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Sommer, Urlaub, Corona: die Ostseebäder geraten an ihre Grenzen

dw.com-Logo dw.com 04.08.2021 Anja Steinbuch

Ferienziele an der Ostsee melden Besucherrekorde, doch Personalengpässe bremsen das Sommergeschäft - auch in Kühlungsborn. Ein Besuch am Meer.

Urlauber dicht gedrängt am Ostseestrand © Bernd Wüstneck/dpa/picture alliance Urlauber dicht gedrängt am Ostseestrand

Mitten auf der Strandpromenade des Ostseebads Kühlungsborn erhebt sich ein 60 Meter hohes Riesenrad. Im Drei-Minutentakt befördert es Besucher in schwindelerregende Höhe und eröffnet Weitblicke über das türkis-blaue Meer. Der endlos weiße Sandstrand erstreckt sich gen Osten bis zum Horizont.

Mit dem Riesenrad hoch hinaus: Kühlungsborn ist diesen Sommer ausgebucht © Anja Steinbuch Mit dem Riesenrad hoch hinaus: Kühlungsborn ist diesen Sommer ausgebucht

Tatsächlich deuten die Aussichten in fast allen Seebädern entlang der Ostsee auf einen perfekten Sommer: Blauer Himmel, Temperaturen um die 25 Grad. Das Wasser hat sich auf 18 bis 20 Grad erwärmt. Es weht ein angenehmes Lüftchen. Wellen rauschen, Möwen kreischen. Die Strandkörbe sind ordentlich aufgereiht - fast alle sind belegt. Angesichts der Ferien in einigen Bundesländern sind die meisten Hotels und Gasthäuser ausgebucht bis in den Herbst. Viele Deutsche wollen in der Pandemie nicht ins Ausland reisen, das beschert den heimischen Küstenregionen einen außergewöhnlichen Boom.

Deutschlands längste Uferpromenade: Strand und Flaniermeile in Kühlungsborn erstrecken sich über vier Kilometer © Anja Steinbuch Deutschlands längste Uferpromenade: Strand und Flaniermeile in Kühlungsborn erstrecken sich über vier Kilometer

Personalengpässe

"Ich könnte noch viel mehr Gäste in meinem Restaurant bewirten, aber mir fehlen Servicekräfte", klagt Albrecht Kurbjuhn, Restaurantbetreiber und Hotelier seit 30 Jahren in Kühlungsborn. Er kann sein Restaurant nur abends öffnen und seine Tische nur mit Reservierung für zwei mal zwei Stunden belegen. Mehr ist in seinem voll ausgelasteten Hotel Polar-Stern an der Ostseeallee nicht möglich.

Der gebürtige Hesse hat noch nie so ein Wechselbad der Gefühle erlebt wie in diesem Jahr: "Die Verluste aus diesem Frühjahr können wir nicht mehr reinholen, die Nachfrage in diesem Sommer ist enorm, aber was wir jetzt am meisten brauchen ist Planungssicherheit für uns und unser Team."

Der engagierte Hotelier wünscht sich für seine Branche Zusagen von der Politik, damit Hotels und Restaurants trotz möglicher höherer Inzidenzen offen bleiben dürfen. Sonst drohe eine erneute Abwanderungswelle der Mitarbeiter in andere Branchen. Inzwischen hat Kurbjuhn einen Azubi aus Usbekistan eingestellt. Damit dieser nach der Ausbildung an der Ostsee bleibt, sind Wohnungen für Angestellte im Tourismussektor dringend notwendig.

Braucht Planungssicherheit: Hotelier Albrecht Kurbjuhn fehlen Servicekräfte © Anja Steinbuch Braucht Planungssicherheit: Hotelier Albrecht Kurbjuhn fehlen Servicekräfte

Kurbjuhn steht mit seinem Personalmangel nicht alleine da. Das bereits seit Jahren schwelende Problem hat sich hierzulande durch die Pandemie verschärft. Neben Hotels und Restaurants suchen Boutiquen, Cafés und Fischbrötchenbuden händeringend Personal. Im renommierten Kaffeehaus Röntgen in bester Lage in der Strandstraße sind vom Patissier bis zur Betriebsleitung sowie im Verkauf fast zehn Stellen ausgeschrieben. Um 17 Uhr schließt das beliebte Café seine Pforten, obwohl auf der Karte auch Snacks und Drinks für den Abend stehen. Zahlungswillige Gäste werden nachhause geschickt.

Kritik an Regierung


Video: Schweden: Urlaub zuhause (dw.com)

Für die missliche Lage sei die Landesregierung in Schwerin mit verantwortlich, ist von Gastronomen und Hoteliers an der Ostsee zu hören. Laut Umfrage des Landestourismusverbands empfanden fast drei Viertel der touristischen Unternehmen die Öffnung Mitte Juni als zu spät. Während Schleswig-Holstein schon ab 17. Mai Lockerungen vornahm, musste sich Mecklenburg-Vorpommern bis Mitte Juni gedulden. Das habe zu Unmut und vielen Stornierungen geführt. Trotzdem waren laut Kühlungsborner Bürgermeister Rüdiger Kozian zum Neustart bereits bis zu 80 Prozent der rund 20.000 Gästebetten belegt.

Gäste aus Bayern

Niedrige Inzidenzen, gelockerte Hygienemaßnahmen und ein stabiles sommerliches Hochdruckgebiet haben den Nordosten zu einem gefragten Reiseziel gemacht. Karola und Christian Nettel sind mit ihrem Wohnmobil aus dem bayerischen Augsburg angereist. "Wir fahren sonst gern nach Italien, doch in der Pandemie ist uns Sicherheit wichtig und so haben wir die Ostseebäder in Mecklenburg für uns entdeckt", erzählt Christian Nettel.

In der Pandemie die Ostsee entdeckt: Karola und Christian Nettel aus Bayern © Anja Steinbuch In der Pandemie die Ostsee entdeckt: Karola und Christian Nettel aus Bayern

Camping- und Stellplätze in der Region seien zwar stark ausgelastet, aber gut organisiert. "Strände, Straßen und Plätze sind hier auffallend gut gepflegt", findet Karola Nettel. Auf der Strandpromenade neben dem Riesenrad haben sich die beiden Bayern an einem Restaurant-Stand einen Flammkuchen bestellt. Unweit gibt es Livemusik unter freiem Himmel. Die zwei sind zufrieden: "Das ist hier für uns Entspannung pur, auch wenn wir nur eine Woche bleiben." Sie wollen nächstes Jahr wiederkommen.

"Die Menschen haben auch Sehnsucht nach Kultur", ist Franz Norbert Kröger überzeugt. Der Galerist und Musikliebhaber hat gerade ein Jazz-Festival in der Kunsthalle des Ostseebades auf die Bühne gebracht. Der Hunger nach Kultur sei groß. "Die Konzertbesucher lauschen andächtig und genießen diese Momente", sagt Kröger. Obwohl nur jeweils 60 Besucher zugelassen waren, sei die Stimmung außergewöhnlich gewesen.

Für eine weitere Konzertreihe im August war es für Kröger sehr schwierig, die internationalen Künstler vor Ort unterzubringen. Aktuell freut er sich über die vielen Gäste im Ort und über interessierte und anspruchsvolle Besucher in seiner Galerie in der Dünenstraße, wo er Werke von Armin Mueller-Stahl, Udo Lindenberg und anderen Künstlern verkauft.

Knappe Sicherheitsabstände am Stadtstrand

Am Nachmittag wird es am Strand an der Seebrücke von Kühlungsborn eng. Sicherheitsabstände lassen sich nur knapp einhalten. Wer das nicht mag, findet viel Platz neun Kilometer weiter östlich in Heiligendamm. Vor den Toren des einstigen G8-Tagungsortes erstreckt sich ein Naturstrand hinter einem kühlenden Laubwald. Dank versteckter Lage und vieler Bäume ist hier viel Platz zum Durchatmen mit Garantie auf entspannte Sonnenuntergänge.

Strand mit Baumbestand: Vor Heiligendamm kühlen Laubbäume das Ufer © Anja Steinbuch Strand mit Baumbestand: Vor Heiligendamm kühlen Laubbäume das Ufer

Abgeschiedenheit als Vorteil

"Wenn die Welt untergeht, dann ziehe ich nach Mecklenburg, dort geschieht alles 50 Jahre später." Das Otto von Bismarck zugeschriebene Zitat ist zum Motto von Marc-Martin Ahlborn geworden. Er leitet bei Wismar, knapp 20 Kilometer vom Ostsee-Trubel entfernt, das Hotel Schloss Gamehl - ein historisches Herrenhaus im neogotischen Stil. Der Ruf, rückständig zu sein, komme dem Tourismus im Bundesland jetzt zugute, ist Ahlborn überzeugt.

"Wir gelten als sicherer Hafen, weil die Inzidenzen hier immer sehr niedrig waren", so Ahlborn, dessen Hotel bis zum Herbst fast komplett ausgebucht ist. Die Abgeschiedenheit erweist sich jetzt als Vorteil: Gäste haben reichlich Platz im Schlossgarten oder erkunden Kultur und Natur in der Umgebung. Die Gefahr, anderen Reisenden im großzügigen Speisesaal oder auf der Terrasse zu nah zu kommen, besteht auf Schloss Gamehl nicht.

Abgeschiedenheit als Vorteil: Hotel Schloss Gamehl bei Wismar © Anja Steinbuch Abgeschiedenheit als Vorteil: Hotel Schloss Gamehl bei Wismar

An die Herbst- und Wintersaison mag in Mecklenburg-Vorpommern noch keiner wirklich denken. Weder die Infektionslage noch der Umgang damit sorgen für Optimismus. "Man muss immer mit allem rechnen, das haben wir gelernt", sagt Ulrich Langer von Kühlungsborn Tourismus. Das Buchungsverhalten für diesen Winter sei sehr verhalten im Vergleich zu den Vorjahren. Erneut blicken Wirte und Hoteliers in eine ungewisse Zukunft.

Autor: Anja Steinbuch

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