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Fußball: Wie Profiklubs mit Insolvenzen einen Wettbewerbsvorteil bekommen können

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 18.04.2020 Anne Armbrecht

Der deutsche Fußball steckt in einer schweren Finanzkrise. Manch ohnehin angeschlagener Klub liebäugelt in der Viruskrise mit einer Insolvenz. Eine Regeländerung könnte damit missbraucht werden.

© Frey-Pressebild/Deines/ imago/Thomas Frey

Der Karlsruher SC ist ein Verlierer des modernen Fußballs. Der frühere Uefa-Pokal-Teilnehmer spielte in den vergangenen 20 Jahren überwiegend zweit- und drittklassig. Auch weil er Misswirtschaft betrieb, wurde der KSC abgehängt - zum Beispiel von der in nur 60 Kilometer Entfernung beheimatete TSG Hoffenheim. Aktuell steht der KSC auf dem vorletzten Platz der 2. Bundesliga und ist erneut vom Abstieg bedroht.

Und in diese ohnehin schon schwierige Lage hinein kommt jetzt auch noch die Coronakrise: Keine Spiele, keine Zuschauer - und kaum Einnahmen.

Immerhin wird die letzte Rate der Fernsehvermarktung an die Deutsche Fußball Liga (DFL) überwiesen und finanziell taumelnde Klubs wie der KSC sind gerettet - laut Geschäftsführer Michael Becker aber vorerst nur bis Ende Juni. Im Vorfeld hatte Becker bereits mit einem Planinsolvenzverfahren kokettiert. Wegen der Auswirkungen der Coronakrise hatten DFL und DFB beschlossen, die sportliche Bestrafung für insolvente Vereine (neun Punkte Abzug in der Tabelle) aufzuheben. "Diese Lösung klingt generell erst mal charmant", sagte Becker über eine Planinsolvenz in Karlsruhe.

"Eine Insolvenz bleibt eine Insolvenz"

Für Insolvenzverwalter Christoph Niering sind solche Äußerungen nicht nachvollziehbar. Becker vermittle wie einige andere Vereinsführungen den Eindruck, "als gäbe es mit der Eigenverwaltung und dem Insolvenzplan eine Art weiche Insolvenz. Die gibt es nicht, eine Insolvenz bleibt eine Insolvenz", sagte Niering dem SPIEGEL. Er hatte in der Vergangenheit mit Alemannia Aachen und Fortuna Köln zwei Fußballklubs durch Insolvenzen begleitet. Ein großes Problem sei das Kündigungsrecht für Spieler - unabhängig von der Laufzeit der Verträge. "Wie im richtigen Leben gehen dann eher die Spieler, die man halten möchte. Das macht einen Neuaufbau schwierig", sagt Niering.

Der grundsätzliche Vorteil einer Planinsolvenz liegt in der Eigenverwaltung. Anders als bei einem regulären Verfahren wird kein Insolvenzverwalter bestimmt. Das Ziel ist nicht, den Verein oder das Unternehmen zu zerschlagen, vielmehr geht es um einen schuldenfreien Neustart.

Doch was passiert, wenn überschuldete Klubs die Gunst der Stunde nutzen und ohne sportliche Konsequenzen eine Insolvenz forcieren? Wenn sich diese Vereine auf bequeme Art in dieser Krise entschulden, obwohl die Verbindlichkeiten schon viel länger bestehen? Dadurch könnte eine Wettbewerbsverzerrung gegenüber anderen Klubs entstehen.

Der KSC könnte noch die Liga halten

Im Fall des Karlsruher SC sprechen die tabellarischen Zahlen eine deutliche Sprache. Ein Punkt fehlt zum Relegationsplatz, der erste sichere Nichtabstiegsplatz ist vier Punkte entfernt. Hätte der KSC nach dem alten Verfahren neun Minuspunkte erhalten, wäre der Abstieg in die Dritte Liga nahezu besiegelt. Nach den neuen Richtlinien hätte Karlsruhe mit einer Planinsolvenz zumindest theoretisch die Möglichkeit, sich zu entschulden und gleichzeitig sportlich die Liga zu halten.

Die DFL war auf SPIEGEL-Anfrage nicht bereit, sich konkret zur Gefahr eines möglichen Missbrauchs zu äußern: "Die Vorgaben im Lizensierungsverfahren wurden vorübergehend an die Situation angepasst, weil die derzeitige Unterbrechung des Spielbetriebs alle 36 Klubs der Bundesliga und der 2. Bundesliga gleichermaßen unverschuldet vor kaum planbare Herausforderungen stellt", heißt es in der DFL-Mitteilung.

"In der Bundesliga oder der Zweiten Liga müssen sich die Vereine sehr genau überlegen, ob eine Insolvenz der richtige Schritt ist", sagt Niering. "Dort gibt es große Werte im Spielerkader, Vermarktungsrechte oder auch eigene Stadien. Damit ist die Insolvenz immer nur der zweitbeste Weg. Wo möglich, ist die Sanierung ohne Insolvenz der bessere Weg."

Der KSC hat derzeit Verbindlichkeiten in Höhe von 20 Millionen Euro. Das Wildparkstadion wird für einen dreistelligen Millionenbetrag umgebaut und muss innerhalb von 32 Jahren abbezahlt werden. Der Kader soll laut transfermarkt.de einen Marktwert von 9,2 Millionen Euro haben. "Wer viel hat, hat viel zu verlieren", sagt Insolvenzverwalter Niering. "Man geht mit schwacher Brust aus einem Insolvenzverfahren, ohne Schulden, aber eben auch ohne Vermögen."

In der 3. Liga können Insolvenzen Sinn ergeben

Der KSC hat nicht so viel zu verlieren wie andere Zweitligisten und gehört aus finanzieller Sicht eher in die 3. Liga. Dort kann ein Insolvenzverfahren als taktisches Mittel deutlich mehr Sinn ergeben. Die Liga ist für die meisten Vereine ein Minusgeschäft. In der vergangenen Saison hatten allein 13 von 20 Drittligaklubs rote Zahlen geschrieben. Einem Rekordumsatz von 185 Millionen Euro stand ein Durchschnittsverlust von 1,5 Millionen Euro pro Klub gegenüber. Als Gründe werden neben hohen Ausgaben für Personal und Stadien oft auch die deutlich geringeren Einnahmen - beispielsweise aus TV-Rechten - genannt.

Prominentester Vertreter der stolpernden Drittligisten ist der 1. FC Kaiserslautern. Der Deutsche Meister von 1991 und 1998 spielte letztmals 2012 in der Bundesliga. Seitdem wuchs der Schuldenstand auf 20 Millionen Euro an, aktuell fehlen rund zwölf Millionen Euro für die neue Drittliga-Lizenz. Nach SWR-Informationen reicht das Geld des FCK nicht aus, das operative Geschäft bis zum Saisonende zu finanzieren.

Die "Roten Teufel" kämpfen in der Coronakrise mit allen Mitteln. "Wir werden den Betrieb beim FCK aufrechthalten, jedoch auf das Nötigste runterfahren", sagte Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt. "Wir werden sozusagen auf Sparflamme laufen." Dazu gehören Kurzarbeit für alle Mitarbeiter und die Aussetzung der Pachtzahlung für das Fritz-Walter-Stadion an die Stadt Kaiserslautern. Gleichzeitig wurde mit Alexander Winkler ablösefrei bereits der erste Zugang für die kommende Saison verpflichtet. Kurzarbeit, Transfer - und dann die Insolvenz als Schlusspointe?

Kaiserslautern muss den Abstieg verhindern

Für die Lizenzen der Dritten Liga ist der DFB zuständig. Auch dort wird die Gefahr eines Missbrauchs negiert. Die betroffenen Vereine müssten im Fall einer Insolvenz keine Nachweise erbringen, vor allem durch die Coronakrise in Schwierigkeiten geraten zu sein. "Die Krise trifft alle Vereine hart", lässt der Verband auf SPIEGEL-Anfrage ausrichten. "Eine Insolvenz ist auch unter den veränderten verbandsrechtlichen Konsequenzen kein einfacher Schritt und mit einigen Folgewirkungen verbunden." Als Beispiel nennt der DFB den Image- und Vertrauensverlust. Es werde zudem nicht differenziert, ob eine Insolvenz durch die Coronakrise entstanden ist - oder eben nicht.

Der FCK würde von den neuen Regeln ebenfalls profitieren. Lautern steht auf Platz 14, mit zwei Punkten Vorsprung auf die Abstiegsplätze. Neun Punkte Abzug hätten den sicheren Abstieg in die Regionalliga bedeutet - ein Schritt, den dieser Klub unter den gegebenen Umständen wohl nicht verkraften würde. So wundert es nicht, dass sich Kaiserslautern aus der Diskussion heraushält, ob die Saison in der Dritten Liga nun abgebrochen oder mit Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit fortgeführt werden soll.

Acht Klubs fordern gemeinsam den Abbruch. "Die Beendigung der Saison mit Geisterspielen würde viele Vereine in finanzielle Schieflage und einige direkt in die Insolvenz führen", heißt es in dem Papier der Vereine. "Die Anpassung der Insolvenzregelungen durch den DFB ermöglicht dies ohne Konsequenzen. Zahlreiche Insolvenzen von Vereinen in einer kurzen Zeit werden aber zu einem langfristigen wirtschaftlichen Imageschaden der 3. Liga und des deutschen Fußballs führen."

Fast gleichzeitig berichtet der "Kicker", beim DFB habe ein Verein den Vorschlag unterbreitet, die Dritte Liga auf zwei Staffeln mit insgesamt 40 Mannschaften zu erweitern. Ob das die strukturellen Probleme dieser Liga löst, muss bezweifelt werden.

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