Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Warum Maddie ganz Europa in Atem hält

WELT-Logo WELT 07.06.2020 Stefanie Bolzen
Ikone zerbrechlichen Glücks: Das Bild des dreijährigen blonden Mädchens, das spurlos verschwand, trifft Eltern ins Herz, und nicht nur sie Quelle: AFP © AFP Ikone zerbrechlichen Glücks: Das Bild des dreijährigen blonden Mädchens, das spurlos verschwand, trifft Eltern ins Herz, und nicht nur sie Quelle: AFP

Viele Wochen lang hat es kaum eine Meldung vermocht, das Thema Covid-19 aus den britischen Schlagzeilen zu drängen. Seit dem vergangenen Mittwochabend ist das anders. Zeitgleich mit der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ rauschte die Eilmeldung über alle Drähte im Königreich: Das Bundeskriminalamt habe einen Deutschen identifiziert, den es des Mordes an Madeleine McCann im Mai 2007 verdächtigt.

Sollte nach 13 Jahren endlich das Verschwinden des damals fast vierjährigen englischen Mädchens aufgeklärt werden? Eine Vorstellung, die vielen Briten den Atem stocken ließ, zumal das BKA sehr bestimmt von Ermittlungen spricht, die auf einen Mord hindeuten. Für die britische Polizei geht es immer noch um ein vermisstes Kind, offiziell zumindest. Ein Kind, dessen Schicksal wie kein anderes weit über die Grenzen seines Heimatlandes für Aufmerksamkeit sorgt.

Das Foto des kleinen blonden Mädchens hat bis heute einen riesigen Wiedererkennungseffekt. Schon ein Jahr nach seinem Verschwinden beschrieb der britische „Daily Telegraph“ die Suche als den „meist berichteten Vermisstenfall in der modernen Geschichte“.

So könnte sie mit neun Jahren ausgesehen haben: Das computergenerierte Bild von Madeleine McCann veröffentlichte 2012 die Metropolitan Police London Quelle: picture alliance/dpa/Teri Blythe © picture alliance/dpa/Teri Blythe So könnte sie mit neun Jahren ausgesehen haben: Das computergenerierte Bild von Madeleine McCann veröffentlichte 2012 die Metropolitan Police London Quelle: picture alliance/dpa/Teri Blythe

Hunderttausende Kinder werden in Europa jedes Jahr als vermisst gemeldet, fast alle kehren glücklicherweise schnell wieder zurück. Tausende aber bleiben verschwunden, und keines von ihnen hat so viel Interesse und Aufmerksamkeit über einen so langen Zeitraum bekommen wie Madeleine Beth McCann. Zuletzt gesehen von ihren Eltern Kate und Gerry am Abend des 3. Mai 2007, im Bett des Hotelappartements der Familie im portugiesischen Praia da Luz.

So tragisch Madeleines Verschwinden, so perfekt war aus Sicht der britischen Medien die Geschichte. Ein Kind, wie es sich jede Familie wünscht. Unzählige Fotos sind von ihr veröffentlicht worden, immer wirkt sie fröhlich, die Augen voller Schalk. Eines der letzten Bilder vor ihrem Verschwinden zeigt Maddie in der Maisonne am Hotelpool, mit Geschwistern und Eltern spielend. Familienglück. Eine Szene, mit der sich sehr viele Menschen identifizieren können, die Sehnsüchte weckt und zugleich große Empathie für das Unglück der McCanns. Aber auch ein Drama, das sich gut verkaufen lässt.

Nachweislich stieg die Auflage der britischen Boulevardblätter mit jedem „Maddie“-Titel. „Wenn die betroffene Person jung ist, weiblich, weiß, nach konventionellen Vorstellungen attraktiv und aus guten Verhältnissen stammt, dann sind die Medien viel eher an einer Berichterstattung interessiert als etwa im Fall eines Jungen aus einer Arbeiterfamilie oder einer alten Frau“, schreibt die britische Kriminologin Yvonne Jewkes in ihrem Buch „Media and Crime“. Die McCanns selbst hatten aus ganz anderen Gründen großes Interesse daran, dass die Aufmerksamkeit nicht abflachte – um ihre Tochter zu finden.

Nach Madeleines Verschwinden vergingen nur Stunden, bis die ersten Kamerateams am Hotel in Praia da Luz standen. Die McCanns wurden in ihrem Trauma von einer Medienwelle erfasst, die sie nicht zu managen wussten. Weshalb die britische Regierung wenige Tage später bereits einen Medienberater einflog, einen ehemaligen BBC-Journalisten. Bis heute ist Clarence Mitchell Sprecher der Familie – und die Maschine, die Madeleines Geschichte am Laufen hält.

Unter Kriminalexperten herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass die portugiesischen Ermittler von dem Fall überfordert waren und wertvolle Zeit und Indizien verloren. Von den zu ihrer Unterstützung geschickten britischen Kollegen hielten sie überdies wenig, was zu Spannungen zwischen London und Lissabon führte.

„Die Beziehung zwischen den portugiesischen und britischen Behörden war von Beginn an schwierig“, erinnert sich Jim Gamble im Telefonat. Der Brite war seinerzeit Direktor der 2006 gegründeten Kinderschutzbehörde CEOP (Child Exploitation and Online Protection Command), die zwei Verhaltensexperten nach Praia da Luz schickte.

Weil die McCanns keine großen Hoffnungen in die portugiesischen Ermittlungen setzten, begannen sie sehr schnell selbst mit dem Spendensammeln und riefen die Kampagne „Madeleine’s Fund: Leaving No Stone Unturned“ (Madeleines Fonds: Wir drehen jeden Stein um) ins Leben. Millionengelder kamen in den ersten Monaten zusammen, Prominente wie die „Harry Potter“-Autorin J. K. Rowling oder der Unternehmer Richard Branson spendeten großzügig.

Kate McCann veröffentlichte 2011 ein Buch, das bis zu einer Million Euro einbrachte. Mit ihrem Mann Gerry und dem Medienberater Mitchell reiste sie durch Europa, sie hatten eine Audienz bei Papst Benedikt XVI.

Tage nach dem Verschwinden ihrer Tochter im Mai 2007: Kate und Gerry McCann verlassen eine Kirche in Praia da Luz in Portugal Quelle: picture alliance/dpa/Steve Parsons © picture alliance/dpa/Steve Parsons Tage nach dem Verschwinden ihrer Tochter im Mai 2007: Kate und Gerry McCann verlassen eine Kirche in Praia da Luz in Portugal Quelle: picture alliance/dpa/Steve Parsons

2013 traten die Eltern in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ auf – schon damals ging bei der Sendung ein Hinweis auf den nun verdächtigten Christian B. ein. Mit dem Versuch der McCanns, die Suche nach Madeleine am Leben zu halten, wuchs aber auch die Kritik an den beiden.

In einer Talkshow in den USA wurde Gerry McCann vorgeworfen, das Verschwinden seiner Tochter selbst verschuldet zu haben, weil er mit Freunden Wein getrunken habe, statt auf die Kinder aufzupassen. Kate McCann wurde Zielscheibe von Attacken, weil sie in Interviews stets sehr gefasst, oftmals mit steinerner Miene auftrat.

Solche Fotos dienten zeitweilig als Illustration für die Anschuldigung, sie habe ihr Kind selbst umgebracht. Wenige Wochen nach dessen Verschwinden hatte die portugiesische Polizei DNA-Spuren des Kindes, die im Kofferraum des Mietautos der Familie gefunden wurden, dafür als Beweis gewertet. Erst zehn Monate später zogen die Portugiesen diesen Vorwurf zurück.

„Wenn du eines unserer Kinder ermordest, werden wir dich finden!“

Trotzdem brauchten die McCanns den britischen Boulevard. „Wenn die Finanzierung für die Suchaktion knapp wurde, gingen Kate und Gerry ihren Pakt mit dem Teufel ein“, sagt ein Insider. Im Mai 2011 druckte „The Sun“ auf ihrem Titel einen offenen Brief der McCanns, in dem sie den damaligen Premierminister David Cameron um eine Untersuchung baten. Schon am nächsten Tag richtete Innenministerin Theresa May die „Operation Grange“ ein, für die zeitweise 24 Polizisten im Einsatz waren.

Bis heute haben die Ermittlungen die britischen Steuerzahler mehr als umgerechnet 13 Millionen Euro gekostet. Trotz der weiterhin erfolglosen Suche und trotz Kritik von Vertretern anderer Kampagnen für vermisste Kinder setzte London die Finanzierung immer wieder fort.

„Madeleines Fall ist ein extrem seltener Fall. Nur zweimal in Jahrzehnten ist ein britisches Kind im Ausland entführt worden und nicht mehr aufgetaucht“, sagt der Kinderschutzexperte Jim Gamble. „Madeleines Fall mag die öffentliche Meinung gespalten haben wie kein anderer. Er mag viel Geld gekostet haben. Aber die wichtigste Botschaft dieser langen Jahre der Suche an Kriminelle ist: Wenn du eines unserer Kinder ermordest oder entführst, dann werden wir dich finden!“

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern Sie Ihnen gern regelmäßig nach Hause.

Quelle: WELT AM SONNTAG © WELT AM SONNTAG Quelle: WELT AM SONNTAG
| Anzeige
| Anzeige

Mehr von WELT

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon