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„Ich pfeife auf die Prämie”: Altenpflegerin hat große Angst, ihre Ansage geht ans Herz

EXPRESS-Logo EXPRESS 05.05.2020 Mirko Wirch

Eine Altenpflegerin erklärt, warum sie mit Heldentum während der Corona-Krise wenig anfangen kann (Symbolbild). © picture alliance/dpa Eine Altenpflegerin erklärt, warum sie mit Heldentum während der Corona-Krise wenig anfangen kann (Symbolbild).

Krankenhäuser, Kindertagesstätten, Seniorenheime und Lebensmittelläden – das sind zurzeit die wichtigsten Orte in der Corona Krise. Und in allen diesen Branchen sind die Frauen in der Mehrheit. Verändert diese Krise das Berufsbild zum Besseren?

Das Coronavirus hat das Zusammenleben, wie wir es kennen und lieben, komplett auf den Kopf gedreht. Doch es gibt Menschen, die jetzt den Laden am Laufen halten. Ohne die derzeit nichts mehr geht: „systemrelevante Berufe“. Meist sind es Frauen, die in den wichtigen Bereichen arbeiten.

Frauen halten die Gesellschaft zusammen

Ob im Supermarkt an der Kasse, in Kindertagesstätten, Kindergärten, in Pflege- und Altenheimen oder Krankenhäusern. In all diesen Berufen sind weit mehr Frauen als Männer angestellt. Die meisten Frauen arbeiten in Kindergärten und Vorschulen, wie eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit zeigt. 95 Prozent der Lehrer und Betreuer dort sind weiblich.

Pflegerinnen werden plötzlich „systemrelevant“

Ähnlich sieht es in der Pflege aus: Dort sind 76 Prozent der Mitarbeiter Frauen.

Ein weiteres Problem: Seit langem beklagen sich die Pflegeverbände darüber, dass sie zu wenig Personal dafür haben, um die zukünftigen Herausforderungen zu meistern.

Dabei ist mit dem Coronavirus eine Epidemie über Europa gebrochen, bei der in erster Linie genau diese Berufsbranche dringender denn je gebraucht wird. Pflegerinnen und Pfleger gehören zurzeit zu den Arbeitnehmern, die mit aller Kraft versuchen, Patientinnen und Patienten in Krankenhäusern oder Bewohnerinnen und Bewohner in Seniorenheimen zu behandeln und zu pflegen.

Ilona Groß arbeitet in einem Seniorenheim mit rund 100 Bewohnerinnen und Bewohnern in Rheinland-Pfalz – im Qualitätsmanagement. Sie schildert die aktuelle Lage so: „Wir haben keinen sogenannten Alltag mehr. Jeder Tag ist anders.“

Zwar gebe es in ihrem Seniorenheim noch keinen Corona-Fall, weder im Personal noch bei den Bewohnerinnen und Bewohnern. Doch müsse das unbedingt auch so bleiben. „Überall dort, wo ein Corona Fall im Personal auftritt und damit ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin ausfällt, wird es eng. Denn wir haben ja sonst schon zu wenig Fachkräfte in der Pflege, um unseren Aufgaben gut genug nachzugehen.“

Corona-Krise: Auch die Psyche leidet

Darunter, dass wegen der Ansteckungsgefahr seit März die Bewohnerinnen und Bewohner des Seniorenheimes keine Besuche mehr empfangen dürfen und auch keine größeren Veranstaltungen wie ein Kinoabend oder Bingo spielen stattfinden kann, leiden einige von ihnen besonders.

Und mit ihnen auch die Pflegekräfte, die sie betreuen, wie Ilona Groß sagt: „Wir konnten es nicht mehr arrangieren, dass jede Woche ein Friseur für die Bewohnerinnen und Bewohner kommt. Gewisse Bewohner wollten sich aber nicht vom Pflegepersonal die Haare waschen lassen.”

Neben Friseuren fehlten derzeit auch dringend Pfarrerinnen und Pfarrer, welche normalerweise die Andachten um Haus machen. Hinzu kommt. dass alte Menschen durch das Coronavirus besonders gefährdet sind. Mehr als 150 Menschen sind in deutschen Pflegeheimen schon gestorben. Das sorgt für zusätzlichen Druck.

Die Mitarbeiterin erklärt weiter: „Da diese Leute zurzeit nicht kommen dürfen, müssen wir kreative Lösungen für die Bewohnerinnen und Bewohner finden. Für das Haarschneide-Problem haben wir dann zum Beispiel einen eigenen Friseursalon im Haus eingerichtet, in dem eine Reinigungskraft und eine Betreuungskraft, die beide vor ihrem jetzigen Beruf Friseurinnen waren, den Bewohnerinnen und Bewohner die Haare schneiden. Das ist schon sehr anstrengend.“

Wohin mit den Kindern?

Ein weiteres Problem: Weil Kinder ihre Großeltern mit dem Virus anstecken könnten, falls sie es in sich tragen, fällt eine ganz wichtige Betreuungsstütze für berufstätige Eltern weg. Dazu kommt, dass es nicht allen möglich ist, von Zuhause aus zu arbeiten. Wohin also dann mit den Kindern?

Auch wegen dieser Problematik gehören Betreuerinnen und Betreuer von Kindertagesstätten und Kindergärten zu den wichtigen Stützen in der Corona-Krise. Hier ist der Anteil der Frauen von allen erwähnten Branchen mit 92,9 Prozent am größten. Der Dank von vielen berufstätigen Eltern für ihre tägliche Arbeit sicherlich auch.

Bundeskanzlerin bedankt sich bei Kassiererinnen und „systemrelevanten Berufen”

Auch die deutsche Bundeskanzlerin, Angela Merkel, hat sich während ihrer Ansprache an die Nation am 18. März ausdrücklich bei diesen Menschen bedankt: „Danke, dass Sie da sind für ihre Mitbürger und buchstäblich den Laden am Laufen halten", waren ihre Worte. Das ging auch an die vielen Frauen, die in ihren Berufen tagtäglich an Grenzen und darüber hinaus gehen und für uns andere da sind.

Auch die Angestellten in allen Supermärkten, die in den vergangenen Tagen und Wochen überrannt wurden, gehören zu den Helferinnen in dieser Krise. Die Pflegerinnen im Krankenhaus, aber eben auch die Kassiererinnen und andere Angestellte. Merkel sagte: „Sie stehen für uns in diesem Kampf in der vordersten Linie.“

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„Von dem Lob und Zuspruch allein kriegen wir nicht mehr Pflegefachpersonen“

Ilona Groß ist skeptisch, was den Zuspruch aus der Gesellschaft zu Zeiten von Corona angeht: „Es ist ganz nett, aber ich traue den Menschen nicht zu, dass sie sich nach der Corona-Krise noch an ihre Helden des Alltags erinnern. Egal wer das dann ist. Das sagt mir meine Erfahrung aus den letzten Jahren in der Pflege. Wenn man sie braucht, sind sie wichtig. Sonst nicht.“

Mit Heldentum könne Groß ohnehin wenig anfangen. „Ich habe einen Eid geschworen und den befolge ich. Ich bin für das Leib und Leben der Menschen, die mir anvertraut werden verantwortlich und das bin ich, egal was passiert.“

Altenpflegerin mit Kritik am deutschen Pflege-System

Die Qualitätsmanagerin des Seniorenheimes, die früher als Pflegerin gearbeitet hat und in der jetzigen Zeit bei Bedarf auch noch als solche aushilft, findet klare Worte für die Pflegepolitik in Deutschland. „Im Gegensatz zu Deutschland ist die Pflegeausbildung in fast allen anderen Ländern akademisch. Da gehört sie auch bei uns hin!“

So zum Beispiel in Spanien oder Wales. „Ich selbst habe ich Cardiff studiert und dort einen Masterabschluss in Pflegewissenschaft gemacht. In Wales arbeitet man auf Augenhöhe und die Arbeit in der Pflege wird nicht nur gesellschaftlich, sondern auch finanziell hochgeschätzt. Die Pflege steht in vielen Ländern besser da als in Deutschland. Das muss man leider so sagen.“

Der Wunsch nach Verbesserungen in der Pflege

Groß hat auch klare Vorstellungen, was genau im Pflegebereich verbessert werden müsste. „Von Lob und Zuspruch allein kriegen wir nicht mehr Pflegekräfte, die es dringend bräuchte. Ich persönlich pfeife auf 1500 Euro Prämie. Ich möchte lieber nachhaltige Pflegeberufe und Verbesserungen in allen Bereichen der Pflege, adäquate personelle Ausstattung und etwas, sodass wir auch bis zur Rente in der Pflege arbeiten können.“

Ein Problem im deutschen Pflegesystem sieht Groß unter anderem im individuellen Eigenanteil: „Das Dumme ist, wenn man Pflege braucht, ist es meist zu spät, um zu handeln. Unabdingbar finde ich die Abschaffung der Teilkasko. In dem Bereich, in dem ich arbeite, zahlen sie einen individuellen Eigenanteil zwischen 1600 und 2200 Euro. Das ist nicht in Ordnung, da das kaum einer bezahlen kann.“

Altenpflegerin hat eigene Vorschläge zur Verbesserung der Situation

Das Resultat aus zu wenig Personal in der Pflege und dem hohen Eigenanteil, den die Pflegebedürftigen bezahlen müssen, beschreibt Groß so: „Dann reklamieren Bewohner, dass wir zu wenig für sie da sind, für das was sie dafür bezahlen. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass wir einfach zu wenig Fachkräfte haben. Im Nachtdienst beispielsweise haben wir bei uns im Seniorenheim zwei Pflegerinnen und Pfleger für 100 Bewohnerinnen und Bewohner.“

Groß wäre dafür, den individuellen Eigenanteil abzuschaffen und die Finanzierung dafür von allen über eine Steuerfinanzierung tragen zu lassen.

Die Corona-Krise zeigt, welche Berufe für das gesellschaftliche Zusammenhalten elementar wichtig sind. Die Politik und die Gesellschaft sind daher gefordert, gerade diesen Mitarbeitern mehr Hilfen zukommen zu lassen. Nicht nur in Form von Boni in der Krise, sondern auch langfristig. Für vernünftige Gehälter, bessere Arbeitsbedigungen – damit sie endlich die Wertschätzung bekommen, die sie verdienen.

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