenkartell umgebracht wurden. Ich bin bereits mehrmals hingereist und habe Angehörige befragt. Irgendwann mache ich einen Film draus. Alle Vorstufen sehe ich bereits als mein Werk.

Duchamp thematisierte auf verspielte Weise das Wesen der Kunst, Sie prangern mit plakativer Wucht humanitäre Missstände an.

Duchamp war Franzose, ich bin Chinese.

Das heißt?

Franzosen sind eher privilegiert, wir Chinesen müssen hingegen noch immer viele Kämpfe ausfechten.

Sie waren der bekannteste regimekritische Künstler Chinas. Seit drei Jahren sind Sie selbst Flüchtling. Begreifen Sie sich so?

Nein, obwohl ich von der Definition her einer bin: Weil ich mich für die Meinungsfreiheit einsetzte, wurde ich in meiner Heimat ins Gefängnis gesteckt und verprügelt. Doch während die anderen Flüchtlinge ihr ganzes Leben verloren haben, kann ich hier als Professor arbeiten. Vergleichbar mit der Situation der Mehrheit der Flüchtlinge ist meine Kindheit. Die habe ich im Flüchtlingscamp verbracht, nur dass es Umerziehungslager hieß.

Ihr Vater, ein prominenter Dichter, war während der Kulturrevolution in Ungnade gefallen.

Er wurde als Revisionist gebrandmarkt und in die Xin-Jiang-Provinz geschickt, nahe der Wüste Gobi. Dort musste er die Toilette von 200 Landarbeitern putzen. Es war keine Toilette, sondern nur ein riesiges Irgendwas. Das war harte Arbeit: im Winter bei vierzig Grad minus und im Sommer bei vierzig Grad plus. Immer wieder sah es so aus, als ob er das Ganze nicht überleben würde. Ich war vielleicht neun oder zehn, so alt, wie mein Sohn heute, als er mich zu seinem Bett rief und mir Namen von Leuten aufschrieb, die er Jahrzehnte nicht mehr gesehen hatte. An die solle ich mich nach seinem Tod wenden. Die würden sich um mich kümmern.

Er hat überlebt und ist rehabilitiert worden. Wie hat diese Kindheit Sie geprägt?

Das würde den Rahmen sprengen. Jedenfalls möchte ich meinem Sohn eine ähnliche Situation ersparen. Deshalb habe ich China verlassen.

Sie haben im Exil das Thema Ihrer Kunst verloren. Wie geht es Ihnen damit?

Meine Kritik an den Zuständen in China entfaltet nicht mehr dieselbe Wucht, seitdem ich nicht mehr dort lebe, schon weil ich sie jetzt ohne jedes Risiko äußern kann. Das klingt dann wohlfeil. Doch Menschenrechtsverletzungen sind kein chinesisches, sondern ein globales Problem. Wer durch Kriege vertrieben wurde, hat auch keine Menschenrechte mehr. Chinesen meiner Generation haben die globale Perspektive bereits anerzogen bekommen. Ein Slogan von Mao lautet übersetzt in etwa so: „Trage die Nation im Herzen und habe die Welt im Blick.“ Den konnten wir als Kinder auswendig. Ich bin eine Kombination aus Mao und Marcel Duchamp.

Manchmal arbeiten Sie auch wie ein Journalist.

Mit Gattungsgrenzen kann ich nichts anfangen. (Ai zieht einen deutschen Journalistenausweis mit seinem Foto aus dem Kartenfach seines Geldbeutels.) Den hier trage ich immer bei mir, und wenn mich Militärs irgendwo auf der Welt nicht in ein Flüchtlingscamp reinlassen wollen, hole ich ihn raus.

Ein Plastikausweis, ausgestellt von Verdi, beeindruckt der?

Ja, er ist sehr nützlich. Erst vor ein paar Wochen habe ich ihn im Flüchtlingslager Cox’s Bazaar in Bangladesh wieder gebraucht, um eine Drehgenehmigung zu bekommen. Für „Human Flow“ haben wir bereits dort gefilmt. Damals lebten 300 000 Rohingya im Lager, jetzt ist es eine Million. Weil Sommerferien waren, habe ich meinen neunjährigen Sohn mitgenommen. Ich finde, er soll ein Bild davon bekommen, wie die Welt ist.

In „Human Flow“ filmten Sie die Flüchtlingstrecks der Jahre 2015 und 2016: Sie waren zum Beispiel im griechischen Idomeni, wo ein riesiges Camp entstand, als Mazedonien seine Grenze geschlossen hatte. Wie hat sich die Lage der Flüchtlinge nach Abschluss Ihrer Dreharbeiten entwickelt?

Alles ist noch schlimmer geworden. Die alten Krisenherde wie Afghanistan sind nicht befriedet, neue wie der Jemen hinzugekommen. Alle zwei Sekunden wird irgendwo auf der Welt ein Mensch heimatlos. Und in den Ländern, die bislang Flüchtlinge aufgenommen haben, hat sich die Stimmung gegen sie gedreht.

Haben Sie selbst in Berlin Fremdenfeindlichkeit zu spüren bekommen?

Eigentlich nicht. Nur während der Fußball-WM, am Tag, als Korea die Deutschen aus dem Turnier warf, sagte ein Taxifahrer zu mir: „Geh nach Hause!“ Der dachte, ich sei Koreaner. Fehler!

Sogar die AfD-Politikerin Alice Weidel hat im April ein Foto von Ihnen beiden gepostet mit der Unterzeile: „Ai Weiwei ist in der Hauptstadt!!!! Ich hätte mich fast nicht getraut, ihn nach einem Selfie zu fragen ;-)“ Als wüsste sie nichts von Ihren Film. Warum posierten Sie mit ihr?

Im selben Restaurant, von dem ich eben sprach, kam einmal diese große, elegante Frau auf mich zu. Sie schüttelte meine Hand, aber auf spezielle Weise: Sie wiegte sie hin und her. Ich fragte, wer sie sei. Sie sagte: Politikerin. Von der rechten Seite, fügte sie hinzu. Ich hatte nichts gegen ein Foto. Am nächsten Tag hieß es in den Medien: Wie kannst du so was tun? Ich halte die Positionen der AfD durchaus für gefährlich. Doch Meinungsfreiheit ist mein Thema. Die Bereitschaft, miteinander zu reden, ist die Voraussetzung für politische Prozesse. Gerade die Linke hat den Hang, sich ihren Gegnern moralisch so überlegen zu fühlen, dass sie es nicht für wert befindet, mit ihnen zu sprechen. Diese Arroganz kostet sie viel Zustimmung.

Im Sommer wurde bekannt, dass Sie aus Berlin wieder wegziehen wollen. Liegt das am politischen Klima in Deutschland?

Nein, aus persönlichen Gründen. Ich und vor allem meine Freundin und mein Sohn finden die Berliner Winter ein bisschen schwer zu ertragen. Außerdem ist mein Sohn auf einer englischsprachigen Schule. Wenn er in dem System bleiben soll, ist es sinnvoll, irgendwo hinzuziehen, wo Englisch die Landessprache ist.

Wohin wollen Sie?

Wahrscheinlich nach New York, aus dem einfachen Grund, dass ich die Stadt so gut kenne. Dabei ist die Stimmung zurzeit wirklich unfreundlich dort. Ein völlig überdrehter Kapitalismus. Doch ich behalte das Atelier hier am Pfefferberg. Der Mietvertrag läuft über 99 Jahre.

Ai Weiwei ist Schirmherr des 1. Berliner Human Rights Film Festivals, das am Donnerstag mit dem Aleppo-Dokumentarfilm Watani eröffnet und von diversen Panels begleitet wird. Das von der „Aktion gegen Hunger“ veranstaltete Festival findet bis 26. 9. im den Kinos Babylon Mitte, Sputnik und Hackesche Höfe statt. Ein Schwerpunktthema ist die globale Migration. Gezeigt werden u.a. die Oleg-Senzow-Doku „The Trial“, aus aktuellem Anlass von Senzows dramatischem Hungerstreik, der Rückkehrer-Film „Return to Afghanistan“ und Ai Weiweis Human Flow von 2017. Infos: www.humanrightsfilmfestivalberlin.de

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Tagesspiegel

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon