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Coronakrise: Verzichten Bundesligaprofis jetzt auf Gehalt?

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 18.03.2020 Gerhard Pfeil

Um die finanziellen Folgen der Covid-19-Pandemie für Fußballklubs abzufedern, steht auch Lohnverzicht der Profis im Raum. Manche Vereine üben schon Druck auf Spieler aus. Bei Beratern kommt das nicht gut an.

© Getty Images

Der Profifußball in Deutschland ruht wegen der Coronakrise. Die meisten Vereine haben ihre Spieler mit individuellen Übungsplänen ins Homeoffice geschickt. Auf Instagram sieht man jetzt Bilder von Robert Lewandowski, dem Torjäger des FC Bayern, bei der Arbeit im privaten Kraftraum. Mannschaftskollege Thiago kickt mit seinem Sohn im Garten. Während die Stars sich irgendwie fit halten, zerbrechen sich die Verantwortlichen der Klubs den Kopf darüber, wie es eigentlich weiter gehen soll.

Am Montag wurde den Managern und Geschäftsführern der Bundesligisten bei einem Krisentreffen in der Zentrale der Deutschen Fußball Liga (DFL) in Frankfurt klar gemacht, wie ernst die Lage ist. Ihr Geschäftsmodell ist wegen der Covid-19-Pandemie zusammengebrochen.

370 Millionen Euro an TV-Geldern könnten ausbleiben

Weil nicht gespielt werden kann, fehlen auf unabsehbare Zeit die Erlöse durch verkaufte Zuschauertickets. Sponsorengelder sind wegen des Ausstands weggebrochen. Und es fließen keine Millionen-Einnahmen mehr aus der TV-Vermarktung der Spiele. Rund 370 Millionen Euro hatten die Klubs der ersten und zweiten Liga als vierte Abschlagszahlung im Mai von den Lizenznehmern noch zu erwarten für die restlichen Partien der Saison. Womöglich wird das Geld nie ausgezahlt, weil kein Spielbetrieb mehr möglich ist in den nächsten Monaten.

Der Profifußball in Deutschland steht vor einer Zäsur. Spitzenklubs wie der FC Bayern oder Borussia Dortmund, die in den letzten Jahren viel verdient haben und in der Lage waren, Millionen zurückzulegen, werden wohl einigermaßen unbeschadet durch die Krise kommen. Vereine, die schlecht gewirtschaftet haben oder zu stark ins Risiko gegangen sind, müssen hingehen um ihre Existenz fürchten. 

In der Branche wird nun heiß debattiert, wie der Kollaps der Klubs abzuwenden ist. Ein Posten, der den Vereinen besonders schwer zu schaffen macht, sind die Gehälter der Profis. Sie machen laut Wirtschaftsreport der DFL bei den 18 Bundesligaklubs rund 36 Prozent der Gesamtausgaben aus.

"Populistische Scheißausdrücke"

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder regte an, hochdotierte Stars sollten doch mal über einen Gehaltsverzicht nachdenken. Bei den Bossen der Bundesligisten kam das nicht gut an. Sie können es nicht leiden, wenn Politiker ihnen reinreden. Horst Heldt, Geschäftsführer des 1. FC Köln, schimpfte: "Ich glaube, es wäre absolut sinnhaft, wenn man sich mit populistischen Scheißausdrücken erst mal zurückhält".

Warum so empfindlich? Das Szenario des Gehaltsverzichts wird bei der DFL und in vielen Vereinen bereits konkret diskutiert. Borussia Dortmund ebenso wie Klubs der 3. Liga richten sich auf Gespräche mit ihren kickenden Angestellten ein. "Und manche Vereine üben bereits Druck auf Spieler aus", sagt Ulf Baranowsky, der Geschäftsführer der Spielergewerkschaft VDV, dem SPIEGEL.

Baranowsky bekommt derzeit immer wieder Anrufe von Fußballern, die nicht wissen, wie sie mit der neuen Situation umgehen sollen, dass plötzlich der Manager ihres Klubs vor ihnen steht und über Geld reden möchte. Rein rechtlich haben die Vereine keine Handhabe, Gehälter zu kürzen. "Der Anspruch auf normale Zahlung besteht weiter", sagt Baranowsky - auch in Zeiten einer Pandemie, die den kompletten Spielbetrieb lahm legt.

Die Frage aber ist, wie groß der moralische Druck auf die Kicker wird, wenn etwa Traditionsklubs wie Schalke 04 oder der Hamburger SV in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Wenn die Fans auf die Barrikaden steigen und Solidarität von den Profis einfordern. Ein Insider aus Kreisen der DFL formuliert es gegenüber dem SPIEGEL so: "Fußballer werden eine gesellschaftliche Ächtung erfahren, wenn sie in einer solchen Lage nicht auf Geld verzichten."

Bundesligaprofis werden beneidet für ihr Einkommen. Einige von ihnen verdienen im Monat mehr als die Kanzlerin im ganzen Jahr. Den Topverdienern der Bundesliga, die bis zu zehn Millionen Euro im Jahr und mehr kassieren, dürfte es tatsächlich kaum etwas ausmachen, wenn sie in einem Monat mal ein paar hunderttausend Euro weniger bekommen. Ganz anders sieht es aus bei ihren Kollegen, die in der 3. Liga in Halle, oder in Meppen für 3000 bis 5000 Euro im Monat kicken. Sie haben eher nichts zu verschenken.

Klubs könnten sich Geld vom Staat erstatten lassen

Die Vereine müssen mit den Beratern der Spieler über einen möglichen Gehaltsverzicht verhandeln. Manche Gespräche dürften kompliziert werden. "Fußballer jetzt zur Kasse zu bitten, ist lächerlich", sagt ein Agent aus Süddeutschland dem SPIEGEL. Ein anderer verweist darauf, dass fast alle Profis in der aktuellen Situation ohnehin bereits Einbußen hätten. Die Verträge von Berufsfußballern sind stark leistungsorientiert. Die Sportler bekommen Prämien für Punkte, für Siege, für erzielte Tore. Weil aber nicht gespielt wird, haben die Akteure keine Möglichkeit, diese Zusatzzahlungen überhaupt einzuspielen. Sie kassieren derzeit nur noch ihr Grundgehalt. "Ich sehe wenig Spielraum für weitere Abzüge", sagt der Berater.

VDV-Mann Baranowsky glaubt, dass Spieler generell bereit seien, "den Klubs entgegen zu kommen". Man müsse ihnen die Lage nur plausibel erklären. Gegenüber der "Bild" deutete Bayern-Kapitän Manuel Neuer bereits an, dass auch ein Gehaltsverzicht denkbar wäre: "Wie jeder andere Mensch in dieser Zeit machen auch ich und die anderen Fußballprofis uns darüber Gedanken, wie man mit der Situation am besten umgehen kann", sagte der Nationaltorhüter.

Die Vereine sollten sich aber auch dringend über staatliche Unterstützungszahlungen informieren, sagt VDV-Mann Baranowsky. Gibt es etwa eine Anordnung einer Behörde auf Quarantäne und werden alle erforderlichen Nachweise gebracht, dann haben die Klubs laut Paragraph 56ff des Infektionsschutzgesetzes ein Anrecht auf Erstattung von 60 Prozent der Nettogehälter plus Lohnnebenkosten.

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