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Ex-Schalke-Manager Christian Heidel im Interview: "Es war, als ob ein Laster durch meinen Kopf fahren würde"

Goal.com-Logo Goal.com 20.04.2020 Filippo Cataldo
© Getty Images

In den letzten Monaten hat sich Christian Heidel etwas zurückgezogen. Im Interview mit Goal und SPOX spricht Heidel über seine Anfänge bei Mainz 05, sein Ende bei Schalke 04, sein Verhältnis zu Schalke-Boss Clemens Tönnies, seinen Schlaganfall und den Trainer, der Jürgen Klopp die Augen öffnete.

Mitten in seinem Sabbatical erlitt Christian Heidel, als Manager von Mainz 05 und Schalke 04 nie um einen Spruch verlegen, im Sommer 2019 einen Schlaganfall. Seitdem lernte Heidel das Laufen zu schätzen. Er rege sich nicht mehr so sehr auf, sagt er. Sollte er nicht wieder ins Fußballgeschäft zurückkehren, würde das nicht daran liegen.

"Heidel steckt auf Malle fest", war jüngst zu lesen. Herr Heidel, wie kam's?

Christian Heidel: Meine Lebensgefährtin und meine kleine Tochter leben hier. Als die Coronakrise auch bei uns in Europa langsam ernst wurde, war ich noch in Mainz. Aber ich ahnte, dass irgendwann alles dichtgemacht werden würde und wollte natürlich bei meiner Familie sein. Einen Tag, bevor der Flughafen auf Mallorca geschlossen worden ist, bin ich angereist. Jetzt warte ich eben ab.

Wieso Mallorca?

Heidel: Nachdem ich im Februar 2019 meinen Vertrag auf Schalke aufgelöst hatte, nahm ich mir vor, ein Jahr zu pausieren. Nach fast 30 Jahren ohne Unterbrechung im Fußballgeschäft, wollte ich mal wirklich eine Pause, um durchzuatmen. Gleichzeitig hatte ich schon länger die Idee, irgendwann einmal auf Mallorca zu leben. Und als die Überlegungen mit dem Sabbatical nun ernst wurden, haben wir uns entschieden, dass ich zwischen Mainz und Mallorca pendle und meine Lebensgefährtin und unsere kleine Tochter nach Mallorca ziehen. Wir wollten, dass die Kleine auf eine internationale Schule geht. Und die ist hier überragend: Meine Tochter ist sechs und spricht inzwischen Spanisch, Englisch und sogar ein paar Brocken Chinesisch. Jetzt, während der Coronakrise, bietet die Schule täglich von morgens 9 Uhr bis 16 Uhr virtuellen Unterricht an. Das funktioniert prima.

Sie hatten schon vor Ihrer Zeit auf Schalke gesagt, dass Sie sich irgendwann einmal ein Leben in Spanien vorstellen könnten. Nun, da Sie da sind: Bleiben Sie bei Ihrem Sabbatical-Vorhaben oder ziehen Sie Ihren Ruhestand vor?

Heidel: Nein, auf Ruhestand habe ich noch keine Lust. Ich hatte letzten Sommer gesundheitlich Pech, da macht man sich natürlich Gedanken über das Leben uns die Konsequenzen daraus. Und das Ergebnis war, dass ich, wenn ich mich richtig erholt habe und sich das Richtige ergibt, auf jeden Fall arbeiten werde.

Christian Heidel: "Ich bin nicht aktiv auf Jobsuche"

Im Fußball?

Heidel: Möglich, aber nicht unbedingt. Ich kann mir grundsätzlich vieles vorstellen. Ich habe eine Ausbildung, habe studiert, war immer in der freien Wirtschaft tätig, bevor ich meine zwei Jobs im Fußball hatte. Grundsätzlich kann ich mir viele Funktionen im Fußball vorstellen, habe aber auch genug Fantasie, um mich auch in anderen Bereichen zu sehen. Ich lasse mir bis zum Sommer Zeit, bis das ganze Dilemma hier vorbei ist, um mir Gedanken zu machen und dann zu entscheiden. Natürlich hängt mein Herz noch immer am Fußball. Aber eines muss ich klar sagen: Ich bin nicht aktiv auf Jobsuche. Ich betreibe keine Eigenwerbung. Das Letzte, was ich in den letzten Monaten seit meinem Weggang auf Schalke wollte, war, mich irgendwo ins Spiel zu bringen. Ich hätte in alle Talkshows gehen können, aber ich habe mich bewusst zurückgehalten, wollte nicht den Besserwisser geben und auch keine schlauen Kommentare zum aktuellen sportlichen Geschehen in der Bundesliga abgeben.

Mitten in Ihrem Sabbatical hatten Sie letzten Sommer im Türkeiurlaub einen Schlaganfall am Strand.

Heidel: Bei einem Spaziergang mit meiner Tochter, ja. Der Schlaganfall wurde durch Herzrhythmusstörungen verursacht, die ich nicht ernst genommen habe. Jetzt geht es mir besser als zuvor - ich bin fitter, mache Sport. Gott sei dank hatte der Schlaganfall keinerlei weitere Folgen oder Nachwirkungen.

Ihren Wechsel von Mainz nach Schalke hatten Sie 2016 auch damit begründet, dass zuvor drei Ihrer Freunde gestorben waren und Sie noch mal was Neues ausprobieren wollten. Und nun sowas ...

Heidel: Am Ende waren es sogar vier enge Freunde in einem halben Jahr. Die Entscheidung, vielleicht noch einmal etwas Neues zu machen, fiel tatsächlich bei einer Trauerfeier. Nach dem dritten Todesfall stand ich da und habe über mich selbst nachgedacht. Ich war 52 und sehr glücklich und zufrieden in Mainz. Aber ich habe dann für mich beschlossen, sollte eine interessante Anfrage kommen, darüber nachzudenken. Ich wollte mir nicht, wenn irgendwann einmal der Deckel zugehen würde, vorwerfen müssen, irgendetwas im Leben versäumt zu haben. Schalke war damals noch überhaupt kein Thema. Die Anfrage kam sechs Monate später.

Heidel über Schlaganfall: "Als ob ein Laster durch mein Hirn fahren würde"

Sie gingen zu Schalke, Sie verließen Schalke. Dann der Schlaganfall. Kam da der Gedanke "Jetzt trifft es also Dich"?

Heidel: Ja, ich hatte eine Riesenangst. Es ratterte und knirschte plötzlich ohne jede Vorwarnung in meinem Kopf. Ich hatte das Gefühl, als ob ein Laster durch mein Hirn fahren würde. Das unangenehmste Gefühl in meinem Leben, obwohl ich null Schmerzen hatte. Und ja, ich dachte: "Okay, das war es jetzt." Ich hatte aber das riesige Glück, in Belek in eine überragende Klinik mit einem super Professor zu kommen, der alles richtig machte und mich dann an meine Freunde in der Uni-Medizin in Mainz übergab. Es wurden sofort die richtigen Maßnahmen eingeleitet und mir ging es auch sehr bald wieder sehr gut. Viele, die mich im Krankenhaus in Mainz besuchten, waren überrascht, dass man mir eigentlich gar nichts anmerkte. Ich habe mich schnell erholt. Es ging mir so schnell wieder so gut, dass nicht mal klar war, ob ich überhaupt in eine Reha musste oder sollte, was ich aber unbedingt wollte. Ich habe mich dann quasi selbst eingewiesen.

Wo haben Sie die Reha absolviert?

Heidel: Auf Mallorca, als einziger Nichtspanier in der Gruppe. Die anderen Patienten haben mich teilweise mit "Doctore" angesprochen, weil sie zu Beginn dachten, ich sei ein Arzt und würde in meiner Pause da auf dem Laufband ein bisschen trainieren. Ich hatte als einziger Patient keine Einschränkungen. Ich habe in der Reha auch auf einmal festgestellt, dass mir Joggen Spaß machen kann. Dafür habe ich 45 Jahre gebraucht.

Heidel: "Die Krankheit hat mich noch stabiler gemacht"

Was hat sich noch geändert?

Heidel: Ich bin ja eigentlich schon ein sehr impulsiver Mensch, aber seit dem Schlaganfall regen mich viele Dinge nicht mehr so auf wie zuvor. Ich glaube, man lernt das Leben und die Menschen, die einem wichtig sind, noch mehr zu schätzen. Die Erkrankung hat mich noch stabiler gemacht, auch wenn sich das merkwürdig anhört. Und ich habe schon auch ein anderes Bewusstsein bekommen, für wen ich da bin - ich war ja vorher nie da, war immer unterwegs, ständig auf Arbeit.

Hatten Sie sich eigentlich schon vor Ihrem Schlaganfall mit Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies ausgesprochen?

Heidel: Ich habe seit meinem Weggang von Schalke einen sehr guten Kontakt mit Clemens Tönnies und hatte nie ein Problem mit ihm. Er hat mir im letzten Jahr sehr geholfen und war der erste Besucher im Krankenhaus. Clemens Tönnies ist mein Freund. Es ist alles in allerbester Ordnung.

Heidel: "Habe Schalke nicht im Stich gelassen"

Es wirkte aber schon etwas irritierend: Nachdem Sie Ihren Rücktritt bei Schalke eingereicht hatten, rief er Ihnen hinterher, Sie hätten den Verein und den Trainer im Stich gelassen. Das nächste, was man dann hörte, war, dass er nach Ihrem Schlaganfall seinen Privatjet in die Türkei geschickt hatte.

Heidel: Wenn man mit Schalke auf Platz 13 steht, ist es doch klar, dass man keine Lobeshymnen erwarten darf. Ich glaube zwar nicht, dass ich den Verein, die Mannschaft und den Trainer im Stich gelassen habe, aber ich habe auch andere Meinungen zu akzeptieren. Das ist für mich in Ordnung, sowas gehört zu unserem Geschäft. Schalke ist da sowieso nicht ganz einfach, es standen ein paar Monate später auch Wahlen zum Aufsichtsrat an und dann muss man sich auch kritische Worte gefallen lassen. Auch von einem Freund. Aber ich habe bei meinem Weggang auch gesagt, dass ich mich zunächst nicht äußern werde. Schalke war im Abstiegskampf und brauchte Ruhe. Nach Vizemeisterschaft, Champions-League-Qualifikation, Umsatz- und Gewinnrekorden haben wir leider aus unterschiedlichen Gründen eine sehr schlechte Saison gespielt.

Erklären Sie bitte noch einmal, wieso Sie damals zurückgetreten sind.

Heidel: Ich habe damals gesagt, dass ich als sportlich Verantwortlicher natürlich immer die Verantwortung übernehme, aber die Schuldfrage eine andere ist. Die Kritik aus einer Ecke der Medien wurde aber immer massiver und hat natürlich für Unruhe gesorgt. Ich habe über zwei Jahre gepredigt und dafür gesorgt, dass Ruhe in diesem Verein ist. Dafür bekam ich ja sogar Lob. Jetzt war ich plötzlich selbst der Auslöser für Unruhe, und das noch in einer sportlich schwierigen Situation. Das Problem musste und habe ich dann gelöst. Auch wenn viele Verantwortliche zu mir gekommen sind und versucht haben, mich umzustimmen und zum Bleiben zu überreden, glaube ich nicht, dass es uns in der damaligen Situation noch gelungen wäre, für Ruhe zu sorgen. Aber: Ich habe niemanden im Stich gelassen, das war keine ad-hoc-Entscheidung. Ich habe Clemens Tönnies und meine Vorstandskollegen Alexander Jobst und Peter Peters eine Woche vorher darüber informiert. Das ist alles superfair gelaufen und deswegen haben wir auch bis heute noch einen guten Kontakt.

Im Nachhinein betrachtet: die richtige Entscheidung?

Heidel: Ja! Auch wenn ich nicht glücklich darüber war und mein Weg in diesem Business sicher nicht ganz alltäglich ist. Ich habe mich auf Schalke immer sehr wohlgefühlt und mich mit diesem Klub emotional total verbunden. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ich wäre der Letzte, der schlecht über Schalke reden würde. Bei den Spielen sitze ich mit meiner Tochter, die dann immer ein Schalke-Trikot anhat, vor dem TV und bin fast noch genauso nervös wie zu meiner Zeit als Verantwortlicher.

Aber die Schuldzuweisungen gegen Sie haben ja nicht aufgehört. Erst im März sagte Alexander Nübels Berater Stefan Backs etwa, dass Sie sich nicht gemeldet hätten, als die Nübel-Seite über eine Vertragsverlängerung auf Schalke reden wollte.

Heidel: So läuft das Geschäft. Ich bin mir aber sicher, Herr Backs würde das heute nicht mehr sagen. Ich habe Ihn nach seiner Aussage angerufen. Das ist für mich erledigt. Ich habe doch gesagt, ich rege mich nicht mehr so schnell auf. (lacht)

Heidel: "Ich habe auch schon genügend ausgeteilt"

Wieso bleibt bei Ihnen nichts hängen?

Heidel: Ich kenne das Geschäft seit 30 Jahren. Ich weiß, wie diese Szenarien ablaufen. Dass man auch mal getreten wird, das gehört einfach dazu. Aber ich bin nicht der Typ, der deswegen beleidigt wäre. Das war noch nie meine Art und natürlich habe auch ich schon genügend ausgeteilt. Unser Job spielt sich eben in der Öffentlichkeit ab und da gibt es nicht immer den Schmusekurs. Man muss aber nicht immer auf jede Aktion reagieren und eine Gegenreaktion provozieren, auf die man dann wieder reagieren muss.

Schalke gehört zu den Klubs, die in der Coronakrise die größten Probleme haben. Wenn die rund 16 Millionen Euro aus der letzten Rate der TV-Vermarktung nicht kommen, könnten auf Schalke womöglich gar die Lichter ausgehen. Wie kann das sein, dass ein paar wenige Wochen ohne Einnahmen reichen, um solche Klubs an den Rand ihrer Existenz zu bringen? Wieso ist das Fußballgeschäft so wenig nachhaltig?

Heidel: Ich glaube, das ist eine völlig falsche Einschätzung. Wir reden hier nicht über eine kleine Delle, wir reden darüber, dass einem Fußballverein Einnahmen in einer Größenordnung von 15 bis 25 Millionen wegfallen. Ich möchte den erleben, der in seinen Planungsrechnungen einen Puffer von 15 bis 25 Millionen Euro einplant. Es gibt Vereine, die haben Umsätze zwischen 80 und 120 Millionen im Jahr. Und plötzlich fehlen hier 20 Millionen! Die Klubs in Deutschland rechnen in aller Regel so, dass sie einen kleinen Überschuss erzielen. Aber wenn so etwas völlig Unplanbares passiert, bekommen fast alle Probleme. Schauen Sie sich doch in der freien Wirtschaft um, wer alles Zuschüsse und Milliardenkredite braucht. Hier steht von heute auf morgen die Produktion oder der Vertrieb still und da steht der Fußball still. Keiner kann das planen und keiner hat das geplant.

Heidel: Anteile zu verkaufen "der einfachere Weg"

Aber nun ist es eine Sache, wenn ein Klub wie beispielsweise Mainz, der auch mit Transfereinnahmen plant, nun womöglich Einnahmeneinbrüche hat, weil der Transfermarkt vielleicht einbricht. Oder wenn ein Klub wie Schalke, der seit Jahrzehnten enorme Verbindlichkeiten vor sich herschiebt, in eine solche Situation gerät.

Heidel: Vereine wie Schalke 04 haben höhere Verbindlichkeiten, etwa weil sie ein Stadion gebaut haben und das abbezahlen. Nun gibt es Klubs, die weniger Verbindlichkeiten haben, die dafür aber 20, 30 oder 40 Prozent ihrer Anteile verkauft haben. Schalke geht da bislang einen anderen Weg. Wenn ein Verein wie Schalke zur Bank geht, kann man nicht sagen, dass das schlechter ist als ein Klub, der Anteile verkauft hat und so Eigenkapital schafft. Ob das der bessere Weg ist, weiß ich nicht. Es ist auf jeden Fall der einfachere. Wenn man aber 100 Prozent seiner Anteile hat und einem irgendwann einmal Stadion und Klubgelände gehören, ist das vielleicht der bessere Weg. Ob das aufgrund des Wettbewerbes auf Dauer durchzuhalten ist, wird sich zeigen.

Was sagen Sie also denen, die unmittelbar mit Beginn der Coronakrise wieder die Abschaffung von 50 plus 1 aufs Tapet gebracht haben?

Heidel: Die Frage ist doch, ob wirklich sofort mehr Geld in der Kasse ist, sobald 50 plus 1 wegfällt. Also, ob dann sofort jemand mit einem großen Koffer kommen würde. Ich wäre mir da nicht so sicher. Es gibt Klubs, die auch mit 50 plus 1 Anteile verkauft haben und dadurch Eigenkapital realisiert haben. Ich habe immer dann meine Bedenken, wenn durch den Wegfall von 50 plus 1 urplötzlich beispielsweise ein Dritt- oder Viertligist, der sonst niemals in die Bundesliga kommen würde, nach oben geschossen werden würde, weil der Mann mit dem Koffer gekommen ist. Ein Platz weniger in der Liga für einen Klub, der seine Ausgaben mit seinen Einnahmen aus dem Fußball begleichen muss.

Heidels Plan bei Mainz: Ein Jahr Bundesliga - und dann mit "fettem Konto" wieder zweitklassig

Wie haben Sie sich denn damals mit Mainz willkommen gefühlt in der Bundesliga? Hat sich da jemand beklagt, dass Sie ihm den Platz in der Bundesliga geklaut hätten?

Heidel: Zunächst muss man ja anerkennen, dass wir den Aufstieg aus eigenen Mitteln und durch sportlichen Erfolg erreicht haben. Wir sind in der Bundesliga herzlich empfangen worden - als Besucher auf ein Jahr. Und ich muss ehrlich zugeben, dass wir selber auch nicht wirklich daran geglaubt haben, länger drinzubleiben. Natürlich hatten wir uns vorgenommen, alles in unserer Macht stehende zu tun, um die Sensation zu schaffen und ein zweites Jahr dranzuhängen. Aber unsere gesamte Planung war 2004 darauf ausgerichtet, dass wir ein Jahr später mit fettem Konto wieder in der Zweiten Liga spielen würden.

Mainz war unter Jürgen Klopp schon ein paar Jahre in der Spitzengruppe der Zweiten Liga, ehe es aufstieg. Gab es irgendwann den Punkt, an dem Sie gesagt haben, wir gehören da hoch?

Heidel: Die Geschichte von Mainz ist ja schon eine besondere: 1996/97 haben wir ja bereits einmal an der Bundesliga geschnuppert, das weiß ja kaum einer mehr. Damals wurden wir nach einem 4:5 in Wolfsburg Vierter. 2002 sind wir dann um einen Punkt gescheitert, sind mit 64 Punkten noch immer der beste Nicht-Aufsteiger. 2003 haben uns nur wenige Sekunden oder ein Tor gefehlt. 2004 haben dann 54 Punkte für den Aufstieg gereicht. Ich würde sagen, dass ganz Fußball-Deutschland uns den Aufstieg gegönnt hat, als wir es endlich geschafft haben. Und das Besondere war, dass trotz der Enttäuschungen, die wir erlebt hatten, der Zusammenhalt und die Akzeptanz immer größer wurden.

Karnevalsverein? "Gut durchdachte Marketingidee"

Wie Sie Jürgen Klopp am Rosenmontag 2001 vom Spieler zum Trainer gemacht haben, ist längst Legende. Doch hatte Mainz eigentlich auch als junger Zweitligist schon den Ruf des Karnevalsvereins?

Heidel: Doch, das hat schon zu Zweitligazeiten angefangen - allerdings haben es da noch nicht so viele Leute gemerkt. Unser Ziel in den 1990ern war immer der Klassenerhalt in der Zweiten Liga. Trainer gingen und kamen, aber irgendwie haben wir es immer geschafft. Egal, wo wir hinkamen, sangen die Leute "Ihr seid nur ein Karnevalsverein". Also habe ich irgendwann einen befreundeten Musiker gefragt ob er das Lied nicht umschreiben kann zu "WIR sind nur ein Karnevalsverein". Gesagt, getan - und so ging das dann los. Wir wollten nicht so ernst genommen werden, haben aber das, was wir getan haben, brutal ernst genommen. Karneval, die Fastnacht, ist das Eine, aber unsere Idee war schon, uns im Profifußball zu entwickeln. Es war eine gut durchdachte Marketingidee.

Wo kam Ihr persönlicher Ehrgeiz her, es in den Profifußball zu schaffen?

Heidel: Zunächst war ich natürlich immer fußballbegeistert. Ich habe lange selbst in Amateurligen gespielt, war eigentlich Kapitän, Manager und Hauptsponsor meines Heimatvereins. Und ich war immer Fan von Mainz 05, ich kann Ihnen heute noch die Aufstellung unserer Regionalliga-Meistermannschaft von 1973 sagen. Das weiß ja heute kaum einer mehr, dass wir damals schon gegen den KSC, Blau-Weiß 90 Berlin, St. Pauli und Fortuna Köln um den Aufstieg in die Bundesliga gespielt haben. Dieser Verein war für mich alles! Später, als ich in der freien Wirtschaft tätig war, habe ich mich gefragt, wie ich meine zwei Leidenschaften verbinden kann. Und da kam ich 1990 auf die Idee, alle Eintrittskarten eines Oberligaspiels des FSV zu kaufen und das Spiel zu vermarkten. Das wurde ein riesiger Erfolg und Harald Strutz kam auf mich zu.

Sie haben sich also in Ihren Lieblingsklub eingekauft!

Heidel: Mit nicht wenig Geld! (lacht) Zuerst habe ich noch abgelehnt, aber 1992 bin ich dann zu Mainz 05 und war zunächst für die zweite Mannschaft zuständig. Da war Mainz 05 schon Zweitligist, aber unsere zweite Mannschaft war die Reserve eines Bundesligaklubs, die am niedrigsten gespielt hat. Wir spielten in der Kreisklasse C, hatten nicht einmal einheitliche Trikots, das Budget lag vielleicht bei 1000 Mark. Meine Aufgabe war dann, diese zweite Mannschaft nach oben zu bringen. Ich habe das natürlich sehr ernst genommen. Am Ende waren wir zehnmal aufgestiegen, und waren in der dritten Liga die höchstspielende Amateurmannschaft eines Profiklubs.

Wie lange haben Sie sich um die Zweite gekümmert?

Heidel: Ich glaube bis 1998 oder 1999 und dann haben wir den Trainer zum Manager gemacht, Manfred Lorenz, bis heute auch ein sehr guter Freund von mir. Wir hatten eine tolle Zeit.

Haben Sie selbst für die Mannschaft gespielt?

Heidel: Nein. Aber ich wäre, ohne angeben zu wollen, mit großem Abstand der Beste gewesen. (lacht)

Sie waren bis 2005 ehrenamtlicher Manager des FSV Mainz 05. Wie hat das funktioniert?

Heidel: Es war ja kein Geld da. Und das bisschen, das wir hatten, haben wir für Spieler und Trainer ausgegeben. Ich bin mit dem Verein gewachsen, das war für uns alle learning by doing. Die ersten Jahre habe ich den ganzen Verein in meiner Firma abgewickelt, auch Spielerverträge haben wir dort gemacht. Schritt für Schritt ist bei Mainz 05 alles gewachsen, aber bis ich mein eigenes Büro auf der Geschäftsstelle hatte, war es 2001.

Heidel über Jürgen Klopp: "Er liebte eben schon immer das Risiko"

Bis 2005 waren Sie Geschäftsführer und Kommanditist eines Autohauses. Der frühere Mainzer Spieler Ansgar Brinkmann hat sich einmal beschwert, dass Sie ihn dort zu einem Vertragsgespräch hinbestellt - und ihm dann nur einen Nissan als Dienstwagen gegeben hätten.

Heidel: Ansgar hat natürlich immer die besten Geschichten auf Lager und von der Hälfte seiner Geschichten in Mainz weiß ich gar nichts. Ansgar und Auto war immer etwas Besonderes. Wenn er nur einen Kleinwagen bekommen hat, war das sicher berechtigt. Jürgen Klopp, in Frankfurt wohnhaft, hatte zum Beispiel einen BMW mit Frankfurter Kennzeichen F-SV - und einem Mainz-05-Aufkleber hinten drauf. Er liebte eben schon immer das Risiko.

Sie haben Klopp zum Trainer gemacht - und Jahre vorher seinen Lehrmeister und Mentor nach Mainz geholt. Wolfgang Franks Art, Fußball zu denken, sei eine "Offenbarung" gewesen für ihn, hat Klopp einmal gesagt. Er habe eine ganze Generation von Fußballern geprägt. Hatten Sie im Sinn, den Mainzer Fußball zu revolutionieren, als Sie Frank 1995 holten?

Heidel: Mit Wolfgang fing tatsächlich alles an. Ein toller Mensch und außergewöhnlicher Trainer, ein Visionär, seiner Zeit weit voraus und leider viel zu früh gestorben (Wolfgang Frank erlag 2013 einem Hirntumor, Anm. d. Red.). Wolfgang war eine absolute Kapazität. Aber ich hatte zu Beginn überhaupt keine Ahnung, was da auf mich zukommen würde. Am Anfang war ich nicht total überzeugt. Die Wahrheit ist aber: Damals wollte ja kaum einer mehr Trainer bei uns werden! Der Wolfgang war gerade ohne Job, war in der Vorsaison mit Rot-Weiß Essen aus der Zweiten Liga abgestiegen, hatte aber im DFB-Pokalfinale nur knapp gegen Werder Bremen verloren. Irgendwie hat er sich bei uns beworben, ich habe mit ihm gesprochen. Unser erstes Gespräch war nicht so prickelnd, da hätte ich ihm fast schon abgesagt. Aber dann haben wir uns noch einmal zusammengesetzt und geeinigt.

Und was war an ihm so besonders?

Heidel: Unsere Mannschaft war Abstiegskandidat aus der Zweiten Liga, aber das war ihm herzlich egal. Er hat auf Platz 18 stehend als erste deutsche Mannschaft die Viererkette und Raumdeckung eingeführt. Nach der Vorrunde waren wir mit fünf Punkten Rückstand Letzter und wurden dann Rückrundenmeister. So etwas gab es noch nie. Unsere Mannschaft hat Forechecking gespielt und gepresst, aggressiv den Ball gejagt und immer mit Tempo. Das war damals eine derart spannende Zeit, wir haben uns Tag und Nacht nur mit Fußball und Mainz 05 beschäftigt. Wolfgang Frank war Visionär, aber eben auch immer ungeduldig und nicht wirklich realistisch.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Heidel: Geld hat für ihn - auch für ihn persönlich - keine große Rolle gespielt. Ihm fehlte ein bisschen die Vorstellungskraft für ganz praktische Probleme. Wir hatten teilweise Kader von 35 Spielern, weil Wolfgang in einem Spieler irgendein Detail gesehen hat, das ihm gefallen hat und welches er entwickeln wollte. Ich kann mich noch erinnern, wie wir eines Abends zusammensaßen und anfingen, von einem Stadionausbau zu träumen. Wie die Tribünen aussehen sollten, wie der Rasen sein müsste. Für Wolfgang war das nach diesem Abend schon beschlossene Sache: Wir bauen ein Stadion. Am nächsten Tag war er fast beleidigt, dass die Bagger noch nicht da waren. Es war eine unglaubliche Zeit mit ihm damals, wir haben mit ihm drei, vier Schritte nach vorne gemacht.

Und doch musste auch er 1997 mitten in der Saison gehen ...

Heidel: Musste? Wir haben Ihn angefleht, zu bleiben. Aber es ging ihm alles wieder einmal zu langsam. Er hat mir später mal gestanden, dass dies der größte Fehler in seiner Karriere war. Aber ich habe ihn dann ein Jahr später zurückgeholt! Wir waren wieder im dicksten Abstiegskampf und Wolfgang war zwischenzeitlich bei Austria Wien. Im April 1997 bin ich ohne Vorankündigung nach Wien geflogen und dort einfach beim Training aufgetaucht. Ich habe ihm ins Gesicht gesagt, dass er zurückkommen muss. Er hat mich angeschaut und hat schon angefangen, zu überlegen, wie wir den Präsidenten überzeugen konnten, ihn sofort aus dem Vertrag rauszulassen. Irgendwie hat das dann sogar nachts noch funktioniert - und wir sind am nächsten Morgen zusammen nach Mainz zurück und haben natürlich, wie immer, die Klasse gehalten.

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