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Bergamo-Bürgermeister über Corona: "Nutzt die Zeit, die Ihr noch habt"

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 18.03.2020 Frank Hornig

Bergamo ist das Epizentrum der Coronakrise in Europa. Fast 400 Menschen sind dort gestorben. Bürgermeister Gori erzählt vom Drama in seinen Krankenhäusern - und alarmiert seine deutschen Kollegen.

© Luca Bruno/ AP

Am Sonntag rief sogar Ministerpräsident Giuseppe Conte besorgt im Ospedale Papa Giovanni XXIII in Bergamo an. Er wollte wissen, wie die Zentralregierung helfen könne. Die hochmoderne Klinik kommt kaum noch hinterher, die zahllosen Covid-19-Patienten aus Bergamo und Umgebung zu versorgen. Es fehlen Schutzmasken, Beatmungsgeräte, Mediziner und Pfleger. Gerade erst hat die italienische Armee über 20 Militärärzte zur Unterstützung in das Krankenhaus geschickt. Jede Lieferung von Sauerstoffnachschub ist momentan eine Nachricht wert.

In vier Tagen hat sich die Zahl der Infizierten in Bergamo auf zuletzt fast 3800 verdoppelt, die Todesfälle haben sich verdreifacht. Bei den zuständigen Stellen stehen die Telefone nicht mehr still, weil sich immer mehr Bürger mit Husten- und Fiebersymptomen melden.

Der Sozialdemokrat Giorgio Gori, 59, ist in der 120.000-Einwohnerstadt nahe Mailand geboren. 2014 wurde er Bürgermeister von Bergamo, vorher war der Journalist Chef des Fernsehsenders Canale 5. Bergamo stehe am Abgrund und könne der Krise nicht mehr lange standhalten, warnt er seit Tagen.

SPIEGEL: Herr Bürgermeister, wie ist die aktuelle Lage in Bergamo?

Gori: Sehr kritisch. Die Zahl der Kranken steigt konstant. Leider sterben viele Pflegebedürftige wegen der Epidemie.

SPIEGEL: Was können Sie dagegen tun?

Gori: Die wichtigste Front läuft durch unsere Krankenhäuser. Wir haben in diesen Wochen Hunderte neue Plätze in der Intensivmedizin geschaffen. Wir haben Mediziner aller Fachrichtungen zur Hilfe gerufen, außerdem pensionierte Ärzte und Hausärzte, und sie schnellstmöglich auf den Corona-Einsatz vorbereitet. In meiner Stadt und in der Lombardei gibt es eigentlich ein hervorragendes Gesundheitssystem. Aber unter diesen Umständen ist es wirklich sehr, sehr schwer.

SPIEGEL: Was spielt sich gerade in den Kliniken ab?

Gori: Es ist erschütternd, was Freunde, die dort fast wie im Schützengraben arbeiten, erzählen. Sie arbeiten rund um die Uhr, ohne zu schlafen. Leider haben sich viele angesteckt und sind jetzt krank zu Hause. Hinzu kommt: Es fehlen Schutzmasken, Schutzbrillen – und vor allem suchen wir verzweifelt Beatmungsgeräte und weitere notwendige Apparate für die Intensivmedizin. Deshalb haben wir einen dringenden Aufruf an das italienische Gesundheitswesen, den Zivilschutz und auch an die internationale Gemeinschaft gestartet. Und zum Glück bekommen wir jetzt auch aus anderen Ländern Unterstützung. Aber leider gibt es viele alte Menschen, denen wir nicht helfen können und die nicht ins Krankenhaus gebracht werden können.

SPIEGEL: Gibt es Kriterien, wer ans Beatmungsgerät kommt und wer nicht?

Gori: Ich weiß von einigen Patienten, die komplizierte Vorerkrankungen hatten und nicht mehr beatmet wurden, um die Geräte für andere Infizierte zu nutzen. Leider ist das an mehreren Orten in der Lombardei passiert. Aber das ist, glaube ich, nicht die Regel. Allen soll geholfen werden.

SPIEGEL: Wurde die Lombardei mit ihren Problemen zu lange alleingelassen?

"Wir waren die ersten in Europa, die mit diesem Notstand konfrontiert wurden"

Gori: Wir waren die ersten in Europa, die mit diesem sehr, sehr schwer zu bewältigenden Notstand konfrontiert wurden. Am Anfang gab's vielleicht mal eine kleine Verwirrung. Inzwischen bin ich aber überzeugt, dass die Zusammenarbeit zwischen der Regierung, den Regionen und den Kommunen hier in Italien funktioniert.

SPIEGEL: Hätte man mit früherem Durchgreifen den Corona-Ausbruch in Italien verhindern oder zumindest das Tempo der Epidemie drosseln können?

Gori: Wir hätten schneller reagieren können. Zum Beispiel hätte man hier in der Region von Bergamo, dem Valle Seriana, eine rote Zone errichten können und müssen. Wir hatten darum gebeten. Es war klar, dass es im Krankenhaus des Nachbarorts Alzano viele Corona-Fälle gab. Genau wie im Krankenhaus von Codogno, wo man aus diesem Grund schon am 23. Februar eine rote Zone mit 50.000 Einwohnern errichtet hatte. Bei uns wurde es aber nicht gemacht. Es dauerte einige Tage, bis die Regierung schließlich die ganze Lombardei und weitere 14 Provinzen im Norden abgesperrt hat.

SPIEGEL: Warum hat Rom in Ihrem Fall gezögert?

Gori: Das weiß ich nicht. Ich habe auch überhaupt kein Interesse, jetzt politische Attacken zu starten oder die Verantwortung hin- und herzuschieben. Wenn man in so eine Situation hineinkatapultiert wird, macht jeder Fehler. Insgesamt bewerte ich die Antwort, die inzwischen gegeben wurde, positiv.

SPIEGEL: Wie haben Sie Ihre Bürger auf den Ernst der Lage vorbereitet?

Gori: Am Anfang haben wir noch gedacht, dass einige Vorsichtsmaßnahmen und Verhaltensregeln genügen könnten. Dass es möglich sein könnte, einen relativ normalen Alltag weiterzuführen, wenn man das öffentliche Leben nur teilweise einschränkt und den Mindestabstand von einem Meter einhält. Nach ein paar Tagen haben wir verstanden: Das reicht nicht. Wir müssen viel strenger durchgreifen. Beim letzten Treffen der Bürgermeister haben wir das auch Ministerpräsident Giuseppe Conte deutlich gemacht.

SPIEGEL: Wie haben die Menschen in Bergamo die neuen Regeln akzeptiert?

Gori: Insgesamt gut. Aber zwei Dinge haben mich nach einer Woche, in der wirklich niemand mehr vor die Tür soll, wirklich geärgert:  Wir haben die Tabakläden für den täglichen Bedarf offen gehalten. Aber man kann da zum Beispiel auch mit Rubbellosen zocken. Viele ältere Bürger sind offenbar aus Langeweile zum Spielen in diese Kioske gegangen. Diese Glücksspiele habe ich jetzt verboten. Andere haben sich an öffentlichen Hotspots versammelt, um kostenlos ins Internet zu kommen. Deshalb habe ich auf den Plätzen das kommunale Wi-Fi abgeschaltet. Alle Bürger haben die Verantwortung, sich an die Regeln zu halten und das Haus möglichst nicht mehr zu verlassen. Ich hoffe, dass das jetzt alle kapieren.

SPIEGEL: Wirkt die Gefahr auf viele noch zu abstrakt?

Gori: In Bergamo eigentlich nicht. Mehr oder weniger jeder von uns kennt hier inzwischen jemanden, der erkrankt oder gestorben ist.

SPIEGEL: Wie geht es weiter?

Gori: Das Wichtigste ist, das wir jetzt hart bleiben und sich alle Bürger an die Regeln halten. Ich finde, wir sollten sogar noch strenger werden. Viele Unternehmen in der Industrie sind ja noch offen. Ich würde alles schließen, zumindest hier in der Lombardei. Die Produktion sollte nur noch für den Lebensmittelnachschub und die Energieversorgung laufen. Und natürlich in der Medizintechnik, denn wir brauchen dringend weitere Beatmungsgeräte.

SPIEGEL: Was können Sie als Bürgermeister tun, um die Lage für die Einwohner erträglicher zu machen?

"Ich hoffe, dass niemand auf die Idee kommt, wir müssten sparen"

Gori: Gerade viele der gefährdeten älteren Bürger leben allein und brauchen Unterstützung. Neben den Mitarbeitern in der Stadtverwaltung haben wir jetzt 500 Freiwillige im Einsatz, die für sie Einkäufe und Apothekengänge erledigen. Und dann haben wir eine Reihe kleinere Initiativen entwickelt. Zum Beispiel lesen Bibliothekare der Stadtbücherei Kindern auf Facebook Märchen vor. Außerdem haben wir jeden Einwohner gebeten, ältere Mitbürger anzurufen und ihnen telefonisch ein wenig Gesellschaft zu leisten. Und wir liefern an Bedürftige Hunderte Mahlzeiten aus. Niemandem soll etwas fehlen.

SPIEGEL: Wann erwarten Sie den Höhepunkt der Welle?

Gori: Keine Ahnung, ich bin da sehr vorsichtig. Wir wissen ja, dass die meisten Infizierten ohne Symptome sind und deshalb vom Radar nicht erfasst werden. Und außerdem gibt es viele, die krank mit Fieber zu Hause sind, nicht getestet werden und deshalb ebenfalls nicht in der Statistik auftauchen. Von den alten Mitbürgern, die zu Hause sterben, wissen wir auch nicht mit Sicherheit, ob sie Opfer des Virus sind.

SPIEGEL: Können Sie schon den wirtschaftlichen Schaden einschätzen?

Gori: Das ist unmöglich. Aber er wird natürlich sehr, sehr hoch sein. Die italienische Regierung hat gestern Maßnahmen in Höhe von 25 Milliarden Euro beschlossen. Das ist ein wichtiger Beitrag, aber bei Weitem nicht genug. Und ich hoffe nur, dass die europäische Zusammenarbeit in dieser Lage funktioniert und jetzt niemand auf die Idee kommt, wir müssten sparen.

SPIEGEL: Wie lautet Ihr Fazit nach mehreren Wochen Coronakrise?

"Sorgt dafür, dass sich die Leute nicht mehr treffen, sondern auf Abstand gehen"

Gori: Leider ist Italien jetzt ein Modell für andere Länder. Jetzt müssen auch andere realisieren, dass sie nicht länger ausgehen und tanzen können, sondern harte Maßnahmen ergreifen müssen. Wie bei uns. Und ich will gar nicht erst von jenen reden, die gerade noch von einer angeblichen Herdenimmunität fantasiert haben...

SPIEGEL: ... Sie meinen den britischen Premier Boris Johnson...

Gori: ... und nun auch ihre Bars und Kneipen schließen. Ich kann nur hoffen, dass unsere Erfahrungen anderen als Beispiel dienen.

SPIEGEL: Was ist Ihr konkreter Rat an deutsche Bürgermeister?

Gori: Sorgt dafür, dass sich die Leute nicht mehr treffen, sondern auf Abstand gehen. Nutzt die Zeit gut, die Ihr noch zur Verfügung habt.

SPIEGEL: Wie geht es Ihnen persönlich und Ihrer Familie?

Gori: Meine Kinder sind am Sonntagabend zum Glück aus ihren Uni-Städten zurückgekommen. Aber ich habe sie nicht umarmt, wir halten Distanz zueinander. Ich kann es mir jetzt nicht erlauben, krank zu werden.

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