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Corona-Krise: Bundesliga-Start im Mai "wäre verantwortungslos"

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 10.04.2020 Gerhard Pfeil

© Matthias Balk/ dpa

Trotz Pandemie will die Bundesliga ab Mai weiterspielen. Eine Taskforce soll dafür den Rahmen schaffen. Mediziner Fritz Sörgel sieht das kritisch.

Die Bundesliga macht sich bereit für den Neustart. Die Profiteams dürfen seit dieser Woche mit einer Ausnahmegenehmigung der Behörden in Kleingruppen trainieren. Die Spieler halten voneinander Abstand. Anfang Mai (bereits am 2. oder am 9. Mai) soll dann die am 25. Spieltag unterbrochene Saison fortgesetzt werden - mit Partien in leeren Stadien. Das ist zumindest der Plan der Vereine.

Fußball in Zeiten einer Pandemie. Organisiert wird das Experiment von der Deutschen Fußball Liga (DFL). Der Sport ist dabei eher Nebensache. Es geht ums Geld. Die Klubs, die seit Wochen keine Einnahmen haben, wollen mit den sogenannten Geisterspielen wenigsten die noch ausstehenden Millionen aus der TV-Vermarktung sichern. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert stand in den vergangenen Wochen in engem Kontakt mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Nur wenn die Politik der Fortsetzung der Bundesliga zustimmt, wird im Mai tatsächlich der Ball rollen.

Bei den Partien ohne Zuschauer sollen sich nicht mehr als 300 Personen – Sportler, Betreuer, Ordner, TV-Mitarbeiter, Journalisten – im Stadion aufhalten. Eine medizinische Kommission arbeitet derzeit an einem Plan, wie die Ansteckungsgefahr für die Spieler und alle anderen Beteiligten minimiert werden kann.

20.000 Schnelltests wären nötig

Um die Tätigkeit dieser Taskforce wird ein großes Geheimnis gemacht. Weder die DFL noch Klubs wollen sich zu den Maßnahmen, die in dem Gremium besprochen werden, äußern. Der Pharmakologe Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg, hat eine Erklärung für die Heimlichtuerei: Es würde sonst nämlich schnell klar werden, so der Mediziner gegenüber dem SPIEGEL, dass das Vorhaben mit den Geisterspielen "ziemlich kompliziert ist".

Fahrten im Teambus, Reisen im Flugzeug, der Aufenthalt im Hotel – "das alles ist in der derzeitigen Lage sehr schwierig", sagt Sörgel. "Man kann nur jede Menge Gesichtsmasken verteilen und die Hygienevorkehrungen massiv hochfahren." Das Infektionsrisiko bleibe dennoch hoch.

Deshalb müssten die Mannschaften und sämtliche Betreuer vor jedem Spiel, aber auch zwischen den Partien ständig auf das Virus getestet werden. Für alle noch ausstehenden Begegnungen der Bundesliga und Zweiten Liga wären laut einer Hochrechnung des Virologen Alexander Kekule mehr als 20.000 Schnelltests nötig.

Aktuell gibt es einen Mangel an Corona-Tests in Deutschland. Dass ausgerechnet der Profifußball nun einen derart "enormen Verbrauch diagnostischer Mittel" für sich reklamiert, sei "absurd", sagt Sörgel. "Das wird man gegenüber der Gesellschaft nicht vertreten können". Ähnlich sieht es der ehemalige DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig: "Dieser Weg wäre schwierig zu vermitteln, wenn das Gefühl entstünde, dass Tests für den Fußball zulasten der Bevölkerung gehen", so der Fußballmanager in der "Augsburger Allgemeinen".

Wie wichtig ist der Fußball?

Mediziner Sörgel, der als Anti-Doping-Experte seit Jahren ein kritischer Begleiter des Profisports ist, sagt, die Politik dürfe den Spielbetrieb im Mai nicht freigeben, nur um den Klubs Einnahmen zu sichern und den Fans etwas Unterhaltung im schwierig gewordenen Alltag zu ermöglichen. "Das wäre verantwortungslos", sagt Sörgel.

Führende Virologen haben bereits vor zwei Wochen davor gewarnt, Bundesligaspiele in leeren Arenen zuzulassen. Es könnten sich möglicherweise Fans vor den Stadien zu Hunderten versammeln, wie Anfang März beim Geisterspiel zwischen Paris St. Germain und Borussia Dortmund. Ein Szenario, dass Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle der Fanprojekte, allerdings nicht befürchtet. Das Verständnis für Kontaktverbote und Abstandsregeln sei bei Fußballanhängern inzwischen deutlich gewachsen. "Sie werden sich an die Regeln halten", sagt Gabriel dem SPIEGEL.

Länder sind sich noch uneins

Die Entscheidung, ob der Ball im Mai wieder rollen darf oder nicht, könnte bereits kurz nach Ostern fallen. Dann beraten die Ministerpräsidenten der Bundesländer mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über mögliche Lockerungen der Maßnahmen zur Eindämmung der Covid-19-Pandemie. Aus DFL-Kreisen ist zu hören, dass die Politikerinnen und Politiker über das Thema Bundesliga-Neustart zumindest sprechen wollen.

Anfang dieser Woche hatte Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, den Klubs ein positives Signal gesendet. Die Bundesliga werde in "absehbarer" Zeit wieder spielen, wenn auch ohne Zuschauer, erklärte der CDU-Politiker. Beim Innenministerium in Bayern fällt die Prognose zurückhaltend aus. Für die "Beurteilung der aktuellen Situation sind keine sportfachlichen Einschätzungen, sondern einzig und allein virologische und epidemiologische Expertisen maßgeblich", heißt es auf Nachfrage des SPIEGEL.

Einen Plan B gibt es nicht

Sollte sich die Politik gegen eine Wiederaufnahme des Bundesliga-Spielplans aussprechen und es somit womöglich zum Abbruch der Saison kommen, hätte DFL-Chef Seifert ein Problem. Mehrere Klubs sind wegen der fehlenden Einnahmen bereits in finanzielle Schieflage geraten. Von der zuletzt viel beschworenen Solidarität unter den Vereinen wäre mit einem Schlag wohl nichts mehr übrig, wenn existentielle Fragen zu klären wären.

Zum Beispiel: Wie soll eine abgebrochene Saison eigentlich gewertet werden? Wie sähe eine Endtabelle aus? Welche Klubs dürfen in der kommenden Spielzeit im Europapokal antreten und damit wenigstens auf Sicht mit hohen Einnahmen rechnen?

Eine "juristisch wasserdichte" Regelung müsste dafür gefunden werden, sagt ein DFL-Vertreter, weil sonst Vereine, die sich womöglich benachteiligt fühlen, klagen könnten. Wie diese Regelung aussehen könnte? "Ganz ehrlich: Wir wissen es nicht."

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