Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Auf dem Sprung: Parkour - ein urbaner Hindernislauf

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 05.08.2018 berliner-zeitung
PON20180722_8713: Paulus Ponizak © Paulus Ponizak Paulus Ponizak

Das Shirt ist nassgeschwitzt, der kleine Finger der linken Hand schmerzt leicht. Offenbar hat er doch etwas abbekommen bei dem Sturz vorhin von einer der Wippen am Potsdamer Platz. Ob daraus der erste Arbeitsunfall in dieser Selbstversuchsreihe wird? Abwarten. Schweiß und Schmerz zum Trotz: Am Ende des ersten Parkour-Trainings würde ich gerne weitermachen, sofort, an Ort und Stelle. Und das nach sage und schreibe zweieinhalb Stunden Workshop.

Madonna tat es, James Bond auch

Parkour ist eine Art urbaner Hindernislauf, den eine Clique junger Männer Ende der 1980er-Jahren in Pariser Vorstädten kultiviert hat. Auf atemberaubende Weise bahnen sich die Traceure, wie sich die Parkour-Sportler nennen, ihren Weg durch die Stadt. Mauern, Geländer und Treppen sind willkommene Hindernisse, kein Grund für unnötige Umwege.

Effizient von A nach B, das ist das Credo der Asphaltkünstler. Mit Sprüngen gelangen sie von Dach zu Dach, sie hangeln sich Mauern hoch, sie springen katzengleich in die Untiefen städtischer Architektur, rollen sich nach Landungen geschmeidig auf die Füße und laufen weiter.

Eine Subkultur ist das längst nicht mehr. Die Popsängerin Madonna führte die Bewegungskunst 2005 in zwei Musikvideos vor, und James-Bond-Darsteller Daniel Craig in „Casino Royal“. Und 2011 siegte ein Berliner Parkour-Artist in der ZDF-Show „Wetten dass.. ?“

Parkourone: Marktführer im deutschsprachigen Raum

Im Internet finden sich Hunderte Parkour-Videos, die mitunter den Atem stocken lassen. Die Hauptdarsteller nennen sich „Urban Heroes“ oder auch „Urban Idiots“, es sind zumeist Jugendliche und junge Männer. Jakob, 27, hat viele dieser Filme gesehen, jetzt will der junge Mann aus Prenzlauer Berg es selbst ausprobieren, deshalb ist er an diesem Sonnabend zu dem Einführungs-Workshop gekommen.

Angeboten wird er von Parkourone. Die 2008 in der Schweiz gegründete Firma ist Marktführer im deutschsprachigen Raum. Seit 2009 bietet sie Unterricht in Berlin an, wo es inzwischen mit Doparkour auch einen Konkurrenten gibt.

„Die Traceure begreifen den Raum in der Stadt anders."

Jakob sitzt mit den vier anderen Teilnehmern des Workshops – zwei Jungs, eine Frau und ich – und den beiden Trainern im Gras am Potsdamer Platz. „Die Traceure begreifen den Raum in der Stadt anders, das gefällt mir. Ich finde es spannend, zu lernen, wie man das trainiert“, erklärt Jakob aus Prenzlauer Berg seine Motivation. Mila, 37, dagegen sorgt sich, dass sie vielleicht zu alt ist und nicht fit genug für das Training. Ob sie vielleicht besser nur zuguckt? Etwas unsicher schaut sie in die Runde. „Jeder gibt seine 100 Prozent“, sagt Trainerin Karina Marcy, das könne bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger sein. Wichtig sei, dass jeder voll bei der Sache sei, aufmerksam und konzentriert.

Milas Zweifel nimmt Karina zum Anlass, um auf die Philosophie von Parkour zurückzukommen, die auf der Firmen-Homepage in einer „Charta“ festgehalten sind. Die Trainerin trägt die zentrale Begriffe gut sichtbar auf ihrem T-Shirt: No competition (Konkurrenzlosigkeit), Modesty (Bescheidenheit), Courage (Mut), Respect (Respekt) und Trust (Vertrauen, auch Selbstvertrauen).

Karina und ihrem Kollegen André Serfas ist es wichtig, zu erklären, warum diese Werte für Tranceure zählen. „Die körperliche Fitness ist das eine, der Geist das andere“, sagen sie. Die Trainer wollen nicht, dass ihr Sport halsbrecherisch und verantwortungslos ausgeübt – und entsprechend wahrgenommen wird.

Folgerichtig kommen nach dem überraschend philosophischen Theorieteil nicht die ersten Sprünge, sondern ein ausführliches Aufwärmen. Dann erst geht es auf eine der Mauern am Potsdamer Platz, hüfthoch ist sie und vielleicht 15 Zentimeter breit. Die Kanten sind schon etwas abgenutzt – ein Hinweis darauf, dass dieser Ort von Traceuren viel genutzt wird. Wir spazieren erst mittig auf der Mauer entlang, dann balancieren wir an ihrem Rand, der Fuß schon halb überm „Abgrund“.

Landen wie auf rohen Eiern

Anschließend wechseln wir zu den arretierten Riesen-Wippen nebenan. Erst sollen wir auf den Röhren nur stehen, dann in die Knie gehen und in dieser Position verharren. Das Metall ist rutschig, die Höhe etwas unheimlich. Die aufrechte Position ist kein Problem, doch in der Hocke wird es wackelig. Bevor ich die rettende Hand der vor mir stehenden Trainerin greifen kann, kippe ich nach hinten weg und lande auf dem Boden. Als Einzige. Die anderen können die Balance halten. Sie sind aber auch deutlich jünger.

Brauchst du Hilfe? Trainer André Serfas und Jan bei der Balance-Übung auf der Wippe © Paulus Ponizak Brauchst du Hilfe? Trainer André Serfas und Jan bei der Balance-Übung auf der Wippe

Das Durchschnittsalter dieses Einstiegskurses sei mit 30 Jahren ungewöhnlich hoch, sagen die Trainer. „Manchmal sind alle unter 20.“ Aber es gebe 50-Jährige, die zu den regelmäßigen Kursen kämen. Da die Gruppen nicht leistungsorientiert trainierten, funktionierten auch die mit großen Altersunterschieden gut.

Das gilt auch für meinen Einführungsworkshop, in dem Jan, 19, und Lennart, 18, die Jüngsten sind. Wir wagen uns als nächstes an den „Präzi“, wie Karina sagt, den Präzisionssprung also. Es geht darum, auf einen vorher definierten Punkt zu landen und dort trotz allen Schwungs sicher zum Stehen zu kommen.

Wir üben das an einer Treppe, springen zwei Stufen hoch und versuchen, sanft auf dem Fußballen zu landen. „Stellt euch vor, da lägen rohe Eier“, sagt André. Bei ihm sieht es sehr einfach aus, fast geräuschlos landet er.

Die aufregendste Übung des Tages

Ich dagegen muss ab und an einen Schritt nach unten machen oder mich am Geländer festhalten. Aber manchmal klappt es auch. Später werden wir den „Präzi“ noch mal machen, werden von einer Mauerkrone zur nächsten springen, über einen vielleicht 80 Zentimeter breiten Zwischenraum. Die aufregendste Übung des Tages.

Doch bevor wir auf die hüfthohe Mauer dürfen, sollen wir sie erst mal überwinden. Erst jeder nach seiner Façon, dann erklären die Trainer, wie man mit der „Passement rapide“ geschmeidig das Hindernis überwinden. Körperlich ist das gar nicht so anstrengend, gefordert sind Konzentration und Koordination.

„Durch das Training bin ich wacher und präsenter“, stellt Jakob am Ende des Kurses fest. Auch die Youngster sind angetan, Jan erkundigt sich nach den Konditionen für regelmäßiges Training. Und Mila, die anfangs so zweifelte, hat alle Übungen bis zum Schluss mitgemacht.

Und ich kehre zu den Stufen zurück, ein paar „Präzis“ will ich noch versuchen, Landen ohne Festhalten, ohne Schwanken. Das kann doch nicht so schwer sein. Der Schmerz in der Hand ist am nächsten Tag verflogen. Am Knie zeichnet sich ein blauer Fleck ab. Auch der vergeht.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Berliner Zeitung

Berliner Zeitung
Berliner Zeitung
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon