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Brasiliens Regenwald droht in zwei Jahren die endgültige Zerstörung

WELT-Logo WELT 29.10.2019 Stefan Beutelsbacher
Zwei Millionen Hektar Wald und Grasland sind seit August durch die Waldbrände in Brasilien und Bolivien zerstört worden. Die dabei freigesetzten Gase und Staubpartikel stellen nun ein ernst zu nehmendes Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung dar. Quelle: WELT © WELT Zwei Millionen Hektar Wald und Grasland sind seit August durch die Waldbrände in Brasilien und Bolivien zerstört worden. Die dabei freigesetzten Gase und Staubpartikel stellen nun ein ernst zu nehmendes Gesundheitsrisiko für die Bevölkerung dar. Quelle: WELT

Nie zuvor wurden Brasiliens Bäume so rasant abgeholzt wie heute. Forscher haben nun berechnet: Schon 2021 könnte der Regenwald einen Punkt erreichen, an dem es kein Zurück mehr gibt. Mit Folgen für die gesamte Menschheit.

Auf dem Foto war nichts als verbrannte Erde zu sehen. Graue Ödnis, wo vor einem Jahr noch Bäume wuchsen. Das Bild stammte von einem Satelliten, der hoch über dem Amazonas schwebte. Und es alarmierte die Forscher. Die Aufnahme zeige, sagte im Sommer Ricardo Galvão, der Chef der brasilianischen Weltraumbehörde, dass der Regenwald seines Landes derzeit drei Mal so schnell verschwinde wie noch im Jahr 2018. Eine Analyse, die der Regierung gar nicht passte.

Brasiliens Präsident war außer sich. „Alles Lüge“, schimpfte Jair Bolsonaro. Das Foto sei gefälscht. Als Galvão widersprach, wurde er gefeuert. Bolsonaro, der für weniger Umweltschutz kämpft, um der heimischen Wirtschaft zu helfen, beschuldigte Galvão, im Dienst „ausländischer Organisationen“ zu stehen und Brasiliens Ansehen in der Welt beschmutzen zu wollen. Der Wissenschaftler, sollte das wohl heißen, sei ein Verräter.

Nach allem, was man weiß, ist das Bild authentisch. Auch andere Forscher warnen: Nie zuvor wurden Brasiliens Bäume so rasant abgeholzt wie heute. Die Ökonomin und Südamerika-Expertin Monica de Bolle, die für das Washingtoner Peterson Institute arbeitet, hat eine schockierende Berechnung veröffentlicht. In diesem Jahr verschwinden demnach 18.000 Quadratkilometer Regenwald – ein Wert, der deutlich über dem Durchschnitt der jüngeren Zeit liegt.

Das vom brasilianischen Institut INPE zur Verfügung gestellte Bild zeigt abgeholzte Zonen im Amazonasgebiet von Humaita im Juli 2019 Quelle: dpa/--- © dpa/--- Das vom brasilianischen Institut INPE zur Verfügung gestellte Bild zeigt abgeholzte Zonen im Amazonasgebiet von Humaita im Juli 2019 Quelle: dpa/---

Regenwald könnte schon bald einen kritischen Punkt erreichen

Aber diese Zahl ist gar nichts, verglichen mit dem, was noch kommt. Beschleunigt sich die Abholzung weiter wie bisher, sagt de Bolle voraus, dann sterben im kommenden Jahr rund 35.000 Quadratkilometer Wald. 2021 sind es der Forscherin zufolge dann 70.000 Quadratkilometer. Das wäre eine Fläche, die fast so groß wie Österreich ist.

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„Damit wird ein kritischer Punkt erreicht“, sagt de Bolle. „2021 könnte der Dschungel so stark schrumpfen, dass er nicht mehr genügend Regen produziert, um sich selbst am Leben zu erhalten.“ Es klingt wie ein Todesurteil. Dem größten Wald der Welt, Heimat für ein Fünftel aller Tier- und Pflanzenarten auf der Erde, droht nach de Bolles Daten schon in zwei Jahren die Zerstörung. Endgültig. Unumkehrbar.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Bolsonaro, der seit Anfang des Jahres im Amt ist und von manchen als Donald Trump Südamerikas bezeichnet wird, scheint das nicht zu kümmern. Für den brasilianischen Präsidenten ist das Amazonasbecken vor allem eine gigantische Mine. Eisenerz, Mangan, Bauxit, Kupfer, Zinn, all das befindet sich im Erdreich unter den Bäumen. Und natürlich Gold. Mit geschätzt 2400 Tonnen verfügt Brasilien über 4,4 Prozent der weltweit noch nicht abgebauten Vorkommen. Für Bolsonaro stellen die Bodenschätze ein enormes wirtschaftliches Potenzial dar. „Im Regenwald“, sagt er immer wieder, „liegt Reichtum.“

Aber die Jagd nach diesem Reichtum fügt der Natur enorme Schäden zu. Bevor die Garimpeiros – die Schürfer – nach dem Gold suchen können, muss der Wald niedergebrannt werden. Auch Bauern roden die Bäume, um ihr Vieh zu weiden oder mehr Soja anbauen zu können. Und all das geschieht oft auf Land, das unter Naturschutz steht oder indigenen Völkern gehört. Anders formuliert: Es ist illegal. Doch die Regierung, so scheint es, schaut weg. Bolsonaro schwächte die Behörden, die kriminelle Aktivitäten im Regenwald überwachen – wie beispielsweise das Weltraum-Institut Inpe, dem Ricardo Galvão vorstand. Der Präsident strich Budgets und entließ Personal.

© Infografik WELT

Dabei können die langfristigen Schäden für die brasilianische Wirtschaft gewaltig sein. Bauern und Rinderzüchter droht die Rodung des Regenwaldes nach Berechnung von Monica de Bolle bis zu 400 Millionen Dollar pro Jahr zu kosten. Denn weniger Dschungel bedeutet – vereinfacht gesagt – weniger Regen und damit weniger fruchtbaren Boden.

Heftige Waldbrände verschlimmern die Situation

Aber auch der Rest der Menschheit könnte unter den Folgen leiden. Die Bäume des Amazonasgebietes speichern 60 bis 80 Milliarden Tonnen CO2. De Bolle nennt den Wald eine „Kohlenstoff-Bombe“. Durch das Verbrennen der Bäume, sagt sie, gelangten jährlich bis zu 200 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre. Und das beschleunige den Klimawandel.

Die heftigen Waldbrände der vergangenen Wochen hatten weltweit Bestürzung ausgelöst. Im Amazonasgebiet kommt es während der Trockenzeit immer wieder zu Feuern, aber selten war es so schlimm wie jetzt. Seit Anfang des Jahres wurden mehr als 140.000 Brände registriert, rund 53 Prozent mehr als 2018. Umweltschützer werfen Bolsonaro vor, die Goldschürfer, Bauern und Holzfäller mit seiner Rhetorik geradewegs zur Brandstiftung zu ermutigen.

Mehrere Staaten, darunter Deutschland, boten Brasilien 20 Millionen Dollar Soforthilfe für die Bekämpfung der Feuer an. Aber Bolsonaro lehnte ab. Vor den Vereinten Nationen in New York rechtfertigte er kürzlich seine Entscheidung. Das Angebot, sagte er in einer zornigen Rede, sei ein „Angriff auf die Souveränität Brasiliens“ gewesen. Nur einer habe die Situation angemessen gehandhabt und sein Land nicht verurteilt, fuhr Bolsonaro fort: US-Präsident Donald Trump.

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