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Bundesliga und die 50+1-Regel: Das Undenkbare scheint die einzige Lösung

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 06.10.2020 Christoph Damm

"Irgendetwas hat gefehlt — und zwar massiv." So kommentierte Bundesliga Schiedsrichter Deniz Aytekin das Spiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln am 11. März 2020 laut "Tagesspiegel". Der Unparteiische leitete mit der Begegnung das erste Bundesliga-Geisterspiel der Geschichte.

Danach wurde wegen der Corona-Pandemie die Bundesliga gänzlich unterbrochen. Schnell wurde klar: Auch den Vereinen fehlt mit leeren Stadien etwas massiv. Nicht nur Fan-Gesänge und Jubelschreie, sondern auch Einnahmen aus Ticketverkäufen und TV-Gelder.

Wie das Fachmagazin "Kicker" im April schrieb, hätten 13 von 36 Profi-Clubs aus den ersten drei Ligen die Insolvenz gedroht, wenn die Saison nicht zu Ende gespielt worden wäre. Alleine durch ausbleibende TV-Gelder hätten dem Großteil der Bundesliga-Clubs ein zweistelliger Millionenbetrag gefehlt.

Die Krise hat offengelegt, dass im Millionengeschäft Fußball offenbar einige Vereinsmodelle eng auf Kante genäht sind. Reserven: Fehlanzeige. Um das Problem zu lösen, müsste wohl ein Denkverbot ad acta gelegt werden „Spätestens durch die Corona-Krise wird klar: 50+1 muss fallen", sagt der Medienmanager Kay Dammholz im Gespräch mit Business Insider. "Ich hoffe, diese Erkenntnis setzt sich nun bei vielen Vereinen und auch bei den Fans durch, ansonsten ist in der Bundesliga sportliche Langeweile im Meisterschaftskampf auch auf viele weitere Jahre hinaus vorprogrammiert“, ergänzt er.

Corona-Krise treibt finanzschwache Clubs an ihre finanzielle Grenze

Dammholz gründete die Sportmarketingagentur SASS und berät internationale Investoren hinsichtlich ihres möglichen Einstiegs in deutsche Fußball-Clubs. Allerdings verhindert die besagte 50+1-Regel, dass ein Investor die Mehrheit eines Clubs übernehmen kann. Die Folge: Die Schere in der Bundesliga geht immer weiter auseinander.

Durch den Champions-League-Erfolg hat der FC Bayern München alleine rund 135 Millionen Euro eingenommen. Durch die TV-Rechte bekommt Bayern zusätzlich rund 71 Millionen Euro. Aufsteiger Arminia Bielefeld 30 Millionen. Es ist ein natürliches Gesetz, dass Leistung belohnt wird. Doch, wenn Vereine uneinholbar sind, droht der Liga schnell Langeweile.

Borussia Dortmund kann noch am ehesten mit den Münchenern mithalten. Der Verein ist zum einen mittlerweile Stammgast in der Champions League und verfolgt auf einem hohen Niveau eine gute Transferpolitik. Zum anderen halten mit Evonik, Signal Iduna und Puma Investoren bereits rund 20 Prozent am einzigen börsennotierten Fußballclub Deutschlands.

Zwar trifft auch diese finanziell starken Vereine die Krise — dem FC Bayern fehlen dadurch nach eigenen Angaben insgesamt rund 100 Millionen Euro — doch sind es gerade die wirtschaftlich schwachen Vereine, die in eine echte Notsituation geraten. Werder Bremens Sportchef Frank Baumann betonte am Montag, es werde "noch immer unterschätzt, dass wir unter den Auswirkungen der Pandemie zu leiden haben und hohe Einsparungen in allen Bereichen herbeiführen müssen."

Vereine erhielten ungefragt finanzielle Angebote — mehr oder weniger seriöse

Bremens Geschäftsführer Klaus Filbry betonte vor einigen Wochen, dass der Verein mit einem Fehlbetrag in Höhe von etwa 30 Millionen Euro wegen der Corona-Pandemie rechnet. Der Verein wartet unterdessen auf die Genehmigung eines KfW-Kredits. Zur Erinnerung: 2004 gewann der Verein das Double aus Meisterschaft und DFB-Pokal und spielte daraufhin jahrelang in der Champions League.

Ähnlich die Entwicklung bei Schalke 04. Ebenfalls Anfang der 2000er Jahre immer wieder in der Champions League dabei, 2001, 2002 und 2011 DFB-Pokalsieger, kämpft der Verein mittlerweile ums Überleben. Etwa 200 Millionen Euro Schulden hat der Verein und erhielt jüngst in der Krise eine Bürgschaft des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen.

Bremen und Schalke sind nur zwei Beispiele für notleidende Bundesligastandorte, deren Fans heute darauf hoffen, irgendwie an die erfolgreiche Zeit anknüpfen zu können. Doch zunächst gilt es die Krise zu durchstehen. „Wegen ihrer Notlage erhielten viele Vereine teilweise ungefragt eine Vielzahl finanzielle Angebote — darunter mehr oder weniger seriöse", weiß Kay Dammholz. "Dadurch scheinen einige Clubs in eine Art Schockstarre verfallen zu sein und sich so zunächst dem Thema zu verschließen.“

Externe, private Geldgeber sind damit vorerst nicht gewünscht. Das hinter den Kulissen dürfte durchaus darüber nachgedacht werden, wie solch ein Einschnitt wie in der Corona-Krise das nächste Mal zu vermeiden ist. In Berlin zeigt sich derweil, wie ein finanzstarker Investor in solch einer Notlage helfen kann. Lars Windhorst, der zunächst für 224 Millionen Euro 49,9 Prozent an der Hertha BSC GmbH und Co. KGaA erworben hat, baute seine Anteile Anfang Juli auf 66,6 Prozent auf. Dafür zahlte er weitere 150 Millionen Euro, mit denen Hertha BSC Berlin vergleichsweise leicht durch die Krise kommt.

Leverkusen, Wolfsburg, Leipzig, Hoffenheim — 50+1 und die Ausnahmen

Dass Windhorst deutlich mehr als 50 Prozent hält, ist dabei kein Verstoß gegen die 50+1-Regel. Sie besagt nämlich, dass die Mehrheit der Stimmrechte beim Verein liegen muss, die Mehrheit des Kapitals darf sehr wohl beim Investor liegen. Darum erntet die Regel auch häufig Kritik, denn es gibt einige Ausnahmen. RB Leipzig hat demnach lediglich 17 stimmberechtigte Mitglieder, die allesamt eine Nähe zum geldgebenden Red-Bull-Konzern haben. Somit wird die 50+1-Regel umgangen.

Bei der TSG Hoffenheim hält Mäzen Dietmar Hopp 96 Prozent am Verein. Möglich macht dies eine weitere Ausnahme: Fördert jemand einen Verein mindestens 20 Jahre "ununterbrochen und erheblich", kann das DFL-Präsidium eine Ausnahme erteilen. Da Hoffenheim nur wegen der hunderte Millionen von Dietmar Hopp den Weg in die Bundesliga gehen konnte und er seit 1989 den Verein unterstützt, bekam er eben jene Ausnahme erteilt.

Ausnahmen gibt es auch für den VfL Wolfsburg und Bayer 04 Leverkusen. Wolfsburg war bereits kurz nach der Gründung 1945 fest in der Hand von VW, während der Verein in Leverkusen 1904 sogar als Werksverein des Chemiekonzerns Bayer gegründet wurde. Darum haben die Geldgeber ein erhebliches Mitspracherecht über die Zukunft des Vereins. Eigentlich ist dies Investoren untersagt — auch, wenn ein Geldgeber als Minderheitsinvestor ebenfalls ordentlich Druck machen kann.

Druck machen aber auch die Fans. Sie wollen in einer großen Zahl, dass die 50+1-Regel bestehen bleibt. Beispielhaft voran geht dabei die Fan-Initiative "50+1 bleibt!". Manuel Gaber, Sprecher der Kampagne, sagt beispielsweise laut Deutscher Welle, die 50+1-Regel sei die letzte Regelung, die verhindert, dass immer mehr Geld in das Spiel fließt.

Schon 2011 protestieren Fans des 1. FC Kaiserslautern im Spiel bei Hannover 96 für den Verbleib der 50+1-Regel. © Bereitgestellt von Business Insider Deutschland Schon 2011 protestieren Fans des 1. FC Kaiserslautern im Spiel bei Hannover 96 für den Verbleib der 50+1-Regel.

"Ich bin gerne Fan meines Klubs, weil ich Mitglied und somit Teil des Vereins bin. Ich glaube nicht, dass ich gerne Teil eines Klubs wäre, wenn ich wüsste, dass er tatsächlich einem Unternehmen oder einem Land gehört", erklärt er weiter.

Klare Kriterien für Investoren müssten her

Kay Dammholz empfindet die Diskussion zu stark aufgeheizt. Es würden immer wieder Negativ-Beispiele genannt, beispielsweise dunkle Mächte, dubiose Geldquellen oder eitle Selbstdarsteller mit fragwürdigen Motiven, die einen Verein übernehmen könnten, oder zügellose Kommerzialisierung sowie horrende Eintrittspreise. "Doch DFB und DFL könnten und sollten im Vorfeld klar definieren, unter welchen Bedingungen 50+1 abgeschafft, beziehungsweise weiterentwickelt wird. Damit ließen sich solche Schreckgespenster der Traditionalisten und Fans ausschließen", sagt er.

Wichtig sei es, dass die Vereine proaktiv die Diskussion vorantreiben und nicht irgendwann Klagen die Regel aushebeln. Denn immer wieder wird infrage gestellt, ob diese Regel vor einem Gericht überhaupt standhalten würde. Besser wäre es, klare Kriterien aufzustellen, unter welchen Bedingungen Investoren die Mehrheit übernehmen darf. Beispielsweise kein Weiterverkauf der Anteile und keine Ticketpreiserhöhungen ohne Genehmigung des Vereins.

Für Experte Dammholz ist auch klar, welche Clubs vorangehen müssen: „Vereine ohne finanziellen Druck, wie etwa der FC Bayern, Borussia Dortmund oder auch RB Leipzig, haben vermutlich kein Interesse daran, dass 50+1 kippt. Insbesondere die Bayern halten die Konkurrenz durch ihre uneinholbare Finanzsituation erfolgreich auf Distanz. Durch einen kontrollierten Einstieg von finanzstarken Investoren könnten sich derzeit hoffnungslos abgehängte Vereine wieder annähern.“ Darum sei es vor allem an den „Mittelklasse-Clubs“, proaktiv das Thema voranzutreiben.

Investoren würden Strukturen schaffen, sagt Dammholz weiter. Sie würden die Führungsposten mit top-qualifizierten und erfahrenen Managern besetzen und Profi-Clubs wie Wirtschaftsunternehmen führen lassen — was sie de facto heute bereits sind.

Vereine scheuen Diskurs mit Fans

Klar ist aber auch: Die Vereine würden die Ultras vermutlich zunächst gegen sich aufbringen. "Diesen Konflikt scheuen sie aktuell", sagt Dammholz. Es wäre seiner Meinung nach sinnvoll, wenn sich eine Gruppe gewichtiger Clubs gemeinsam für die Öffnung gegenüber Investoren starkmachen würde — und zwar begleitet von einer professionellen und transparenten Kommunikation, warum und unter welchen Rahmenbedingungen sowie mit welcher Zielsetzung eine Zusammenarbeit mit Investoren für den gemeinsamen Erfolg Sinn ergeben kann.

„Vereine mit starken Marken und einer großen Fan-Base, aber aktuell schwacher sportlicher Leistung, könnten tendenziell am stärksten profitieren", erklärt Kay Dammholz. "Der HSV, Werder Bremen, Eintracht Frankfurt oder Schalke 04 wären da ein paar aktuelle Beispiele.“

Doch was ist mit den kleineren Vereinen, die durch ein gelungenes Scouting und gutes Wirtschaften auch mit kleinen Mitteln im Konzert der großen erfolgreich mitspielen, also beispielsweise mit dem SC Freiburg? Keine glorreiche Vergangenheit, kein Club wie Schalke 04 oder Werder Bremen, die mit Investorengeldern aus einer Art "Dornröschenschlaf" geweckt werden könnten. Stattdessen solides Haushalten mit geringen Mitteln. Die Gefahr ist groß, dass solche Clubs durch das Raster fallen und von aktuellen Zweitliga-Clubs, deren Standort für Investoren spannender ist, zunächst überholt werden.

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Denn grundsätzlich ist die Bundesliga für Investoren interessant und darum auch, Geld in unterklassige Vereine zu stecken, um eine Wertsteigerung zu erzielen. „Volle Stadien, sportliche Qualität, attraktive Clubs, gute Infrastrukturen, solide Medienerlöse und eine ausgeprägte Sponsoring-Kultur. Die Bundesliga ist für Investoren eine sichere Bank“, urteilt Kay Dammholz.

Er vermutet, dass auch die Vereine umdenken werden, oder es bereits getan haben, sich aber noch nicht mit ihren Plänen in die Öffentlichkeit trauen. „Corona dürfte den Clubs aufgezeigt haben, wie schnell es finanziell eng werden kann. Sobald ein Ende der Corona-Krise absehbar ist und die Stadien sich wieder füllen, könnte der perfekte Zeitpunkt sein, Investoren an Bord zu holen. Allerdings müssen dafür bereits jetzt die ersten wichtigen Schritte unternommen werden“, sagt er.

Bayern München Schalke © Alexander Hassenstein/Getty Images Bayern München Schalke

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