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Der traurigleise Abgang einer Legende

WELT-Logo WELT 26.06.2020 Julien Wolff
Werders Claudio Pizarro auf dem Weg zur Bank. Foto: Carmen Jaspersen/dpa/Archivbild © dpa-infocom GmbH Werders Claudio Pizarro auf dem Weg zur Bank. Foto: Carmen Jaspersen/dpa/Archivbild

Claudio Pizarro wird sich bald mehr mit Merkel beschäftigen. Nicht mit Angela, der Bundeskanzlerin. Merkel ist eines der Pferde des Stürmers von Werder Bremen, eine Stute.

Die Zucht von Vollblütern ist neben dem Fußball Pizarros zweite große Leidenschaft, auf seinem Gestüt in seiner Heimat Peru hat er Dutzende Pferde. Die Namen der Tiere zeigen, wie sehr ihn Deutschland, wie sehr ihn die Bundesliga geprägt hat.

Neben Merkel stehen Teamgeist, Marienplatz, Oktoberfest und El Kaiser auf seinem Gestüt. Von diesem Sommer an hat er mehr Zeit für seine Vierbeiner. An diesem Wochenende beendet Pizarro wohl seine Karriere als Spieler. Einer der beliebtesten Bundesliga-Profis, einer der besten und erfolgreichsten Stürmer in der Historie der Liga hört auf.

Pep Guardiola gratuliert seinem Ex-Verein FC Bayern München zur erneuten Meisterschaft. Gleichzeitig lobt er Claudio Pizarro in den höchsten Tönen kurz vor dessen Karriereende. Quelle: Omnisport © Omnisport Pep Guardiola gratuliert seinem Ex-Verein FC Bayern München zur erneuten Meisterschaft. Gleichzeitig lobt er Claudio Pizarro in den höchsten Tönen kurz vor dessen Karriereende. Quelle: Omnisport

Nach 21 Jahren in der höchsten deutschen Spielklasse geht Pizarro in den Ruhestand, mit 41 Jahren. Die Liga hat ihn geprägt, er hat sie geprägt. Man hätte Pizarro einen freudigeren Abschied gewünscht. Einen lauten, fröhlichen, großartigen. Nun wird es voraussichtlich ein leiser und wohl sehr trauriger.

Bremen, sein geliebter Klub, wird Samstagnachmittag absteigen – zumindest deutet sehr viel darauf hin. Werder braucht quasi ein Wunder, um doch noch den Klassenerhalt zu schaffen. Wegen der Corona-Pandemie werden keine Fans seinen Namen brüllen, das Stadion nahezu leer sein. Und Pizarro wird gegen den 1. FC Köln, bei dem er auch mal unter Vertrag stand, aller Voraussicht nach erneut nicht von Anfang spielen. Es wird sein 490. Bundesligaspiel.

„Natürlich hätte Claudio etwas anderes verdient“, sagte Trainer Florian Kohfeldt kürzlich. Jeder Fußball-Interessierte kennt den Gesang, mit dem die Fans Pizarro immer ehrten: „Pizarro, oh, oh, oh.“

Bode nennt ihn „Gesamtkunstwerk“

Pizarro ist ein Phänomen. Nahezu immer gut gelaunt, nahezu immer treffsicher. Bei ihm sieht Fußball nicht nach Arbeit aus. Einfach nur nach Instinkt, nach Spaß, nach Freude, nach Leben. Ein Stürmer der alten Schule, ein Junggebliebener, der sich treu und dennoch nie stehen blieb. Einer, der in jeder Sekunde seines Lebens die Begeisterung für seinen Sport ausstrahlt. Einer, der von überall seine Tore erzielte. Und genauso gern und gut seinen Kollegen auflegte.

Ein Spitzbube, ein Frauenschwarm, ein Vorbild vieler Talente. Ein Schlawiner, wie ihn der einstige Bayern-Manager Uli Hoeneß nannte. Eben ein „Gesamtkunstwerk“, so bezeichnet Werders Aufsichtsratschef Marco Bode den Peruaner. Ein Menschenfänger und sehr herzlicher Mensch, sagt sein ehemaliger Trainer Thomas Schaaf.

Fünfmal ist Pizarro bereits zu Werder gewechselt, war zwischendurch zweimal beim FC Bayern, beim FC Chelsea und in Köln. Seine letzte Verpflichtung vor zwei Jahren hielten Experten zum Teil eher für einen Marketing-Schachzug, doch Pizarro bewies mit seinen Toren wieder einmal seinen Wert für die Grün-Weißen.

Immer wenn der Stürmer an der Seitenlinie zur Einwechslung bereitstand, ging ein Raunen durch das Weserstadion. Fünf Treffer erzielte Pizarro noch und fühlte sich so gut, dass er noch eine weitere Spielzeit dranhängte. Doch in dieser Saison spielt der Publikumsliebling nur eine sehr kleine Nebenrolle, war immer wieder verletzt. Zuletzt musste er sich für 14 Tage in häusliche Quarantäne begeben, weil seine Tochter positiv auf Corona getestet worden war.

Mit 109 Toren Rekordtorschütze bei Werder

Sechs deutsche Meisterschaften, sechs Pokalsiege, 2013 mit dem FC Bayern die Champions League und das Triple, dazu Weltpokal und Klubweltmeister – wer hätte Pizarro 1999 eine solche Karriere zugetraut?

Der damalige Werder-Geschäftsführer Jürgen L. Born verpflichtete den Angreifer für damals 1,6 Millionen Mark von Alianza Lima. Mehrere Stunden saß Born bei der Familie Pizarro, Claudio war der Legende nach etwas abgelenkt – er wollte an diesem Abend noch ausgehen. Auch das machte Pizarro immer aus: Er war nicht perfekt, wollte nie für den Fußball auf alles andere verzichten. „Es gibt in der 120-jährigen Geschichte von Werder Bremen keinen wichtigeren Spieler als Claudio Pizarro“, sagte Born gerade dem „Spiegel“.

Mit 109 Toren in der Bundesliga ist Pizarro Werder-Rekordtorschütze. Er hat den Werder-Fans großartige Jahre und Momente bereitet. „Mit seinem Verkauf 2001 zu den Bayern für 16 Millionen Mark haben wir aber auch die erfolgreichste Phase des Vereins vorbereitet“, so Born. Mit Ailton bildete Pizarro das legendäre Sturmduo, genannt „PizzaToni“.

Pizarros Vater war bei der Marine. Als Jugendlicher sah sein Claudio sich oft Kriegsschiffe an, doch folgte der Sohn dem Vater dann doch zur Marine. Pizarro spielte zu der Zeit viel Tennis. Mit 15 entschied er sich für den Fußball. Ein Glück für die Bundesliga.

Guardiola schwärmt von Pizarro

Mit 20 kam er nach Deutschland. Seine gleichaltrige Frau Karla war schwanger. Viel auf einmal. Heute haben sie drei Kinder. Sein jüngster Sohn will Torwart werden. Sein Vater ist nahezu jedem im Weltfußball ein Begriff.

„Ich hätte ihn gerne getroffen, als er 24, 25 oder 26 Jahre alt war. Er ist einer der besten Stürmer, die ich je gesehen habe“, sagte Pep Guardiola kürzlich. Der Starcoach von Manchester City trainierte Claudio Pizarro zwei Jahre beim FC Bayern. „Der Fußball verdient Menschen wir Claudio“, so Guardiola. „Hoffentlich kehrt er irgendwann als Trainer zurück.“

Erstmal nicht. Pizarro weiß aus all den Jahren im Spitzenfußball, wie viel Zeit der Trainerjob verlangt. In München und Bremen heißt es, er wird Markenbotschafter beim FC Bayern. Mit seiner Familie lebt er bis heute in München. In dem neuen Job bleibt er dem Fußball zumindest ein bisschen erhalten. Und hat zudem genug Zeit für Merkel und seine anderen Pferde.

Claudio Pizarro wird der Bundesliga fehlen. Er soll 2021 noch sein Abschiedsspiel bekommen. Wenige haben es so verdient wie er.

Oder kommt es doch noch ganz anders? Und das Spiel am Samstag wird gar nicht Pizarros letztes in der Liga? „Pizarro trifft für uns in der 90. Minute zum Sieg, und Düsseldorf verliert bei Union Berlin“, orakelte Bremens langjähriger Manager Willi Lemke zuletzt. Dann würde sich Werder in die Relegation retten.

In der erstaunlichen Karriere des Claudio Pizarro scheint nichts unmöglich.

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