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"BVB Fanfibel": Von lehrreichen Kneipenabenden und der Gewissheit, ins Stadion zu kommen

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 22.06.2020 Eva Kienholz, Nikita Afanasjew

Was hieß es überhaupt, Fan zu sein, als die Stadien noch voll waren und es Gedrängel in den Kneipen gab? Zwei Anhänger von Borussia Dortmund erzählen von ihrer Leidenschaft.

Volles Stadion, voll die Unterstützung. In Dortmund (hier mit Blick auf die Südtribüne) war immer gute Stimmung. © Foto: Thomas Bielefeld/Imago Volles Stadion, voll die Unterstützung. In Dortmund (hier mit Blick auf die Südtribüne) war immer gute Stimmung.

Leere Ränge und im TV-Fangesänge vom Band: Die Bundesliga war schon mal bekömmlicher. Von dieser scheinbar unendlich weit weg liegenden Zeit erzählt die „BVB Fanfibel“ von Nikita Afanasjew und Eva Kienholz. Ein über die Jahre mit allen Wassern der Enttäuschung gewaschener Fußballfan und eine neue Anhängerin erzählen davon, was es bedeutet, Fan zu sein. Zwei Geschichten aus dem Buch:

Es ist einer dieser Samstage in Berlin-Schöneberg, dem alten Westen, an denen Hertha zeitgleich mit Dortmund spielt, was es nahezu unmöglich macht, das BVB-Spiel in voller Länge in einer Kneipe zu verfolgen. In Kreuzberg ist das noch einfacher gewesen, aber dort sind wir weggentrifiziert worden, das große Berliner Wohnungsdrama. So stehen wir also in dieser Schöneberger Sportsbar, umgeben von Hertha-Trikots tragenden Mittfünfzigern, deren Bäuche Bällen gleichen. 

Hätte ich den hiesigen Hertha-Auflauf geahnt, wäre ich zurück in meine verlorene Heimat gefahren. Intertank, wo bist du? Weiße Taube? Aber es ist eh schon zu spät, um durch die halbe Stadt zu fahren.

Für hippe Hipster ist Berlin ein Paradies, in dem Chai Lattes mit Bourbon-Vanille-Aroma von den Bäumen wachsen. Aber für Fußballfans wird es zunehmend eng. Vielleicht liegt es daran, dass Hipster und Fußball nicht zusammenpassen. Zumindest will kein Fußballfan eine Sportsbar, in der mehr Macbooks zu sehen sind als Trikot-Träger. Fünfzehn Minuten bleiben noch bis zum Anpfiff – und alle Flachbildfernseher sind auf Blau-Weiß gepolt. 

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Welch Trauerspiel! Ich will schon wieder gehen – lieber kein Spiel als das Hertha-Spiel –, als Nik zur Kellnerin geht. Na klar, denke ich, die macht bestimmt jetzt nur für uns das Dortmund-Spiel an und schmeißt die Hertha-Fans raus aus ihrem 80er-Schuppen. Doch dann kommt alles anders. Die Kellnerin führt uns in einen kleinen verliesartigen Raum, in dem neben Klopapierverpackungen, ausgemisteten Möbeln und leeren Bierkästen ein Fernseher steht – und da flimmert doch tatsächlich Dortmund.

Als wäre das nicht schon surreal genug, sitzt in dieser Abstellkammer ein adrett gekleideter Senior mit Schal in Karomuster und runder Philosophenbrille. Seinen Rollator hat er neben sich geparkt, er nippt an einem Weißwein. Wir nicken dem Herrn verwundert zu – warum ist er hier? Und wir? Eben noch draußen in der Sonne, jetzt im Untergrund, wo sehr gut geklaute Fernseher verhökert werden könnten. 

Oder geheime Pokerabende ausgetragen, bei denen auch mal Autoschlüssel im Pott landen. Und dann noch diese orientalisch gemusterten Beistelltische, die so gar nicht zum grauen Teppichboden passen.

Als unser Bier gebracht wird, beginne ich, Gefallen an diesem Absurdistan zu finden. Normalerweise hätte ich mich noch nicht mal in den offiziellen Bereich der Bar gesetzt, sondern wäre rückwärts wieder rausgelaufen. Jetzt sitze ich noch eine Stufe tiefer. Wahnsinn, wie schnell man sinken und gleichzeitig steigen kann. Befreit von jeglichem Luxus stoßen wir zu dritt an – auf Dortmund!

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Wie sich herausstellt, ist der Herr, der sich als Herr Kostka vorstellt, schon seit 1957 BVB-Fan. Damals ist er aus Polen in den Pott gekommen und hat dringend eine neue Mannschaft gebraucht. Die Wahl fällt auf Dortmund. „Seitdem bin ich dem Verein treu geblieben“, erzählt er uns stolz. Kein Liebäugeln mit anderen, kein spätes Bereuen dieser Partnerschaft, versichert er. Herr Kostka fragt: „Da gab es noch das Stadion Rote Erde. Kennen Sie das?“ 

Nik nickt. Den Kopf sachte zu mir gewandt, erzählt mir Nik leise, dass dieses Stadion Rote Erde noch heute existieren und bisweilen als Spielstätte der zweiten Mannschaft der Borussia fungieren würde. Das ist das Schöne daran, ein neuer Fan zu sein, denke ich mir: Man lernt noch lange nicht aus. Und kommentiert noch nicht alles.

Anpfiff. Dortmund gegen Hoffenheim. Saison 2018/19. Reus fehlt. „Ein echtes Sinfonie-Orchester kann auch ohne Dirigenten spielen“, sagt Herr Kostka mit ruhiger, bedachter Stimme. Ob er denn immer so sachlich bei Spielen sei? „Ich bin nicht fanatisch, aber sehr engagiert“, antwortet Kostka und füllt dabei Wasser in seinen Weißwein. „Weiter, weiter und Schuss!“ Tor für Dortmund! Zur Halbzeit steht es sogar 2:0. 

Ich, als Fan-Frischling, freue mich über diese Ausbeute, während Kostka, der alte Fan, alles andere als zufrieden scheint. Woher kommt dieser kritische Dauerzustand, frage ich mich. Sind die Niederlagen, die man über all die Jahre sammelt, daran schuld? Womöglich. Oder wahrscheinlich. Eva Kienholz

Der letzte Spieltag der Saison 2001/02 stand an, das Heimspiel um die Meisterschaft. Borussia Dortmund gegen Werder Bremen. Ich musste einfach hin. Es gab nur ein kleines Problem: Ich hatte kein Ticket. Was ich aber an diesem Tag hatte, war mindestens genauso viel wert: die Gewissheit, in dieses Stadion zu gelangen. Es war keine Möglichkeit, sondern eine Tatsache. Ich marschierte zum Stadion, es war eine nervöse, aufgekratzte Stimmung, wie sie nur vor entscheidenden Fußballspielen herrscht.

Ich hatte etwa 100 Euro dabei. Der erste Verkäufer, ein älterer Typ mit Schnauzer, Daunenjacke und ausgehärtetem Verbrechergesicht, bellte kurz „250“. Ich versuchte, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Er drehte sich einfach weg. Ein Stück weiter rief ein junger Typ 200 Euro aus, ich erkläre ihm meine Situation, die Bedeutung dieses Spiels für mich, meine finanzielle Notlage. „190“. Verdammt. 

Etwa zwei Stunden vor dem Anpfiff zogen die Preise weiter an. In mir dominierte entschlossene Verzweiflung. Es war Zeit, die nächste Stufe zu zünden. Zu einer Seite wird das Stadion von einem Freibad begrenzt. Es hatte an diesem Tag zu. Ich ging hin, schaute mich um. Der unendliche Menschenstrom war keine fünfhundert Meter von hier entfernt, aber hierher verirrte sich niemand. Ich überwand den Gitterzaun des Freibads, hockte mich hinter einen Baum. Der Zaun vor mir trennte das Freibad vom Stadion.

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Dahinter befand sich ein grüner Grenzstreifen, Büsche und Bäume standen dort in einigem Abstand wie Grenzsoldaten in der Gegend herum. Danach folgte noch ein weiterer, kleinerer Zaun, und dahinter sah ich schon die schwarz-gelben Fans langlaufen, die eine Karte hatten. Wie gerne wäre ich einer von ihnen.

Ich observierte weiter den Grenzstreifen und entdeckte dort plötzlich einen Security mit Hund. Die beiden liefen entspannt in mein Blickfeld hinein und wieder heraus. 

Ich versteckte mich hinter dem Baum, um nicht entdeckt zu werden. So saß ich eine ganze Weile da und beobachtete, wie später ein anderer Sicherheitstyp mit Hund den Abschnitt abschritt. Ich konnte nicht mit Sicherheit sagen, wie viele Securitys dort patrouillierten, aber es mussten mindestens drei sein. Jeweils mit Hund.

Ich betrachtete die Securitys, versuchte ein Muster zu erkennen. Es schien mir, als wäre immer etwas Zeit, in der niemand zwischen mir und dem letzten kleinen Zaun stand. Ich würde also den großen Zaun vor mir überwinden, mich im Grenzstreifen kurz hinter einem Gebüsch verstecken, schauen, ob die Luft rein ist und dann zum kleinen Zaun sprinten. So konnte es gehen. Ich kletterte über den Zaun, so leise wie möglich, er gab metallische Jauchzer von sich.

Geschafft. Ich schaute mich um, die Luft schien rein. Der nächste Zaun, der letzte, kleine, kam mir plötzlich sehr nahe vor. Ich sprintete aus meiner Deckung. Das Feld war weit und frei, der Kopf aus. Ich blickte nach rechts, und da stand einer. Ein Wachmann. Vielleicht 20 Schritte von mir entfernt. Er hatte seinen Schäferhund an der Leine. Wirkte ehrlich überrascht. Ich auch. Langsam begann ich rückwärts zu schreiten, meine Augen blieben bei ihm, als hoffte ich, ihn zu hypnotisieren. Er ließ seinen Hund los.

Ich rannte. So schnell, wie ich noch nie gerannt war. Ich hörte den Hund hinter mir. Der Zaun, über den ich gerade geklettert war, schien plötzlich so hoch. Ich drauf. Der Hund sprang. Er erwischte meinen rechten Schuh, biss sich darin fest. Ich hing oben auf dem Zaun, blickte zu ihm. Er schleuderte seinen Kopf wild zu allen Seiten, wie ein Krokodil, das sich in ein Gnu verbissen hatte. Ich gab mir noch einen Ruck – und fiel auf der anderen Seite vom Zaun. Mein rechter Schuh war hinten zerfetzt, meine Hose und Jacke voller Erde. Sonst fehlte mir nichts.

Ich lief zurück zur Vorderseite des Stadions. Freude, davongekommen zu sein, mischte sich mit Wut. Ich war doch sicher, in dieses Stadion zu gelangen. Es blieb noch eine Dreiviertelstunde bis zum Anpfiff. Auf dem Schwarzmarkt wurden mittlerweile mehr als 500 Euro aufgerufen. Ich musste wieder die nächste Stufe zünden. Sie zeugte von purer Verzweiflung. Ich lief die Eingänge vor der Nordtribüne auf und ab und versuchte zu bestimmen, wo potenziell die unbeweglichsten Securitys standen.

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Mein Meisterplan: lässig an die Kontrolleure herangehen und in letzter Sekunde einfach zwischen den jeweils doppelt am Eingang postierten Männern und Frauen in ihren neonroten Ordner-Leibchen durchsprinten. Ja, es war ein katastrophaler Plan. Ich hatte keinen anderen. Wahrscheinlich wurde die Situation nicht gerade dadurch erleichtert, dass ich mit zerfetztem Schuh, dreckiger Jacke und irrem Blick die einzelnen Eingänge abschritt. Die müssten mich eigentlich nur dafür festnehmen, wie ich hier herumrenne, ging mir durch den Kopf. Es waren noch wenige Minuten bis zum Anpfiff. Es gab kein Zurück.

Plötzlich wurde ich von einem Typen Mitte 40 angesprochen: „Brauchst du noch eine Karte?“ Er trug eine Barbourjacke, seine Haare waren nach hinten gegelt, er ging Arm in Arm mit einer Frau. Ich setzte zu einem hektischen Vortrag an. Er sagte: „Ja, ist ja gut, kommt jetzt rein.“ Ich war wie in Trance. Wir gingen zu den beiden Ordnern, an denen ich gerade noch hatte vorbeilaufen wollen. Der Typ zeigte drei Karten. Ich war drin. Es war seltsam, auf der Nord zu sitzen statt auf der Süd zu stehen, aber das war mir so was von egal.

Das Spiel begann bald und lief gar nicht nach Plan. Werder ging in Führung, Dortmund glich durch Koller aus. Der Typ und seine Frau wiesen mich darauf hin, dass wir ja keine normalen Tickets hatten. Also lief ich in der Pause ins Stadioninnere, kippte zwei kostenlose Bier runter und sprintete wieder hinauf. In der 74. Minute grätschte Ewerthon den Ball zum 2:1-Sieg ins Tor. Dortmund war Meister. Nik Afanasjew

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